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Kapitel
XXII
Spanien
— Kanarische Inseln
Virginia
Gibraltar verlangte Impfschutz gegen Cholera. Das erledigten wir in
Malaga. Erstaunlich, welche Hindernisse immer wieder auftauchen, besonders dann
wenn man in Eile ist.
Bis Punta de Gata waren wir mit unserem Fortschritt zufrieden. Ganz
anders war es, als wir das Kap umrundet hatten und auf westlichen Kurs
weitersegelten. Der Wind blies frisch aus West, und wir mussten dagegen
ankreuzen. Dazu war die See so kurz und kabbelig. Es war zum Heulen enttäuschend.
Daher erreichten wir Gibraltar erst am 9. Dezember. Dort fanden wir in einem der
ausgedienten „Destroyer Pens“ einen Liegeplatz.
Als es noch ein britisches Weltreich gab, diente Gibraltar der britischen
Flotte als sicherer Hafen. Dass der grosse Hafen für Yachten nicht ideal sein
kann, liegt auf der Hand, denn die Liegeplätze waren gegen südwestliche Winde
vollkommen offen. Wie schrecklich es sein kann, sollten wir erfahren:
Ein Südwest steigerte sich zum Sturm. An der Hafenmauer zu liegen, wurde
immer gefährlicher. So steckten wir mit grösster Mühe einen Anker aus, der am
Unterwasserkabel Halt fand – so dachten und hofften wir jedenfalls. (Dieses
Kabel wurde von der Royal Navy vor Jahren für diesen Zweck ausgelegt). Man muss
es gesehen haben, um zu ermessen und zu glauben, was da los war. Zwei Yachten,
die am hintersten Ende lagen, erging es am schlimmsten. Überall wurde
geschrieen. Boote kreuzten herum, um Anker auszustecken. Männer und Frauen
schrieen help. Ein paar Männer, wahrscheinlich vom Hafenamt, waren dabei,
eine Stahltrosse quer über das Becken zu spannen, um den Yachten zu ermöglichen,
daran festzumachen. (War das eingezeichnete Unterwasserkabel nur ein von alten
Seekarten übernommener Vermerk. Hingen wir gar nicht am Kabel? Wir waren
besorgt). Am letzten Ende war die Kaimauer etwa vier Meter hoch, und die See
brach sogar darüber hinweg. Das nur als Beispiel, wie schlimm die Situation
war.
Auf einmal ein Panikschrei! Siehe da, eine uralte 15-Meter-Segelyacht mit
einem 5 Meter langen Bugsprit hatte sich losgerissen und trieb quer auf uns
zu. Niemand war an Bord! Ein starkes Motorboot kam uns zur Hilfe. Wir belegten
eine Trosse um das Ankerspill der Yacht, und das andere Ende um einen Poller auf
der nächsten Kaimauer. So ging es die ganze lange Nacht hindurch. Es war die Hölle.
Auf dem Zollamt erwartete uns eine Riesenkiste aus England. Es waren
schon Teile für unser geplantes neues Schiff – die Thlaloca Dos. Wie
all das, einschliesslich der höchst notwendigen Dinge für die bevorstehende
Langfahrt, untergebracht wurde, ist ein Zeugnis für Siggis Genius in der
Staukunst.
Am zwanzigsten Dezember 1971 liessen wir die Leinen los. Geplant war,
Casablanca anzulaufen und danach zu den Kanarischen Inseln. Die Strasse von
Gibraltar – auf Grund starker Strömungen ein gefährliches Gewässer –
navigierten wir nervlich gespannt, aber ohne Schwierigkeiten. Der Wind blies aus
Nordost und wühlte eine ganz blöde See auf. Während der Nacht wurde es mulmig.
Von neun Uhr abends bis sieben Uhr morgens hatten wir 6-8 Windstärken. Die
Segel mussten runter, um die Fahrt durch das Wasser zu bremsen, damit die See
uns nicht überrannte. Trotzdem war das Steuern kritisch. Siggi fühlte sich
unwohl, so dass ich die ganze Nacht hindurch steuern musste, da die
Selbststeueranlage die Situation nicht meistern konnte.
Der Wind drehte auf Südwest, und es wurde immer ungemütlicher dagegen
anzubolzen. Es war nicht nur Wind, der Schwierigkeiten bereitete, es war eine
verflixt hohe Dünung, die, wie es schien, von Südwest bis auf Nordwest
anrollte.
Es war stockdunkel, als wir Casablanca mitten in der Nacht anliefen. Die
Navigationslichter vermischten sich dermassen mit dem Lichtermeer der Stadt,
dass es unmöglich war genau zu navigieren. Und Casablanca ist kein Hafen, in
dem man die Richtfeuer – die wir einfach nicht ausmachen konnten – ausser
Acht lassen kann. Um sicher zu sein ankerten wir bis Tageslicht aufkam.
Wir hatten viel Wasser unter uns, aber näher unter Land zu ankern
getrauten wir uns nicht. Die Wassertiefe schwankte durch die Dünung nämlich
zwischen 10 und 20 Fuss; und wir hörten deutlich die brechende Brandung an
Land. Dazu tanzte Thlaloca, bewirkt durch Tideneinfluss und Wind,
andauernd um den Anker. An Ruhe für uns war nicht zu denken, denn immer bestand
die Gefahr, dass der Anker sich löst und wir dann landwärts treiben. Wenn das
schon eine Strapaze war, war das, was folgte, zum Heulen: die Ankerleine hatte
sich zwischen Ruder und Leitkopf verfangen. Ob ich wollte oder nicht, ich musste
in das kalte Wasser. Im Licht der Taschenlampe, die Siggi, über das Heck
gebeugt hielt, arbeitete ich eine halbe Stunde lang wie besessen, um die Leine,
die unter Zug stand, frei zu bekommen. Nach getaner Arbeit graute schon bald der
Morgen, und wir waren bereit in den Hafen einzulaufen.
Aber so schnell ging das auch wieder nicht. Wie der Teufel es wollte,
stand die Ankerleine gestreckt unter dem Rumpf. Sie hatte sich in der Schraube
unseres Motors vertörnt und bewirkte den Bruch der Schockfeder, welche die
Schraube an die Kurbelwelle verankert. Wo ist die Ersatzfeder? Während Siggi
dem Hafen zusegelte, suchte ich wie besessen nach der Ersatzfeder, denn Wind und
Tidenstrom waren so verzwickt, dass Motorhilfe jeden Augenblick notwendig werden
könnte. Endlich fand ich die Feder, reparierte den Schaden, und der Motor lief!
Im Hafen fanden wir einen Liegeplatz zwischen einem Motorboot und einer
Segelyacht. Der Platz selbst und die ganze Umgebung machte einen desolaten
Eindruck, aber wir waren erst einmal froh, zum Weihnachtsfest in einem Hafen
sein zu können. Das Klubhaus war im marrokanisch-französischen Stil, prunkvoll
ausgestattet und für das Fest geschmackvoll dekoriert. Dort wurden wir auch
sehr freundlich aufgenommen, und die gesamte Anlage mit Klubräumen und Duschen
stand uns zur Verfügung.
Die Stadt ist faszinierend – abgesehen von den vielen armen Menschen,
die erbärmlich herumliefen. Manche konnten nicht laufen und benutzten ein
Fahrgestell ähnlich wie es ein Mechaniker verwendet, um unter einem Fahrzeug zu
arbeiten. Manche dieser Menschen waren so verkrüppelt, dass sie kaum noch als
solche zu erkennen waren.
Der Markt war wohl das Interessanteste für uns, denn dort konnte man für
nur Pfennige das beste Obst und Gemüse kaufen. Es gab auch einen „Weissen“
Markt. Dort kauften die Europäer, allerdings zu stark erhöhten Preisen.
Im Yachtklub machten wir Bekanntschaft mit einem Bank-Präsidenten und
seiner Frau, Jacques und Michele Daignault, beide Kanadier, die in ihr Haus
einluden. Er wollte uns zu einer bestimmten Zeit vom Klub abholen, aber wir
winkten ab: Wir werden das Haus schon finden. Kein Problem! Nun, wir kamen in
der Stadt zu einem Punkt, wo wir nicht mehr wussten, wo es weiter ging. Wir
fragten einen Araber nach der Strasse. Ohne ein Wort zu sagen, winkte er uns ihm
zu folgen. Der gute Mann lief . . . und lief . . . und wir folgten. Langsam
wurde uns unheimlich zumute. Wohin führte er uns? Endlich kamen wir vor dem
gesuchten Haus an, und wir waren glücklich, dass er uns nicht irre geleitet
hatte. Wir vermuteten, dass der Mann den Weg extra lang gemacht hatte, um ein
handfestes Bakschisch zu kassieren. Aber der Gute verschwand wortlos, wie von
der Erde verschluckt. Wir waren perplex!
Wir verbrachten mit den Daignaults einen schönen Nachmittag, mit Kaffee
und Kuchen, und tauschten unsere Erlebnisse aus.
Auch die wunderschönen Parks waren begehrte Anziehungspunkte. Wir sassen
auf einer Bank und bewunderten die gepflegten Anlagen. Auf einer anderen Bank,
schräg gegenüber, sassen zwei Araber. Vorerst geschah nichts Aussergewöhnliches.
Aber als sie sich, wie zwei Schwule, unter den langen, uebergrossen Gewändern
unaufhörlich befummelten, waren wir ganz Auge und Ohr. Zehn Minuten später
waren sie immer noch damit beschäftigt, bis jeder ein lebendes Huhn zum
Vorschein brachte. Anscheinend werden Geschäfte solcher Art hier unterm Mantel
absolviert.
Von den Daignaults bekamen wir eine Einladung, mit ihnen einen Nachtklub
zu besuchen. Auf der Bühne wurden allerlei Vorführungen veranstaltet. Das
interessanteste waren Bauchtänzerinnen, die ihr Handwerk wirklich verstanden.
Danach kam für uns die Überraschung: Wir wurden auf die Bühne gebeten, und
ein Herr gab unseren Lebenslauf preis.
Am Ende überreichte man uns eine Urkunde, die lautete: „For the navigateur
chevronné and his very brave wife“. Wir hatten die Würdigung Mister
Daignault zu verdanken!
Wir nutzten den Tidenhub von mehreren Metern: Wir setzten Thlaloca
entlang einer total ölverschmierten Kaimauer auf Grund und gaben ihr einen
neuen Unterwasseranstrich. Über den genaue Höhe und Zeit des Hubs wurden wir
falsch beraten, und auf Grund dessen hatten wir um ein Haar das gleiche Theater
wie in Durban, Südafrika. Unter Arabern ist das meistgesprochene Wort,
Bakschisch. Und so hatten wir den Mann in Verdacht, der dass alles arrangiert
hatte, uns so lange wie möglich am Ort zu binden. So freundlich Araber sein können,
so sind sie zu oft auch falsch.
Am 1. Januar 1972 liefen wir aus. Der Wind blies leicht aus Südwest,
aber die Dünung war so hoch, dass wir im Tal ohne Wind waren. Fünf Stunden später
waren wir wieder zurück und ankerten hinter der Mole. Es war einfach zwecklos
weiterzusegeln.
Zwei Tage später ein neuer Versuch. Wir lichteten den Anker und setzten
Kurs auf die Kanarischen Inseln. Zu Beginn hatten wir kaum Wind, und die Dünung
war moderat. Spät abends erst, endlich, hatten wir eine vernünftige Brise,
welche durch die Nacht anhielt. Doch mit der aufgehenden Sonne verliess sie uns.
Wir errechneten unsere Position und waren mit 80 Seemeilen in 28 Stunden
zufrieden. Es war die Flaute vor dem Sturm!
Ein Freund von uns, Peter Tangvelt, schrieb in seinem Buch, dass er während
seiner Weltumsegelung das schlimmste Wetter zwischen Marokko und den Kanarischen
Inseln erlebt hatte. Ob es für uns das schlimmste Wetter war, können wir nicht
so leicht sagen, denn viele Faktoren spielen bei dieser Beurteilung mit: nicht
nur Wind und Seegang, auch der Seeraum beispielsweise und die Wassertiefe —
wir bewegten uns hier auf 40 Faden
Wassertiefe! Jedenfalls waren für uns die folgenden 12 Stunden die Hölle auf
Erden. Der Wind drehte auf Südwest und blies mit Orkanstärke durch die Wanten.
Unsere Rettung lag im Lenzen vor dem Sturm. Siggi war seekrank und fühlte sich
elend. Mir ging es nicht viel besser. Ich glaubte, es brauchte nur eine der
haushohen Sturzseen hinter uns, um das Boot zu begraben, und das könnte leicht
das Ende sein. Aber das hatten wir schon vorher einige Male erlebt und waren
heil durchgekommen. Und wir vertrauten darauf, dass es dieses Mal genau so sein
würde. Viel mehr waren meine Gedanken damit beschäftigt, wie lange ich es an
der Pinne aushalten kann. Denn bei dieser mörderischen See war Beigedreht
Liegen unmöglich.
„Es ist viel Wasser im Boot,“ schrie Siggi lautstark, um sich im
heulenden Wind verständlich zu machen. Oh, weh, dachte ich, auch das noch.
Jedenfalls war es z.Zt. unmöglich zu untersuchen, woher es kam. Siggi musste
daher in ihrem elenden Zustand Wasser schöpfen. Doch musste immer der genaue
Zeitpunkt abgepasst werden, um die Luke zu öffnen und den Eimer im Cockpit zu
entleeren. Wir verpassten ihn einige Male, und als „Belohnung“ hatten wir
mehr Wasser im Boot als vorher.
Zwölf Stunden später war der Wind auf 25 Knoten runter. Nach Errechnen
unserer Position stellten wir entsetzt fest, dass wir 50 Seemeilen durch Abtrieb
verloren hatten. Dazu noch der Wassereinbruch; wir fanden einen undichten
Wasserablauf im Cockpit als Übertäter. Total erschöpft entschieden wir uns,
nach Casablanca zurückzulaufen, weit war es sowieso nicht mehr!
Unsere erneute Ankunft im Yachtklub war für die Mitglieder keine Überraschung,
denn sie waren über den Sturm genau informiert; schon deshalb, da der Hafen für
ein und auslaufende Schiffe gesperrt werden musste — und
bei unserer Ankunft immer noch geschlossen war.
Tag für Tag blies der Wind aus Südwest. Das Wasser im Hafenbecken war
manchmal so bewegt und das Boot zurrte dermassen hart an den Festmacherleinen,
dass es unmöglich war, Nachtschlaf zu finden.
Wir hatten alles Material an Bord, um den Boden des Cockpits zu
reparieren. So waren wir in kurzer Zeit wieder seeklar.
Es war schon der 21. Januar, und wir waren immer noch hier. Ich ging
zum Hafenamt, um eine Wettermeldung zu bekommen. Bei dieser Gelegenheit
beobachtete ich ein einlaufendes grosses Containerschiff. Ausserhalb der langen
Mole, von wo aus das Schiff die Richtfeuer ansteuerte, bewegte es sich quer zu
der hohen Dünung, und ich vermutete jeden Augenblick, dass es sich von dem
extremen Rollen nicht mehr erholte und auf einer Seite liegen bleiben würde.
Dass nichts passierte, belegt den Fortschritt in der modernen Schiffstechnik.
Der Meteorologe versprach nur leichten Wind, aber sehr hohe Dünung für
die nächsten Tage. Somit bestand die Möglichkeit, dass der Hafen erneut
geschlossen werden musste.
Nun, die Gefahr einer hohen Dünung ist in den Wintermonaten, wenn
westliche Stürme im Nordatlantik die Wassermassen in Bewegung setzen, die
entlang der marokkanischen Küste auslaufen müssen, immer ein Problem. Aber
diese Gefahr ist für grosse Schiffe beim Ein- und Auslaufen viel grösser als für
uns. Wir liefen aus.
Als wir das Ende der Mole passierten, ging es in die verflixte Dünung.
Wir würden uns die glücklichsten Menschen schätzen, wenn wir diesen blöden
Hafen und die marokkanische Küste endlich hinter uns haben würden.
Der Wind blies aus Nordost, also genau aus dem Quadrant, den wir uns wünschten.
Am folgenden Tag stieg er auf 35 Knoten an. Das Meer war wild und unberechenbar,
wir mussten per Hand steuern. Zeitweise brachen die Sturzseen zu gefährlich und
wir mussten alle Segel bergen. Später setzten wir unser kleinstes Segel –
etwas über 2 m² – und baumten es aus. Es war jenes Segel, welches wir
im Indischen Ozean zusammengenäht hatten. Nach fünf Segeltagen liefen wir in
den Hafen von Lanzerote ein. Längsseits der amerikanischen Segelyacht Belle
Kinney fanden wir in dem engen Fischereihafen einen Liegeplatz.
Der Hafen ist teilweise durch ein vor ihm liegendes Riff geschützt. Am nächsten
Tag waren wir erschüttert, als ein grosser moderner Fischkutter, dessen Skipper
die Einfahrt wie kein anderer kennen sollte, mit voller Fahrt auf das Riff
auflief und in wenigen Minuten bis zum Deck absackte. Die folgende
Rettungsaktion war für uns Zuschauer ein spannendes Erlebnis – für den
Eigner allerdings das traurige Ende eines schönen Schiffes und, weiss Gott,
vielleicht noch viel mehr!
Wir segelten zur nächsten Insel, Gran Canaria. Der Hafen Las Palmas ist
gross und war total mit Öl verschmutzt. Doch bietet die Stadt den Seglern vorzügliche
Einkaufsmöglichkeiten, die wir, mit Blick auf die kommende Langfahrt, voll
ausnutzten. Zudem gab es noch einen regen und billigen Busverkehr, der dem
Besucher ermöglicht, die landschaftlichen sowie kulturellen Leckerbissen der
Insel zu erkunden. Mit uns auf Reede lag ein deutscher Wattenkreuzer, Spöker,
mit Eigner Helmut Erdmann – ein Cousin von Wilfried Erdmann, dem bekannten
deutschen Weltumsegler. Wir besuchten uns gegenseitig, und wir wollten uns in
den Westindischen Inseln wiedertreffen. Leider ist er zwischen Barbados und
Martinique verschollen. Am 7. Februar
1972 ging es los. Der Wind war wechselhaft und das Meer konfus. So etwas ist
zwischen Inseln, wo Land und Strömungen die Elemente beeinflussen, nichts Ungewöhnliches.
Für Schiff und Besatzung ist das allerdings unangenehm, und man hofft, dass der
Wind wenigstens mitspielt, um sich so schnell wie möglich frei zu segeln. Mit einem
steifen Nordost von hinten machten wir täglich grosse Etmale. Obwohl diese auf
der Seekarte, die einen ganzen Ozean umfasst, nur als kurze Strichen zu erkennen
sind, ist und bleibt die Navigation wohl eines der interessantesten Beschäftigungen
einer Ozeanüberquerung. Vorerst ist es egal, ob man sich 5 oder 10 Seemeilen
von der exakten Position befindet. Und es ist fraglich, ob man mit Sextanten und
Uhr von einer extrem wackeligen Plattform überhaupt eine genauere Position
errechnen kann. Kritisch ist der letzte Tag, wenn es zum Vorteil ist, so genau
wie nur eben möglich zu wissen, wo man ist. Wenn
Navigieren zweifellos die wichtigste Beschäftigung im Seeleben bedeutet, so
stehen tägliche Mahlzeiten an Wichtigkeit nicht weit dahinter. Für mich ist
Siggi Weltmeister der Kochkunst; und was sie mit beschränkten Mitteln auf die
Back zaubern kann ist erstaunlich. Ob Sonnenschein, Regen oder Sturm, Siggi
sorgt unermüdlich für das leibliche Wohl. Die Zubereitung von warmen, kraftstärkenden
Mahlzeiten auf einer schwankenden Hochseeyacht erfordert extreme Überwindung
und Disziplin. Und so ist Siggi als Bordfrau alles, was man sich darunter
vorstellt – klug, zäh, pflichtbewusst und exzellente Seglerin! Dank
eines steifen nordöstlichen Windes schaffte Thlaloca in den ersten vier
Tagen 120 Seemeilen pro Tag. Danach wehte es leicht und unbeständig; und
manchmal hatten wir totale Flaute. Während einer dieser Flauten lagen wir
nachts in den Kojen, als wir durch einen harten Schlag an der Steuerbordseite
aus dem Schlaf gerissen wurden. Danach ein Kratzen am Rumpf. Wir begaben uns an
Deck, und im Lichtstrahl der Taschenlampe sahen wir, wie ein grosser Hai um Thlaloca
kreiste. Wir legten uns wieder hin. Weitere Kratzer folgten; wir lauschten noch
eine Weile, bis uns dann der Schlaf überkam. Das nächste
Ereignis, war ein Shell-Tanker, der Kurs wechselte und uns ganz nahe kam. Seine
zwei Blasssignale erwiderten wir mit unserem kleinen Nebelhorn. Es war eins von
zwei Schiffen, die wir voll als solche auf diesem Törn sichteten. Nachts sahen
wir manchmal Lichter, die uns ermahnten, immer ein wachsames Auge zu halten. Als
Erstes galt unser Besuch der Eisdiele Tasty Freeze. Mit diesen süssen
Leckerbissen gesättigt, mischten wir uns unter die Touristen und strolchten
durch die Geschäfte. Vieles war uns noch von 1966 her bekannt, aber nach einer
Langfahrt sehnt man sich nachgerade, die Zivilisation –sprich die Geschäftswelt
– zu erkunden. Mit sehr
leichtem Wind und einer schrecklich kabbeligen See segelten wir dann zur Insel
Grenada. Sie ist die südlichste Insel der Grenadinen und liegt fast am Ende der
langen Kette der Windward Inseln. Dort fanden wir mit viel Glück in der „Lagune“
zwischen den vielen Yachten einen Ankerplatz. Wir trafen Frank Casper mit seiner
Yacht Elsie wieder. Er war in denselben Jahren wie wir um die Welt
gesegelt. Wir trafen uns damals in den Haupthäfen rund um die Welt immer wieder.
Sein Schiff war eine 10-Meter Kutteryacht und wurde kurz nach dem Krieg für
einen Mann namens Hannes Lindemann in Deutschland gebaut. Der Originalname der
Yacht war Liberia. Lindemann wurde in den fünfziger Jahren weltbekannt,
nachdem er ein Klepper-Faltboot über den Atlantik gepaddelt hatte. (Im Jahre 1975
segelten wir mit unserem neuen Schiff Thlaloca Dos von Florida zu den
Bermudas. Via Briefverkehr informierte uns Frank, dass er fast zur gleichen Zeit
von St. Thomas aus ebenfalls zu den Bermudas segeln wollte. Dort warteten wir
vergebens auf seine Ankunft. Später erfuhren wir, dass er am Südende der
Bermudas auf ein Riff gelaufen war und dabei sein Schiff und Leben verloren
hatte. Frank war Seemann ersten Ranges; uns war er ein guter Freund geworden.
Wir werden ihn nie vergessen.
Frank Casper und seine Elsie Eine
andere Person, Mike, (nur seinen Vornamen erinnerten wir noch) trafen wir überraschend.
Wir hatten uns in Durban, Südafrika, kennengelernt und später in St. Helena
getroffen. Er war derzeit Crew auf der englischen Yacht Salaamat, die
Kurz danach auf einem Riff bei Antigua verloren ging. Granada
ist eine wunderschöne Insel. Die vielen Buchten mit glassklarem Wasser und
Sandstränden waren für uns Tummelplätze für eine ganze Woche.
Leider gehört auch diese Beschäftigung zum segeln Unser nächster
Ankerplatz war die Chatham Bay, an der Westseite von Union Island. Wir waren das
einzige Boot dort. An Land sahen wir nur ein Haus, ansonsten kein Lebewesen. Um
6:30 Uhr am nächsten Morgen lichteten wir den Anker und segelten wunderbar bis
zur Insel Canouan, wo wir in der Charlestown Bay ankern wollten. Nach der Karte
zu urteilen, ist die Bucht überall sehr seicht. Wir tasteten uns an das Land
heran, bis wir auf drei Meter Wassertiefe ankerten. Später paddelte ein
Insulaner zu uns rüber und wollte uns Conch-Muschel verkaufen. Nun, ich esse so
etwas sowieso nicht, und Siggi hatte keine Lust, sie nur für sich zuzubereiten.
Über Nacht kam ein starker Wind auf, und wir mussten Ankerwache schieben. Wir
waren froh als der Morgen graute und wir weitersegeln konnten. Der
starke Wind begleitete uns zur nächsten Insel, Bequia, wo wir in der Admiralty
Bay ankerten. Diese Insel ist auf Grund ihrer aussergewöhnlichen Schönheit der
Anziehungspunkt vieler Yachten, meistens Charteryachten. Wir machten ausgedehnte
Spaziergänge auf Bequia, und bei dieser Gelegenheit wurde uns bewusst, dass die
Einheimischen schottischer Herkunft waren; ihre Vorfahren waren durch die
Ansiedlungspolitik der britischen Regierung dorthin verpflanzt worden. Man
sollte annehmen, dass diese sich schon wegen der klimatischen Verbesserung kaum
beschwert haben. Wir bereicherten unser Logbuch durch viele Adressen neuer
Bekanntschaften. Wohl das
Unbequemste bei der Segelei von einer Karibik-Insel zur anderen ist das ständige
Ein- und Ausklarieren, da heutzutage jede grössere Insel ein selbstständiger
Staat ist. Wir
setzten dann Kurs ab auf St.Vincent, die Verwaltungsinsel der Grenadinen, die
nur 10 Seemeilen entfernt liegt. Es war ein harter Törn gegen Strömung und
eine irre See. Im Hafen von Kingston ankerten wir zwischen eigenartig gebauten
einheimischen Schiffen. Der Ort hatte einen schlechten Ruf. Diebstähle und
kriminelle Anschläge, bis zum Mord, waren an der Tagesordnung. Aber wir wollten
uns für die Weiterfahrt günstig proviantieren – wenn es denn in den
Westindischen Inseln so etwas überhaupt gibt. Und infolgedessen mussten wir
auch diese Chance nutzen. Vorgewarnt, hatten wir Bedenken, unser Schiff ausser
Sicht zu lassen. An Land wurden wir sofort von einer Schar bettelnder Kinder
verfolgt, die unser Beiboot bewachen oder als Fremdenführer dienen wollten. Wir
gaben dem anscheinend Stärksten unter den Buben ein paar Cents, um unser
Beiboot zu bewachen. Einen anderen heuerten wir an, unsere Taschen zu tragen.
Die anderen mussten wir einfach ignorieren. Nach der Rückkehr bemerkte Siggi,
dass sie ihre kostbare Sonnenbrille im Supermarkt liegen lassen hatte. Unser „Taschenträger“
war sofort bereit, diese zu holen — ob sie dort noch aufzufinden sein würde,
war aus unserer Sicht wohl nur ein frommer Wunsch! Aber siehe da, der Bursche
erschien mit der Brille. Das war schon eine Dollar-Belohnung wert. Wir
segelten an St.Vincent entlang zu der etwas nördlich gelegenen Wallilabu Bay.
Eine halbe Seemeile vor der Einfahrt kamen drei Kanus, beladen mit einem Dutzend
Burschen, auf uns zu und hängten sich an Thlaloca, um zu betteln. Wir
machten kaum mehr Fahrt, und trotz all’ unserer Drohungen liessen sie erst
ganz kurz vor der Einfahrt los. Wir ankerten in der sehr schönen Bucht. An Land
wohnten Clive und Eileen Stevenson, ein englisches Ehepaar, Mitglieder desselben
Klubs, dem auch wir angehören, The Ocean Cruising Club. Innerhalb von
vier Jahren hatten sie sich ein sehr nettes Häuschen gebaut und verdienten
ihren Lebensunterhalt im Kunstgewerbe. Siggi war einfach hingerissen von dem,
was sie alles anboten, besonders der Batik-Malerei. Ein Törn
nach Norden, entlang der Inselkette ist immer schwer. Besonders wenn der
Passatwind mit voller Stärke weht, bläst es stürmisch zwischen den Inseln.
Bevor wir eine der Passagen passierten, kreuzten wir erst einmal so nahe wie möglich
unter Land, refften das Grosssegel, setzten das kleinste Vorsegel und machten
dann den „Hops“ quer über die Enge. Wir waren dann immer pudelnass, und
doch war es ein sportliches Erlebnis. Leider
nicht immer! Schon sehr früh, um 6:30 Uhr, segelten wir zur nächsten
Insel, St. Lucia. Wie es der Teufel wollte, hatten wir den Wind vorerst genau im
Gesicht. Thlaloca hopste in der aufgewühlten See wie ein Bronco; es war
frustrierend. Sobald wir aus dem Lee St.Vincents herausgekommen waren, drehte
der Wind mehr östlich, blies dafür aber mit bis zu 25 Knoten. Selbststeuernd
segelte Thlaloca brav ihrem noch fernen Ziel entgegen. Tonnenweise fegte
das Wasser über das Boot, und die heissen Sonnenstrahlen trockneten das Wasser
zu einer dicken Salzschicht. Auch wir waren mit einer dicken Salzkruste bedeckt
und ähnelten eher Schneemännern als Seeleuten! Es war
schon dunkel als wir St. Lucia erreichten. Wir entschlossen uns, bis Martinique
weiterzusegeln. Unsere Erwartung war, dass nachts der Wind weniger und die
offene See nicht so wild sein würde. Wir erreichten so die Insel am späten
Nachmittag des folgenden Tages. Der Weg nach Fort de France ist lang und genau
gegen den Wind, der mit den üblichen 25 Knoten blies. Die See war sehr
holperig, und wir machten kaum Fahrt. Als Belohnung winkte am Ende wieder einmal
echte Zivilisation. Man muss es den Franzosen schon lassen, ihre Kolonialpolitik
steht weit über der der Engländer. Etwas, was wir während unserer
Weltumsegelung schon festgestellt hatten. Die Engländer waren gross darin, die
intelligentesten Burschen unter den Eingeborenen in Oxford oder Cambridge zu
einer Elite auszubilden. Nur war diese Elite nach der Rückkehr genau so korrupt
wie die Herren, die sie ablösten. Die Leidtragenden waren und sind das arme
Volk, das im Schatten dieser verfehlten Politik nie das Licht am Ende eines
Tunnels sehen wird. Jede
Insel hat ihren besonderen Reiz, so auch Martinique. Auf unseren Spaziergängen
erfuhren wir, wie freundlich die Insulaner waren. Geradezu erwartungsvoll waren
sie bereit, uns benötigte Auskunft zu geben. Wie vor
jeder Weiterfahrt, wollte ich auch dort Proviant einkaufen. In der Realität
fanden ich mich wieder, als ich einem der Supermärkte aufsuchte. Plötzlich
wurde mir klar, dass die hiesigen Preise für einen Langfahrtsegler mit beschränkten
geldlichen Mitteln unerschwinglich waren. So entschied ich mich, nur das Nötigste,
wie Gemüse, Brot und etwas Frischfleisch zu kaufen. Konserven hatten wir noch
zur Genüge an Bord. Geschenke wie Insel-Souvenirs, Holzschnitzereien, für
unsere Lieben in Kanada, waren auf meiner Einkaufsliste. Doch die Preise für
das was mir gefiel waren übrezogen hoch, und da es ja nicht unser letzter Hafen
war, gab ich mein Vorhaben auf. In den Bahamas hatte ich ja noch eine Chance.
Die
erholsamsten und romantischsten Stunden für Hein und mich begannen kurz nach
dem Dunkelwerden, wenn sich Fort de France in ein Meer von funkelnden Lichtern
verwandelte. Wir sassen dann im Cockpit und bewunderten die Umgebung, wo sich in
den Bergen unzählige Lichter mit dem Sternenhimmel vereinten. Dazu wehte ein
leichter lauer Wind zu uns rüber, getränkt
mit eigenartigen Inselgewürzen. Bei sanfter Musik aus dem Radio schlürften wir
mit grösstem Vergnügen unsere „gin and tonics“ .Glücklich und in
Erwartung neuer Eindrücke begaben wir uns zur Ruhe. Von dort
aus segelten wir entlang kleiner Fischerdörfer, wo Hütten im Schatten von
Palmen lagen. In der Dunkelheit erreichten wir Dominika und ankerten im Lee der
Insel. Es war das erste Mal, dass wir einen elektronischen Tiefenmesser an Bord
hatten, der das Navigieren in seichten Gewässern bedeutend erleichtert. Bei
aufgehender Sonne segelten wir zur Prince Rupert Bay und klarierten in Plymouth
ein. Ausser einer Bäckerei, die ich sofort aufsuchte, hatte der Ort nicht viel
zu bieten. (Einige Jahre später, kurz vor unserem zweiten Besuch, wurde dort
ein deutscher Segler ermordet.) Doch ohne Zweifel ist Dominika eine der
interessantesten Inseln in der Karibik. Das Innere ist urwaldsartig, durchzogen
mit einem hohen Gebirgszug, wo rauschende Wasserfälle und Bergseen
Anziehungspunkte der Touristen sind. Die Krönung aller Attraktionen ist aber
der Indian River, den wir in unserem Beiboot besuchten. Der kleine Fluss gräbt
sich förmlich wie ein Tunnel durch den grün wuchernden Urwald.. Das Wasser ist
erfrischend kühl und lädt direkt zum Baden ein. Das dichte und starke
Wurzelgewirr sogenannter Mantrees gibt dem Fluss seinen eigenen Charakter. Es
ist ein Erlebnis, das niemand missen sollte. Aber, leider, wo der Tourismus
einmal festsitzt, hat der einfache Besucher die Eigenständigkeit verloren. Beim
zweiten Besuch ging schon alles über das dortige Touristenbüro, mit Fremdenführer
und Geld natürlich — und die
Benutzung eigener Wasserfahrzeuge war verboten! Unser
nächster Stop, die Le Saint,; eine sehr schöne Inselgruppe südlich von
Guadeloupe. Begleitet wurden wir von viel Wind und Regen. Wir waren froh, als
sich der Anker festgebissen hatte und wir uns für ein paar Stunden hinlegen
konnten. Die Bucht, in der wir vor Anker lagen, ist wirklich vorzüglich geschützt,
und die umliegende Landschaft attraktiv. Auf einer Anhöhe liegt eine Burg
namens Napoleon, der unser nächster Ausflug galt. Für unsere für Landgänge
ungeeigneten Seebeine war der steile Weg gar nicht einfach.. Wir mussten uns
gegenseitig ermutigen. Aber es lohnte sich. Das Wetter kooperierte, so dass uns
ein weiter Rundblick vergönnt war. Wir beobachteten einen zauberhaften
Sonnenuntergang, den wir auf Bildern festhielten und die uns heute noch Freude
bereiten. In den folgenden zwei Tagen fiel tonnenweise Regen. In
Deshaves, einer Bucht am nördlichem Ende von Guadeloupe, fanden wir einen
angenehmen Ankerplatz. Dort warteten wir auf einen günstigen Wind für den
40-Seemeilen-Törn nach Antiqua. Diese Insel, wie viele andere in der Karibik,
war im siebzehnten Jahrhundert begehrte Besitzung europäischer Nationen,
vornehmlich der Franzosen und Engländer, die in Seeschlachten jeweilig die
Oberhand gewannen. Auf Antigua waren es schliesslich die Engländer. Die
Wartezeit vertrieben wir uns mit Landgängen und Besuchen auf anderen Yachten. Antiqua,
oder besser gesagt English Harbour, hat eine ganz verzwickte Einfahrt, und es
war wichtig, diese noch bei Tageslicht zu finden. Ausserdem musste man noch
vorlagerte Riffe beachten. Wie schon vorher erwähnt, liefen dort unsere
Bekannten aus den Jahren 1965-66 auf ein Riff und verloren ihre Yacht, die
Salaamat. Mit 20
Knoten Ostwind sauste Thlaloca durch die aufbäumende See und war mehr
Unterseeboot als Segelyacht. Acht Stunden später segelten wir durch die enge
Einfahrt und ankerten im idyllischen Hafen. Nach dem Einklarieren verholten wir:
Wir vertäuten das Heck am Kai und ankerten über den Bug. Das
Hafenbecken ist gross und vollkommen geschützt, und für einen Flottenstützpunkt
geradezu einladend. Der englische Admiral Horatio Nelson, einer der grössten
Helden in der englischen Seegeschichte, war dort viele Jahre stationiert und für
die Entwicklung verantwortlich. Ausgedehnte Hallen wurden errichtet, die alle Güter
zur Versorgung einer Flotte beinhalteten; dazu Werkhallen, um alle Reparaturen
an Schiffen zu verrichten. Das war vor 200 Jahren. Dieses Gelände ist heute
noch als Nelsons Dockyard benannt. Zur Zeit unseres Besuches waren die meisten
Bauten fast nur noch Ruinen. Aber die Erkenntnis, dass man auch mit Ruinen Geld
machen kann, wurde von der Regierung genutzt und gefördert. Wie jede andere
Regierung in der Welt, krankte auch Antiguas Regierung chronisch an
Geldknappheit. Man schuf eine Organisation, „Friends of English Harbour“.
Nach all dem, was man hört, wird sehr viel getan, den Touristen diesen
historischen Leckerbissen schmackhaft zu machen. (Wir konnten uns 1983 selbst
davon überzeugen). Mit so
vielen Yachten im Hafen war es kaum ein Wunder, dass jemand auf den genialen
Gedanken kam, eine Party einzuberufen — ganz romantisch am Strand, unter einem
vollen Mond. Zum Grillen der mitgebrachten Fleischwaren sollte schon ein Feuer
brennen. Aber als wir mit unseren Würstchen und Kartoffelsalat anmarschierten,
war von einem Feuer nichts zu sehen. Ohne Zweifel waren Bier und Alkohol
beliebtere Nahrungsmittel, denn die „Bierleichen“, die verstreut herumlagen,
waren nicht zu übersehen. Nun,
wir bauten uns eben selbst von den herumliegenden Krokonussschalen ein Feuer.
Als diese fast ausgebrannt waren, ging ich mit einem Beil in das naheliegende
Gestrüpp und hackte einige Bäumchen um und schürte damit das Feuer. Es war
sehr warm und der Schweiss lief in Strömen. Um sehen zu können, wischte ich
mit der blossen Hand den Schweiss aus meinen Augen. Etwas später fingen meine
Augen wahnsinnig an zu brennen. Ich ging ins Wasser und säuberte Augen und
Gesicht, so gut ich konnte. Es wurde nicht besser. Zurück an Bord brannten
Augen und Gesicht wie Feuer, und ich ahnte, dass etwas Schreckliches passiert
war: Eine Manchanille-Vergiftung! Augen,
Ohren, Mund formten sich zu dicken Wülsten. Ich war blind und die Schmerzen
waren fast unerträglich. Um zwei Uhr nachts lief Siggi zur Dockyardwache und
rief ein Taxi an, das mich zum Krankenhaus brachte. Dort informierte uns der
Arzt, dass es kein Mittel zur Linderung gibt. Der Körper muss die Vergiftung
selbst verarbeiten. Wie lange es dauern wird, käme auf die Konstitution des
Einzelnen an! Es folgten drei meiner schlechtesten Tage in meiner Erinnerung.
Gott sei Dank hatte ich meine fürsorgliche Siggi und viele Seglerkameraden, die
mir immer hilfsbereit beistanden. Heute wird in jeder Ecke und Kante mit
Plakaten vor dieser Pflanze gewarnt. Der
Polizeikommissaar — der auf Grund seines diktatorischen Benehmens allgemein
Idi Armin genannt wurde — regierte im Nelsons Dockyard mit „eiserner
Hand“. Zum Beispiel: Im Hafen lag eine britische Charteryacht vor Anker. Die
zahlreiche Besatzung, Männchen wie Weibchen genossen skinny-dipping (Nacktbaden).
Idi Armin holte, begleitet von seinem ganzen Wachpersonal, die gesamte Crew mit
Motorboot von der Yacht ab und lochte sie ein. Was für ein Theater! Wir, die
Beatzungen der umliegenden Yachten, verloren als Zuschauer morgendliche Vorführungen;
die skinny-dipper ihre Freiheit. Der erste Protest kam vom Hohen
Kommissar, als Vertreter der britischen Krone. Jedenfalls gingen die Argumente
hin und her. Was Siggi und ich letztlich daraus lernten, war Idi Armins
Argument: „Während der letzten zwei hundert Jahre waren wir Schwarzen bei
euch Weissen in der Lehre. Unsere Frauen brauchten nur blosse Arme zu zeigen,
schon wurden sie der Familie entrissen und zur Busse in den Urwald gejagt. Heute
kommt ihr Moralisten auf unsere Insel und denkt, ihr könnt machen was ihr
wollt No way!“ Wo liegt das
Recht, wo das Unrecht? Für uns war und ist es in jedem Fall ein Gebot, die
kulturellen Eigenschaften eines Landes zu achten. Und wenn wir weiterhin die „grosse
Freiheit“ geniessen wollen, ist es ratsam, unsere eigenen Angewohn- heiten zu
zügeln. Wenn wir es nicht tun, wird unser Bewegungsraum durch immer mehr
Gesetze eingeschränkt — wie es an der Ostküste der USA, entlang des
Intracoastal Waterways, häufig der Fall ist. Leider ist es allerdings so, dass
der Massentourismus, verbunden mit dem mighty Dollar oder Euro, lokale
Gesetze zum Rückzug zwingt. In
Begleitung der amerikanischen Yacht Allure segelten wir über Nacht zur
französischen Insel St. Barts. Im Hafen Gustavia fanden wir einen Liegeplatz am
Kai. Sie ist eine wirklich schöne Insel. Kein Wunder, dass sie viele Touristen
anzieht; kein Wunder aber auch, dass man für eine Tasse Kaffee kühle 3.50
Dollar hinblättern musste. Dazu verlangte man noch ein Trinkgeld! Dafür aber
konnte man 4 Liter Mount Gay Rum für 6.50 Dollar kaufen. Und die Supermärkte
waren nicht übermässig teuer. Es gab auch ein reichlich bestücktes Bootszubehörgeschäft,
Almers Marine Supply, wo wir für unser geplantes neues Schiff Ausrüstungsgegenstände
kauften, mehr als wir eigentlich sollten. Sie schränkten mit dem, was wir schon
in Gibraltar an Bord genommen hatten, unsere Kojen so sehr ein, dass wir mit
eingezogenen Beinen schlafen mussten. Die Insel
St. Martin liegt nur ein paar Seemeilen entfernt, wo wir in der grossen Bucht
von Philippsburg ankerten. Die Insel ist halb holländisch, halb französisch.
Beide Hälften haben ihren eigenen Charakter. Philippsburg wurde ausschliesslich
für den Massentourismus eingerichtet, wo das Plakat „Duty Free“ unübersehbar
vor jedem Geschäft hängt. Ob hier oder anderswo, diese zwei Worte haben immer
eine magische Anziehungskraft und der Tourist vergisst, dass man viele der
begehrten Artikel in Miami oder New York billiger einkaufen kann. Vielleicht ist
es die Insel-Atmosphäre, die zum Kauf verleitet. Mit uns
vor Anker lag ein Trimaran. Welch eine Überraschung als wir erfuhren, dass der
Skipper Howard Richardson war. Im Jahre 1966 war er in der kanadischen Botschaft
in Kapstadt als Handelsvertreter angestellt. Noch unverheiratet schenkte er
seine Liebe der Kunstsammlerei. In seiner komfortablen Wohnung bewunderten wir
seine Schätze. Der Trimaran, auf dem er lebte, war zur Zeit unseres Besuches in
Kapstadt schon im Bau. Wir freuten uns mit ihm, dass er sein Lebensziel, auf
einem Boot zu leben und die Welt zu sehen, erreicht hatte. Wir
segelten zur naheliegenden Buckinsel. Die Insel und das umliegende Wasser stehen
unter Naturschutz, und Ankern war nur an bestimmten Stellen erlaubt. Das Wasser
war klar, und wir tauchten an den bunten Korallenriffen.. Tex von Allure
harpunierte einige Fische, die wir zum Abendbrot verputzten. Tex war ein
Feuerwehrmann und Shirl, seine Frau, Lehrerin. Ausserdem war Tex ein
Unterwasserschatzsucher, folglich ein ganz ausgezeichneter Taucher und an vielen
Expeditionen beteiligt. Nach
einer ruhigen Nacht segelten wir ganz früh morgens nach Charlotte Amalie auf St
Thomas. Mit fünf Passagierschiffen im Hafen und zwei auf Reede kann man sich
leicht vorstellen, was da los war. Als Hein
am Kai vom Beiboot ausstieg und sein ganzes Gewicht auf sein rechtes Knie legte,
merkte er vorerst gar nichts. Aber das Laufen fiel ihm immer schwerer, bis sein
Knie dermassen angeschwollen war, dass er nicht mehr laufen konnte. Es wurde so
schlimm, dass ich mehrmals einen Arzt rufen wollte — aber er wollte es nicht.
Mit Siggis Fürsorge, so meinte Hein, sehnt man sich direkt danach, krank zu
sein! Hier
trafen wir einen alten Freund wieder, Elmer Bouchelle auf dem Katamaran HoTei.
Wir lernten uns 1963 in Acapulco, Mexiko, kennen. Er war im Chartergeschäft tätig.
Von dort
an war es mit der Inselhopserei vorbei. Grössere Entfernungen mussten übersprungen
werden, um die Bahamas und letzten Endes die USA zu erreichen. So war unser nächstes
Ziel die Insel Inagua, 540 Seemeilen westlich. Wenig Wind und langanhaltende
Flauten ergaben so kleine Etmale, dass die entsprechenden kurzen Striche auf der
Seekarte nur Andeutungen wurden. Am sechsten Tag ankerten wir vor Mathew Town
und klarierten in die Bahamas ein. Allure
motorte zu uns rüber. Wir waren erstaunt, denn an ihrer Backbordseite
schleppten sie einen 3 Meter langen Hai, den sie am Vorabend harpuniert hatten.
Das Biest war mausetot, aber Tex wollte unbedingt durch Aufnahmen verewigen, wie
er mit dem Hai kämpft. Mit einem Dolch quer im Mund und mit Ketchup „blut“
verschmiert, den Rachen des Hais weit offen, posierte er lächelnd als Sieger,
was wir für ihn auf Fotos festhielten. Eine
Yacht nach der anderen trudelte, von St.Thomas kommend, ein. Die meisten von
ihnen kannten wir, u.a. auch die Exoced von Montreal.. Die hatten auf der Fahrt drei Fische gefangen
und gaben uns einen davon. Jon Pierce von der Exoced säuberte ihn für
uns und ersparte Hein die verhasste Schlachterei an Bord. Die
Stechmücken waren furchtbar. Wir waren gezwungen, weit ablandig zu ankern. Am
folgenden Morgen verholten wir und lagen dann geschützt im kleinen Hafenbecken.
Während wir Benzin übernahmen, schickte Hein einen jungen Burschen mit Namen
Leroy los, unsere 6 Wasserkanister zu füllen. Stolz wie ein Pfau kam er
damit zurück, und bis zu unserem Ablegen bestätigte er wiederholt die
exzellente Qualität des Wassers—„very good water, cap’, water is very,
very good, cap’. . .!“ Nachmittags
um drei Uhr segelten wir los. Der Wind war leicht, die Sonne heiss und die See
so holperig, dass wir uns entschlossen, in der Man-o-War Bay, noch auf Inagua,
zu ankern. Dort war eine Salzfarm, und ein deutscher Frachter lag dort vor Anker
und wartete auf Ladung. Um Mitternacht wurden wir durch intensives Summen
geweckt — die verflixten Stechmücken
hatten uns entdeckt. Mit dem Abwehrmittel, das wir in Mathew Town gekauft hatten,
vernebelten wir die Kabine so stark, dass wir bei all der Hitze unsere Schlafsäcke
als Filter über unsere Köpfe ziehen mussten. An Schlaf war nicht mehr zu
denken. In der Folge bevorzugten wir das offene Meer, und liessen uns bei Flaute
einfach treiben. Beim
ersten Morgenlicht ging es weiter. Während der nächsten Tage wehte der Wind
unbeständig, meistens leicht bis Flaute. Die Insel
Little San Salvador war als Ankerplatz eine Ausnahme. Dort ankerten wir im
kristallklaren Wasser, umgeben von einem blendend weissen Strand. Das Bild könnte
leicht als Touristenattraktion dienen (was heute der Fall ist). Ob Columbus, der
hier landete, wohl die gleichen Empfindungen hatte?
Wir setzten Kurs auf Charleston, South Carolina. Sobald wir die Grosse
Bahama Bank hinter uns hatten, packte uns der Golfstrom, der uns in den nächsten
drei Tagen 80 Seemeilen gratis gab. Ein steifer Ostwind stieg auf 25 Knoten an.
Über das Radio hörten wir small craft warning, später eine
Sturmwarnung. Das Meer war wild. Die Bewegungen des Bootes waren total verkorkst,
wir konnten uns kaum in den Kojen halten. Die Nächte waren stockdunkel, und nur
der Lichtschimmer von Floridas Goldküste gab uns das Gefühl, dass wir nicht
ganz allein waren. Ab und zu durchbrachen Navigationslichter anderer Schiffe die
gespenstische Nacht. Wohl selten haben wir uns Tageslicht inniger gewünscht.
Der neue Tag erwachte mit viel weniger Wind und Sonnenschein. Der
Golfstrom glitzerte in seiner eigenartigen Farbe — azurblau, durchzogen mit
goldenem Golfunkraut, in dem sich unzählige winzige Krabben versteckt zu
Hause fühlten. Siggi bereitete ein handfestes Frühstück, und nachdem wir
gegessen hatten, erschienen uns die immer noch starken Bewegungen unserer Thlaloca
nur noch halb so wild. Am fünften Tag nach Verlassen von Freeport segelten wir
in den riesengrossen Hafen von Charleston ein. Das Einklarieren war etwas
problematisch, denn die Behörden waren sich im Unklaren, wie man eine Überseeyacht
einklariert. Vielmehr interessierte sie unser Fahrtenleben — nach unserem
Erfahrungen ungewöhnlich, wenn man die Bürokratie (also Zoll und Immigration)
der USA in Gänze beurteilt! Allgemein ist es verboten, landwirtschaftliche
Produkte von Übersee einzuführen. Als Siggi bemerkte, dass sie nur noch fünf
Zwiebeln in der Kombüse hatte, lachte sich der zuständige Beamte fast krumm.
Zuletzt drückten sie einen Stempel in unsere Pässe und wünschten uns
weiterhin gute Fahrt.
Von Charleston an segelten und motorten wir im Intracoastal Waterway
bis Norfolk, Virginia. Eine ähnliche Reise und wie es von hier aus weitergeht,
haben wir schon im Kapitel XIX und in der EINLEITUNG
beschrieben. So endeten neun Jahre und 55,000 Seemeilen (Eine Distanz von
ungefähr 2½ Mal rund um den Erdball) mit unserem
stolzen Schiff Thlaloca.
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