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KAPITEL:

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Kapitel XI

NEUSEELAND

      In Neuseeland angekommen, konnten wir auf über 13,000 Seemeilen zurückschauen, welche wir seit unserer Abfahrt von Kalifornien gesegelt waren. Für die nächsten sieben Monate war an ein Weitersegeln nicht zu denken, denn wir mussten den südlichen Sommer, der gleichzeitig die Zyklonensaison ist, abwarten. Und es gibt wohl kein besseres Land als Neuseeland, um dieses zu tun. Die seglerfreundliche Einstellung und Gastfreundschaft, die wir während unseres Aufenthaltes genossen haben, kann man gar nicht hoch genug bewerten. Aber wie es nun einmal ist, kann der einfache Sterbliche nicht ewig durch die Welt zotteln, ohne ab und zu auch einmal zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Unsere neuen guten Freunde, Bob und Nancy Griffiths, engagierten mich, zusammen ein neues Schiff zu bauen. Sie hatten ihre Segelyacht, die Awahnee, im Februar 1964 auf einem Riff in den Tuamoto Inseln verloren.

      Wir haben die Griffiths schon vorher erwähnt: Wir trafen sie das erste Mal auf Tahiti, wo sie sich ein altes Schiff, die Amerika, gekauft hatten, mit dem sie später nach Neuseeland gesegelt waren. Siggi‘s Job war, für uns alle — fünf Personen — auf der Amerika zu kochen. Wir bauten ein 17 Meter langes Ferrozementschiff — ein Baumaterial, das zu der Zeit sehr populär war. Egal was man über dieses Material denkt, die Tatsache bleibt, dass dieses Schiff in den folgenden Jahren zweimal um die Welt gesegelt ist, ein Zeugnis, das die Stärke dieses Materials unterstreicht. (Buch: BLUE WATER von Bob und Nancy Griffith). Zwei unserer kanadischen Freunde, Irmgard und Rudi Halbrichter, Carol und Winston Bushnel, sind ebenfalls mit Ferro-Zementschiffen um die Welt gesegelt.  

     Natürlich war Neuseeland für uns nicht nur Arbeit. Es kamen Einladungen von überall her, die wir, wenn auch nicht alle, freudig annahmen. Vor allen Dingen die, welche uns durch das wunderbare Land führten.

     An unserer Thlaloca hatten wir bei Niedrigwasser die Bolzen, die den Flossenkiel halten, entfernt. Bei Hochwasser schwamm das Boot vom Kiel frei und es wurde dann mit Hilfe eines Lkws an Land gezogen. Schön aufgebockt, konnten wir dann bequem am Schiff arbeiten, und es diente uns immer noch als Wohnung. Am Flossenkiel befestigten wir leere Öltonnen und schwammen diesen ebenfalls an Land. Ich baute ein neues Ruder und Leitkopf, alles schön laminiert aus Kauriholz und mit Epoxydharz verleimt. Dazu kam ein neuer Everdure-Bronze Ruderstock. Mit dieser Sorgfalt um jedes Detail waren wir überzeugt, dass nichts mehr passieren konnte.  

     In Neuseeland sahen wir zum ersten Mal Selbststeueranlagen. Ich wählte eine, die mir zusagte und für unser Schiff am besten geeignet schien. Aus Edelstahl und Bronze, natürlich auch Holz, fabrizierte ich eine Anlage, die wir im Prinzip bis zum Ende unserer Reisen und darüber hinaus, auf Thlaloca nutzten.  

Mit Freunden sahen wir viel in Neuseeland

      Wieder mussten wir von all den lieben Menschen Abschied nehmen. Mein Gott, können wir unseren farewell nicht noch ein paar Tage verschieben? Vielleicht eine ganze Saison überspringen? Ob unsere Weltumsegelung ein Jahr länger dauert, darauf kam es ja auch nicht gerade an. So jedenfalls dachte ich! Aber „Sturm und Drang“ — mein Gatte — war das Landleben schon wieder satt. So kam es wie es immer war – bevor es mir so richtig bewusst wurde, segelten wir schon wieder auf dem grossen Meer. Wir machten noch kurze Besuche bei unseren Freunden, den Wests, in Urquhart Bay, und besuchten auch Whangarei, ein entzückendes kleines Städtchen am Ende eines sumpfigen Flusses. Danach segelten wir zu der Bay of Islands — unser erster Landeplatz nach der schrecklichen Reise von den Fidschiinseln, die nun schon sieben Monate zurück lag.

      Am Vortag unserer geplanten Abfahrt nach Australien blies der Wind heftig, und wir mussten noch einen zweiten Anker ausbringen. Es war kalt, und wir waren froh, in einer geschützten Bucht zu liegen. Am folgenden Morgen pfiff es nur noch so um die zwanzig Knoten, und das Barometer schien beständig. Obwohl wir am Radio hoch und runter kurbelten, konnten wir keine Wettervorhersage bekommen. Da unser Kurs vorerst im Lee des Landes lag, segelten wir los. Doch waren wir noch keine zwei Seemeilen vom Land entfernt, als es mächtig anfing zu blasen. Unmöglich Segel zu tragen, liessen wir uns treiben, und da wir uns im Lee des Landes befanden, war der Seegang gleich Null, also gar kein Problem. Am späten Nachmittag legte sich der Wind etwas und wir segelten auf nördlichem Kurs weiter. Vom Land sahen wir keine Spur mehr.

     Der folgende Morgen sah schlimm aus. Dass wir den Schutz des Landes verloren hatten, merkten wir an der Höhe der brechenden Wellen, die zunehmend ein noch nie erlebtes Ausmass annahmen, sicher zurückzuführen auf die relativ geringe Wassertiefe um das nördliche Kap herum. Dazu kreischte der Wind in der Takelage. Wir schätzten unsere Position nordwestlich von Kap Reinga, das nördliche Ende Neuseelands. Für Stunden schon kurbelten wir an unserem Empfangsgerät, um eine Frequenz zu finden, die eine Wettermeldung ausstrahlt.

     Nur das gespensterhafte Aufleuchten brechender Schaumkämme erhellte das tiefe Grau des Tages. Steil kamen die Wellenberge auf uns zu. Gepeitscht von heulenden Winden, brachen diese hässlichen Wasserberge, manchmal in sicherer Entfernung, manchmal in nicht so sicherer, hin und wieder genau über uns. Das Gemisch schreiender Winde und das Brechen der Sturzseen war vergleichbar mit einem Crescendo aus Wagners Götterdämmerung. Es war furchtbar. Endlich ein Wetterbericht: „Warnung an alle Schiffe, Sturmwarnung! Wetterstation Kap Reinga meldet westliche Böen bis 69 Knoten.“ Oh weh, uns wurde ganz mulmig zumute. Unter kleinster Besegelung lagen wir beigedreht und machten nur geringe Fahrt auf nördlichem Kurs. Was tun, war die Frage. Der sicherste Kurs war, „Lenzen vor dem Sturm.“ Also, mit über’m Heck nachziehenden Treibanker die Fahrt des Schiffes soviel wie möglich zu bremsen, und so vorm Sturm treiben lassen. Aber verflixt, das war doch der entgegengesetzte Kurs von dem, wohin wir wollten — nämlich Australien! 

     Inmitten unserer Debatte über die Kursrichtung erschien der Schatten eines grossen Schiffes, vielleicht eine viertel Meile entfernt (grösser war die Sicht nicht). Siggi machte den Vorschlag, ein heisses Getränk zu bereiten, während ich im Cockpit verblieb, um das Schiff, solange es geht, im Auge zu behalten. Minuten später war ich ebenfalls in der Kabine, und wir beide schlürften mit Wohltat den heissen Kakao, der unsere vor Kälte und nervlicher Belastung zitternden Glieder etwas beruhigte. Erstaunlich war der Unterschied: draussen der heulende Wind, der das Seewasser in unsere Gesichter trieb, und  in der kleinen Kabine die wohltuende Wärme, wo die Musik der Elemente enorm gedämpft war. Was konstant blieb, waren die starken Bewegungen des Bootes, die uns immerwährend nach einem Halt greifen liessen.

     Plötzlich ein Sirenengeheul, welches, wie es schien, aus der Höhe des Mastes kommen musste. Wir liessen die Becher fallen und stürzten der Luke zu — rette sich wer kann, jeder für sich! Siggi, die an Reaktionsschnelligkeit kaum übertroffen werden kann, war die erste an der Luke und riss den Schieber auf. Quer zu unserem Heck lag ein Riesenschiff mit Hammer und Sichel am Schornstein — ein russisches Waalfangmutterschiff. Wir zeigten unsere Flagge — sie zu erkennen war gar nicht einfach, denn die kanadische Flagge mit dem Ahornblatt war noch sehr jung. Jedenfalls wurde sie mit einem Sirenensignal bestätigt.

     Die interessanteste Beobachtung dieser Begegnung war die Höhe des Seegangs. Das grosse Schiff, sicher an die 20,000 Tonnen, sackte im Wellental bis zur Brücke vor uns weg. Im nächsten Augenblick ragte es, auf einem Wellenberg sitzend, wie eine Festung über uns. Wir im „Keller“, sahen dann steil nach oben zum Brückenpersonal. Sicher waren die vielen Menschen, die sich an der Backbordseite des Schiffes versammelt hatten, erstaunt, eine sechs Meter lange Nussschale, in solch einem furchtbaren Wetter auf See zu begegnen. Sprechfunk (UKW) für den Yachtgebrauch, womit wir in der Lage gewesen wären, uns zu verständigen, gab es in den frühen sechziger Jahren noch nicht. (Welches für uns, ohne Batterien und Ladegerät, sowieso kein Thema gewesen wäre.)

     Langsam aber stetig trieb das Schiff ab. Ein letztes Signal. Ein letzter Gruss. Wir waren wieder allein mit uns selbst und den drohenden Elementen.

     In der Begeisterung dieser unvergesslichen Minuten, waren spezielle Eindrücke noch nicht präsent. Erst später kamen uns Einzelheiten deutlich zu Bewusstsein und die Begegnung mit diesem Schiff hat uns für lange Zeit psychologisch belastet. Wir hingen mit unseren Gedanken an der Sicherheit dieses Stahlkolosses, an der Wärme, die es ausstrahlte, gemütliche Kojen, Duschen ohne Beschränkung, Zähnepuzten mit Frischwasser, nicht Salzwasser! Nun, wir waren 19,999 Tonnen kleiner — und somit war zwangsläufig alles anders! Zum ersten Mal während unserer Weltreise erwachten in uns zweifelnde Gedanken, ob unser gewählter Weg der Richtige ist. Bislang war die schützende Hand unseres Herrgottes über uns, und wir baten IHN, uns doch weiterhin die Treue zu halten..

     Langsam — zu langsam — wurde uns bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Ab und zu überrollte uns eine schwere See, die unsere Thlaloca hart überlegte. Bei dieser Gelegenheit war ein unfreiwilliges Bad unvermeidlich. Immer wieder schlichen wir in die Kabine, um uns mit heissen Getränken aufzufrischen. Wenn das Donnern der brechenden See aussergewöhnlich schien, beobachtete einer von uns durch das Bullauge die anmarschierenden Wellenberge. Wenn es mulmig aussah, ertönte ein Warnruf — festhalten!

     Keiner von uns sah kommen, was kommen musste — Dank unserer zögernden Entscheidung. Das Einzige, an was wir uns deutlich erinnern, war Wasser und nochmals Wasser. Es war genau so, als tauche man von einem hohen Turm und man sieht ringsum nur sprudelnde Luftblasen. Als sich das Boot wieder aufrichtete, war die Luke aufgebrochen und das Wasser im Boot reichte uns bis zu den Knien. Unsere Selbststeuerung, die ich erst in Neuseeland fabriziert hatte, war nur noch verbogener Nirostastahl. Die Dirk war gebrochen und der Baum (Segel trugen wir keine) sauste munter, von einer Seite zur anderen über das Cockpit. Bis heute können wir nicht mit Bestimmtheit sagen, welche Kränkung das Boot hatte oder ob es sogar durchgerollt war.

     Treibanker über’s Heck nachziehen, um die Geschwindigkeit des Bootes zu bremsen, war das sofortige Gebot. Gott sei Dank wurde der Lukendeckel noch von einer Schiene gehalten. Die Luke musste aber geöffnet bleiben, damit Siggi die Unmengen von Wasser aus dem Boot schöpfen konnte. Mit dem Lenzwasser gingen Reis, Zucker, Mehl, kurz alles was in Plastikbehältern verpackt und aufgebrochen war, über Bord. Echt traurig waren wir über den Verlust unseres Radios; Mit Seewasser durchtränkt, gab es vorerst keine Rettung des Gerätes. Drei unserer 25-Liter Plastik Wasserbehälter waren gegen die Decke gesaust und aufgeplatzt, das übrige Trinkwassers war mit Salzwasser vermischt. Unsere Navigationsuhr, anscheinend von einem harten Objekt getroffen, hatte kein Glas mehr, und einer der Zeiger war verbogen. Unser Schlauchboot lag mit langen Einschnitten auf dem Seitendeck. Unsere Kleidung, Schlafsäcke, usw. waren mit Salzwasser getränkt. Es war unmöglich, unser Ziel, Australien, weiter zu verfolgen. Wir brauchten so schnell wie möglich einen Hafen, um uns und unser Schiff wieder in Ordnung zu bringen. So hiess unser neuer Kurs „zurück nach Neuseeland“.

     Meine Siggi, in jeder Situation der gute Stern, schöpfte pausenlos Wasser, während ich bemüht war, das Schiff vor der brechenden See zu steuern. Mit jedem Brecher kurz hinter dem Heck, schossen neue Wassermassen in das Innere. Um dies zu vermeiden, befestigte ich unser Sonnendach zwischen den Backstagen, was aber den Nachteil hatte, dass dadurch die Geschwindigkeit erhöht wurde und unerwünschte Treibkraft, am falschen Ende des Bootes war. Ganz gefährlich sah es aus, wenn dass Heck hochschnellte und das ganze Wasser im Boot in den Bug schoss. Eine Situation, wo leicht der Bug unterschneiden konnte und sich vor der nächsten Woge nicht erholt. Bevor aber der grimmige Tag zu Ende war, war das Boot, so weit es ging, wieder trocken

     Zwei Tage später war dieser schwere Sturm nur noch eine unvergessliche Erinnerung. Wir setzten Kurs in der Richtung, wo wir Neuseeland vermuteten. Nach dem Verlust unserer Navigationsinstrumente (Radio und Uhr) war Navigation nur noch mit Kompass und Mittagsbreite möglich.

     Der Reis, der seit Tagen in allen Ecken des Bootes versteckt herumlag, fing an zu gären. Der kloakenähnliche Gestank war der Grund, dass wir unsere Freiwachen vornehmlich in ein Segel gehüllt (das einzige was sich trocken anfühlte) im Cockpit verbrachten. Sechs Tage nach dem Unglück liefen wir in die Urquhart Bay ein, um uns und die Wunden unseres tapferen Schiffes zu heilen —  und für eine neue Reise vorzubereiten.

Thlaloca   Kapitel XII