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KAPITEL:

Thlaloca

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Kapitel  XVIII

WIR SCHLIESSEN DEN RING!

      Eintausenddreihundert Seemeilen von Barbados entfernt, auf westlichem Kurs, liegt der Panamakanal, dort, wo wir vor mehr als zwei Jahren unser Entschluss fassten, die Erde zu umsegeln. Unsere Begeisterung übertrug sich auf Thlaloca, die das Karibische Meer mit grossen Sprüngen im Sturm nahm. Im Gedanken sahen wir uns schon im Yachthafen von Christóbal, um den Augenblick des Erfolges mit einem handfesten Trunk zu begiessen. Allerdings ging es — was man von der Segelei immer erwarten muss — dann doch viel langsamer als gedacht. Die erste Bremse kam in Form eines ganz furchtbaren Gewittersturms. Tonnenweise fiel der Regen, der von stürmischen Winden horizontal geblasen wurde. Unaufhörlich zuckten Blitze, und der Donner grollte ganz bös. Als ich mit meiner linken Hand den Travellerläufer berührte, entlud sich die statische Elektrizität und gab mir einen anständigen Schock. Schlotternd vor Kälte und sicher auch Angst, begab ich mich nach unten, wo Siggi ebenfalls die Entladung spürte. Sie schaute mich an und sagte, „Mein Gott, Du hast Deine Zähne verloren!“ Wie ein Blitz war ich wieder im Cockpit, und zwischen Wasser und „Schotensalat“ fand ich meine Brücke wieder.

     Im gleichen Sturm ebenfalls unterwegs war die amerikanische Yacht Seawind.. Wir trafen sie später in Panama. Deren Mast war vom Blitz getroffen worden. Die Beschädigungen waren enorm und die Reparaturen kostspielig.          

     Nach dem Gewitter herrschte eine lange Flaute. Mit kaum wahrnehmbaren Wind hielt Thlaloca aber immer noch einigermassen ihren Kurs. Ich sass tief im Cockpit und hoffte auf ein baldiges Ende dieses langweiligen Dahintreibens. Einige Male schon bemerkte ich, dass die Pinne – für Augenblicke nur – leicht hin und her schwankte. Was konnte es sei? Ich wurde stutzig. Plötzlich schwamm ein langes Schwert ganz langsam an der Bordwand entlang. Ich wusste sofort, dies ist ein Mörderwal! Siggi und ich stierten mit weichen Knien in Richtung des Ungetüms, das mit seinem angeborenen Potential in der Lage war, den ersehnten Erfolg einer Weltumsegelung zunichte zu machen. Die einzigen Geräusche, welche die Stille durchbrachen, waren unsere pochenden Herzschläge und mein klapperndes Gebiss, das mich jedesmal verriet, wenn ich Held spielen wollte. Das Biest tauchte weg, und wir hörten deutlich, wie es entlang des Rumpfes kratzte. Blitzschnell dann hob sich dieses Riesentier aus dem Meer und klatschte seitlich zurück auf das Wasser, begleitet von einer hohen Wasserfontäne. Vielleicht wollte dieses Ungetüm nur zeigen, wie schön es war und was es alles kann. Gern aber hätten wir auf dieses Schauspiel  verzichtet!

     Von nun an erlebten wir die gleichen Schwierigkeiten, wie wir sie vor siebenundzwanzig Monaten auf der pazifischen Seite erlebten. Wind gab es fast überhaupt keinen, und der der bemerkbar war, war nicht genug, um eine Pusteblume zu rütteln. Dazu kamen konfuse Strömungen. Alle Naturgötter waren sich einig darüber, dass wir uns die letzten Meilen schwer erkaufen sollten. Und zuletzt dauerte es noch fast drei Tage, die letzten 27 Seemeilen zu segeln.

      Am 25. Mai 1966, einige Minuten nach 12:00 Uhr GMT , passierte Thlaloca die Molenköpfe von Cristóbal. Somit war der Vollkreis einer Weltumsegelung geschlossen: von Panama bis Panama in 2 Jahren, 3 Monaten und 20 Tagen. Eine Strecke von 27.000 Seemeilen.

    Eine der blauen Barkassen von der Panama Canal Authority, kam sofort längsseits. Mit allen nötigen Papieren sprang ich an Bord, während Siggi weitersegelte. Unser Boot brauchte nicht vermessen werden, da das schon im Januar 1964 getan wurde, und dafür hatten wir ein Zeugnis. Ich bekam Bescheid, innerhalb der „Flats“ zu ankern, wo wir auf  Zoll und Immigration warten mussten. Während dieser Formalitäten hielt die Barkasse dieselbe Geschwindigkeit wie Thlaloca, und ich sah unser Boot in einer Perspektive wie noch nie vorher. Ich hätte sie aufessen können, so schön war sie. Und ein unbeschreibliches Gefühl des Stolzes überkam mich, auf meine prächtige Siggi – mein Kamerad und mein guter Stern – die unser Schiff zu genau demselben Ort steuerte, wo wir vor 2 ½ Jahren die Entscheidung trafen, um die Welt zu segeln.

     Es war ein wundervolles Gefühl, wieder dort zu sein wo uns nichts fremd war. Im Cristóbal Yacht Club bekamen wir gleich einen Liegeplatz. Wir sassen auf der Veranda des Clubs und genossen mit Wonne die kalten Getränke. Dabei fixierte uns eine Person: Nach genaueren Hinschauen erkannte ich Kapitän Haff, der uns vor 2 ½ Jahren durch den Kanal gelotst hatte. Das haben wir erst einmal begossen, und danach folgten wir seiner Einladung zu seinem Haus, wo wir gemeinsam mit seiner netten Frau einen angenehmen Abend verbrachten.

     Die kleine eingleisige Bahn, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet und die wir so gut kannten, brachte uns nach Balboa, um die Arbaughs zu besuchen. Es war Bills Ermutigung – West! Sail West, Man! – die uns damals half, unsere Entscheidung zu treffen. Derselbe Mann sagte jetzt: I think you got yourself into a jam! (Ich glaube, ihr sitzt jetzt in einer Falle). Eine Falle war es insofern, als wir jetzt mit derselben Situation konfrontiert waren wie vor gut zwei Jahren. Aber das sollte uns vorerst nicht stören. Wir konzentrierten unsere Aufmerksamkeit lieber auf das gute Bier und auf Peggys exzellente Küche.

     Ich bemerkte, dass wir für die Weiterfahrt keine Seekarten an Bord hätten. „Komm mit!“ sagte Bill, und wir fuhren zu einer abgelegenen Hütte, wo tausende Seekarten und viele Seehandbücher aufgestapelt waren. Die Menge der ausgesuchten Karten musste ich noch einmal halbieren, sonst wäre Thlaloca gesunken. Mit Peggy und Bill verlebten wir drei sorglose Tage.

     Wieder zurück im Club, waren wir im Kreise mehrerer neuer Freunde. Zwei davon waren David und Julie Jenkins. David war Richter, Julie ehemalige Deutsche. Sie waren liebe Menschen, in deren klimatisiertem Haus wir uns sauwohl fühlten, wohl schon deshalb, um der drückenden Hitze im Club zu entweichen.

     Unser Nachbar war die britische Yacht Spurwing mit Eigner Sir Percy Harris (Pewin, wie er gerufen werden wollte). Als früherer Gouverneur von Kamerun gehörte er zur diplomatischen Elite. Das Interessante an ihm war, dass er die drolligsten Geschichten in reinstem Oxford Englisch erzählte. Mit seiner Crew, dem Neuseeländer Mac White, war er unterwegs nach Neuseeland, wo er bei seinen dort verheirateten Kindern ansässig werden wollte.

     Wenn jemand unsere Thlaloca als „Ding“ ansprach, brachte das Siggis augenblicklichen Zorn ein. Ein Beispiel:

     „Habt ihr mit diesem ‚Ding’ wirklich die Welt umsegelt?“ Siggis Antwort war dann gewöhnlich, „Nein, nicht das ich wüsste.“

     „Ja, aber mir (uns) wurde das gesagt!“

     „Nun, wenn Du unser Boot Thlaloca gemeint haben solltest, dann stimmt das!“

     Mac und Muff Graham von der Yacht Seawind lagen im Nachbarslip. Es ist dieselbe Yacht, die mit uns zur gleichen Zeit im Gewittersturm war und durch Blitzschlag schwer beschädigt wurde. Sie waren dabei, die Schäden an Mast, Elektronik und Maschine zu beheben. Wir wurden Freunde und korrespondierten während der folgenden Jahre — meistens um Weihnachten herum. Auf unerklärliche Weise war aber auf einmal Schluss damit. Wir erfuhren dann, dass sie auf der Insel Palmira (eine der Hawaii Inseln) von einem rauschgiftsüchtigen Ehepaar brutal ermordet wurden. (Buch: The Sea Will Tell ).

Thlaloca        XIX