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Kapitel
XXI
Deutschland–Frankreich
„Wie kann man so etwas Dusseliges tun?“ war meine Frage.
„Ich hatte gleich von Anfang gesagt, dass nur ein Meter Wasser
vorhanden ist,“ verteidigte sich der Kranführer.
„Sch . . . ,“ sagte ich, “irgendwie müssen wir 50cm mehr Wasser
finden“
Zu unserem Glück erschien der Eigner einer grossen Motoryacht, der mit
dem genialen Vorschlag, Thlaloca, noch in der Schlinge, seitlich zu
packen und in tieferes Wasser zu ziehen, die Situation rettete. Ob der Kiel
gelitten hatte, konnten wir vorerst nicht beurteilen.
Siggi mit Vater und Schwester
An einem Steg des Münster Yachtklubs trafen wir die letzten
Vorbereitungen. Vollgestopft mit Proviant motorten wir am 12. September 1971 mit
4½ Knoten dem Rhein entgegen. Mit uns an Bord waren für einen kurzen Törn
meine attraktive Schwägerin Anne und Frau Beyer, eine begeisterte Seglerin. Es
regnete und es war kalt. In der Eifel war schon der erste Schnee gefallen –
und wir wollten noch durch den Golf von Biskaya!
In der riesigen Ruhrort-Schleuse meinte ein Binnenschiffer: „Der
schnellste und sicherste Weg nach Süden zu kommen, ist den Rhein hoch, in die
Mosel, durch Frankreich, in das Mittelmeer“. Diesen Kurs hatte ich schon
vorher in Erwägung gezogen, aber angesichts der starken Rheinströmung, 180
Schleusen, und dann die tückische Rhône mit all ihren Gefahren, verworfen.
Aber Siggi sah in des Schiffers Vorschlag ein Geschenk des Himmels; gegen sie
hatte ich wenig Chance, sie anderweitig zu überzeugen.
„Solltet ihr Euch für diese Richtung entscheiden, schleppe ich Euch
bis Köln. Dort sollte es leicht sein, ein anderes Schiff zu finden, das Euch
weiterhilft“.
Als Thlaloca in den nächsten Stunden mit sieben Knoten durch die
enorme Strömung gezogen wurde, mit dem Bug halb aus dem Wasser und einer
Heckwelle einen Meter überm Heck, sah das „Geschenk des Himmels“ nach
Strafe aus. Hoffentlich reisst es uns nicht den Bug weg! Zur Sicherheit sassen
wir abwechselnd am Bug, bewaffnet mit einem scharfen Messer, um im Notfall die
Trosse zu kappen.
In Köln
angekommen sagten wir uns: „Nie wieder!“ Aber das war leichter gesagt als
getan. Unser Seagull Aussenborder hämmerte drei Stunden lang, und die schöne
neue Brücke über den mächtigen Rhein kam keinen Meter näher. Verzweifelt
schauten wir nach einem Schiff aus, das gewillt wäre, uns auf den Haken zu
nehmen. Wir wollten ein langsames Schiff, aber die hatten mit sich selbst genug
zu tun. Inzwischen kam ein frischer Wind auf, der gegen die Strömung blies und
das Wasser zu Pyramiden aufbaute. Die Motorschraube schnitt mehr Luft als Wasser.
Nass wie die Pudel vom überkommenden Spritzwasser, kalt und hungrig, enttäuscht
von „Vater“ Rhein, hatten wir die Nase voll. Unmöglich dagegen anzubolzen,
liessen wir uns mit Wind und Strömung treiben. Also doch die Biskaya!
Doch dann kam die Baseler Express, die unsere Leine mitsamt
einer Flasche Dornkaat aus dem trüben Wasser fischte und uns auf den Haken nahm.
Express heisst schnell – und schneller als das vorherige Schiff ging es für
weitere einhundert Kilometer bis Koblenz – die Mündung der Mosel. Die Misere
lag nun hinter uns. Von dort an gab es keine Überraschungen mehr, bis wir die
Rhône erreichten.
Es war einfach herrlich auf dem spiegelglatten Wasser dahinzugondeln.
Wenn dazu noch die Sonne lacht und der klare Wein schmeckt, ist es leicht zu
sagen: Zum Teufel mit der ganzen Seefahrt!
Trier, die älteste Stadt Deutschlands, erreichten wir an einem Samstag.
Es war unmöglich, einen Liegeplatz zu finden, und man riet uns, die Kleinstadt
Konz anzulaufen. Dort kam unsere Reise zu einem vorläufigen Ende, denn
Frankreich forderte ein Trip Ticket, das wir vom deutschen Automobil-Klub für
DM 29 bekamen. Allerdings musste das Permit du Circulation direkt von
Paris angefordert werden. Darauf mussten wir eine Woche lang warten, dafür aber
war es kostenlos. Diese Woche Aufenthalt verbrachten wir mit Klubmitgliedern des
Konzer Yachtklubs, die alles taten, unseren Besuch dort unvergesslich zu machen.
In diesem Zusammenhang erwähnen wir die Herren Carls, Dr. K. Novak,
Raltschitsch, Leitzgen und deren Frauen.
In Apach ging es über die Grenze, nach Luxemburg. Für die Nacht lagen
wir an einer Spundwand. Eigenartige Geräusche an Deck liessen uns erkunden, was
da los ist. Im trüben Licht der Hafenbeleuchtung erspähten wir auf Thlalocas
frischgescheuertem Vordeck zwei Ratten, die vor Freude über unseren Besuch Tänze
aufführten. Da wir solche Art von Tanzerei in der Nacht nicht dulden, ankerten
wir mitten im Fahrwasser, und standen gegen etwaigen Verkehr — Ratten
eingeschlossen — Wache!
Das Kanalwasser der Industriemetropole um Metz herum war so
schmutzig, dass es uns an Salina Cruz, Mexiko, erinnerte. Vor allem war
es mit Plastik so verseucht, so dass wir alle paar Minuten die Schraube säubern
mussten.
In Metz ging es in den Canal de Este Branch Sud, der mit dem Übel von 99
Schleusen bespickt ist. Wir sie dann aber gar nicht so übel wie es uns
berichtet worden war. Wohl deshalb nicht, weil wir von einer bezaubernden
Landschaft begleitet wurden, die im herbstlichen Kleid in allen Farben leuchtete
und sehr an unsere Wahlheimat, Kanada, erinnerte. In einer der Schleusen trafen
wir auf eine grosse amerikanische Segelyacht, die Yankee mit ihren
Eignern Irving und Exy Johnson.
Nach dem üblichen Begrüssungszeremoniell öffnete sich schon das
Schleusentor. Irving, mit dem Ende einer Leine in der Hand, kam zu uns rüber
und sagte: „Here, hang on!“
Exy und Irving Johnson
Diesem Angebot konnten wir nicht widerstehen und nahmen es für die nächsten
350 km gern an. Unser Kurs war danach nur noch, der
Heckbeschriftung – Yankee–Mystic – zu folgen!
Irving und Exy Johnson sind Amerikas hervorragendste Segler. Nach dem
Krieg kauften sie einen deutschen, 30-Meter langen Lotsenkutter, den sie auf Yankee
umtauften. Mit diesem Schiff sind sie – als Schulschiff mit jungen
Menschen als Crew – dreimal um die Welt gesegelt. Später liessen sie sich in
Holland ein 17-Meter-Stahlschiff bauen, abermals Yankee getauft, über
das wir hier berichten. Es war speziell für Inlandgewässer konstruiert, und
somit hatte es, bei eingezogenem Schwert, nur 1,25 Meter Tiefgang. Eine starke
Maschine verlieh ihr die Kraft, starke Strömungen zu meistern, z.B. die der Rhône
(als es noch keine Schleusen gab) oder Ägyptens Nil. Ihre seglerische
Gesamtbilanz dokumentierte dieses Ehepaar in einem halben Dutzend Bücher, unzähligen
Artikeln in führenden Illustrierten wie National Geographic, und auch in
Fernsehfilmen.
Sucht jemand Ruhe, Frieden und die Schönheit der Natur, dem ist eine
Reise auf den Inlandwasserwegen Nordeuropas zu empfehlen. Wer nach historischen
Leckerbissen sucht, findet auch das. Man wird daran erinnert, dass diese Gegend
der Invasionsweg römischer Legionen nach Mitteleuropa war, mit zahlreichen
Bauwerken aus dieser Epoche.
Es war ein kleines Flüsschen mit Namen Le Seille, das die Johnsons noch
nicht erkundet hatten. Sie wollten sehen wie es aussieht – wir auch!
Der Fluss hat eine deltaähnliche Mündung, und das Erkennen der
richtigen Einfahrt war schwierig. So lief Yankee bald auf Grund. Schnell
lösten wir die Schleppleine und flüchteten ins tiefere Wasser. Irving dagegen
drehte seinen mächtigen „Jimmy“ (General Motors Diesel) auf Hochtouren und
versuchte, die Untiefe mit Gewalt zu bezwingen. In weitem Umkreis verfärbte
sich das Wasser zu einer dunkelbraunen Brühe. Es erinnerte mich an einen ihrer
Berichte, der schilderte, wie sie vor Jahren einmal die fünfzig Tonnen schwere Yankee
mit Hilfe von Maschine und Winschen über eine Untiefe zwangen, um die Gegend
dahinter zu explorieren. Siggi und ich ahnten schon, was uns bevorstand!
Gottseidank erschien bald ein alter Franzose in einem ebenso alten Kahn,
der Irving über die richtige Einfahrt informierte. Wir fanden sie bald und so
auch die erste Schleuse, die aus der Zeit stammte, als Napoleon noch das Sagen
hatte. Die Schleuse leckte wie ein Sieb und hielt das Wasser gerade lange genug
um durchzuschlüpfen.
Tief war der Fluss nirgendwo. Wir spürten das mehr als Yankee,
die trotz ihrer enormen Grösse einige Zentimeter weniger Tiefgang hatte als Thlaloca.
Mit anderen Worten, wenn Yankee über eine Untiefe hüpfte, musste Thlaloca
fünf Sekunden später springen!
Die Fahrt führte durch eine wunderbare Landschaft, die an natürlicher
Schönheit kaum zu übertreffen ist. Die zahllosen Kühe, die das Ufer säumten,
glotzten uns neugierig an. Wir hätten gern erfahren, was sie über uns dachten.
Auf dem Rückweg stolperten wir über die gleichen Untiefen, und wir waren froh
als die Hüpferei zu Ende war.
Die Riesenstadt Lyon erreichten wir noch am gleichen Tag mit
blankgeputztem Kiel; er blieb im Port du Plaisance, wo wir festmachten, sicher
viel länger sauber als der Rumpf unserer Thlaloca, der bald mit einer
dicken Ölschicht überzogen war.
Da die Rhône zu der Zeit zu wenig Wasser führte, mussten alle
Binnenschiffe und Yachten auf mehr Wasser warten. Darüber waren wir natürlich
sehr enttäuscht — besonders dann, wenn ein schnelles Flussschiff eine hohe
Heckwelle nachzog und die dicke Brühe auf unserm Deck landete. Auch diente der
schmale Streifen Land, der den Liegeplätzen vorgelagert war, als Toilette für
Lyons zahlreiche Hunde. Überhaupt war die Stadt mit Hundedreck dermassen
verseucht, dass ein abendlicher Spaziergang nicht ratsam war.
Da eine schnelle Weiterfahrt sehr fraglich war, wollten die Johnsons mit
ihren Chartergästen für ein paar Tage Paris besuchen. Deren Vorschlag, wir möchten
ein Auge auf Yankee halten und gleichzeitig darauf wohnen, akzeptierten
wir ohne Murren! Unser Wirken an Bord erweckte in jedem der Glaube, es sei unser Schiff. Wir taten auch nichts,
diesen Glauben in Frage zu stellen!
1971 war der Höhepunkt des Vietnamkriegs. In einem Land wie Frankreich,
wo die Kommunisten eine der stärksten Parteien Westeuropas bildeten, wirkte die
amerikanische Flagge wie das rote Tuch in der Stierkampfarena. Der Anleger für
Yachten lag teilweise am Fuss einer hohen Felswand. Auf dem Plateau fand der tägliche
Markt statt. Von dieser Höhe aus wurden die vier anwesenden amerikanischen
Yachten mit faulem Gemüse beschossen. Ich verstand es als meinen Job, jeden
Morgen die amerikanische Flagge in voller Grösse zu hissen; und wir hofften
vergeblich, dass sich diese Feiglinge für eine Konfrontation zu erkennen geben
würden!
Nach zehntägiger Wartezeit wurden irgendwo in den Bergen der Schweiz Schützen
gezogen, die eine Wasserlawine in das Rhônetal entliessen, angeblich genug
Wasser für Schiffe bis zwei Meter Tiefgang. 11 Yachten und eine Anzahl
Flussschiffe wurden plötzlich mobil. Jede Yacht suchte einen Lotsen, der das
anvertraute Schiff für ein hohes Honorar um die Untiefen der Rhône führen
sollte. Irving, der den Fluss wie jeder Lotse kannte, verzichtete auf einen
Lotsen. Das ersparte uns fünfzig Dollar – und nicht nur uns! Zwei andere
Yachten folgten in unserem Kielwasser, die Mark Twain und die Orion –
beide Amerikaner.
In der ersten Schleuse, am Südrand der Stadt, erfuhren wir den
augenblicklichen Wasserstand – nur 1.60 Meter. Das waren nur wenige Zentimeter
unterm Kiel. Und was unterm Kiel liegt, war kein Sand oder Schlamm. Diese sanfte
Unterlage war über die vergangen Jahrtausende von der starken Strömung
weggefegt worden. Was verblieben war, war steiniges Geröll. Wenn das man gut
geht!
Aus der Schleuse heraus, waren wir bald in der Gewalt der Strömung. Die
mörderischen Stromwirbel erfassten unseren Kiel, und ich hatte alle Mühe, Kurs
zu halten. Wir beobachteten, wie Irving wild das Ruder bediente und mit voller
Pulle den Kurs korrigierte. Ich sass gespannt wie ein Flitzbogen an der Pinne,
bemüht, den Namen Yankee–Mystic genau vor dem Bug zu halten.
Nach 70 Kilometern, angeblich den Schlimmsten, wie man uns sagte,
beruhigte sich die Strömung merklich, und wir hatten Gelegenheit, unser
Augenmerk in andere Richtungen zu lenken anstatt immer nur voraus. Denn was wir
erlebten, war nicht nur das rasche Wasser des „Königs aller Flüsse“ (wie
man die Rhône nennt), sondern auch die Krönung an landschaftlicher Schönheit
– saftige Weiden, bebaute Felder, wogende Wälder. Gruppen von weissen Schwänen
schwammen gemächlich entlang der Ufer, wo es keine Strömung gab. Es wunderte
uns immer wieder, dass es in diesem bevölkerungsreichen Land Frankreich enorme
Flächen gab, wo man nicht ein einziges Haus sah.
Gezähmt wird der „König“ durch einige riesige Schleusen, die man
als wahre Wunder der Technik ansehen kann. Eine davon hat einen Hub von 28
Metern. (Im Jahre 1984 unternahmen wir die gleiche Tour bergab
mit
unserem neuen Schiff Thlaloca Dos. Zu der Zeit war das neue
Schleusensystem Rhône fertig und es gab keine Gefahren mehr).
Mistral ist der Name eines Windes, der sich über den Alpen entwickelt
und wie eine Furie in das Rhônetal eindringt. In solch einer Situation war es
ratsam, separat in eine Schleuse einzulaufen. Was wir nicht einkalkulierten
waren die Auswirkungen, nämlich, dass der starke Wind Thlaloca mit vier
Knoten der Schleuse zutrieb. Und unser Seagull hatte keinen Rückwärtsgang. Wer
stoppt das Boot? Der rettende Schrei: SEEANKER kam vom Bug her, wo Siggi
bereitstand, im gegebenen Moment eine Leine um einen der schwimmenden Poller zu
werfen.
Unser Seeanker war viel zu gross, um ihn unter Deck zu verstauen; er lag
daher verzurrt auf dem Achterdeck. Im Nu hatte ich eine Leine daran geknüpft
und schmiss ihn überbord. Wie von Magie gebremst kamen wir ganz sachte längsseit
der Yankee. In der Seglerei werden heutzutage Rekorde als Krönung der
Segelkunst gepriesen. Um Siggi zu würdigen möchte ich bescheiden auf unseren
Rekord hinweisen: Zum ersten Mal wurde, soweit wir informiert sind, in einem
Kanal ein Seeanker verwendet. Diesen genialen Gedanken hatte ich Siggi zu
verdanken!
Yankee und Thlaloca hatten gerade in einer der Schleusen
festgemacht, als Irving eine Warnung schrie, die Maschine startete, die Leinen löste
und tiefer in die Schleuse verholte. Eine Minute später sauste Mark
Twain genau dort in die Schleusenwand, wo wir Augenblicke vorher lagen. Ein
anderes Mal wurde sie vom Mistral gepackt und kollidierte mit einem Stahldalben.
Danach sah der unschöne Bug noch unschöner aus!
Übernachten wollten wir am Anleger einer Industrieanlage. Ein Anlegemanöver
in starker Strömung ist immer kompliziert. Folglich stand Siggi am Bug, um die
Schleppleine zu kontrollieren. Ich sass an der Pinne. Die Mark Twain war
nur wenige Meter hinter uns. Mister Schubert, der Eigner der Mark
Twain, stand, herausfordernd gekleidet in der Uniform eines Riverboat-Kapitäns,
am Bug, um seinem Steuermann Anweisungen zu geben. Als dieser Monsterkahn nur
noch fünf Meter hinter uns stand, schrie ich Schubert an, er soll gefälligst
grösseren Abstand halten. Gleichzeitig misslang das Anlegemanöver der Yankee,
sie wurde von der Strömung zurückgetrieben – und so auch wir!
Thlaloca legte sich quer, und Mark
Twain rammte uns an der Steuerbordseite. Thlaloca
legte sich bis auf neunzig Grad über und wurde unter dem Bug gedrückt. Über
mir sah ich den verbeulten Bug des Übeltäters, hörte Siggi im Wasser schreien,
hörte knackendes Holz und sah, wie das Wasser in die offene Luke lief. Mein
erster Gedanke: Wo ist Siggi? Aber auch: Welch eine Schande, unser Schiff in
einem Fluss zu verlieren.
Irving, von seiner Frau am Heck unterrichtet, gab Vollgas und befreite Thlaloca
von diesem Monster.
Glücklich darüber, dass unser Schiff noch schwamm, noch glücklicher,
dass meine Siggi heil an der Leine hing, wenn auch total schockiert, machten wir
längsseit der Yankee fest. Wir waren nervliche Wracks, denn was wir
sahen, war der mögliche Verlust unserer Thlaloca.
Wir pumpten das Wasser aus dem Boot und untersuchten den Rumpf: Ausser
einigen tiefen Kratzern und einem zehn Zentimeter grossem Loch im Rumpf hatten
wir nur verlorene Ausrüstungsgegenstände, wie Fender, Bootshaken, Leinen,
Eimer, etc., etc zu beklagen. Beim Schreiben dieser Zeilen spüre ich heute noch
ein Gruseln, wenn ich daran denke was passiert wäre, hätte Siggi den Halt an
der Leine verloren . . .unter den Rumpf der Mark
Twain . . . in die Schraube . . .gefasst
von der Strömung – und dann? Übrigens, die Geräusche von knackendem Holz
waren Teile der Hölzer, mit denen der Mast aufgebockt war. Jedenfalls hatte Thlaloca ihre aussergewöhnliche Stärke aufs Neue bewiesen.
Der Steuermann, ein noch junger Mann, entschuldigte sich mit Tränen in
den Augen.
Ganz gegenteilig benahm sich Mister Schubert. Wir wurden gebeten, an Bord
der Mark Twain zu kommen. Zunächst liess er uns 10 Minuten
warten (wahrscheinlich um seine spektakuläre Uniform aufzupolieren und seinen
Hemingway-Bart zu stutzen). Danach rollte er wie ein Pascha in den Raum, um zu
verkünden, dass er jegliche Verantwortung ablehne. Mit den Worten „Macht
damit was ihr wollt!“ drückte er mir eine Karte in die Hand. Er war
versichert, wir nicht!
Nicht unbedingt die Verantwortungslosigkeit empörte uns, sondern die übertriebene
Arroganz, die diese lächerliche Person zur Schau stellte, nahm uns vor Zorn die
Sprache. Es erinnerte mich an einen Spruch aus meiner alten Heimat: „Wir
Sachsen sind im Prinzip friedliche Leute, aber wehe, wenn sie gereizt werden,
dann sind sie wie die Löwen!“ Dieser Mensch hier entging nur aus zwei Gründen
einer Prügelstrafe: Erstens, dass Siggi nichts weiter passiert war, und wir
noch unser Schiff hatten. Zweitens: Dass der Mann körperlich behindert war.
Im Folgenden blieb die Mark Twain
einige hundert Meter hinter uns, aber nie ausser Sicht.
Südlich von Avignon zweigten wir in den Sete–Rhone–Kanal ab, wogegen
die Yankee ihren südlichen Kurs beihielt. Sie war auf dem Weg zu ihrem
Winterquartier in Arles. Doch vor uns lagen noch tausende Seemeilen, bevor wir
zuhause waren.
Es war der Abschluss einer sechswöchigen Bekanntschaft, an die wir uns
gern erinnern und die wir mit Exys Abschiedsworten beenden möchten, denn sie
entsprechen auch unseren Gefühlen: „It was all great fun!“ (Es war alles ein grosses Vergnügen.) |