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KAPITEL:

Thlaloca

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Kapitel  XVI

DAS KAP DER GUTEN HOFFNUNG

      Wieder war es eine ausgezeichnete Gastfreundschaft, die uns rührte und fragen liess: wie kann ein Klub so grosszügig sein, den Besatzungen von sechs Überseeyachten über Monate das Gefühl zu vermitteln, dass man wirklich willkommen ist. Während eines Gesprächs äusserte sich ein Clubmitglied uns Männern gegenüber: „Ihr kommt mit einer Frau — welche nicht unbedingt eure ist — mit Kind und ein paar Dollar in der Tasche und könnt euch weder von der Frau, noch vom Kind oder den Dollars trennen. Letztlich ist es der Hauch unbeschränkter Freiheit und euer Mut, den Ihr intuitiv ausstrahlt, womit ihr uns damit begeistert. Dieses ist uns jeden Dollar wert, den wir für euch ausgeben.“ 

     Sofort machten wir Bekanntschaft mit Dr. Hamish Campbell, der uns gleich in sein geräumiges Haus mit der Bitte einlud, während unseres  Aufenthaltes in Durban seine Gäste zu sein. Für Weihnachten wurden wir von seinem Vater, ebenfalls ein Arzt und Vorsitzender des südafrikanischen Tierschutzverbandes, in seine Villa nahe Kapstadt eingeladen. Er war wohlhabend und einflussreich, und sein Wohnsitz, umgeben von Ländereien, glich mehr einem gepflegten Gut. Wir hatten die Ehre, in dem Zimmer zu übernachten, wo vor Jahren Robert Kennedy — der Bruder des ermordeten Präsidenten der USA — während eines Besuches in Südafrika geschlafen hatte. Hinzuzufügen ist, dass das zahlreiche schwarze Dienstpersonal genau so fair behandelt und bezahlt wurde als wären es Weisse in derselben Beschäftigung. Sollten die reichen Weihnachtsgeschenke ein Zeugnis davon ablegen, so können wir dieses beschwören!  

Ist es wahr, dass der kleine Harrstoppel auf dem Kopf des Kleinen, böse Geister abhalten soll? So wurde uns versichert!

     In Durban lernten wir Dieter und Marlies Rakelmann kennen. Zum Neujahrsfest luden sie uns in ihr Haus in Johannesburg ein. Am nächsten Tag fuhren wir gemeinsam nach Pretoria, ins Buchawanaland und in den Krüger Park, wo wir die herrliche Tierwelt genossen — die erstickende Hitze aber weniger!

     Wir haben viel vom Land gesehen und waren von seiner landschaftlichen Schönheit sehr beeindruckt. Ganz anders war natürlich das politische Klima, das sich heute grundsätzlich gewandelt hat und hoffentlich — ich wiederhole hoffentlich — zum Guten führt.

     Der afrikanische Kontinent hatte mich schon in frühester Jugend am meisten beschäftigt. Ich erinnere mich deutlich an ein Boot, das ich zeichnete und bauen wollte, um den Kongo hoch zu segeln, wofür ich schon das Kartenmaterial gesammelt hatte. Zugegeben, Südafrika ist weit weg vom Kongo, dafür aber genau so schön und interessant, davon sind wir überzeugt. Um zu vergleichen, müsste man mal hinsegeln!

     Unsere Thlaloca musste aus dem Wasser, um sie für den bevorstehenden gefahrvollen Törn um das Kap der guten Hoffnung gründlich vorzubereiten. Das ging wie üblich vor sich. Ganz anders aber sah das „Wiederzuwasserlassen“ aus.  

Durban, Südafrika

     Der Tidenhub reichte nicht aus, um das Boot vom Bootswagen frei zu schwimmen. Mit Hilfe einiger Klubmitglieder arbeiteten wir wie die Sklaven. Nichts half. Siggi‘s Gesicht, mit Bodenfarbe bemalt, sah aus wie das eines Indianerhäuptlings auf Kriegspfad. Wir alle waren von den Anstrengungen total erschöpft. Unser Freund Hamish, auf kurzer Inspektionstour, war vom Krankenhaus hergeeilt. Im weissen Kittel und mit dem Stethoskop um den Hals brüllte er vom Land her wie ein preussischer Feldwebel und gab Anweisungen, wie es gemacht werden sollte. Erschöpft und verschmutzt wie Siggi war, schrie Siggi, was von diesem zarten Wesen niemand erwartet hätte, zurück „Halte Deine grosse Klappe! Wenn es Dir  nicht passt wie wir es machen, dann fass bitte selbst mit an!“ Anschliessend war sein Brüllen so hautnah bei uns, dass wir erschrocken stutzten. Sein vorher weisser Kittel war schon rötlich dreckig, und das Stethoskop sass wie ein Kopfhörer auf seinem nur spärlich behaarten Haupt. Das war Dr. Hamish Campbell, der unser guter und treuer Freund wurde. Seine Leidenschaften waren Kathedralen und das Studium der Vogelwelt. Einige Klubmitglieder verrieten uns, dass er während Regatten das Steuern vergass, wenn nur ein Vogel in sein Blickfeld geriet.

     Schliesslich kam uns eine Motoryacht zu Hilfe, die das Boot mit Gewalt vom Bootswagen weg zog. Und damit war unsere Thlaloca wieder in ihrem Element.

     Der afrikanische Kontinent endet im Süden am wenig beeindruckenden Kap Agulhas. Der Portugiese Bartholome Diaz war der erste Seefahrer, der 1486 meinte, den südlichsten Punkt des Kontinents auf der Breite 34°21‘ Süd und der Länge 18°30‘ Ost gefunden zu haben; und somit, so dachte er, sei der Weg frei sei für die sagenhaften Schätze Indiens, worüber Marco Polo begeistert berichtet hatte. Diaz nannte diesen geographischen Punkt, Kap der guten Hoffnung. Er kehrte nach Portugal zurück und überzeugte die Handelsinteressenten, eine neue Expedition zu unternehmen, dieses Mal unter Vasco da Gama, sechs Jahre später. Dieser hervorragende Seemann musste mit seiner Mannschaft Diaz’ Irrtum mit unsäglichen Strapazen bezahlen, bis sie auf 34°50‘ Süd und 20°01‘ Ost den wirklich südlichsten Punkt, Kap Agulhas, und anschliessend das ganze stürmische Ende des Kontinents umrundet hatten. Danach meuterte die Mannschaft, und sie wollten ihn köpfen, wenn er nicht sofort wieder umkehrte. Den Kopf hat er behalten, und er segelte weiter. Am Ende fand er das begehrte Land, Indien, das den Händlern ungeahnte Reichtümer einbringen sollte.  

Kap der guten Hoffnung

     Der Törn um das südliche Ende des afrikanischen Kontinents, mit all den echten Gefahren, war unter uns Seglern ein intensiv diskutiertes Thema. Jeder ahnte, es könnte ein schwerer Test von Boot und Besatzung werden.  

     Nun, was macht diese 900 Seemeilen so gefährlich? Der Sündenbock ist die südwestlich fliesende Agulhas Strömung, die bis zu sieben Knoten erreichen kann. Ein starker westlicher Wind entgegen dieser Strömung peitscht das Wasser zu Pyramiden, dem schon die grössten Schiffe zum Opfer gefallen sind. Laut Seehandbuch wurde die höchste Welle mit 23 Metern registriert.

     Am zwanzigsten Januar 1966 waren wir seeklar, und mit einem steifen achterlichen Wind jagten wir mit maximaler Geschwindigkeit dem Kap der Guten Hoffnung entgegen. Am folgenden Morgen erlahmte der Wind, und am südlichen Himmel sahen wir die Anzeichen eines südwestlichen Sturms, also genau gegen die Strömung. Stürme aus dieser Richtung nennt man im lokalen Jargon Westerly Buster — und denen galt unsere Befürchtung seit Verlassen von Durban. Dieser Situation kann man in dieser Gegend nicht entgehen; man kann nur hoffen, dass Wind und Seegang sich in einigermassen sicheren Grenzen halten. Es blies aber wie der Teufel, und East London meldete eine Windgeschwindigkeit bis 52 Knoten. Als der Tag zur Neige ging, sah es um uns herum fürchterlich aus. Die brechenden Wellenkämme blitzen wie Fackeln in der drohenden Finsternis. Um Mitternacht tanzte unsere Thlaloca Pirouetten, Bewegungen, die wir bislang von ihr nicht kannten.

     Der „kleine Mann“ in meinem Ohr flüsterte dringend, „gehe raus, junger Mann und tue etwas für Dein Schiff, oder Du wirst es bereuen!“ Aber was tun? Ich knotete eine Leine an den Treibanker und steckte ihn achtern aus. Das hört sich an, als ob ich von meinem Tun überzeugt gewesen wäre. Ganz das Gegenteil war der Fall, es war halt alles, was noch zu tun übrig blieb. Trotzdem schien es, als ob die wilden Bewegungen des Bootes etwas gleichmässiger geworden wären. Ich kauerte tief im Cockpit und  schüttelte  mich  frierend  vom  kalten überkommenden Wasser. Ich staunte und wunderte mich, wie ein kleines Schiff solche wilden Bewegungen überhaupt aushält ohne auseinanderzubrechen. Noch mehr wunderte ich mich über unsere eigene Sturheit, wenn man bedenkt wie irrsinnig es ist, dass man sich immer wieder den Gefahren aussetzt — wie Masochisten. Und man glaubt, dass das Meer unser Freund sei; in Wirklichkeit aber tut es alles, um uns zu zerstören. Man sollte annehmen, man tut es ein- oder höchstens zweimal — aber immer wieder? Zum Glück sind wir Seevagabunden geborene Träumer und glauben an unseren guten Stern, der uns schon vor einem unfassbaren Unglück bewahren wird, Optimisten, wie der schiffbrüchige Mann in einer Karikatur, der auf einem Floss irgendwo auf dem Meer treibt und als Antriebskraft ein grobmaschiges Netz aufgebaut hat, um den Wind zu fangen!

     In der kleinen Kabine mahnten die verrückten Schwankungen des Bootes zur grössten Vorsicht, und trotzdem passieren Unglücke. Nachdem ich mich aus der schwankenden Koje gequält hatte legte sich Thlaloca stark über, wobei ich mit der Augenbraue hart gegen das Schott sauste. Ich schrie, aber es hörte mich ja doch niemand. Ich gebrauchte beide Hände und drückte tüchtig gegen die Prellung, da legte sich das Boot hart auf die andere Seite. Ich suchte vergeblich nach einem Halt, fiel heftig gegen die Bordwand und zurück in die Koje. Mein Arm sagte mir, es wird sich ein neuer blauer Fleck bilden. Endlich war ich an der Luke und schaute durch das kleine Bullauge in das Cockpit. Ich sah irre Bewegungen, aber Gott sei Dank, Hein war anscheinend ok. Ich öffnete das Schiebeluk etwas und hörte augenblicklich den heulenden Wind in der Takelage. Gleichzeitig brach eine Welle über dem Boot, und das Wasser stürzte durch die Öffnung. Ich legte Handtücher aus, um das Wasser aufzusaugen. Wieder, und sehr vorsichtig, öffnete ich das Schiebeluk und schrie über den pfeifenden Wind hinweg; „Kann ich helfen? Vielleicht etwas Heisses zubereiten?“ Hein brüllte zurück, „Was sagt das Barometer?“ Krampfhaft suchte ich nach der Taschenlampe . . . endlich . . . aber die Batterien waren fast leer. Ich klopfte am Instrument, und im trüben Licht schien es mir, als hätte sich die Nadel „bergauf“ bewegt. Diese Beobachtung schrie ich Hein zurück. Ich setzte mich in den Sturmsitz und betete, was mich immer wieder beruhigte. Ich dachte an Hein, hoffentlich hat er sich fest angebunden. Der Gedanke beschlich mich, was wird, wenn eine verrückte See ihn über Bord spült? Dann bin ich allein, für immer! — Mein lieber Gott, bitte hilf uns! Ich schwörte mir, das mach’ ich nicht mehr mit. Im nächsten Hafen steige ich aus, und niemand kann es mir übel nehmen.     

     Neunundzwanzig Stunden später war der Sturm vorüber und es verblieb leichter südwestlicher Wind. Die Sonne strahlte aus einem wundervollen blauen Himmel. Es war herrlich, zum Jauchzen. Aber wir trauten der Sache nicht. Wir setzten Kurs auf East London, um dort abzuwarten bis sich die Wetterlage klärt. Das war eine sehr gute Entscheidung, die uns vor einem erneuten schweren Sturm bewahrte. Oh, eigentlich wollte ich dort aussteigen, aber das Segeln ist ja doch eine feine Sache. Ich wollte noch einmal darüber nachdenken.

      Nach einem dreitägigen angenehmen Aufenthalt im East Londoner Yachtclub sagten uns die wetterweisen lokalen Segler, es sei die Zeit in See zu stechen; angeblich würde der Wind bald auf Nord drehen. Ein paar Stunden später segelten wir mit dem vorausgesagtem Wind auf südwestlichen Kurs. Nördlich von Port Elizabeth frischte der Wind in Böen bis 45 Knoten, von Osten her, auf. Was kann man erwarten? Sollen wir auf „Nummer sicher“ gehen und den Hafen anlaufen? Quatsch, mit einem vorteilhaften Wind konnten wir es uns gar nicht erlauben!

     Während der folgenden Tage hatten wir wiederholt Grund, an einen sicheren Hafen zu denken, denn es blies stark und die See rollte oftmals über das Heck, und wir froren und waren ausserdem oft pudelnass. Der Himmel war immer überzogen und daher ohne sichtbare Himmelskörper, um zu navigieren. Daher war unsere Position ein Fragezeichen. Als das starke Leuchtfeuer auf Kap Agulhas endlich auftauchte, waren wir die glücklichsten Menschen. Denn wir hatten nicht nur den südlichsten Punkt Afrikas bald umrundet, sondern wir segelten in einen uns bislang unbesuchten Ozean — den Südatlantik!

      Mein Gott, blies der Wind auf einmal kalt. In Durban hatten wir uns an 40° Wärme gewöhnt, auf einmal waren es weniger als die Hälfte. Wie kalt wir uns fühlten beweisen die Kleidungsstücke, die Siggi auf einer ihrer Wachen trug: Eine meiner langen Unterhosen, zwei lange Hosen, Unterhemd, Pullover, wollener Pudel und Handschuhe. An den Füssen trug sie zwei Paar Socken, mit Zeitungspapier umwickelt, und Seestiefel. Über all dies noch das Ölzeug. Unmöglich sich mit eigener Kraft durch die Luke zu zwängen, musste ich ihr helfen.

     Ich muss zugeben, dass meine eigene Bekleidung nicht viel weniger war. Infolgedessen ist es schlimm, was einem Mann in dieser Situation passieren kann, nämlich eine volle Blase, mit dem Ultimatum, jetzt oder nie! Nach dem Motto: Eine Hand für das Schiff (nämlich festhalten, um nicht über Bord zu sausen), eine Hand für sich selbst; sucht die freie Hand nach einem Stückchen Wasserleitung, die vor Kälte auf fünf Zentimeter geschrumpft ist, und wenn sie überhaupt gefunden wird, versucht er verzweifelt, dieses Endchen durch sechs Zentimeter Isolierung zu leiten. Eine einfache Arithmetik beweist, wie sinnlos solch ein Versuch ist!

     Bald sahen wir das hohe Bergland, das sich vom Kap der guten Hoffnung aus nach Norden ausbreitet. Beim Anblick dieses einzigartigen Panoramas rief sogar ein unmenschlicher Seeräuber wie Drake seine Mannschaft zur Andacht an Deck. Das Plateau des berühmte Tafelbergs war mit einer schneeweissen Wolkendecke überzogen. Noch einmal musste Thlaloca gegen einen starken Wind ankämpfen, bis sie endlich vor dem Royal Capetown Yachtclub an einer Festmacherboje zur Ruhe kam.

Thlaloca   Kapitel XVII