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KAPITEL:
Thlaloca
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Kapitel XX
UNSER LETZTER TÖRN MIT THLALOCA
Kanada
– Deutschland—USA
Im Jahren 1968 waren wir und unsere Thlaloca noch einmal bereit,
dem Meer zu trotzen. Dem lag ein Gespräch zugrunde, welches wir 1966 in
einer Marina in Charleston, North Carolina mitbekamen: Während eines Interviews
mit einem Reporter der lokalen Zeitung kam es zu einem Menschenauflauf. Eine
junge Frau war von unserer Reportage so begeistert, dass sie jedem Ankommenden
unsere Geschichte erzählte, u.a. einem älteren Mann. Seine Antwort war: „Ich
hörte gerade im Fernsehen, da ist doch so ein Idiot (nut) sogar
über den Atlantik gesegelt.“ Nun sollte man solche Bemerkungen nicht zu hoch
bewerten, aber mich hat es daraufhin „gefuchst“. Schon weil in der
historischen Entwicklung dieses Landes die meisten Einwanderer von Europa über
den Nordatlantik hierher kamen, ist dies in den Gemütern der Einwohner speziell
verankert. Mit anderen Worten: Wer nicht über den Nordatlantik herkam, kann
nicht die Welt umsegelt haben!
Am 31. Mai 1968 waren wir seeklar. Um aber bei New York City den
Atlantik zu erreichen, mussten wir zunächst über den Ontariosee, durch den
Eriekanal und Hudson River. Wegen der Vielzahl der Brücken musste die Strecke
mit gelegten Mast zurückgelegt werden. Dabei waren wir nur auf unseren 2½ PS
Aussenbordmotor angewiesen. Dadurch war die Fahrt zeitraubend, so dass wir erst
am 15. Juni New York City, genauer gesagt, Sheepshead Bay Yacht Club, erreichten.
Dort fanden wir Ruhe und die Möglichkeit, die erforderlichen letzten
Vorbereitungen für eine sichere Ozeanüberquerung zu treffen. Am Ende waren wir
voll für 50 Seetage ausgerüstet.

Ein Bild, das die
Stabilität unserer Thlaloca demonstriert
Besonders freuten wir uns, dass wir unseren Freund Jean Gau wiedertrafen.
Zum erstem Mal war es 1964 in Panama während seiner zweiten Weltumsegelung.
Jean war Franzose und sein Schiff Atom eine Tahiti-Ketsch. In Durban, Südafrika
lief er eine Woche nach uns aus. Um das Kap der guten Hoffnung herum bekam er
eins auf die Mütze. Atom kenterte durch und verlor beide Masten sowie
alles, was nicht niet und nagelfest war. Er rettete sich und sein Schiff in
Knysna, wo er es wieder seeklar machte. Endgültig verlor er dann sein Schiff an
der nordafrikanischen Küste. In den siebziger Jahren starb er in Südfrankreich.

Jean Gau
In den frühen Morgenstunden des 20. Juni lichteten wir den Anker.
Mit einem guten Wind dauerte es auch nicht lange und wir passierten steuerbord
das Ambrose Leuchtfeuer. Es war windig und kalt, und uns war gar nicht wohl zu
Mute. Auf Gegenkurs überholte uns Frankreichs Stolz, die SS.France. Wir
fühlten deutlich die Wärme und Sicherheit, die solch ein grosses Schiff
ausstrahlt. Unsere anfängliche Begeisterung, nach langer Zeit wieder einmal in
See zu stechen, wurde dadurch stark gedämpft. Doch bald kehrten unsere Gedanken
zurück zu unserer kleinen Welt; bemüht unser Schiffchen heil über 3,200
Seemeilen eines rauhen Ozeans zu führen.
Die kürzeste Distanz zwischen zwei Punkten ist die Gerade. Auf der
Seekarte scheint dieser Weg gebogen; er wird nautisch Grosskreiskurs genannt.
In unserem Fall hat dieser Kurs einen unangenehmen Nachteil: Er führt südlich
von Neufundland direkt durch die Eisbergzone. Der Gedanke an eine Kollision mit
einer Eisscholle ist beunruhigend. Wir vertrauten auf die Eisberichte von
kanadischen Wetterstationen, aber während unserer Reise empfingen wir nicht
einen einzigen Report. Offensichtlich benötigt man dafür ein Empfangsgerät
mit speziellen Frequenzen. Unsere Annahme, dass ein guter Ausguck uns die nötige
Sicherheit verschafft, war bei dem ewig anhaltenden Nebel genau so falsch.
Nun, wir hätten einen Kurs über die Azoren wählen können, aber in
Anbetracht dessen, was sich einige Tage später entwickelte, waren wir in der
Wahl eines nördlichen Kurses doch im Vorteil. Nach zwei Segeltagen brachte uns
die Meldung von Hurrikan Brenda den ersten Schock. Die Position des
Sturms war südwestlich von den Bermudas, er bewegte sich auf nordwestlichem
Kurs. Es war klar, dass der Sturm eine grosse Gefahr für uns bedeutete, wenn er
den Kurs beibehielt. Was tun? Land anlaufen? Nun war es aber möglich, dass das
Unwetter uns einholte, bevor wir einen sicheren Hafen erreichten. Dann sässen
wir so richtig in der Falle.
Wir entschlossen uns, vorerst auf Nordostkurs weiterzusegeln und
konzentriert die Meldungen zu verfolgen. Die Regatta Newport-Bermudas wurde
angesichts der Gefahr verschoben. Diese Regatta war ein Zubringer zur
Transatlantik-Regatta von den Bermudas nach Travemünde.
In den folgenden zwei Tagen bewegte sich Brenda auf sehr
unterschiedlichen Kursen; und so auch wir, mit andauernd wechselnden
Windrichtungen.
Plötzlich hörten alle Berichte über Brenda auf, und wir deuteten das
als gutes Zeichen. Aber nur für ein paar Stunden, denn ein neuer Sturm, Candy,
war über Texas im Anmarsch.
Südlich von Neuschottland gerieten wir in ein riesiges Tief. Drei Tage
lang blies der Wind mit Windstärken zwischen 8-10. Wir lagen beigedreht. Der
Golfstrom, der sich in dieser Gegend stark bemerkbar macht, hat zur Folge, dass
sich die See steil aufbaut, so das Thlaloca die unmöglichsten Pirouetten
aufführte. Obwohl wir fest verzurrt in den Kojen lagen, waren die Bewegungen
eine körperliche Strapaze.
Übers Radio hörten wir, dass ein deutsches Girl, mit einem Trimaran
unterwegs, in Seenot war. Besorgt verfolgten wir die Meldungen und waren
erleichtert als sie als gerettet gemeldet wurde.
Nach dem Sturm ging es mit voller Besegelung durch Regen und Nebel zu
unserem noch 2,500 Seemeilen entfernten Ziel weiter. Dröhnende Nebelhörner
waren Signale dafür, dass wir uns in der Nähe von Schifffahrtslinien befanden.
Von vornherein hatten wir auf westliche Winde gebaut. In Wirklichkeit kam
der Wind jedoch meist aus südlicher Richtung. Anscheinend waren es Auswirkungen
von Brenda, die alles durcheinander gebracht hatte.
Nun, es gab auch schöne Tage, die man mit den besten im Pazifischen
Ozean vergleichen konnte; das azurblaue Wasser des Golfstromes, geküsst von
heissen Sonnenstrahlen, funkelte dann wie ein Sternenhimmel. Diese Gelegenheiten
wurden nutzten wir, um das Boot gründlich zu lüften. Alles Bettzeug sowie die
Kleidung wurden an Deck ausgelegt und in die Takelage gehängt. Die Seevögel
kamen dann sehr nahe, um zu gucken, was das wohl sein mag.
An einem dieser schönen Tage rief Siggi plötzlich „sail, ho!“ Ich
schoss an Deck, um solch ein Schauspiel zu erleben, denn noch nie während
unserer 600 Seetage hatten wir auf hoher See eine Segelyacht gesichtet.
Es war eine grosse Slup unter Spinnaker. Bald darauf eine zweite Yacht,
eine Ketsch oder Yawl, ebenfalls unter Spinnaker. Bald hörten wir im Radio
Gespräche in deutsch und englisch. Die zwei Yachten, die wir sichteten, waren
die Germania VI und die Ondine, auch hörten wir die Hamburg sowie
die Roland von Bremen im Funkverkehr. Sie alle waren Teilnehmer der
Transatlantik-Regatta von den Bermudas nach Travemünde. Als Begleitschiff
diente die Westerwald, eine Fregatte der Bundesmarine.
Zugegeben, wir waren auf sie etwas neidisch, die auf diese Weise den
Ozean überquerten – in Riesenyachten, mit Begleitschutz und stündlichen
Wetterprognosen. Und mit der einzigen Sorge, dass die mitfahrenden Fernsehteams
die effektivsten „Schiesspositionen“ hatten.
Hochinteressant waren die Gespräche zwischen den Yachten und dem
Begleitschiff. Auf amerikanischen Yachten oder denen anderer Nationalitäten
waren die Anreden: Bob, Bill, Frank, usw. Es war so natürlich und ungezwungen
– so kameradschaftlich. Ganz anders verliefen die deutschen Gespräche.
Anscheinend hatten alle einen Rang: Kapitän, Doktor, sogar ein Admiral und ein
Baron waren dabei. Alle Anreden enthielten: Herr, Sie und Titel. Von der
Mannschaft, die die Arbeit verrichtete, sprach keiner. Es war so künstlich und
unpersönlich wie es nur sein konnte; und das auf relativ kleinen Schiffen auf
hoher See. Man sollte darüber schmunzeln – aber irgendwie schätzten wir uns
als die glücklichsten Menschen, aus diesem Milieu entflohen zu sein!
Am 14. Juli errechneten wir eine Position 47º05’ Nord 33º52’ West,
einige Seemeilen südlich der von West nach Ost verlaufenden Schifffahrtslinie.
Mit zunehmendem Wind refften wir die Segel. Bald musste auch das kleinste Segel
runter. Im Süden war der Himmel mit Sturmwolken übersät, und der Wind pfiff
mit 35 Knoten. Starke Böen überholten unser Windmesser, der bis 60 Knoten
registrierte. Westerwald gab Sturmwarnung: Wind Südwest, mittlere
Windgeschwindigkeit 50 Knoten, Wellenhöhe 6-8 Meter. Da wir zur Zeit weit
südlich von der Regatta standen, waren wir schon mitten im Sturm.
Der Wind peitschte die See zu unglaublich hohen und brechenden Bergen,
die manchmal aus drei verschiedenen Richtungen anmarschierten. Wir steckten den
Seeanker über das Heck aus. Wolkenbruchartige Niederschläge nahmen uns
jegliche Sicht. Es waren sicher Ausläufer von Brenda, die uns endlich
erwischt hatten. Fünf Stunden später war alles vorüber, und das Meer zeigte
uns wieder seine unschuldige Seite.
Sehr langsam näherten wir uns unserem Ziel, nämlich Falmouth in
England. Frische, zu starke südliche Winde drückten uns immer mehr nach Norden.
Eine verteufelte Kreuzsee, das unumstrittene Merkmal des Nordatlantiks, war hart
für Boot und Besatzung. Oftmals wunderten wir uns –
wie so oft während unserer Reise rund um die Welt—wie ein Boot solche
Strapazen aushält. Es ist dann beruhigend zu wissen, wie es gebaut wurde und
was drin steckt!
Navigieren war schwierig, denn für Tage sahen wir keinen Himmelskörper,
um eine Position zu errechnen. Wenn sich die Sonne ab und zu behauptete, war es
dunstig und der Horizont verschleiert. Wir peilten dann über die Daumen, was
aber selbst unter den besten Bedingungen ein sehr unzureichendes Hilfsmittel der
Navigation ist!
Insgesamt war das Wetter saumässig, sicher durch Brenda und Candy
hervorgerufen. Die Kabine war durch Kondenswasser eine triefende Höhle; die
Kleidung zog das Kondenswasser wie ein Schwamm auf und der scheussliche Geruch
von Schimmel kam aus jeder Ecke. Wir sehnten uns nach dem Ende der Reise.
Doch noch einmal sauste das Barometer in die Tiefe und zeigte an, dass
ein neuer Sturm im Anmarsch war. Sobald all Segel gestrichen waren, verkrochen
wir uns in unsere „Höhle“ und liessen uns treiben. Auf einmal erspähten
wir zwischen den Wellenbergen den Mast eines Schiffes. Es war die Eurymachus.
Sie wechselte Kurs und kam ganz nahe, um zu sehen, was da auf dem Atlantik
herumtreibt. Bei der Begrüssung verrenkten wir uns fast die Arme, was von der
Besatzung erwidert wurde. Bald verschluckte der nahe schwarzgraue Horizont das
Schiff, und wir waren wieder allein mit unserer stürmischen Welt. Mitunter
brach die See so gefährlich, dass es aussah, als würden wir für immer
verschluckt. Dreizehn Stunden lenzten wir vor diesem Sturm.
Noch 500 Seemeilen bis Falmouth. Eigentlich ein Klacks unter normalen
Umständen. Aber das Wetter war nicht normal. Inzwischen hatte sich ein
Riesenhoch mit 1034 mb gebildet, das sich von Skandinavien bis zu den
Azoren erstreckte. Die Menschen auf dem Kontinent erfreuten sich am herrlichen
Wetter, wir (ich) fluchten wie die Rohrspatzen, denn der Wind blies nun genau
aus Osten, und in der kabbelige See war es für Thlaloca schwer, dagegen
anzukämpfen.
Nach 40 Seetagen durchbrach ein zuckendes Licht eine finstere Nacht. Es
war das Leuchtfeuer auf den Scilly Islands, westlich von Lands End, England. Am
Mittag des folgenden Tages sahen wir durch einen Dunstschleier die Südküste
Englands, und am folgenden Morgen segelten wir in den bildhübschen Hafen von
Falmouth ein.
Von dort segelten wir über Dover und Borkum nach Emden;
wo uns Herr Erich Schröder, im Becken seiner Schiffswerft, einen Liegeplatz
anbot. Dort machten wir auch Bekanntschaft mit Erika und Ewald Schröder (sein
Cousin), der uns bei unserem zweiten Besuch in Deutschland, Jahre später mit Thlaloca
Dos, sehr viel helfen sollte. Bald kam auch der Zoll und fragte, ob wir
Contraband an Bord hätten. Scheinbar befriedigt verlies er uns. Drei Tage später
kam der Beamte wieder und überraschte uns mit der Frage, ob wir wirklich keinen
Kaffee an Bord hätten. Das in einem der reichsten Länder der Welt! Erich Schröder
war so nett und organisierte für uns einen Schlepp bis Münster. Wie überaus
hilfsbereit Menschen sein können, bewies sich während diesem Schlepp: als das
Tau brach, ohne das der Schiffer es bemerkte. Nun, es war kein grosses Unglück,
wir befestigten unseren Aussendbordmotor am Heck, und motorten weiter. Eine
Stunde später kam ein Binnenschiff auf Gegenkurs. Unglaublich, als es nahe war,
erkannten wir unseren verlorenen Schlepp! Das Binnenschiff machte in den engen
Kanal—was bestimmt ein kompliziertes Manöver ist—abermals eine Kehrtwendung
und nahm uns, bis Münster, wieder auf den Haken,.
Dort wurde Thlaloca auf einen Bootshänger verladen und hinter
Siggis Elternhaus abgesetzt. 2½ Jahre wartete sie dort auf unsere Rückkehr.
Thlaloca
Kapitel XXI
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