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KAPITEL:

Thlaloca

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Kapitel II

KALIFORNIEN

     Nachdem der ganze G’remp’l verkauft und das Boot so ziemlich fertig war, baute ich einen Bootsanhänger, worauf wir das Boot für die lange Reise nach Kalifornien festmachten. Auf keinem Fall wollten wir noch einen starken Winter in Kanada mit Bootsbau verbringen. Kalifornien versprach warmes Wetter, und wir konnten das Schiff in Ruhe fertig ausrüsten. Ausserdem erwartete ich eine gute Arbeit. So war dann auch das Reisegeld gesichert – wenn auch noch nicht verdient!

      Mit dem Boot über das Land zu ziehen war eine Traumfahrt. Die Hundehütte hatten wir immer zum Schlafen bereit! Quer durch das Riesenland der USA. .  Minnesota und Wisconsin überquerten wir. Danach kamen Nebraska und Wyoming. Mein Gott, wie habe ich gebetet, als man uns sagte, ein Tornado bewege sich in unsere Richtung. Was wussten wir über einen Tornado? Nur die Gebärden der Menschen liessen uns vermuten, dass er verheerend sein kann. Wir verzurrten Wagen, Boot und Anhänger an einem riesigen Eichenbaum. Als wir die schwarze Wolke am Horizont sahen, wo der „Elefantenrüssel“ zur Erde reichte, befolgten wir die Einladung der Hausbewohner, in das Haus zu kommen, wo wir den Rüssel mit ängstlichen Blicken beobachteten. Gott sei Dank, verfehlte er uns um mehr als eine Meile. Später sahen wir die Zerstörungen, die von der furchtbaren Kraft eines solchen Sturms zeugten. Die Staaten Utah, Arizona, Nevada durchquerten wir mit bis zu hundert Stundenkilometer auf dem Tacho. Aber dort, wo es schön war, hielten wir. Manchmal in einem der zahlreichen Parks, oder wenn wir übermüdet waren, einfach am Rande der Strasse. Abends fanden wir immer einen angenehmen Platz und sogen  die unvergleichliche Schönheit der Natur in uns ein. Unser Boots-Primuskocher versorgte uns dann mit warmer Nahrung. Sobald wir müde wurden, stellten wir unsere „Hühnerleiter“ an den Rumpf und kletterten in unsere Kojen. Ja, wenn das Seefahrt wäre, brauchte es nie aufhören. Dann aber kam die Mojave Dessert (Wüste). Der Wind blies heiss und die Strasse schimmerte in der Ferne wie eine Fata Morgana. Der Asphalt und unsere Reifen waren gens. Sie schrieen nach Wasser, welches es nicht gab (Unser Wagen war für nördliche Zonen konstruiert, folglich ungeeignet für die Wüste und dergleichen).

 

Die Mojave Wüste (oft überhitzte der Wagen und weigerte sich weiterzufahren!)

 

 Sonnenuntergang in Kalifornien

     In Long Beach, Kalifornien, wurde es ernst: Das Boot bekam einen Flossenkiel und einen Mast. Das Unterwasserschiff wurde mit Giftfarbe gestrichen.  Dann war unser Traumschiff fertig zum Stapellauf. Was fehlte, war die traditionelle Flasche Sekt. Wir hatten Peter, einen unserer Helfer, weggeschickt, eine Buddel zu holen. Allerdings ahnten wir nicht, dass er hilflos im starken Strassenverkehr steckte. Der Kranführer war pikiert, denn es war schon nach Feierabend. Egal! So knallte Siggi mit einem gewaltigen Schwung eben eine Flasche Erdbeerlimonade — die uns jemand gereicht hatte — an dem Bug und sprach andächtig die Worte: „Ich taufe dich auf den Namen Thlaloca (Göttin des Golfstromes)! Mögest du uns immer zu einem sicheren Hafen tragen.“

    Jetzt waren wir die stolzen Besitzer eines seetüchtigen Bootes—nur hatte keiner von uns die geringste Ahnung wie man es segelt. Folglich graute mir vor der bevorstehenden Fahrt zum Yachthafen. Ich dachte darüber nach, was da alles passieren konnte. Aber als ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Segel setzte, überkam mich ein unbeschreibliches Gefühl von Angst und Stolz.

     Unglücklicherweise lag unser zugewiesener Liegeplatz am Ende einer langen Reihe von Liegeplätzen, ohne Ausgang. Ich sagte zu Siggi, „gelingt es uns nicht, das Boot rechtzeitig zu stoppen, kleben wir wie eine Briefmarke an der Betonwand“. Der Wind kam von achtern, und obwohl wir die Segel schon gestrichen hatten, war noch viel Fahrt im Boot, die uns beängstigte. Siggi  stand mit der Festmacherleine in der Hand am Bug, bereit für den Sprung. Auf sie kam es an, ob wir zu einer Briefmarke reduziert werden oder nicht. Siggi sprang in Richtung des schmalen Stegs — und verfehlte. Aber mit ungewöhnlicher Geistesgegenwart schwamm Siggi zum nächsten Pfeiler, und mit ein paar Rundtörns rettete sie unser Schiff vor einer teuren Reparatur. Das ist meine Siggi! Diese Vorsorge und Geistesgegenwart sollte sie in den folgenden Jahren immer wieder unter Beweis stellen.

     Leider ging dieses Drama nicht ohne Schaden an ihr vorüber. Sie hatte mehrere Prellungen und war vom Bewuchs des Pfeilers so schwer verkratzt, dass sie aus mehreren Wunden blutete. Im Clubhaus wurde sie von den anwesenden Mitgliedern, die uns beobachtet hatten, bewundert und betreut. Wir hofften, dass das verpfusche Manöver nicht ein schlechtes Omen für unser weiteres Segeln bedeutete—und womöglich auf die Erdbeerlimonade zurückzuführen ist!

     Geduscht, und gestärkt mit heissen Kaffee für Siggi sowie Bier für mich, war die Abfahrt in die weite Welt für uns (mich) nur noch eine Frage der Zeit.  

      Im Oktober 1962, wurde Thlaloca zu Wasser gelassen. Drei Monate später wollte mein Hein nach Hawaii segeln. Er sprach von Passatwinden und hilfreichen Strömungen, „in zwanzig Tagen sind wir dort.“ Alles „Böhmische Dörfer“ für mich, wovon ich mir keinen Begriff machen konnte. Nur hatte er von astronomischer Navigation keine Ahnung. Ich auch nicht! Er meinte: „. . alles was nötig ist, ist ein Funkpeiler.“ Da habe ich mich zum ersten Male so richtig gesträubt, denn schliesslich lag mein Leben mit auf der Waage. Im Yachtclub fand Hein dann einen Mann, der ihm in ein paar Sitzungen astronomische Navigation beibringen wollte. Nach jeder Sitzung wurde mein Heim immer ruhiger, und ich merkte schon, dass Hawaii in eine geographische Position gerückt war, die mit vorhandenen geistigen Mitteln nicht so schnell erreichbar war.

     Auch wollte mein Mann ohne Motor auf Langfahrt gehen. Jeder, der Süd-Kaliforniens Windverhältnisse kennt, weiss, (und wie sollen andere Gebiete anders sein) dass da meistens Flaute herrscht. Für die fünfundzwanzig Seemeilen bis zur Catalina Insel benötigten wir in der Regel zwei Tage. Aber an einem Tag blies der Wind ganz tüchtig vom Norden her, so um die dreissig Knoten. Hein wollte nach Morrow Bay segeln, „das Boot auf Seetüchtigkeit prüfen.“ Unser Kurs lag genau in der Richtung, aus der der Wind blies. „Macht nichts! Jetzt muss das Boot beweisen, was es kann,“ so sprach mein Hein.

     Mühsam krochen wir gegen den Wind, und mir wurde immer unheimlicher, (sicher auch Hein, nur wollte er es nicht zugeben). Seekrank war ich wie noch nie, und wir beide schlotterten vor Kälte. Es war Nacht, und auf einmal krachte es am Bug. Das ganze Boot  zitterte. Hein sauste in die Kabine, „vielleicht Wassereinbruch,“ sagte er. Mein Gott, dachte ich mir, wenn wir jetzt untergehen, haben wir noch nicht einmal ein Beiboot, und dann das kalte Wasser. Anscheinend waren wir mit einem treibenden Baumstamm kollidiert. Später musste ein halber Quadratmeter Fiberglas erneuert werden. Jedenfalls sind wir nach dem Aufprall sofort umgekehrt. „Was für ein Pech,“ sagte Hein, aber irgendwie meinte ich verstanden zu haben, dass es ihm sehr gelegen kam.

     Am besten gefiel es mir, im Innenhafen herumzuschippern. Dort wurde ich nicht seekrank, und wenn uns die Flaute überkam, war es nicht weit zu paddeln, um eine Tiefe zu finden, wo wir ankern konnten.

     Es war ein herrliches Wochenende, an dem wir mit vielen anderen Booten herumkreuzten. Der sanfte laue Wind, der blies, erhellte die finstersten Gesichter mit einem Lächeln, und äusserst zufrieden grüsste jeder freundlich jeden. An einer Kaimauer lag ein grosses amerikanisches Kriegsschiff. Auf einem Plakat war vermerkt, „Open House“. Eine lange Menschenkette wartete auf Eintritt. Dorthin setzte ich unseren Kurs. Unter Grosssegel und Genua machten wir wohl etwa zwei Knoten Fahrt. Sicher nicht viel, Aber das plätschernde Wasser am Bug stimmte uns heiter. Ach, wie herrlich ist es, wenn alles perfekt scheint: strahlender Sonnenschein, unser schönes weisses Schiff, abgesetzt mit einem blauen Streifen am oberen Rumpf und am Wasserpass. Unterm Wasserpass das leuchtende Rot der Kupferfarbe. Dazu ein gelbes Deck und weisse Segel. Wir selbst trugen weisse Shorts und Polohemden, Marke Izod Lacoste®. Welch eine Show mussten wir für die Leute sein, die in brütender Hitze stundenlang warteten, um ein graues, unpersönliches Kriegsschiff zu besichtigen.

     Das Kriegsschiff hatte die achteren Festmachertrossen an einem Fingerkai befestigt, der genau rechtwinklig zum Hauptkai verlief. Genau in diese Ecke steuerte ich, um mit einem exakten Manöver kurz vor den Trossen auf den anderen Bug zu gehen. Hein stand auf dem Vordeck bereit, um im gegebenen Moment die Genua herumzuholen. Gerade als ich mir dachte, wie elegant mein Hein doch in seiner schmucken Uniform aussieht (und wie viel rasanter er aussehen würde, hätte er fünfzehn Kilo weniger zu tragen, er brachte 105 Kilo auf die Waage) ertönte sein Kommando: „Come about!“

     Ich stiess die Pinne nach Steuerbord und löste gleichzeitig die Schoot. Aber nichts passierte! Schnurstracks sauste unsere Thlaloca den Trossen entgegen, die uns in fünf Meter Höhe und zwanzig Meter Abstand den Weg versperrten. Blitzschnell riss Hein sein Izod Lacoste® vom Leib (die Hosen liess er, Gott sei Dank, an). Schnell wie ein Eichhörnchen kraxelte er den Mast hoch und war zur Stelle, um die Trossen mit dem Fuss abzuwehren, wenn es zu einer Kollision gekommen wäre. Aber im letzten Augenblick löste sich unter dem Rumpf ein Paket eigenartigem Gestrüpps, und ich konnte wieder steuern.. Später erfuhren wir den Namen des Gestrüpps — Tumbleweed (Steppenläufer) — das sich im Ruder verklemmt hatte.

     Wenn ich heute über damals nachdenke, waren wir im Segeln wirklich grosse Stümper — obwohl ich Hein als Könner ansah. Hätte ich es besser gewusst, wäre ich gar nicht auf unsere grosse Reise gegangen – oder doch? Wie hätte es auch anders sein können: Hein, sowie auch ich, hatten vom Segeln keine Ahnung. Die wenigen Male die Hein Gelegenheit hatte, auf einem kleinen Kutter zu segeln, lag zwanzig Jahre zurück, auf der Seefahrtschule. Dort durfte er aber auch lediglich zuschauen, wie es die sogenannten Experten machten.

      Irgendwie waren diese Manöver immer mit Schrammen und Macken am Rumpf verbunden, oftmals an unserem eigenen Rumpf. Hein meinte, „solange Kitt, Fiberglas, Farbe und Mullbinden ausreichen, die Wunden zu heilen, ist das kein Problem.“

Thlaloca     Kapitel III