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Kapitel II KALIFORNIEN
Die
Mojave Wüste (oft überhitzte der Wagen und weigerte sich weiterzufahren!)
Jetzt waren wir
die stolzen Besitzer eines seetüchtigen Bootes—nur hatte keiner von uns die
geringste Ahnung wie man es segelt. Folglich graute mir vor der bevorstehenden
Fahrt zum Yachthafen. Ich dachte darüber nach, was da alles passieren konnte.
Aber als ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Segel setzte, überkam mich ein
unbeschreibliches Gefühl von Angst und Stolz. Unglücklicherweise
lag unser zugewiesener Liegeplatz am Ende einer langen Reihe von Liegeplätzen,
ohne Ausgang. Ich sagte zu Siggi, „gelingt es uns nicht, das Boot rechtzeitig
zu stoppen, kleben wir wie eine Briefmarke an der Betonwand“. Der Wind kam von
achtern, und obwohl wir die Segel schon gestrichen hatten, war noch viel Fahrt
im Boot, die uns beängstigte. Siggi stand
mit der Festmacherleine in der Hand am Bug, bereit für den Sprung. Auf sie kam
es an, ob wir zu einer Briefmarke reduziert werden oder nicht. Siggi sprang in
Richtung des schmalen Stegs — und verfehlte. Aber mit ungewöhnlicher
Geistesgegenwart schwamm Siggi zum nächsten Pfeiler, und mit ein paar Rundtörns
rettete sie unser Schiff vor einer teuren Reparatur. Das ist meine Siggi! Diese
Vorsorge und Geistesgegenwart sollte sie in den folgenden Jahren immer wieder
unter Beweis stellen. Leider
ging dieses Drama nicht ohne Schaden an ihr vorüber. Sie hatte mehrere
Prellungen und war vom Bewuchs des Pfeilers so schwer verkratzt, dass sie aus
mehreren Wunden blutete. Im Clubhaus wurde sie von den anwesenden Mitgliedern,
die uns beobachtet hatten, bewundert und betreut. Wir hofften, dass das
verpfusche Manöver nicht ein schlechtes Omen für unser weiteres Segeln
bedeutete—und womöglich auf die Erdbeerlimonade zurückzuführen ist! Geduscht,
und gestärkt mit heissen Kaffee für Siggi sowie Bier für mich, war die
Abfahrt in die weite Welt für uns (mich) nur noch eine Frage der Zeit.
Auch wollte mein Mann ohne Motor auf Langfahrt gehen. Jeder, der Süd-Kaliforniens
Windverhältnisse kennt, weiss, (und wie sollen andere Gebiete anders sein) dass
da meistens Flaute herrscht. Für die fünfundzwanzig Seemeilen bis zur Catalina
Insel benötigten wir in der Regel zwei Tage. Aber an einem Tag blies der Wind
ganz tüchtig vom Norden her, so um die dreissig Knoten. Hein wollte nach Morrow
Bay segeln, „das Boot auf Seetüchtigkeit prüfen.“ Unser Kurs lag genau in
der Richtung, aus der der Wind blies. „Macht nichts! Jetzt muss das Boot
beweisen, was es kann,“ so sprach mein Hein.
Mühsam krochen wir gegen den Wind, und mir wurde immer unheimlicher, (sicher
auch Hein, nur wollte er es nicht zugeben). Seekrank war ich wie noch nie, und
wir beide schlotterten vor Kälte. Es war Nacht, und auf einmal krachte es am
Bug. Das ganze Boot zitterte. Hein
sauste in die Kabine, „vielleicht Wassereinbruch,“ sagte er. Mein Gott,
dachte ich mir, wenn wir jetzt untergehen, haben wir noch nicht einmal ein
Beiboot, und dann das kalte Wasser. Anscheinend waren wir mit einem treibenden
Baumstamm kollidiert. Später musste ein halber Quadratmeter Fiberglas erneuert
werden. Jedenfalls sind wir nach dem Aufprall sofort umgekehrt. „Was für ein
Pech,“ sagte Hein, aber irgendwie meinte ich verstanden zu haben, dass es ihm
sehr gelegen kam.
Am besten gefiel es mir, im Innenhafen herumzuschippern. Dort wurde ich
nicht seekrank, und wenn uns die Flaute überkam, war es nicht weit zu paddeln,
um eine Tiefe zu finden, wo wir ankern konnten.
Es war ein herrliches Wochenende, an dem wir mit vielen anderen Booten
herumkreuzten. Der sanfte laue Wind, der blies, erhellte die finstersten
Gesichter mit einem Lächeln, und äusserst zufrieden grüsste jeder freundlich
jeden. An einer Kaimauer lag ein grosses amerikanisches Kriegsschiff. Auf einem
Plakat war vermerkt, „Open House“. Eine lange Menschenkette wartete auf
Eintritt. Dorthin setzte ich unseren Kurs. Unter Grosssegel und Genua machten
wir wohl etwa zwei Knoten Fahrt. Sicher nicht viel, Aber das plätschernde
Wasser am Bug stimmte uns heiter. Ach, wie herrlich ist es, wenn alles perfekt
scheint: strahlender Sonnenschein, unser schönes weisses Schiff, abgesetzt mit
einem blauen Streifen am oberen Rumpf und am Wasserpass.
Unterm
Wasserpass das leuchtende Rot der Kupferfarbe. Dazu ein gelbes Deck und weisse
Segel. Wir selbst trugen weisse Shorts und Polohemden, Marke Izod Lacoste®.
Welch eine Show mussten wir für die Leute sein, die in brütender Hitze
stundenlang warteten, um ein graues, unpersönliches Kriegsschiff zu besichtigen.
Das Kriegsschiff hatte die achteren Festmachertrossen an einem Fingerkai
befestigt, der genau rechtwinklig zum Hauptkai verlief. Genau in diese Ecke
steuerte ich, um mit einem exakten Manöver kurz vor den Trossen auf den anderen
Bug zu gehen. Hein stand auf dem Vordeck bereit, um im gegebenen Moment die
Genua herumzuholen. Gerade als ich mir dachte, wie elegant mein Hein doch in
seiner schmucken Uniform aussieht (und wie viel rasanter er aussehen würde, hätte
er fünfzehn Kilo weniger zu tragen, er brachte 105 Kilo auf die Waage) ertönte
sein Kommando: „Come about!“
Ich stiess die Pinne nach Steuerbord und löste gleichzeitig die Schoot.
Aber nichts passierte! Schnurstracks sauste unsere Thlaloca den Trossen entgegen,
die uns in fünf Meter Höhe und zwanzig Meter Abstand den Weg versperrten.
Blitzschnell riss Hein sein Izod Lacoste® vom Leib (die Hosen liess er, Gott
sei Dank, an). Schnell wie ein Eichhörnchen kraxelte er den Mast hoch und war
zur Stelle, um die Trossen mit dem Fuss abzuwehren, wenn es zu einer Kollision
gekommen wäre. Aber im letzten Augenblick löste sich unter dem Rumpf ein Paket
eigenartigem Gestrüpps, und ich konnte wieder steuern.. Später erfuhren wir
den Namen des Gestrüpps — Tumbleweed (Steppenläufer) — das sich im Ruder
verklemmt hatte.
Wenn ich heute über damals nachdenke, waren wir im Segeln wirklich grosse Stümper
— obwohl ich Hein als Könner ansah. Hätte ich es besser gewusst, wäre ich
gar nicht auf unsere grosse Reise gegangen – oder doch? Wie hätte es auch
anders sein können: Hein, sowie auch ich, hatten vom Segeln keine Ahnung. Die
wenigen Male die Hein Gelegenheit hatte, auf einem kleinen Kutter zu segeln, lag
zwanzig Jahre zurück, auf der Seefahrtschule. Dort durfte er aber auch
lediglich zuschauen, wie es die sogenannten Experten machten. Irgendwie waren diese Manöver immer mit Schrammen und Macken am Rumpf verbunden, oftmals an unserem eigenen Rumpf. Hein meinte, „solange Kitt, Fiberglas, Farbe und Mullbinden ausreichen, die Wunden zu heilen, ist das kein Problem.“ |