Homepage

Building

Interior

Engine

Deck & Rig

Photo Albums

Voyages

Book Reviews

Contacts

KAPITEL:

Thlaloca

      II

      III

      IV

      V

     VI

     VII

     VIII

      IX

      X

     XI

     XII

     XIII

     XIV

     XV

     XVI

    XVII

    XVIII

    XIX

     XX

    XXI

    XXII

Kapitel  XXII

Spanien — Kanarische Inseln

 Virginia

      In Sete stellten wir den Mast wieder auf, und am 26. Oktober segelten wir durch die Molenköpfe, Kurs Alicante, Spanien. Der Wind blies hart und kalt und wühlte die See zu Bergen auf. Es war uns klar, dass es höchste Zeit wurde, südliche Zonen zu erreichen, denn das Mittelmeer kann für Segler im Herbst sehr unangenehm werden.

      Gibraltar verlangte Impfschutz gegen Cholera. Das erledigten wir in Malaga. Erstaunlich, welche Hindernisse immer wieder auftauchen, besonders dann wenn man in Eile ist.

     Bis Punta de Gata waren wir mit unserem Fortschritt zufrieden. Ganz anders war es, als wir das Kap umrundet hatten und auf westlichen Kurs weitersegelten. Der Wind blies frisch aus West, und wir mussten dagegen ankreuzen. Dazu war die See so kurz und kabbelig. Es war zum Heulen enttäuschend. Daher erreichten wir Gibraltar erst am 9. Dezember. Dort fanden wir in einem der ausgedienten „Destroyer Pens“ einen Liegeplatz.

     Als es noch ein britisches Weltreich gab, diente Gibraltar der britischen Flotte als sicherer Hafen. Dass der grosse Hafen für Yachten nicht ideal sein kann, liegt auf der Hand, denn die Liegeplätze waren gegen südwestliche Winde vollkommen offen. Wie schrecklich es sein kann, sollten wir erfahren:

     Ein Südwest steigerte sich zum Sturm. An der Hafenmauer zu liegen, wurde immer gefährlicher. So steckten wir mit grösster Mühe einen Anker aus, der am Unterwasserkabel Halt fand – so dachten und hofften wir jedenfalls. (Dieses Kabel wurde von der Royal Navy vor Jahren für diesen Zweck ausgelegt). Man muss es gesehen haben, um zu ermessen und zu glauben, was da los war. Zwei Yachten, die am hintersten Ende lagen, erging es am schlimmsten. Überall wurde geschrieen. Boote kreuzten herum, um Anker auszustecken. Männer und Frauen schrieen help. Ein paar Männer, wahrscheinlich vom Hafenamt, waren dabei, eine Stahltrosse quer über das Becken zu spannen, um den Yachten zu ermöglichen, daran festzumachen. (War das eingezeichnete Unterwasserkabel nur ein von alten Seekarten übernommener Vermerk. Hingen wir gar nicht am Kabel? Wir waren besorgt). Am letzten Ende war die Kaimauer etwa vier Meter hoch, und die See brach sogar darüber hinweg. Das nur als Beispiel, wie schlimm die Situation war.

     Auf einmal ein Panikschrei! Siehe da, eine uralte 15-Meter-Segelyacht mit einem 5 Meter langen Bugsprit hatte sich losgerissen und trieb quer auf uns zu. Niemand war an Bord! Ein starkes Motorboot kam uns zur Hilfe. Wir belegten eine Trosse um das Ankerspill der Yacht, und das andere Ende um einen Poller auf der nächsten Kaimauer. So ging es die ganze lange Nacht hindurch. Es war die Hölle.

     Auf dem Zollamt erwartete uns eine Riesenkiste aus England. Es waren schon Teile für unser geplantes neues Schiff – die Thlaloca Dos. Wie all das, einschliesslich der höchst notwendigen Dinge für die bevorstehende Langfahrt, untergebracht wurde, ist ein Zeugnis für Siggis Genius in der Staukunst.

     Am zwanzigsten Dezember 1971 liessen wir die Leinen los. Geplant war, Casablanca anzulaufen und danach zu den Kanarischen Inseln. Die Strasse von Gibraltar – auf Grund starker Strömungen ein gefährliches Gewässer – navigierten wir nervlich gespannt, aber ohne Schwierigkeiten. Der Wind blies aus Nordost und wühlte eine ganz blöde See auf. Während der Nacht wurde es mulmig. Von neun Uhr abends bis sieben Uhr morgens hatten wir 6-8 Windstärken. Die Segel mussten runter, um die Fahrt durch das Wasser zu bremsen, damit die See uns nicht überrannte. Trotzdem war das Steuern kritisch. Siggi fühlte sich unwohl, so dass ich die ganze Nacht hindurch steuern musste, da die Selbststeueranlage die Situation nicht meistern konnte.

     Der Wind drehte auf Südwest, und es wurde immer ungemütlicher dagegen anzubolzen. Es war nicht nur Wind, der Schwierigkeiten bereitete, es war eine verflixt hohe Dünung, die, wie es schien, von Südwest bis auf Nordwest anrollte.

     Es war stockdunkel, als wir Casablanca mitten in der Nacht anliefen. Die Navigationslichter vermischten sich dermassen mit dem Lichtermeer der Stadt, dass es unmöglich war genau zu navigieren. Und Casablanca ist kein Hafen, in dem man die Richtfeuer – die wir einfach nicht ausmachen konnten – ausser Acht lassen kann. Um sicher zu sein ankerten wir bis Tageslicht aufkam.

     Wir hatten viel Wasser unter uns, aber näher unter Land zu ankern getrauten wir uns nicht. Die Wassertiefe schwankte durch die Dünung nämlich zwischen 10 und 20 Fuss; und wir hörten deutlich die brechende Brandung an Land. Dazu tanzte Thlaloca, bewirkt durch Tideneinfluss und Wind, andauernd um den Anker. An Ruhe für uns war nicht zu denken, denn immer bestand die Gefahr, dass der Anker sich löst und wir dann landwärts treiben. Wenn das schon eine Strapaze war, war das, was folgte, zum Heulen: die Ankerleine hatte sich zwischen Ruder und Leitkopf verfangen. Ob ich wollte oder nicht, ich musste in das kalte Wasser. Im Licht der Taschenlampe, die Siggi, über das Heck gebeugt hielt, arbeitete ich eine halbe Stunde lang wie besessen, um die Leine, die unter Zug stand, frei zu bekommen. Nach getaner Arbeit graute schon bald der Morgen, und wir waren bereit in den Hafen einzulaufen.

     Aber so schnell ging das auch wieder nicht. Wie der Teufel es wollte, stand die Ankerleine gestreckt unter dem Rumpf. Sie hatte sich in der Schraube unseres Motors vertörnt und bewirkte den Bruch der Schockfeder, welche die Schraube an die Kurbelwelle verankert. Wo ist die Ersatzfeder? Während Siggi dem Hafen zusegelte, suchte ich wie besessen nach der Ersatzfeder, denn Wind und Tidenstrom waren so verzwickt, dass Motorhilfe jeden Augenblick notwendig werden könnte. Endlich fand ich die Feder, reparierte den Schaden, und der Motor lief!

     Im Hafen fanden wir einen Liegeplatz zwischen einem Motorboot und einer Segelyacht. Der Platz selbst und die ganze Umgebung machte einen desolaten Eindruck, aber wir waren erst einmal froh, zum Weihnachtsfest in einem Hafen sein zu können. Das Klubhaus war im marrokanisch-französischen Stil, prunkvoll ausgestattet und für das Fest geschmackvoll dekoriert. Dort wurden wir auch sehr freundlich aufgenommen, und die gesamte Anlage mit Klubräumen und Duschen stand uns zur Verfügung.  

      Die Stadt ist faszinierend – abgesehen von den vielen armen Menschen, die erbärmlich herumliefen. Manche konnten nicht laufen und benutzten ein Fahrgestell ähnlich wie es ein Mechaniker verwendet, um unter einem Fahrzeug zu arbeiten. Manche dieser Menschen waren so verkrüppelt, dass sie kaum noch als solche zu erkennen waren.

     Der Markt war wohl das Interessanteste für uns, denn dort konnte man für nur Pfennige das beste Obst und Gemüse kaufen. Es gab auch einen „Weissen“ Markt. Dort kauften die Europäer, allerdings zu stark erhöhten Preisen.

      Im Yachtklub machten wir Bekanntschaft mit einem Bank-Präsidenten und seiner Frau, Jacques und Michele Daignault, beide Kanadier, die in ihr Haus einluden. Er wollte uns zu einer bestimmten Zeit vom Klub abholen, aber wir winkten ab: Wir werden das Haus schon finden. Kein Problem! Nun, wir kamen in der Stadt zu einem Punkt, wo wir nicht mehr wussten, wo es weiter ging. Wir fragten einen Araber nach der Strasse. Ohne ein Wort zu sagen, winkte er uns ihm zu folgen. Der gute Mann lief . . . und lief . . . und wir folgten. Langsam wurde uns unheimlich zumute. Wohin führte er uns? Endlich kamen wir vor dem gesuchten Haus an, und wir waren glücklich, dass er uns nicht irre geleitet hatte. Wir vermuteten, dass der Mann den Weg extra lang gemacht hatte, um ein handfestes Bakschisch zu kassieren. Aber der Gute verschwand wortlos, wie von der Erde verschluckt. Wir waren perplex!

     Wir verbrachten mit den Daignaults einen schönen Nachmittag, mit Kaffee und Kuchen, und tauschten unsere Erlebnisse aus.

     Auch die wunderschönen Parks waren begehrte Anziehungspunkte. Wir sassen auf einer Bank und bewunderten die gepflegten Anlagen. Auf einer anderen Bank, schräg gegenüber, sassen zwei Araber. Vorerst geschah nichts Aussergewöhnliches. Aber als sie sich, wie zwei Schwule, unter den langen, uebergrossen Gewändern unaufhörlich befummelten, waren wir ganz Auge und Ohr. Zehn Minuten später waren sie immer noch damit beschäftigt, bis jeder ein lebendes Huhn zum Vorschein brachte. Anscheinend werden Geschäfte solcher Art hier unterm Mantel absolviert.

     Von den Daignaults bekamen wir eine Einladung, mit ihnen einen Nachtklub zu besuchen. Auf der Bühne wurden allerlei Vorführungen veranstaltet. Das interessanteste waren Bauchtänzerinnen, die ihr Handwerk wirklich verstanden. Danach kam für uns die Überraschung: Wir wurden auf die Bühne gebeten, und ein Herr gab unseren Lebenslauf  preis. Am Ende überreichte man uns eine Urkunde, die lautete: „For the navigateur chevronné and his very brave wife“. Wir hatten die Würdigung Mister Daignault zu verdanken!

     Wir nutzten den Tidenhub von mehreren Metern: Wir setzten Thlaloca entlang einer total ölverschmierten Kaimauer auf Grund und gaben ihr einen neuen Unterwasseranstrich. Über den genaue Höhe und Zeit des Hubs wurden wir falsch beraten, und auf Grund dessen hatten wir um ein Haar das gleiche Theater wie in Durban, Südafrika. Unter Arabern ist das meistgesprochene Wort, Bakschisch. Und so hatten wir den Mann in Verdacht, der dass alles arrangiert hatte, uns so lange wie möglich am Ort zu binden. So freundlich Araber sein können, so sind sie zu oft auch falsch.

     Am 1. Januar 1972 liefen wir aus. Der Wind blies leicht aus Südwest, aber die Dünung war so hoch, dass wir im Tal ohne Wind waren. Fünf Stunden später waren wir wieder zurück und ankerten hinter der Mole. Es war einfach zwecklos weiterzusegeln.

     Zwei Tage später ein neuer Versuch. Wir lichteten den Anker und setzten Kurs auf die Kanarischen Inseln. Zu Beginn hatten wir kaum Wind, und die Dünung war moderat. Spät abends erst, endlich, hatten wir eine vernünftige Brise, welche durch die Nacht anhielt. Doch mit der aufgehenden Sonne verliess sie uns. Wir errechneten unsere Position und waren mit 80 Seemeilen in 28 Stunden zufrieden. Es war die Flaute vor dem Sturm!

     Ein Freund von uns, Peter Tangvelt, schrieb in seinem Buch, dass er während seiner Weltumsegelung das schlimmste Wetter zwischen Marokko und den Kanarischen Inseln erlebt hatte. Ob es für uns das schlimmste Wetter war, können wir nicht so leicht sagen, denn viele Faktoren spielen bei dieser Beurteilung mit: nicht nur Wind und Seegang, auch der Seeraum beispielsweise und die Wassertiefe — wir  bewegten uns hier auf 40 Faden Wassertiefe! Jedenfalls waren für uns die folgenden 12 Stunden die Hölle auf Erden. Der Wind drehte auf Südwest und blies mit Orkanstärke durch die Wanten. Unsere Rettung lag im Lenzen vor dem Sturm. Siggi war seekrank und fühlte sich elend. Mir ging es nicht viel besser. Ich glaubte, es brauchte nur eine der haushohen Sturzseen hinter uns, um das Boot zu begraben, und das könnte leicht das Ende sein. Aber das hatten wir schon vorher einige Male erlebt und waren heil durchgekommen. Und wir vertrauten darauf, dass es dieses Mal genau so sein würde. Viel mehr waren meine Gedanken damit beschäftigt, wie lange ich es an der Pinne aushalten kann. Denn bei dieser mörderischen See war Beigedreht Liegen unmöglich.

     „Es ist viel Wasser im Boot,“ schrie Siggi lautstark, um sich im heulenden Wind verständlich zu machen. Oh, weh, dachte ich, auch das noch. Jedenfalls war es z.Zt. unmöglich zu untersuchen, woher es kam. Siggi musste daher in ihrem elenden Zustand Wasser schöpfen. Doch musste immer der genaue Zeitpunkt abgepasst werden, um die Luke zu öffnen und den Eimer im Cockpit zu entleeren. Wir verpassten ihn einige Male, und als „Belohnung“ hatten wir mehr Wasser im Boot als vorher.

     Zwölf Stunden später war der Wind auf 25 Knoten runter. Nach Errechnen unserer Position stellten wir entsetzt fest, dass wir 50 Seemeilen durch Abtrieb verloren hatten. Dazu noch der Wassereinbruch; wir fanden einen undichten Wasserablauf im Cockpit als Übertäter. Total erschöpft entschieden wir uns, nach Casablanca zurückzulaufen, weit war es sowieso nicht mehr!

      Unsere erneute Ankunft im Yachtklub war für die Mitglieder keine Überraschung, denn sie waren über den Sturm genau informiert; schon deshalb, da der Hafen für ein und auslaufende Schiffe gesperrt werden musste — und  bei unserer Ankunft immer noch geschlossen war.

     Tag für Tag blies der Wind aus Südwest. Das Wasser im Hafenbecken war manchmal so bewegt und das Boot zurrte dermassen hart an den Festmacherleinen, dass es unmöglich war, Nachtschlaf zu finden.

     Wir hatten alles Material an Bord, um den Boden des Cockpits zu reparieren. So waren wir in kurzer Zeit wieder seeklar.

     Es war schon der 21. Januar, und wir waren immer noch hier. Ich ging zum Hafenamt, um eine Wettermeldung zu bekommen. Bei dieser Gelegenheit beobachtete ich ein einlaufendes grosses Containerschiff. Ausserhalb der langen Mole, von wo aus das Schiff die Richtfeuer ansteuerte, bewegte es sich quer zu der hohen Dünung, und ich vermutete jeden Augenblick, dass es sich von dem extremen Rollen nicht mehr erholte und auf einer Seite liegen bleiben würde. Dass nichts passierte, belegt den Fortschritt in der modernen Schiffstechnik.

     Der Meteorologe versprach nur leichten Wind, aber sehr hohe Dünung für die nächsten Tage. Somit bestand die Möglichkeit, dass der Hafen erneut geschlossen werden musste.

     Nun, die Gefahr einer hohen Dünung ist in den Wintermonaten, wenn westliche Stürme im Nordatlantik die Wassermassen in Bewegung setzen, die entlang der marokkanischen Küste auslaufen müssen, immer ein Problem. Aber diese Gefahr ist für grosse Schiffe beim Ein- und Auslaufen viel grösser als für uns. Wir liefen aus.

     Als wir das Ende der Mole passierten, ging es in die verflixte Dünung. Wir würden uns die glücklichsten Menschen schätzen, wenn wir diesen blöden Hafen und die marokkanische Küste endlich hinter uns haben würden.

     Der Wind blies aus Nordost, also genau aus dem Quadrant, den wir uns wünschten. Am folgenden Tag stieg er auf 35 Knoten an. Das Meer war wild und unberechenbar, wir mussten per Hand steuern. Zeitweise brachen die Sturzseen zu gefährlich und wir mussten alle Segel bergen. Später setzten wir unser kleinstes Segel – etwas über 2 m² – und baumten es aus. Es war jenes Segel, welches wir im Indischen Ozean zusammengenäht hatten. Nach fünf Segeltagen liefen wir in den Hafen von Lanzerote ein. Längsseits der amerikanischen Segelyacht Belle Kinney fanden wir in dem engen Fischereihafen einen Liegeplatz.

     Der Hafen ist teilweise durch ein vor ihm liegendes Riff geschützt. Am nächsten Tag waren wir erschüttert, als ein grosser moderner Fischkutter, dessen Skipper die Einfahrt wie kein anderer kennen sollte, mit voller Fahrt auf das Riff auflief und in wenigen Minuten bis zum Deck absackte. Die folgende Rettungsaktion war für uns Zuschauer ein spannendes Erlebnis – für den Eigner allerdings das traurige Ende eines schönen Schiffes und, weiss Gott, vielleicht noch viel mehr!

     Wir segelten zur nächsten Insel, Gran Canaria. Der Hafen Las Palmas ist gross und war total mit Öl verschmutzt. Doch bietet die Stadt den Seglern vorzügliche Einkaufsmöglichkeiten, die wir, mit Blick auf die kommende Langfahrt, voll ausnutzten. Zudem gab es noch einen regen und billigen Busverkehr, der dem Besucher ermöglicht, die landschaftlichen sowie kulturellen Leckerbissen der Insel zu erkunden. Mit uns auf Reede lag ein deutscher Wattenkreuzer, Spöker, mit Eigner Helmut Erdmann – ein Cousin von Wilfried Erdmann, dem bekannten deutschen Weltumsegler. Wir besuchten uns gegenseitig, und wir wollten uns in den Westindischen Inseln wiedertreffen. Leider ist er zwischen Barbados und  Martinique verschollen.

     Am 7. Februar 1972 ging es los. Der Wind war wechselhaft und das Meer konfus. So etwas ist zwischen Inseln, wo Land und Strömungen die Elemente beeinflussen, nichts Ungewöhnliches. Für Schiff und Besatzung ist das allerdings unangenehm, und man hofft, dass der Wind wenigstens mitspielt, um sich so schnell wie möglich frei zu segeln.

    Mit einem steifen Nordost von hinten machten wir täglich grosse Etmale. Obwohl diese auf der Seekarte, die einen ganzen Ozean umfasst, nur als kurze Strichen zu erkennen sind, ist und bleibt die Navigation wohl eines der interessantesten Beschäftigungen einer Ozeanüberquerung. Vorerst ist es egal, ob man sich 5 oder 10 Seemeilen von der exakten Position befindet. Und es ist fraglich, ob man mit Sextanten und Uhr von einer extrem wackeligen Plattform überhaupt eine genauere Position errechnen kann. Kritisch ist der letzte Tag, wenn es zum Vorteil ist, so genau wie nur eben möglich zu wissen, wo man ist.

     Wenn Navigieren zweifellos die wichtigste Beschäftigung im Seeleben bedeutet, so stehen tägliche Mahlzeiten an Wichtigkeit nicht weit dahinter. Für mich ist Siggi Weltmeister der Kochkunst; und was sie mit beschränkten Mitteln auf die Back zaubern kann ist erstaunlich. Ob Sonnenschein, Regen oder Sturm, Siggi sorgt unermüdlich für das leibliche Wohl. Die Zubereitung von warmen, kraftstärkenden Mahlzeiten auf einer schwankenden Hochseeyacht erfordert extreme Überwindung und Disziplin. Und so ist Siggi als Bordfrau alles, was man sich darunter vorstellt – klug, zäh, pflichtbewusst und exzellente Seglerin!

     Dank eines steifen nordöstlichen Windes schaffte Thlaloca in den ersten vier Tagen 120 Seemeilen pro Tag. Danach wehte es leicht und unbeständig; und manchmal hatten wir totale Flaute. Während einer dieser Flauten lagen wir nachts in den Kojen, als wir durch einen harten Schlag an der Steuerbordseite aus dem Schlaf gerissen wurden. Danach ein Kratzen am Rumpf. Wir begaben uns an Deck, und im Lichtstrahl der Taschenlampe sahen wir, wie ein grosser Hai um Thlaloca kreiste. Wir legten uns wieder hin. Weitere Kratzer folgten; wir lauschten noch eine Weile, bis uns dann der Schlaf überkam.

     Das nächste Ereignis, war ein Shell-Tanker, der Kurs wechselte und uns ganz nahe kam. Seine zwei Blasssignale erwiderten wir mit unserem kleinen Nebelhorn. Es war eins von zwei Schiffen, die wir voll als solche auf diesem Törn sichteten. Nachts sahen wir manchmal Lichter, die uns ermahnten, immer ein wachsames Auge zu halten.

      Eines schönen Tages legte ich mich in die Koje um zu ruhen. Auf einmal erinnerte ich mich an etwas und rief: „Oh my God!“ Erschrocken erwiderte Hein, „Was ist da denn los?“ Der Grund hierfür war folgender: Vor dem Frühstück hatte ich zwei Eier an einen sicheren, weichen Ort gelegt, nämlich unter meinem Schlafsack in die Koje. Mir kam der Gedanke, anstatt Eier zum Frühstück etwas anderes zuzubereiten. Als ich von meinem Nickerchen erwachte, erinnerte ich mich an die zwei Eier. Ich war so schockiert, dass ich Angst hatte, den Schlafsack anzuheben, denn ich wusste was zu erwarten war. Welch eine Überraschung, als ich die Eier noch heil vorfand. Wie das sein konnte, war unser Gesprächsthema für Tage!

      Am 27. Tag, um 11:15 Uhr rief Siggi die so bekannten Worte, „Land ho!“ Um 19.00 Uhr liessen wir in der Carlisle Bucht den Anker fallen. Die Kelasa aus Britisch Kolumbien, Kanada und zwei Englische Yachten lagen schon dort. Im Royal Barbados Yachtklub machte man uns abermals für 10 Tage zu Ehrenmitgliedern, genau wie in 1966. Leider merkten wir schon, wie vorsichtig der Klub in dieser Richtung war, und es wurde uns nur auf Grund unserer Eintragung aus dem Jahre 1966 in deren Gästebuch gestattet. Zum einem waren es mittlerweile zu viele Yachten und zweitens – und viel schlimmer – missbrauchten manche Crews dieses Privileg auf scheussliche Weise.

     Als Erstes galt unser Besuch der Eisdiele Tasty Freeze. Mit diesen süssen Leckerbissen gesättigt, mischten wir uns unter die Touristen und strolchten durch die Geschäfte. Vieles war uns noch von 1966 her bekannt, aber nach einer Langfahrt sehnt man sich nachgerade, die Zivilisation –sprich die Geschäftswelt – zu erkunden.

     Mit sehr leichtem Wind und einer schrecklich kabbeligen See segelten wir dann zur Insel Grenada. Sie ist die südlichste Insel der Grenadinen und liegt fast am Ende der langen Kette der Windward Inseln. Dort fanden wir mit viel Glück in der „Lagune“ zwischen den vielen Yachten einen Ankerplatz. Wir trafen Frank Casper mit seiner Yacht Elsie wieder. Er war in denselben Jahren wie wir um die Welt gesegelt. Wir trafen uns damals in den Haupthäfen rund um die Welt immer wieder. Sein Schiff war eine 10-Meter Kutteryacht und wurde kurz nach dem Krieg für einen Mann namens Hannes Lindemann in Deutschland gebaut. Der Originalname der Yacht war Liberia. Lindemann wurde in den fünfziger Jahren weltbekannt, nachdem er ein Klepper-Faltboot über den Atlantik gepaddelt hatte. (Im Jahre 1975 segelten wir mit unserem neuen Schiff Thlaloca Dos von Florida zu den Bermudas. Via Briefverkehr informierte uns Frank, dass er fast zur gleichen Zeit von St. Thomas aus ebenfalls zu den Bermudas segeln wollte. Dort warteten wir vergebens auf seine Ankunft. Später erfuhren wir, dass er am Südende der Bermudas auf ein Riff gelaufen war und dabei sein Schiff und Leben verloren hatte. Frank war Seemann ersten Ranges; uns war er ein guter Freund geworden. Wir werden ihn nie vergessen.  

Frank Casper und seine Elsie

     Eine andere Person, Mike, (nur seinen Vornamen erinnerten wir noch) trafen wir überraschend. Wir hatten uns in Durban, Südafrika, kennengelernt und später in St. Helena getroffen. Er war derzeit Crew auf der englischen Yacht Salaamat, die Kurz danach auf einem Riff bei Antigua verloren ging.

     Granada ist eine wunderschöne Insel. Die vielen Buchten mit glassklarem Wasser und Sandstränden waren für uns Tummelplätze für eine ganze Woche.  

Leider gehört auch diese Beschäftigung zum segeln

     Unser nächster Ankerplatz war die Chatham Bay, an der Westseite von Union Island. Wir waren das einzige Boot dort. An Land sahen wir nur ein Haus, ansonsten kein Lebewesen. Um 6:30 Uhr am nächsten Morgen lichteten wir den Anker und segelten wunderbar bis zur Insel Canouan, wo wir in der Charlestown Bay ankern wollten. Nach der Karte zu urteilen, ist die Bucht überall sehr seicht. Wir tasteten uns an das Land heran, bis wir auf drei Meter Wassertiefe ankerten. Später paddelte ein Insulaner zu uns rüber und wollte uns Conch-Muschel verkaufen. Nun, ich esse so etwas sowieso nicht, und Siggi hatte keine Lust, sie nur für sich zuzubereiten. Über Nacht kam ein starker Wind auf, und wir mussten Ankerwache schieben. Wir waren froh als der Morgen graute und wir weitersegeln konnten.

     Der starke Wind begleitete uns zur nächsten Insel, Bequia, wo wir in der Admiralty Bay ankerten. Diese Insel ist auf Grund ihrer aussergewöhnlichen Schönheit der Anziehungspunkt vieler Yachten, meistens Charteryachten. Wir machten ausgedehnte Spaziergänge auf Bequia, und bei dieser Gelegenheit wurde uns bewusst, dass die Einheimischen schottischer Herkunft waren; ihre Vorfahren waren durch die Ansiedlungspolitik der britischen Regierung dorthin verpflanzt worden. Man sollte annehmen, dass diese sich schon wegen der klimatischen Verbesserung kaum beschwert haben. Wir bereicherten unser Logbuch durch viele Adressen neuer Bekanntschaften.

     Wohl das Unbequemste bei der Segelei von einer Karibik-Insel zur anderen ist das ständige Ein- und Ausklarieren, da heutzutage jede grössere Insel ein selbstständiger Staat ist.

      Wir setzten dann Kurs ab auf St.Vincent, die Verwaltungsinsel der Grenadinen, die nur 10 Seemeilen entfernt liegt. Es war ein harter Törn gegen Strömung und eine irre See. Im Hafen von Kingston ankerten wir zwischen eigenartig gebauten einheimischen Schiffen. Der Ort hatte einen schlechten Ruf. Diebstähle und kriminelle Anschläge, bis zum Mord, waren an der Tagesordnung. Aber wir wollten uns für die Weiterfahrt günstig proviantieren – wenn es denn in den Westindischen Inseln so etwas überhaupt gibt. Und infolgedessen mussten wir auch diese Chance nutzen. Vorgewarnt, hatten wir Bedenken, unser Schiff ausser Sicht zu lassen. An Land wurden wir sofort von einer Schar bettelnder Kinder verfolgt, die unser Beiboot bewachen oder als Fremdenführer dienen wollten. Wir gaben dem anscheinend Stärksten unter den Buben ein paar Cents, um unser Beiboot zu bewachen. Einen anderen heuerten wir an, unsere Taschen zu tragen. Die anderen mussten wir einfach ignorieren. Nach der Rückkehr bemerkte Siggi, dass sie ihre kostbare Sonnenbrille im Supermarkt liegen lassen hatte. Unser „Taschenträger“ war sofort bereit, diese zu holen — ob sie dort noch aufzufinden sein würde, war aus unserer Sicht wohl nur ein frommer Wunsch! Aber siehe da, der Bursche erschien mit der Brille. Das war schon eine Dollar-Belohnung wert.

     Wir segelten an St.Vincent entlang zu der etwas nördlich gelegenen Wallilabu Bay. Eine halbe Seemeile vor der Einfahrt kamen drei Kanus, beladen mit einem Dutzend Burschen, auf uns zu und hängten sich an Thlaloca, um zu betteln. Wir machten kaum mehr Fahrt, und trotz all’ unserer Drohungen liessen sie erst ganz kurz vor der Einfahrt los. Wir ankerten in der sehr schönen Bucht. An Land wohnten Clive und Eileen Stevenson, ein englisches Ehepaar, Mitglieder desselben Klubs, dem auch wir angehören, The Ocean Cruising Club. Innerhalb von vier Jahren hatten sie sich ein sehr nettes Häuschen gebaut und verdienten ihren Lebensunterhalt im Kunstgewerbe. Siggi war einfach hingerissen von dem, was sie alles anboten, besonders der Batik-Malerei.

     Ein Törn nach Norden, entlang der Inselkette ist immer schwer. Besonders wenn der Passatwind mit voller Stärke weht, bläst es stürmisch zwischen den Inseln. Bevor wir eine der Passagen passierten, kreuzten wir erst einmal so nahe wie möglich unter Land, refften das Grosssegel, setzten das kleinste Vorsegel und machten dann den „Hops“ quer über die Enge. Wir waren dann immer pudelnass, und doch war es ein sportliches Erlebnis.

     Leider nicht immer! Schon sehr früh, um 6:30 Uhr, segelten wir zur nächsten Insel, St. Lucia. Wie es der Teufel wollte, hatten wir den Wind vorerst genau im Gesicht. Thlaloca hopste in der aufgewühlten See wie ein Bronco; es war frustrierend. Sobald wir aus dem Lee St.Vincents herausgekommen waren, drehte der Wind mehr östlich, blies dafür aber mit bis zu 25 Knoten. Selbststeuernd segelte Thlaloca brav ihrem noch fernen Ziel entgegen. Tonnenweise fegte das Wasser über das Boot, und die heissen Sonnenstrahlen trockneten das Wasser zu einer dicken Salzschicht. Auch wir waren mit einer dicken Salzkruste bedeckt und ähnelten eher Schneemännern als Seeleuten!

     Es war schon dunkel als wir St. Lucia erreichten. Wir entschlossen uns, bis Martinique weiterzusegeln. Unsere Erwartung war, dass nachts der Wind weniger und die offene See nicht so wild sein würde. Wir erreichten so die Insel am späten Nachmittag des folgenden Tages. Der Weg nach Fort de France ist lang und genau gegen den Wind, der mit den üblichen 25 Knoten blies. Die See war sehr holperig, und wir machten kaum Fahrt. Als Belohnung winkte am Ende wieder einmal echte Zivilisation. Man muss es den Franzosen schon lassen, ihre Kolonialpolitik steht weit über der der Engländer. Etwas, was wir während unserer Weltumsegelung schon festgestellt hatten. Die Engländer waren gross darin, die intelligentesten Burschen unter den Eingeborenen in Oxford oder Cambridge zu einer Elite auszubilden. Nur war diese Elite nach der Rückkehr genau so korrupt wie die Herren, die sie ablösten. Die Leidtragenden waren und sind das arme Volk, das im Schatten dieser verfehlten Politik nie das Licht am Ende eines Tunnels sehen wird.

      Nach dem Einklarieren wanderten wir durch die Stadt, die einen old-country-charm ausstrahlte. „Kleider machen Leute!“ Welch ein Unterschied zwischen diesen und den ärmlich gekleideten Eingeborenen anderer Inseln. Die Frauen, die es sich leisten konnten, trugen geschmackvolle einheimische Gewänder von gutem Schnitt. Die Mehrzahl der jungen Leute waren modern gekleidet und standen der Mode von Paris und Montreal nicht nach. Es sind Zeichen eines höheren Lebensstandard, den man in Tahiti, Neu Kaledonien, La Reunion (alles französische Besitzungen) genau so empfindet. Kulturelle Überlieferungen ebenso wie eine ungehinderte Entwicklung sind auch mit im Spiel; in diesem Sinne wirkt auch die religiöse Erziehung, die in britischen Besitzungen dämpfend auf einen konstruktiven Fortschritt wirkten.

     Jede Insel hat ihren besonderen Reiz, so auch Martinique. Auf unseren Spaziergängen erfuhren wir, wie freundlich die Insulaner waren. Geradezu erwartungsvoll waren sie bereit, uns benötigte Auskunft zu geben.

     Wie vor jeder Weiterfahrt, wollte ich auch dort Proviant einkaufen. In der Realität fanden ich mich wieder, als ich einem der Supermärkte aufsuchte. Plötzlich wurde mir klar, dass die hiesigen Preise für einen Langfahrtsegler mit beschränkten geldlichen Mitteln unerschwinglich waren. So entschied ich mich, nur das Nötigste, wie Gemüse, Brot und etwas Frischfleisch zu kaufen. Konserven hatten wir noch zur Genüge an Bord. Geschenke wie Insel-Souvenirs, Holzschnitzereien, für unsere Lieben in Kanada, waren auf meiner Einkaufsliste. Doch die Preise für das was mir gefiel waren übrezogen hoch, und da es ja nicht unser letzter Hafen war, gab ich mein Vorhaben auf. In den Bahamas hatte ich ja noch eine Chance. 

     Die erholsamsten und romantischsten Stunden für Hein und mich begannen kurz nach dem Dunkelwerden, wenn sich Fort de France in ein Meer von funkelnden Lichtern verwandelte. Wir sassen dann im Cockpit und bewunderten die Umgebung, wo sich in den Bergen unzählige Lichter mit dem Sternenhimmel vereinten. Dazu wehte ein leichter lauer Wind zu uns rüber,  getränkt mit eigenartigen Inselgewürzen. Bei sanfter Musik aus dem Radio schlürften wir mit grösstem Vergnügen unsere „gin and tonics“ .Glücklich und in Erwartung neuer Eindrücke begaben wir uns zur Ruhe.

     Von dort aus segelten wir entlang kleiner Fischerdörfer, wo Hütten im Schatten von Palmen lagen. In der Dunkelheit erreichten wir Dominika und ankerten im Lee der Insel. Es war das erste Mal, dass wir einen elektronischen Tiefenmesser an Bord hatten, der das Navigieren in seichten Gewässern bedeutend erleichtert. Bei aufgehender Sonne segelten wir zur Prince Rupert Bay und klarierten in Plymouth ein. Ausser einer Bäckerei, die ich sofort aufsuchte, hatte der Ort nicht viel zu bieten. (Einige Jahre später, kurz vor unserem zweiten Besuch, wurde dort ein deutscher Segler ermordet.) Doch ohne Zweifel ist Dominika eine der interessantesten Inseln in der Karibik. Das Innere ist urwaldsartig, durchzogen mit einem hohen Gebirgszug, wo rauschende Wasserfälle und Bergseen Anziehungspunkte der Touristen sind. Die Krönung aller Attraktionen ist aber der Indian River, den wir in unserem Beiboot besuchten. Der kleine Fluss gräbt sich förmlich wie ein Tunnel durch den grün wuchernden Urwald.. Das Wasser ist erfrischend kühl und lädt direkt zum Baden ein. Das dichte und starke Wurzelgewirr sogenannter Mantrees gibt dem Fluss seinen eigenen Charakter. Es ist ein Erlebnis, das niemand missen sollte. Aber, leider, wo der Tourismus einmal festsitzt, hat der einfache Besucher die Eigenständigkeit verloren. Beim zweiten Besuch ging schon alles über das dortige Touristenbüro, mit Fremdenführer und Geld  natürlich — und die Benutzung eigener Wasserfahrzeuge war verboten!

     Unser nächster Stop, die Le Saint,; eine sehr schöne Inselgruppe südlich von Guadeloupe. Begleitet wurden wir von viel Wind und Regen. Wir waren froh, als sich der Anker festgebissen hatte und wir uns für ein paar Stunden hinlegen konnten. Die Bucht, in der wir vor Anker lagen, ist wirklich vorzüglich geschützt, und die umliegende Landschaft attraktiv. Auf einer Anhöhe liegt eine Burg namens Napoleon, der unser nächster Ausflug galt. Für unsere für Landgänge ungeeigneten Seebeine war der steile Weg gar nicht einfach.. Wir mussten uns gegenseitig ermutigen. Aber es lohnte sich. Das Wetter kooperierte, so dass uns ein weiter Rundblick vergönnt war. Wir beobachteten einen zauberhaften Sonnenuntergang, den wir auf Bildern festhielten und die uns heute noch Freude bereiten. In den folgenden zwei Tagen fiel tonnenweise Regen.

     In Deshaves, einer Bucht am nördlichem Ende von Guadeloupe, fanden wir einen angenehmen Ankerplatz. Dort warteten wir auf einen günstigen Wind für den 40-Seemeilen-Törn nach Antiqua. Diese Insel, wie viele andere in der Karibik, war im siebzehnten Jahrhundert begehrte Besitzung europäischer Nationen, vornehmlich der Franzosen und Engländer, die in Seeschlachten jeweilig die Oberhand gewannen. Auf Antigua waren es schliesslich die Engländer.

      Die Wartezeit vertrieben wir uns mit Landgängen und Besuchen auf anderen Yachten.

     Antiqua, oder besser gesagt English Harbour, hat eine ganz verzwickte Einfahrt, und es war wichtig, diese noch bei Tageslicht zu finden. Ausserdem musste man noch vorlagerte Riffe beachten. Wie schon vorher erwähnt, liefen dort unsere Bekannten aus den Jahren 1965-66 auf ein Riff und verloren ihre Yacht, die Salaamat. 

     Mit 20 Knoten Ostwind sauste Thlaloca durch die aufbäumende See und war mehr Unterseeboot als Segelyacht. Acht Stunden später segelten wir durch die enge Einfahrt und ankerten im idyllischen Hafen. Nach dem Einklarieren verholten wir: Wir vertäuten das Heck am Kai und ankerten über den Bug.

     Das Hafenbecken ist gross und vollkommen geschützt, und für einen Flottenstützpunkt geradezu einladend. Der englische Admiral Horatio Nelson, einer der grössten Helden in der englischen Seegeschichte, war dort viele Jahre stationiert und für die Entwicklung verantwortlich. Ausgedehnte Hallen wurden errichtet, die alle Güter zur Versorgung einer Flotte beinhalteten; dazu Werkhallen, um alle Reparaturen an Schiffen zu verrichten. Das war vor 200 Jahren. Dieses Gelände ist heute noch als Nelsons Dockyard benannt. Zur Zeit unseres Besuches waren die meisten Bauten fast nur noch Ruinen. Aber die Erkenntnis, dass man auch mit Ruinen Geld machen kann, wurde von der Regierung genutzt und gefördert. Wie jede andere Regierung in der Welt, krankte auch Antiguas Regierung chronisch an Geldknappheit. Man schuf eine Organisation, „Friends of English Harbour“. Nach all dem, was man hört, wird sehr viel getan, den Touristen diesen historischen Leckerbissen schmackhaft zu machen. (Wir konnten uns 1983 selbst davon überzeugen).

     Mit so vielen Yachten im Hafen war es kaum ein Wunder, dass jemand auf den genialen Gedanken kam, eine Party einzuberufen — ganz romantisch am Strand, unter einem vollen Mond. Zum Grillen der mitgebrachten Fleischwaren sollte schon ein Feuer brennen. Aber als wir mit unseren Würstchen und Kartoffelsalat anmarschierten, war von einem Feuer nichts zu sehen. Ohne Zweifel waren Bier und Alkohol beliebtere Nahrungsmittel, denn die „Bierleichen“, die verstreut herumlagen, waren nicht zu übersehen.

       Nun, wir bauten uns eben selbst von den herumliegenden Krokonussschalen ein Feuer. Als diese fast ausgebrannt waren, ging ich mit einem Beil in das naheliegende Gestrüpp und hackte einige Bäumchen um und schürte damit das Feuer. Es war sehr warm und der Schweiss lief in Strömen. Um sehen zu können, wischte ich mit der blossen Hand den Schweiss aus meinen Augen. Etwas später fingen meine Augen wahnsinnig an zu brennen. Ich ging ins Wasser und säuberte Augen und Gesicht, so gut ich konnte. Es wurde nicht besser. Zurück an Bord brannten Augen und Gesicht wie Feuer, und ich ahnte, dass etwas Schreckliches passiert war: Eine Manchanille-Vergiftung!

     Augen, Ohren, Mund formten sich zu dicken Wülsten. Ich war blind und die Schmerzen waren fast unerträglich. Um zwei Uhr nachts lief Siggi zur Dockyardwache und rief ein Taxi an, das mich zum Krankenhaus brachte. Dort informierte uns der Arzt, dass es kein Mittel zur Linderung gibt. Der Körper muss die Vergiftung selbst verarbeiten. Wie lange es dauern wird, käme auf die Konstitution des Einzelnen an! Es folgten drei meiner schlechtesten Tage in meiner Erinnerung. Gott sei Dank hatte ich meine fürsorgliche Siggi und viele Seglerkameraden, die mir immer hilfsbereit beistanden. Heute wird in jeder Ecke und Kante mit Plakaten vor dieser Pflanze gewarnt.

     Der Polizeikommissaar — der auf Grund seines diktatorischen Benehmens allgemein Idi Armin genannt wurde — regierte im Nelsons Dockyard mit „eiserner Hand“. Zum Beispiel: Im Hafen lag eine britische Charteryacht vor Anker. Die zahlreiche Besatzung, Männchen wie Weibchen genossen skinny-dipping (Nacktbaden). Idi Armin holte, begleitet von seinem ganzen Wachpersonal, die gesamte Crew mit Motorboot von der Yacht ab und lochte sie ein. Was für ein Theater! Wir, die Beatzungen der umliegenden Yachten, verloren als Zuschauer morgendliche Vorführungen; die skinny-dipper ihre Freiheit. Der erste Protest kam vom Hohen Kommissar, als Vertreter der britischen Krone. Jedenfalls gingen die Argumente hin und her. Was Siggi und ich letztlich daraus lernten, war Idi Armins Argument: „Während der letzten zwei hundert Jahre waren wir Schwarzen bei euch Weissen in der Lehre. Unsere Frauen brauchten nur blosse Arme zu zeigen, schon wurden sie der Familie entrissen und zur Busse in den Urwald gejagt. Heute kommt ihr Moralisten auf unsere Insel und denkt, ihr könnt machen was ihr wollt  No way!“ Wo liegt das Recht, wo das Unrecht? Für uns war und ist es in jedem Fall ein Gebot, die kulturellen Eigenschaften eines Landes zu achten. Und wenn wir weiterhin die „grosse Freiheit“ geniessen wollen, ist es ratsam, unsere eigenen Angewohn- heiten zu zügeln. Wenn wir es nicht tun, wird unser Bewegungsraum durch immer mehr Gesetze eingeschränkt — wie es an der Ostküste der USA, entlang des Intracoastal Waterways, häufig der Fall ist. Leider ist es allerdings so, dass der Massentourismus, verbunden mit dem mighty Dollar oder Euro, lokale Gesetze zum Rückzug zwingt.

     In Begleitung der amerikanischen Yacht Allure segelten wir über Nacht zur französischen Insel St. Barts. Im Hafen Gustavia fanden wir einen Liegeplatz am Kai. Sie ist eine wirklich schöne Insel. Kein Wunder, dass sie viele Touristen anzieht; kein Wunder aber auch, dass man für eine Tasse Kaffee kühle 3.50 Dollar hinblättern musste. Dazu verlangte man noch ein Trinkgeld! Dafür aber konnte man 4 Liter Mount Gay Rum für 6.50 Dollar kaufen. Und die Supermärkte waren nicht übermässig teuer. Es gab auch ein reichlich bestücktes Bootszubehörgeschäft, Almers Marine Supply, wo wir für unser geplantes neues Schiff Ausrüstungsgegenstände kauften, mehr als wir eigentlich sollten. Sie schränkten mit dem, was wir schon in Gibraltar an Bord genommen hatten, unsere Kojen so sehr ein, dass wir mit eingezogenen Beinen schlafen mussten.

     Die Insel St. Martin liegt nur ein paar Seemeilen entfernt, wo wir in der grossen Bucht von Philippsburg ankerten. Die Insel ist halb holländisch, halb französisch. Beide Hälften haben ihren eigenen Charakter. Philippsburg wurde ausschliesslich für den Massentourismus eingerichtet, wo das Plakat „Duty Free“ unübersehbar vor jedem Geschäft hängt. Ob hier oder anderswo, diese zwei Worte haben immer eine magische Anziehungskraft und der Tourist vergisst, dass man viele der begehrten Artikel in Miami oder New York billiger einkaufen kann. Vielleicht ist es die Insel-Atmosphäre, die zum Kauf verleitet.

      Wieder in Begleitung der Allure, segelten wir zur nächsten Insel, St.Croix. 21 Stunden später ankerten wir im Hafen von Christianstad. Über die Jahrhunderte wechselte die Verwaltung der Insel zwischen sieben Nationen. Heute ist sie amerikanisch. Vollkommen dem Tourismus gewidmet, hat sie für den einfachen Segler nur die Bedeutung, dass man dort  billig essen und einkaufen kann. Der Ankerplatz taugt auch nichts, da man ständig dem Lärm aufsteigender und landender Seeflugzeuge ausgesetzt ist.

     Mit uns vor Anker lag ein Trimaran. Welch eine Überraschung als wir erfuhren, dass der Skipper Howard Richardson war. Im Jahre 1966 war er in der kanadischen Botschaft in Kapstadt als Handelsvertreter angestellt. Noch unverheiratet schenkte er seine Liebe der Kunstsammlerei. In seiner komfortablen Wohnung bewunderten wir seine Schätze. Der Trimaran, auf dem er lebte, war zur Zeit unseres Besuches in Kapstadt schon im Bau. Wir freuten uns mit ihm, dass er sein Lebensziel, auf einem Boot zu leben und die Welt zu sehen, erreicht hatte.

     Wir segelten zur naheliegenden Buckinsel. Die Insel und das umliegende Wasser stehen unter Naturschutz, und Ankern war nur an bestimmten Stellen erlaubt. Das Wasser war klar, und wir tauchten an den bunten Korallenriffen.. Tex von Allure harpunierte einige Fische, die wir zum Abendbrot verputzten. Tex war ein Feuerwehrmann und Shirl, seine Frau, Lehrerin. Ausserdem war Tex ein Unterwasserschatzsucher, folglich ein ganz ausgezeichneter Taucher und an vielen Expeditionen beteiligt.

      Nach einer ruhigen Nacht segelten wir ganz früh morgens nach Charlotte Amalie auf St Thomas. Mit fünf Passagierschiffen im Hafen und zwei auf Reede kann man sich leicht vorstellen, was da los war.

     Als Hein am Kai vom Beiboot ausstieg und sein ganzes Gewicht auf sein rechtes Knie legte, merkte er vorerst gar nichts. Aber das Laufen fiel ihm immer schwerer, bis sein Knie dermassen angeschwollen war, dass er nicht mehr laufen konnte. Es wurde so schlimm, dass ich mehrmals einen Arzt rufen wollte — aber er wollte es nicht. Mit Siggis Fürsorge, so meinte Hein, sehnt man sich direkt danach, krank zu sein!

     Hier trafen wir einen alten Freund wieder, Elmer Bouchelle auf dem Katamaran HoTei. Wir lernten uns 1963 in Acapulco, Mexiko, kennen. Er war im Chartergeschäft tätig.

     Von dort an war es mit der Inselhopserei vorbei. Grössere Entfernungen mussten übersprungen werden, um die Bahamas und letzten Endes die USA zu erreichen. So war unser nächstes Ziel die Insel Inagua, 540 Seemeilen westlich. Wenig Wind und langanhaltende Flauten ergaben so kleine Etmale, dass die entsprechenden kurzen Striche auf der Seekarte nur Andeutungen wurden. Am sechsten Tag ankerten wir vor Mathew Town und klarierten in die Bahamas ein. Allure motorte zu uns rüber. Wir waren erstaunt, denn an ihrer Backbordseite schleppten sie einen 3 Meter langen Hai, den sie am Vorabend harpuniert hatten. Das Biest war mausetot, aber Tex wollte unbedingt durch Aufnahmen verewigen, wie er mit dem Hai kämpft. Mit einem Dolch quer im Mund und mit Ketchup „blut“ verschmiert, den Rachen des Hais weit offen, posierte er lächelnd als Sieger, was wir für ihn auf Fotos festhielten.

     Eine Yacht nach der anderen trudelte, von St.Thomas kommend, ein. Die meisten von ihnen kannten wir, u.a. auch die Exoced von Montreal.. Die hatten auf der Fahrt drei Fische gefangen und gaben uns einen davon. Jon Pierce von der Exoced säuberte ihn für uns und ersparte Hein die verhasste Schlachterei an Bord.

     Die Stechmücken waren furchtbar. Wir waren gezwungen, weit ablandig zu ankern. Am folgenden Morgen verholten wir und lagen dann geschützt im kleinen Hafenbecken. Während wir Benzin übernahmen, schickte Hein einen jungen Burschen mit Namen Leroy los, unsere 6 Wasserkanister zu füllen. Stolz wie ein Pfau kam er damit zurück, und bis zu unserem Ablegen bestätigte er wiederholt die exzellente Qualität des Wassers—„very good water, cap’, water is very, very good, cap’. . .!“

     Nachmittags um drei Uhr segelten wir los. Der Wind war leicht, die Sonne heiss und die See so holperig, dass wir uns entschlossen, in der Man-o-War Bay, noch auf Inagua, zu ankern. Dort war eine Salzfarm, und ein deutscher Frachter lag dort vor Anker und wartete auf Ladung. Um Mitternacht wurden wir durch intensives Summen geweckt — die verflixten  Stechmücken hatten uns entdeckt. Mit dem Abwehrmittel, das wir in Mathew Town gekauft hatten, vernebelten wir die Kabine so stark, dass wir bei all der Hitze unsere Schlafsäcke als Filter über unsere Köpfe ziehen mussten. An Schlaf war nicht mehr zu denken. In der Folge bevorzugten wir das offene Meer, und liessen uns bei Flaute einfach treiben.

     Beim ersten Morgenlicht ging es weiter. Während der nächsten Tage wehte der Wind unbeständig, meistens leicht bis Flaute.

     Die Insel Little San Salvador war als Ankerplatz eine Ausnahme. Dort ankerten wir im kristallklaren Wasser, umgeben von einem blendend weissen Strand. Das Bild könnte leicht als Touristenattraktion dienen (was heute der Fall ist). Ob Columbus, der hier landete, wohl die gleichen Empfindungen hatte?

      Wir beschlossen Chub Key in den Berry Islands anzulaufen, denn ohne Motorhilfe gab es in den langanhaltenden Flauten kein Weiterkommen. Die Segel trugen wir meistens nur, um die Schwankungen des Bootes zu bremsen. Den langen gekurvten Kanal zum Crown Colony Club paddelten wir mit letzter Kraft. Dafür gestattete man uns vier Stunden freien Aufenthalt, mit einem Besuch im exklusiven Schwimmbad. Erfrischt und aufgetankt mit Wasser und Benzin, setzten wir Kurs auf Freeport auf der Insel Grand Bahama. Dieser Ort dient ausschliesslich den Spielkasinos, und wir fühlten uns zwischen den Riesenyachten gar nicht wohl. Das änderte sich augenblicklich, als ein Mann uns ansprach und sich als Kapitän des hundert Meter langen Passagierschiffes Lucaya vorstellte. Wir wurden eingeladen, längsseits des Schiffes festzumachen. Was Besseres konnten wir uns nicht wünschen. Wir hatten nicht nur einen angenehmen und sicheren Liegeplatz, was uns noch viel besser gefiel, waren die klimakontrollierten Räume des Schiffes, wo wir die 35 Grad Aussentemperatur leichter ertragen konnten. Zudem wurden wir zu einer Autorundfahrt eingeladen. An Bord der Lucaya wurden wir Herrn John Cox vorgestellt, der auf dem im Hafen liegenden Passagierschiff Ariadne als Staffkapitän diente. Von ihm bekamen wir eine Dinner-Einladung. Wie immer bei aussergewöhnlichen Einladungen, war Siggis es wichtigste Aufgabe, unsere verschimmelten Kleider zu desinfizieren. Das Dinnerangebot überraschte uns nicht. Wie üblich auf Passagierschiffen, wurde alles, was Herz und Gaumen wünschten, unbegrenzt serviert. Unsere Gastgeber mögen bitte, unseren — und besonders meinen unersättlichen — Appetit verzeihen.

     Wir setzten Kurs auf Charleston, South Carolina. Sobald wir die Grosse Bahama Bank hinter uns hatten, packte uns der Golfstrom, der uns in den nächsten drei Tagen 80 Seemeilen gratis gab. Ein steifer Ostwind stieg auf 25 Knoten an. Über das Radio hörten wir small craft warning, später eine Sturmwarnung. Das Meer war wild. Die Bewegungen des Bootes waren total verkorkst, wir konnten uns kaum in den Kojen halten. Die Nächte waren stockdunkel, und nur der Lichtschimmer von Floridas Goldküste gab uns das Gefühl, dass wir nicht ganz allein waren. Ab und zu durchbrachen Navigationslichter anderer Schiffe die gespenstische Nacht. Wohl selten haben wir uns Tageslicht inniger gewünscht.

     Der neue Tag erwachte mit viel weniger Wind und Sonnenschein. Der Golfstrom glitzerte in seiner eigenartigen Farbe — azurblau, durchzogen mit goldenem Golfunkraut, in dem sich unzählige winzige Krabben versteckt zu Hause fühlten. Siggi bereitete ein handfestes Frühstück, und nachdem wir gegessen hatten, erschienen uns die immer noch starken Bewegungen unserer Thlaloca nur noch halb so wild. Am fünften Tag nach Verlassen von Freeport segelten wir in den riesengrossen Hafen von Charleston ein. Das Einklarieren war etwas problematisch, denn die Behörden waren sich im Unklaren, wie man eine Überseeyacht einklariert. Vielmehr interessierte sie unser Fahrtenleben — nach unserem Erfahrungen ungewöhnlich, wenn man die Bürokratie (also Zoll und Immigration) der USA in Gänze beurteilt! Allgemein ist es verboten, landwirtschaftliche Produkte von Übersee einzuführen. Als Siggi bemerkte, dass sie nur noch fünf Zwiebeln in der Kombüse hatte, lachte sich der zuständige Beamte fast krumm. Zuletzt drückten sie einen Stempel in unsere Pässe und wünschten uns weiterhin gute Fahrt.                                     

     Von Charleston an segelten und motorten wir im Intracoastal Waterway bis Norfolk, Virginia. Eine ähnliche Reise und wie es von hier aus weitergeht, haben wir schon im Kapitel XIX und in der EINLEITUNG  beschrieben. So endeten neun Jahre und 55,000 Seemeilen (Eine Distanz von ungefähr 2½ Mal rund um den Erdball) mit unserem stolzen Schiff Thlaloca.  

 ENDE--AUF WIEDERSEHN!

Thlaloca