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KAPITEL:

Thlaloca

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Kapitel XIII

DER INDISCHE OZEAN

      Mit einem starken Gezeitenstrom mit uns, segelten wir am 15ten August, 1965, in einen neuen Ozean. Unser Ziel war die Weihnachtsinsel, 2300 Seemeilen entfernt. Wir hofften, diese Entfernung in einem Monat zu schaffen. Mit einem steifen Ostwind überquerten wir den Golf von Carpentaria. Mit Eintritt in die Arafura See kamen wir in das grosse Lee des Australischen Kontinents, und damit verliess uns der Wind. Tag für Tag lagen wir in einer tiefen Flaute, und nur die günstige Strömung sorgte für einen geringen Fortschritt. Nach einer Woche musste die tägliche Zuteilung an Frischwasser reduziert werden, etwas, was bei dieser brütenden Hitze sehr unangenehm war. Im funkelnden Sternenhimmel erspähten wir einen schnell dahineilenden Stern — das Gemini Raumschiff mit zwei Mann Besatzung. Radio Perth meldete den Überflug alle neunzig Minuten. Wir, auch ein Schiff, sassen schon eine ganze Woche lang auf einem Fleck!

Der Indische Ozean bis zur Weihnachtsinsel

     Gerne wären wir in das Wasser gesprungen, um uns abzukühlen. Aber um das Boot herum kurvten drei Hammerhaie, die uns eine Abkühlung verweigerten. So legten wir uns auf das Achterdeck; mit dem Kopf über das Heck, und verfolgten gespannt das hoch interessante Spiel dieser drei Haie. Wenn sie ausser Sicht waren, brauchten wir nur das Paddel in das Wasser stecken und bewegen, dann waren sie sofort da.

     Eigentlich noch furchterregender waren Schlangen. Etwa einen Meter lang, mit gelblicher Bauchfarbe, sahen sie so richtig giftig aus. Sie versuchten am Rumpf Halt zu finden. Das vereitelten aber die glatten Seiten des Rumpfes. Trotzdem waren wir besorgt, dass uns solch ein hässliches Biest nachts in unseren Kojen überrascht. Der Admiral (den Rang den Siggi auf Grund ihrer enormen seemännischen Kenntnisse gerecht erworben hatte) verordnete Nachtwache. Ich habe noch nicht einmal gemeutert. 

     Nach sieben langen Tagen spürten wir den ersten Hauch von einem ganz leichten Wind. Backbord voraus sah ich etwas Dunkles, das aussah wie ein spielender Delphin — mal gucken! Ein kleiner Kurswechsel brachte uns nahe an etwas, was einen riesigen Baumstamm glich, auf dem zahlreiche Seevögel an angewachsenen Muscheln pickten. Als eine kleine Fontäne aus diesem „Baumstamm“ schoss, wussten wir, es war ein Riesenwal. In diesem Moment muss er wohl so richtig Luft geschnappt haben, denn sein ganzer Körper hob sich etwas, so das wir das ganze Ausmass dieses Riesentieres schätzen konnten — sicher an die zwanzig Meter! Die gigantische Flosse hob sich und drosch das Wasser, und er tauchte weg. Uns stockte der Atem, denn wir kannten zwei Yachten — Easterly und Valkiry, welche von Walen angegriffen und schwer beschädigt wurden. Kurz hinter unserem Heck tauchte er auf. Das Wasser, das er in die Luft ausspuckte, stank stark nach üblem Mundgeruch. Weg war er, und wir hielten erneut die Luft an, in Erwartung einer Explosion, die unser Boot zerstört. Minuten später sahen wir eine Fontäne weit weg vom Schiff. Wir atmeten normal weiter!

     Langsam blies der Südostpassat sein getreues Lied. Die See bäumte sich höher und die Wellenintervalle wurden länger. Unaufhaltsam schäumte unsere Thlaloca ihren Weg, unserem fernen Ziel entgegen. Täglich vermerkten wir einen neuen Punkt auf der Seekarte — unsere Position. Wie winzig klein waren die Abstände zwischen den Punkten im Vergleich zu der riesigen Entfernung  die wir noch, bis zur unserer Heimat in Kanada, segeln mussten. Wenn man wochenlang dahinsegelt, kommt unwillkürlich die Frage, „Wie gross ist die Welt, wo liegt das Ende?“ Unsere einzigen Begleiter waren die Gestirne, an denen man sich orientiert. Waren die bedeckt, suchten wir in der unendlichen Wasserwüste nach einem Objekt, das uns für Augenblicke fesseln könnte. Es schleicht sich ein Gefühl der Verlassenheit ein und die Frage nach dem Warum? Auch andere Fragen: Wäre es nicht viel besser mit einem grösseren Boot, wo man innen Stehhöhe hat, einen Tisch, mehr Raum, mehr Komfort? Wo man an Deck laufen und sich, wenn man will, hinlegen kann? Diese Überlegungen kommen, obwohl ich wusste, dass ich Thlaloca und dieses Erlebnis für nichts eingetauscht hätte. Nach 22 Seetagen verkündeten die ersten Möwen Landnähe; immer ein herrliches Gefühl. Am folgenden Tag verankerten wir Thlaloca im kristallklaren Wasser der Flying Fish Cove.  

Weihnachtsinsel

     Die 142 km² grosse Insel liegt 190 nautische Meilen südlich von Java und 1,425 Seemeilen nordwestlich von Fremantle, Australien. Die 3000 Einwohner waren überwiegend Chinesen, Malaien und nur 300 Europäer, von denen die meisten Schotten waren. Alle arbeitsfähigen Personen waren in der Phosphat-Industrie beschäftigt.

     Die Ankunft einer Segelyacht war gleich ein Festtag und löste eine spontane Begeisterung aus. Wir erlebten dort neun unvergesslich schöne Tage.

     Der Tag unserer Abreise wurde in der Shipping Office ausgehängt. Ein Postbeamter erschien und bat uns, einen Sack voll Post für Cocos Keeling, unser nächstes Ziel, mitzunehmen. Über Funk (via der örtlichen Funkstation) wurden wir gebeten, für die St. Briac zwei Kisten Whiskey mitzubringen. Thlaloca war bis zur Halskrause beladen. Zwölf Flaschen Schnaps hört sich nicht nach viel an, aber diese mussten weich verstaut werden, und das nimmt Platz. Halleluja, hier kamen ein Dutzend Asiaten und schleppen Säcke voll mit allen möglichen Getreide für ihre Verwandten und sonst wem in Cocos Keeling. Siggi lud zwei Frauen an Bord, die das Unmögliche auch einsahen. Um unseren guten Willen zu zeigen, akzeptierten wir letztlich doch noch zwei Säcke, etwa hundert Pfund.

     Die Cocos Keeling Inseln liegen 560 Seemeilen südwestlich der Weihnachtsinsel. Thlaloca schaffte diese Entfernung in vier Tagen und vier Stunden — inklusiv einem Etmal von 154 Seemeilen, zwei Seemeilen weniger als unser bisheriger Rekord, den wir entlang der mexikanischen Küste setzten.

     Direction Island (eine der Cocos Keeling Inseln), war ein wichtiges Glied in der weltweiten Kabelverbindung. Ganz logisch, dass in einem Krieg eine solche Station ein bevorzugtes Ziel eines Feindes sein muss, um sie zu zerstören. Genau das hatte der kleine deutsche Kreuzer Emden im ersten Weltkrieg im Sinn. Ein Sprengkommando unter Leutnant Müller wurde an Land geschickt. Aber Pech gehabt! Am Horizont erschien der australische Schwere Kreuzer Sydney. Die Emden, an Feuerkraft weit unterlegen, wurde schwer beschädigt. Der Kapitän setzte das Schiff nördlich von Direction Island auf ein Riff, um die Besatzung zu retten. Das Feuergefecht mit dem vernichtenden Ausgang wurde vom Sprengkommando an Land beobachtet. Was nun? In der Lagune lag ein völlig verwahrloster, von Schiffsbohrwürmern durchsiebter Schoner, die Aisha. Er wurde gekapert, und die gestrandeten Seeleute segelten diesen verrotteten Kahn bis Batavia. (damals niederländisches Kolonialgebiet, also neutral). Auf abenteuerlichem Weg erreichten sie nach vielen Monaten ihr Heimatland–Deutschland. Ein BBC Hörspiel schilderte diese Ereignisse in einer spannenden und fairen Form; und wir konnten (und können) nur vermuten, mit welcher Vehemenz ein Segment der Deutschen, die versteckten Nationalismus wittern, wegen Hörspielen dieser Art auf die Barrikaden gehen würden!

     Die dreizehn wundervollen Tage, die wir auf Direction Island verbrachten, waren ausgefüllt mit Parties, in exzellenter Gesellschaft mit dem Personal der Station und gutem Essen. Aber der gesellschaftliche Reiz wurde von den farbenprächtigsten Riffen, die wir bislang gesehen hatten, und an denen wir schnorkelten, weit übertroffen.

     Uns wurde bewusst, dass es so nicht weiter gehen konnte, denn wir mussten noch vor Beginn der Zyklonensaison Südafrika erreichen. Bis dahin aber waren es immer noch an die 4000 Seemeilen.

Bitte erinnert euch an die rote Latte (eigentlich zwei; die andere an the Backbord Seite)

 

Thlaloca    Kapitel XIV