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KAPITEL:

Thlaloca

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 Kapitel  XVII

 ZU DEN WESTINDISCHEN INSELN

      Die Landschaft um Kapstadt herum ist spektakulär. Die zahlreichen Bekanntschaften, die wir im Club machten, sorgten dafür, dass wir die reichen Schönheiten per Wagen erkunden konnten. Eines Morgens erlebten wir etwas Aussergewöhnliches: Wir vernahmen ein Klopfen am Rumpf; Siggi öffnete die Luke und sah eine Frau, die in einem Klubboot zu uns gepaddelt war. Nach kurzer Vorstellung erklärte sie den Grund ihres Kommens: „Wir sind im Begriff, in einen längeren Urlaub zu fahren. Das Haus und unser zweiter Wagen stehen Euch jederzeit zur Verfügung. Bitte macht davon Gebrauch. Der Clubvorsitzende weiss darüber Bescheid, er wird Euch über alles aufklären!“ Damit überreichte sie Siggi einen kleinen Schlüsselbund. Mit diesen wenigen Worten kamen wir in den Besitz eines Hauses und Wagen. Wir waren gerührt, schon deshalb, dass man uns Vagabunden der Weltmeere soviel Vertrauen entgegenbrachte. Wir hatten Theo de Stadler, ein Klubmitglied, in Verdacht, der unermüdlich unsere wahren – aber oftmals weit übertriebenen – Abenteuer in die Welt posaunte, was uns manchmal sehr verlegen stimmte. Vom Wagen machten wir nur selten Gebrauch; vom Haus nie.  

Tafelberg mit . . .

und ohne "Bettlaken"

Proviantübernahme

     Am 14. Februar 1966 lösten wir uns von der Mooring und verholten längsseit des Stegs vom Yachtclub, um Wasser anzunehmen. Viele Mitglieder des Clubs waren anwesend, um uns zum Abschied Glück zu wünschen.  

     Nachdem wir abgelegt hatten, schaute ich unwillkürlich über die Seite, und als ich bemerkte, wie verschmutzt die Bordwand von den alten Fahrzeugreifen war, sagte ich, „Was für ein Mist!“ Ohne weiter darüber nachzudenken, war ich mehr an einem kalten Drink interessiert, als an alles andere.

     Wir waren drei Meter vom Steg entfernt, als ein Mann eine sprudelnde Flasche Bier zu mir herüber warf. Ich fing sie, und da ich jeden Tropfen dieses kostbaren „Nass’“ geniessen wollte, setzte ich die Flasche an meinem Schlund und liess die Flüssigkeit laufen. Die Ausrufe der Freunde interpretierte ich als Beifall. Langsam aber kam es meinen Geschmacksknospen zum Bewusstsein, dass Bier, wo immer in der Welt es gebraut wird, einheitliche Eigenschaften besitzt. Aber was mir da den Schlund runterlief, war das Gegenteil von dem, was ich unter Bier verstehe. Es war kein Bier, sondern Teepol, ein Reinigungsmittel, das vorzüglich in Garagen Anwendung findet.

     Siggi in Panik wollte, dass wir sofort wieder anlegen und ich mir im Krankenhaus den Magen auspumpen lasse. Gleichzeitig fütterte sie mich mit Dosenmilch. Meine Meinung war, dass es mit so wenig Wind Stunden dauern wird, um überhaupt am Hafen vorbeizukommen. Während dieser Zeit sollte sich klären, welche Massnahmen erforderlich waren.

     Wir hörten deutlich das intensive Rumpeln in meiner Magengegend, ein sicheres Zeichen, dass das Teepol effektiv das tat, wofür es entwickelt wurde. Jetzt wurde Siggi ganz zornig: „Du kannst doch nicht mit einem Magen voller Teepol in See stechen!“

     Um das zu unterstreichen, rief sie unserem Begleitschiff „Hilfe“ zu. Die Chicoron, deren zahlreiche Besatzung, war aber schon mit wirklichem Hopfenbräu gefüllt und lebten in einer anderen Welt. Als Antwort grölten ein Dutzend Männerstimmen unstimmig das Lied, „ . . you’re forever blowing bubbles . . „  

Abschied unter Geleit

     Draussen auf See wurde es mulmig. Ich war noch nie seekrank, aber das Teepol bewirkte eine Ausnahme. Jedenfalls hatte dieser unangenehme Vorfall zur Folge, dass die Verbindung zwischen meinem Magen und meinem Mund zweimal gewaschen wurde – runter und rauf , und so für einige Zeit der sauberste Teil meines Körpers war.

     Im Südatlantik, auf der Seekarte nur als Pünktchen zu erkennen, liegen St. Helena und Ascension. Diese Inseln waren unsere nächsten Ziele Diese zu finden, nur mit den Gestirnen als Wegweiser, geht nur mit der wunderbaren astronomischen Navigation. Aber selbstverständlich gibt es auch bei dieser Navigation Irrtümer; z.B. durch die manchmal extremen Schwankungen des Bootes, die geringe Augenhöhe, schlechte oder gar keine Sicht. Ein klassisches Beispiel für entsprechende Probleme ist daher der Pazifische Ozean mit seinen zehntausend Riffen. Es wird behauptet, dass jedes Riff das Grab eines Schiffes ist. Persönlich kennen wir sieben Schiffe, die im Pazifik ihr Ende fanden. Dazu ein Dutzend mehr, von deren Unglück wir hörten. Alle innerhalb eines Jahres. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass, trotz elektronischer Hilfsmittel, heutzutage prozentual mehr Schiffe verloren gehen, als früher mit primitiveren Instrumenten.

     Unter Passatbesegelung, mit 6-7 Knoten Fahrt, stürmte Thlaloca ihrem fernen Ziel entgegen. Wir ruhten in unseren Kojen und debattierten, ob es ratsam wäre, ein Fock zu streichen, denn das Benehmen unseres Schiffes mahnte, die Fahrt zu verringern. Auf einmal ein Knall! Gott sei Dank war es nicht das, was wir augenblicklich befürchteten, ein gebrochener Mast, sondern der Schäkel, der den Doppelblock der beiden Focks am Mast hielt, war durchgescheuert. Es ist unglaublich welche Strapazen dieses Unglück für uns bedeuteten. Die achterliche See, an die drei Meter hoch mit weissen Kronen, schob Thlaloca mit 2-3 Knoten vor sich her. Beide Focks waren heruntergekommen und unterm Rumpf wie festgebacken. Sie zu bergen, nagte stark an unseren Kräften.

     Wieder einen neuen Schäkel am Mast anzubringen, war eine der unangenehmsten Arbeiten, die ich je verrichtet habe. Zunächst sah ich darin gar kein Problem. Einfach die nötigen Werkzeuge um den Leib geschnürt, begann ich den Mast zu erklettern. Oh weh, ich war erst halb oben, als die enormen Schwankungen des Boots schon alles taten, um mich vom Mast zu schütteln. Dabei versuchte Siggi durch möglichst gutes Steuern das Boot zu beruhigen. Ich rutschte zurück aufs Deck, um mich für einen neuen Anlauf zu erholen. Beim zweiten Anlauf erreichte ich wohl den Beschlag im Masttop, aber ich musste mich mit aller Kraft festhalten, so dass ich keine Hand frei hatte, Schäkel und Block zu befestigen. Dazu kam die Furcht – ich erinnerte mich an Colnet Bay, Mexiko, dass der Mast unter meinem Gewicht bricht. Um mich kurz zu fassen: es waren vier Anläufe nötig, um Schäkel und Block anzubringen. Nach zwei Stunden Schwerstarbeit setzten wir die Passatbesegelung wieder. Total erschöpft legte ich mich in die Koje und liess Wind und Wellen tun was sie wollten.

     Die 1700 Seemeilen bis St. Helena schaffte Thlaloca in achtzehn Tagen. Obwohl der Südostpassat unaufhörlich zwischen Beaufort 4-7 blies, zeigte das Meer nie die drohende Gewalt, die im Indischen Ozean üblich war.

     Wie ein gewaltiger Fels, mit steil abfallenden Hängen, ohne geringste Vegetation, lag St. Helena vor uns. Wir beschäftigten uns mit dem Gedanken, was wohl ein Mann wie Napoleon gedacht hat, als er ein Reich für solch einen Lavahaufen eintauschen musste. Zur Zeit der Segelschifffahrt war die Insel von strategischer Bedeutung. Speziell für Schiffe, die zwischen Kap Horn und Europa verkehrten, um dort Wasser und Proviant anzunehmen. So liefen damals an die 1000 Schiffe im Jahr die Insel an. Um sie vor Invasionen anderer Seemächte zu verteidigen, wurden von den Briten starke Befestigungsanlagen angelegt, die heute noch Zeitzeugen sind. Von 1815-21 war Napoleon dort verbannt, und er starb auch dort. Longwood, sein Wohnsitz, dient heute als Museum, leider allerdings mit sehr wenig historischen Werten — die ja alle nach Frankreich überführt wurden. Es erstaunt mich immer wieder, dass ein Mann wie Napoleon, trotz Grössenwahn, Familiendiktatur, Krieg und Menschenvernichtung, eine solche historische Prominenz geniesst. Wann hört man einmal einen Protest der Erz-Liberalen, besonders in der Hochburg Deutschland, die jeden Hauch einer kriegerischen Handlung verabscheuen, aber mit Vorliebe alles vertilgen, was den Namen Napoleon trägt? Vielleicht deshalb nicht, weil die Opfer überwiegend Deutsche waren — ein Segment in der Weltbevölkerung, das anscheinend weniger gilt als andere — und die es nach deren verkorksten geschichtlichen Ansichten  mit Recht verdient hatten!

     Durch die geographische Lage der Insel inmitten des Südostpassats hat St.Helena erfrischende und gesunde Klimaverhältnisse, das vielen pensionierten Europäern ein zufriedenes Leben bietet.

     Siebenhundert Seemeilen weiter nördlich ragt die über 900 Meter hohe, erloschene Vulkaninsel Ascension in den Himmel. Unfreundlich ist der Anblick schwarzer Lavafelder. Ohne Wasser hatte die Insel bis zum Zweiten Weltkrieg keinen strategischen Wert. Während des Krieges diente sie den Amerikanern in der U-Bootbekämpfung und heute als enorme Beobachtungsanlage in der Raumschifffahrt. Ausserdem baute die BBC (British Broadcasting Corporation) eine Verstärkerstation als Teil ihres weltweiten Systems.  

Machmal gibt es etwas Besonderes

Auf dem weiten Meer, ein müder Vogel

     Unsere bevorstehende Reise zur Insel Barbados war mit 3120 Seemeilen die längste unserer bisherigen Törns. Rund um die Erde herrschen, beiderseits des Äquators, zwei Windsysteme. Im Süden der Südostpassat, im Norden der Nordostpassat. Beide Systeme bewegen gewaltige Wassermassen zu Strömungen in Ost-West-Richtung. Zwischen diesen beiden Systemen liegt eine Kalmenzone, die für motorlose Segelfahrzeuge sehr unangenehm sein kann. Es waren auch noch andere Strömungen, die wir bei der Planung unserer Seerute beachten mussten. So sahen wir die Fahrtroute dicht an der Brasilianischen Küste als die für uns günstigste an.  

Unser Treck--Capstadt-Barbados

     Unsere Thlaloca schien zu ahnen, dass es ihre letzte Langfahrt war. (Wir kategerierten Reisen in drei Segmente: Langreise über 2500 Seemeilen; Mittlere zwischen 1000 zu 2500; Kurzreisen unter 1000 Seemeilen.) Leicht wie ein tropischer Vogel, stolz wie ein Albatross, fegte sie mit gespreizten Flügeln über die Wogen des Südatlantiks, dem Äquator entgegen. Vor Bewunderung grinsten wir von Ohr zu Ohr. Es war ein Genuss! In der ersten Woche segelte Thlaloca 856 Seemeilen, in der zweiten 8 Meilen mehr. Als treue Begleiter hatten wir sechs Doraden, die in allen möglichen Farben im blauen Meer schimmerten. Eine nach der andern verliess uns, bis auf eine, die uns über 2000 Seemeilen die Treue hielt. Als auch sie verschwunden war, waren wir sehr traurig. Immer deutlicher vernahmen wir die westindischen Radiostationen; immer deutlicher wurde unsere Erkenntnis, dass unser Zusammenleben mit unserem stolzen Schiffchen, mit immer neuen Abenteuern, unser Gefühl der Verbundenheit mit dem Meer und der grossen Welt, ein baldiges Ende haben würde.  

Navigation in Detail

     Die Insel Barbados sahen wir zunächst nur als dunkle Masse durch Regenschleier, bis sie in der Dunkelheit des versinkenden Tages unseren Augen ganz entschwand. Ganz vorsichtig tasteten wir uns näher, bis unser Instinkt vor Landnähe warnte. Wir loteten zehn Faden Wassertiefe; eigentlich noch sehr tief, aber wir trauten uns nicht weiter landwärts zu segeln. Somit liessen wir den Anker inmitten der Carlisle Bucht fallen. Nach dreissig Seetagen konnten wir dieses Mal ohne übermässiges Schaukeln einschlafen.

     Es war Mitternacht, als wir brutal aus unserem Schlaf gerüttelt wurden. Ein grosser westindischer Schoner hatte uns in der Cockpitgegend gerammt. Der gebrochene Grossbaum blockierte das Schiebeluk, so dass ich äusserste Gewalt anwenden musste um zu öffnen. Wir sahen gerade noch, wie das Schiff in die Dunkelheit verschwand, hörten aber gleichzeitig blecherne Calypsomusik. Dieses bewies uns, dass sich Kapitän und Mannschaft nicht im Geringsten über ein verschuldetes Unglück Gedanken machten. Ein gebrochener Baum, zwei ausgerissene Püttingeisen der Achterstage, eine zertrümmerte Selbststeuerungsanlage und ein Loch im Rumpf waren unsere schwersten Verluste. Unser Ankerlicht, das wir immer an einem Achterstag befestigten, war nach dem Rammstoss erloschen, aber immer noch warm. Wir waren überzeugt, dass es bis zu diesem Zeitpunkt funktioniert hatte. Am folgenden Tag meldeten wir die Ramming mit Fahrerflucht der Polizei, die den Übeltäter sofort fand. Er bekannte sich auch schuldig. Eine Gerichtsverhandlung wurde für Juli (es war April) in Aussicht gestellt — mit anderen Worten, niemals! Eine sehr ambivalente Anwendung des Gesetzes — Schuld eingestehen aber unschuldig bleiben!  

Auf dem Weg an Land zur Reperatur

     Wir ankerten vor dem Royal Barbados Yachtclub, wo wir für die Dauer von vierzehn Tagen Ehrenmitglieder wurden. Mister Hood, der Vorsitzende, gab uns Erlaubnis, die Klubwerkstatt zu benutzen. Auch gab er uns einen gebrauchten Grossbaum, den ich zu passender Grösse ummodelte. Auch war genug Edelstahl vorhanden, um die Selbststeueranlage zu reparieren.  Zwei Wochen später waren wir wieder seeklar. Auf ging es zum letzten grossen Törn, an dessen Ende die Verwirklichung einer Weltumsegelung wartete.

THLALOCA   Kapitel XVIII