|
Homepage
KAPITEL: |
Kapitel
XI
NEUSEELAND
Wir
haben die Griffiths schon vorher erwähnt: Wir trafen sie das erste Mal auf
Tahiti, wo sie sich ein altes Schiff, die Amerika,
gekauft hatten, mit dem sie später nach Neuseeland gesegelt waren. Siggi‘s
Job war, für uns alle — fünf Personen — auf der Amerika zu kochen. Wir bauten ein 17 Meter langes Ferrozementschiff —
ein Baumaterial, das zu der Zeit sehr populär war. Egal was man über dieses
Material denkt, die Tatsache bleibt, dass dieses Schiff in den folgenden Jahren
zweimal um die Welt gesegelt ist, ein Zeugnis, das die Stärke dieses Materials
unterstreicht. (Buch:
Natürlich
war Neuseeland für uns nicht nur Arbeit. Es kamen Einladungen von überall her,
die wir, wenn auch nicht alle, freudig annahmen. Vor allen Dingen die, welche
uns durch das wunderbare Land führten. An
unserer Thlaloca hatten wir bei Niedrigwasser die Bolzen, die den
Flossenkiel halten, entfernt. Bei Hochwasser schwamm das Boot vom Kiel frei und
es wurde dann mit Hilfe eines Lkws an Land gezogen. Schön aufgebockt, konnten
wir dann bequem am Schiff arbeiten, und es diente uns immer noch als Wohnung. Am
Flossenkiel befestigten wir leere Öltonnen und schwammen diesen ebenfalls an
Land. Ich baute ein neues Ruder und Leitkopf, alles schön laminiert aus
Kauriholz und mit Epoxydharz verleimt. Dazu kam ein neuer Everdure-Bronze
Ruderstock. Mit dieser Sorgfalt um jedes Detail waren wir überzeugt, dass
nichts mehr passieren konnte.
In
Neuseeland sahen wir zum ersten Mal Selbststeueranlagen. Ich wählte eine, die
mir zusagte und für unser Schiff am besten geeignet schien. Aus Edelstahl und
Bronze, natürlich auch Holz, fabrizierte ich eine Anlage, die wir im Prinzip
bis zum Ende unserer Reisen und darüber hinaus, auf Thlaloca
nutzten.
Mit Freunden sahen wir viel in Neuseeland Der
folgende Morgen sah schlimm aus. Dass wir den Schutz des Landes verloren hatten,
merkten wir an der Höhe der brechenden Wellen, die zunehmend ein noch nie
erlebtes Ausmass annahmen, sicher zurückzuführen auf die relativ geringe
Wassertiefe um das nördliche Kap herum. Dazu kreischte der Wind in der Takelage.
Wir schätzten unsere Position nordwestlich von Kap Reinga, das nördliche Ende
Neuseelands. Für Stunden schon kurbelten wir an unserem Empfangsgerät, um eine
Frequenz zu finden, die eine Wettermeldung ausstrahlt. Nur das
gespensterhafte Aufleuchten brechender Schaumkämme erhellte das tiefe Grau des
Tages. Steil kamen die Wellenberge auf uns zu. Gepeitscht von heulenden Winden,
brachen diese hässlichen Wasserberge, manchmal in sicherer Entfernung, manchmal
in nicht so sicherer, hin und wieder genau über uns. Das Gemisch schreiender
Winde und das Brechen der Sturzseen war vergleichbar mit einem Crescendo aus
Wagners Götterdämmerung. Es war furchtbar. Endlich ein Wetterbericht: „Warnung
an alle Schiffe, Sturmwarnung! Wetterstation Kap Reinga meldet westliche Böen
bis 69 Knoten.“ Oh weh, uns wurde ganz mulmig zumute. Unter kleinster
Besegelung lagen wir beigedreht und machten nur geringe Fahrt auf nördlichem
Kurs. Was tun, war die Frage. Der sicherste Kurs war, „Lenzen vor dem
Sturm.“ Also, mit über’m Heck nachziehenden Treibanker die Fahrt des
Schiffes soviel wie möglich zu bremsen, und so vorm Sturm treiben lassen. Aber
verflixt, das war doch der entgegengesetzte Kurs von dem, wohin wir wollten —
nämlich Australien! Inmitten
unserer Debatte über die Kursrichtung erschien der Schatten eines grossen
Schiffes, vielleicht eine viertel Meile entfernt (grösser war die Sicht nicht).
Siggi machte den Vorschlag, ein heisses Getränk zu bereiten, während ich im
Cockpit verblieb, um das Schiff, solange es geht, im Auge zu behalten. Minuten
später war ich ebenfalls in der Kabine, und wir beide schlürften mit Wohltat
den heissen Kakao, der unsere vor Kälte und nervlicher Belastung zitternden
Glieder etwas beruhigte. Erstaunlich war der Unterschied: draussen der heulende
Wind, der das Seewasser in unsere Gesichter trieb, und
in der kleinen Kabine die wohltuende Wärme, wo die Musik der Elemente
enorm gedämpft war. Was konstant blieb, waren die starken Bewegungen des Bootes,
die uns immerwährend nach einem Halt greifen liessen. Plötzlich
ein Sirenengeheul, welches, wie es schien, aus der Höhe des Mastes kommen
musste. Wir liessen die Becher fallen und stürzten der Luke zu — rette sich
wer kann, jeder für sich! Siggi, die an Reaktionsschnelligkeit kaum übertroffen
werden kann, war die erste an der Luke und riss den Schieber auf. Quer zu
unserem Heck lag ein Riesenschiff mit Hammer und Sichel am Schornstein — ein
russisches Waalfangmutterschiff. Wir zeigten unsere Flagge — sie zu erkennen
war gar nicht einfach, denn die kanadische Flagge mit dem Ahornblatt war noch
sehr jung. Jedenfalls wurde sie mit einem Sirenensignal bestätigt. Die
interessanteste Beobachtung dieser Begegnung war die Höhe des Seegangs. Das
grosse Schiff, sicher an die 20,000 Tonnen, sackte im Wellental bis zur Brücke
vor uns weg. Im nächsten Augenblick ragte es, auf einem Wellenberg sitzend, wie
eine Festung über uns. Wir im „Keller“, sahen dann steil nach oben zum Brückenpersonal.
Sicher waren die vielen Menschen, die sich an der Backbordseite des Schiffes
versammelt hatten, erstaunt, eine sechs Meter lange Nussschale, in solch einem
furchtbaren Wetter auf See zu begegnen. Sprechfunk (UKW) für den Yachtgebrauch,
womit wir in der Lage gewesen wären, uns zu verständigen, gab es in den frühen
sechziger Jahren noch nicht. (Welches für uns, ohne Batterien und Ladegerät,
sowieso kein Thema gewesen wäre.) Langsam
aber stetig trieb das Schiff ab. Ein letztes Signal. Ein letzter Gruss. Wir
waren wieder allein mit uns selbst und den drohenden Elementen. In der
Begeisterung dieser unvergesslichen Minuten, waren spezielle Eindrücke noch
nicht präsent. Erst später kamen uns Einzelheiten deutlich zu Bewusstsein und
die Begegnung mit diesem Schiff hat uns für lange Zeit psychologisch belastet.
Wir hingen mit unseren Gedanken an der Sicherheit dieses Stahlkolosses, an der Wärme,
die es ausstrahlte, gemütliche Kojen, Duschen ohne Beschränkung, Zähnepuzten
mit Frischwasser, nicht Salzwasser! Nun, wir waren 19,999 Tonnen kleiner — und
somit war zwangsläufig alles anders! Zum ersten Mal während unserer Weltreise
erwachten in uns zweifelnde Gedanken, ob unser gewählter Weg der Richtige ist.
Bislang war die schützende Hand unseres Herrgottes über uns, und wir baten IHN,
uns doch weiterhin die Treue zu halten.. Langsam
— zu langsam — wurde uns bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Ab und
zu überrollte uns eine schwere See, die unsere Thlaloca hart überlegte.
Bei dieser Gelegenheit war ein unfreiwilliges Bad unvermeidlich. Immer wieder
schlichen wir in die Kabine, um uns mit heissen Getränken aufzufrischen. Wenn
das Donnern der brechenden See aussergewöhnlich schien, beobachtete einer von
uns durch das Bullauge die anmarschierenden Wellenberge. Wenn es mulmig aussah,
ertönte ein Warnruf — festhalten! Keiner
von uns sah kommen, was kommen musste — Dank unserer zögernden Entscheidung.
Das Einzige, an was wir uns deutlich erinnern, war Wasser und nochmals Wasser.
Es war genau so, als tauche man von einem hohen Turm und man sieht ringsum nur
sprudelnde Luftblasen. Als sich das Boot wieder aufrichtete, war die Luke
aufgebrochen und das Wasser im Boot reichte uns bis zu den Knien. Unsere
Selbststeuerung, die ich erst in Neuseeland fabriziert hatte, war nur noch
verbogener Nirostastahl. Die Dirk war gebrochen und der Baum (Segel trugen wir
keine) sauste munter, von einer Seite zur anderen über das Cockpit. Bis heute können
wir nicht mit Bestimmtheit sagen, welche Kränkung das Boot hatte oder ob es
sogar durchgerollt war. Treibanker
über’s Heck nachziehen, um die Geschwindigkeit des Bootes zu bremsen, war das
sofortige Gebot. Gott sei Dank wurde der Lukendeckel noch von einer Schiene
gehalten. Die Luke musste aber geöffnet bleiben, damit Siggi die Unmengen von
Wasser aus dem Boot schöpfen konnte. Mit dem Lenzwasser gingen Reis, Zucker,
Mehl, kurz alles was in Plastikbehältern verpackt und aufgebrochen war, über
Bord. Echt traurig waren wir über den Verlust unseres Radios; Mit Seewasser
durchtränkt, gab es vorerst keine Rettung des Gerätes. Drei unserer 25-Liter
Plastik Wasserbehälter waren gegen die Decke gesaust und aufgeplatzt, das übrige
Trinkwassers war mit Salzwasser vermischt. Unsere Navigationsuhr, anscheinend
von einem harten Objekt getroffen, hatte kein Glas mehr, und einer der Zeiger
war verbogen. Unser Schlauchboot lag mit langen Einschnitten auf dem Seitendeck.
Unsere Kleidung, Schlafsäcke, usw. waren mit Salzwasser getränkt. Es war unmöglich,
unser Ziel, Australien, weiter zu verfolgen. Wir brauchten so schnell wie möglich
einen Hafen, um uns und unser Schiff wieder in Ordnung zu bringen. So hiess
unser neuer Kurs „zurück nach Neuseeland“. Meine
Siggi, in jeder Situation der gute Stern, schöpfte pausenlos Wasser, während
ich bemüht war, das Schiff vor der brechenden See zu steuern. Mit jedem Brecher
kurz hinter dem Heck, schossen neue Wassermassen in das Innere. Um dies zu
vermeiden, befestigte ich unser Sonnendach zwischen den Backstagen, was aber den
Nachteil hatte, dass dadurch die Geschwindigkeit erhöht wurde und unerwünschte
Treibkraft, am falschen Ende des Bootes war. Ganz gefährlich sah es aus, wenn
dass Heck hochschnellte und das ganze Wasser im Boot in den Bug schoss. Eine
Situation, wo leicht der Bug unterschneiden konnte und sich vor der nächsten
Woge nicht erholt. Bevor aber der grimmige Tag zu Ende war, war das Boot, so
weit es ging, wieder trocken Zwei Tage
später war dieser schwere Sturm nur noch eine unvergessliche Erinnerung. Wir
setzten Kurs in der Richtung, wo wir Neuseeland vermuteten. Nach dem Verlust
unserer Navigationsinstrumente (Radio und Uhr) war Navigation nur noch mit
Kompass und Mittagsbreite möglich. Der Reis, der seit Tagen in allen Ecken des Bootes versteckt herumlag, fing an zu gären. Der kloakenähnliche Gestank war der Grund, dass wir unsere Freiwachen vornehmlich in ein Segel gehüllt (das einzige was sich trocken anfühlte) im Cockpit verbrachten. Sechs Tage nach dem Unglück liefen wir in die Urquhart Bay ein, um uns und die Wunden unseres tapferen Schiffes zu heilen — und für eine neue Reise vorzubereiten. |