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Kapitel XV
MAURITIUS
BIS
SÜDAFRIKA
Begleitet
von einer frischen südöstlichen Brise, verliessen wir die Rodriguez Insel und
segelten die 360 Seemeilen bis Mauritius in drei Tagen. Im Hafen von Port Louis
fanden wir an einer Pier der Blythe Brothers Shipyard, einen angenehmen
Liegeplatz. Kurz danach erhielten wir von den Brothers (Brüdern) eine Einladung
zu einer Fete in deren Wochenendhaus an der Grand Bay. Mr. Bouchet, der
Prokurist der Firma, wurde von den Brüdern beauftragt, uns die Insel zu zeigen,
die wirklich und überall landschaftliche Schönheit ausstrahlt. Ich habe nicht
die Gabe, alles was wir bislang auf unserer Fahrt gesehen und erlebt haben, gebührend
zu schildern. Wenn ich es könnte, würden es im besten Fall nur Wiederholungen
sein.

Mauritius bis Südafrika
Mauritius
war, mit 700,000 Menschen auf 1860 qkm Fläche, die am dichtesten besiedelte
Insel der Welt. Auch zählten die Menschen, meistens indischer Herkunft, mit zu
den Ärmsten in der Welt. Eine ins Auge fallende Beobachtung, die wir immer
wieder machten, war, dass frühere
britische Besitzungen in dieser Beziehung führend waren. Das war hier allein
schon feststellbar an den vielen verwahrlosten Schulen, wogegen wir in französischen
Überseebesitzungen genau das Gegenteil fanden. Nach dem zweien Weltkrieg, als
Ausbeutung tabu wurde, war es für die Britische Regierung leicht, diese
armseligen Menschen abzustossen. Sollte der angestrebte Tourismus dort erst
einmal in Schwung kommen, wird es die Schönheit der Insel sein, die einen
besseren Ertrag einbringen wird als die Zuckerrohrernten, welche die
Hauptindustrie der Insel ist.
Einhundert Seemeilen westlich von Mauritius liegt die französische Insel
La Reunion. Auf Grund der Tatsache, dass französische Besitzungen weltweit aber
auch die teuersten sind, hatten wir kein Verlangen diese Insel zu besuchen. Aber
es kam ganz anders, und ich war der Schuldige.
Wohl der gröbste navigatorische Fehler, der mir bislang unterlief, war,
dass ich unser Schiff in Mexiko auf Grund auflaufen lies und um ein Haar
verloren hätte. Die Kursrichtung nach Durban, Südafrika, unser geplantes Ziel,
ging nördlich an La Reunion und südlich an Madagaskar vorbei. Der Fehler, den
ich jetzt machte, war eigentlich viel schlimmer
als der vorherige. Anstatt eine
magnetische Abweichung von 20 Grad West, rechnete und koppelte ich 20 Grad Ost,
und dieser krasse Fehler steuerte uns 40 Grad südlicher als der richtige Kurs.
Zu unserem Glück aber führte dieser Fehler zu einem der reichsten Erlebnisse
unseres Fahrtenlebens.
Beruhigt durch die Überlegung, dass wir die Insel nördlich mit zwanzig
Seemeilen Sicherheit passieren sollten, setzten wir die Selbststeuerung und
legten uns schlafen; unterbrochen nur mit sporadischen Kompass-Checks.
Der Morgen grüsste uns dunstig und mit sehr wenig Wind. An unserer
Backbordseite, wo die Insel liegen sollte, war, ausser Frühnebel, nichts zu
sehen (ganz klar, denn wir sollten ja zwanzig Meilen Sicherheit haben). An
Steuerbord zeigte sich, über dem Dunst, eine finstere Wolke, die unerklärlich,
aber wie Unwetter aussah. Siggi, mit dem Fernglas bewaffnet, sagte ganz
emotionslos, „das ist Land, mein Lieber!“ „Du spinnst“, antwortete ich
gekränkt. Erschüttert belehrte ich sie, dass sie solche Art Neuigkeit mit
etwas mehr Feinfühligkeit behandeln sollte; denn schliesslich ist mit solch
einer Behauptung mein navigatorisches Genie in Frage gestellt!
Siggi
hatte recht, denn was wir sahen war der Gipfel des 2,600 Meter hohen Vulkans,
Piton de la Fournaise. Nachdem wir alles rekonstruiert hatten, überkam uns
ein Schaudern bei dem Gedanken, dass wenn die Insel zwei Meilen südlicher
gelegen hätte, unsere Reise an der felsigen Küste ein permanentes Ende
gefunden hätte.
Im
Lee des hohen Vulkans, lagen wir nun in einer tiefen Flaute. Die Segel schlugen
den ganzen Tag und die Nacht hindurch im entnervenden Rhythmus. Es war zum
Verzweifeln.
Die
Flaute schien kein Ende zu nehmen. Ob wir wollten oder nicht, wir kramten den
Aussenbordmotor aus dem Stauraum und setzten Kurs auf Land zu, wo wir in vernünftiger
Wassertiefe ankern wollten. Dicht unter Land sichteten wir ein kanuartiges Boot,
anscheinend ein Fischer. Als wir nahe genug waren, fragten wir mit unserem
besten französisch: „ –arbour, -arbour“ (wir verschluckten das „h“,
damit es echt klingt) nach einen Hafen.
Wir motorten in
die angedeutete Richtung, aber bald mahnte ein steiniger Grund zur Vorsicht. Von
einem Hafen war keine Spur, und wir drehten ab. Kurz darauf kam derselbe
Franzose auf uns zu, und durch eine Handbewegung gab er uns zu verstehen, dass
wir ihn folgen sollten. Und siehe da! Hinter einer Betonmole öffnete sich ein
kleiner aber sicherer Hafen — St. Pierre!
Der
offizielle Hafen zum Einklarieren war Pointe de Galets, im Norden der Insel, und
wir waren im Zweifel, ob die Behörden uns einen Aufenthalt gewähren würden.
Wir ankerten, und kurz darauf gab es einen Menschenauflauf. Aus dieser
Versammlung trat ein Mann hervor, der in gutem Englisch andeutete, wir sollen an
Land kommen. Das aber konnte als grober Verstoss gegen die Zollbestimmungen
ausgelegt werden. Wir winkten ab, und pantomimisch zeigte ich den Vorgang der
Guillotine, was die Menge mit lautem Gelächter quittierte.
In
Erscheinung trat in goldgeschmückter, weisser Uniform der Hafenkapitän. Erneut
fingen die Menschen an zu lachen und zu klatschen. Wie es sich herausstellte,
war Thlaloca das erste Überseeboot, das in St. Pierre einklariert wurde.
Daher diese prunkvolle Uniform!
Nach den
Formalitäten wurden wir zu Monsieur Rousseau, dem Sou-Prefect der Insel, geführt.
Als früherer Offizier in der Besatzungsarmee sprach er etwas Deutsch, und ohne
viel Palaver machte er uns verständlich, dass wir für die Zeit unseres
Aufenthalts seine Gäste sein würden. Er führte uns zu seinem Wohnsitz, der
mehr einer Miniaturausführung des Buckingham Palastes glich, und dort wurden
wir seiner Frau und Tochter vorgestellt. Der Übergang von einem kleinen Boot zu
einem Palast und high society war überwältigend. Auch wurde uns ein
ganz neues und auf das Beste eingerichtete Gästehaus zur Verfügung gestellt,
dazu einen Wagen mit Chauffeur, der uns während der folgenden Tage die ganze
Insel zeigen sollte.

Gästehaus
Alles schön
und gut, aber wir mussten doch weiter, die Zyklonensaison lag uns im Nacken. Wir
sprachen mit Monsieur Rousseau darüber, und er telefonierte mit der
Wetterstation: „Eine ganze Woche kein Wind!“ Und, mein Gott, wir können
doch unser Boot nicht allein lassen! „Kein Problem, ich habe ständige Überwachung
angeordnet. Macht euch keine Sorgen!“

Die Rouseaus
Die
Rousseaus wollten mehr als nur Bruchstücke über unsere Reise erfahren. Um ein
fliessendes Gespräch führen zu können, wurden ein Englischprofessor der
hiesigen Universität und andere lokale Persönlichkeiten eingeladen. Wie so oft
vorher, waren wir wieder mit dem gleichen Dilemma konfrontiert — unsere
schimmelverseuchten Kleider nämlich!
Meine schönen
braunen Segeltuchschuhe, frisch von der Stange in Neuseeland gekauft, waren am
schlimmsten betroffen. Mit Seifenlauge und Wurzelbürste säuberte ich die
Schuhe so gut es ging. Ooh, lá-lá, sehe ich richtig? Nach dem Trocknen waren
sie nicht mehr wiederzuerkennen. Sie sahen einer gescheckten Kuh ähnlich. Was
nun? Ab und zu finde ich einen Ausweg, ohne dass mich Siggi im Übermass
belehren muss. Mit Schnellkaffee bereitete ich einen flüssigen Brei und
pinselte damit die strapazierten Schuhe ein. Der Erfolg war zweierlei: Eins, es
kreierte eine einheitliche Farbe, zwei, der unangenehme Schimmelgeruch war wie
weggewischt. Ein Problem war, dass der Brei beim Tragen der Schuhe
unterschiedlich trocknete. Aus Vorsicht füllte ich etwas vom Brei in eine
Plastik-Filmkartusche; als Pinsel diente eine kurzgeschnittene Zahnbürste.
Beides trug ich in meiner Tasche.
Die Party
war einfach Klasse. Ab und zu stiess mir Siggi in die Rippen, als Zeichen, dass
ich für Minuten die Toilette aufsuchen musste, um die Schuhe neu zu präparieren.
Wenn es überhaupt bemerkt wurde, dann wurde sicher ein Blasenleiden vermutet.
Von überall her kamen Dinnereinladungen, sogar zu einem Flug in den
Krater des Vulkans. Es waren die ereignisreichsten Tage unserer ganzen Weltreise.
Monsieur und Madame Rousseau, sehr einflussreich (und reich) gaben uns alles und
mehr, was an Gastfreundschaft zu vergeben ist. Es waren Tage, die Segler leicht
dazu verführen können, das Handtuch in den Ring zu werfen und zu sagen, hier
bleiben wir! Es ist relativ einfach, um die Welt zu segeln.
Was schwer ist, sind die vielen Abschiede von lieben Menschen, die es
gern gesehen hätten, wenn wir geblieben wären. Unsere damaligen Gastgeber sind
heute (1999) pensioniert und leben in Grenoble, Paris und auf der Insel Korsika,
wo wir sie 1982 mit unserem neuen Schiff, Thlaloca
Dos, besuchten. Wir korrespondieren noch heute.
Den
letzten Abend verbrachten wir in Gesellschaft von Mitgliedern des Segelklubs:
Society Nautic St. Pierre. Madame Buchett hielt nach dem Essen eine Ansprache in
ganz drolligem Englisch. Es war unglaublich schön. Zum Abschied überreichte
sie uns einen selbst entworfenen und genähten Clubwimpel. Noch einmal versuchte
Monsieur Rousseau, uns mit einer windlosen Wetterprognose zu halten, aber wir
mussten weiter — Wind oder keiner! Am nächsten Tag setzten wir Segel für
unser nächstes Ziel — Südafrika.
Südlich
von Madagaskar zogen sich die Wolken eigenartig finster und drohend über das
gesamte Himmelszelt zusammen. Mit untergehender Sonne verfärbte sich der
Horizont ringsum purpurrot. Es war ein scheussliches Bild und sah gefährlich
aus. Wir strichen alle Segel und verzurrten, was nicht niet und nagelfest war.
Die ersten Anzeichen, dass bald ein furchtbarer Sturm über uns brechen sollte,
sahen wir in der Ferne, wo das Wasser von orkanartigen Böen aufgewirbelt wurde.
Es ist ein bedrückendes Gefühl, wenn man sieht, wie das Unwetter immer näher
kommt und es kein Ausweichen gibt. Sekunden später war es über uns und rüttelte
das Boot. Wild tobte das Meer, und die Luft, die wir einatmeten, war mehr Wasser
und die Sicht gleich Null. Unmöglich, unsere Gesichter der peitschenden Gewalt
zuzuwenden, verkrochen wir uns tief im Cockpit und hofften, dass alles gut geht.
Nach den längsten zwanzig Minuten, die man sich vorstellen kann, war der Sturm
vorüber. Es verblieb ein steifer Ostwind. In der Mitte des Mozambique Channels
zeigte unser Windmesser eine Windgeschwindigkeit bis zu 40 Knoten. Die Wellen
bauten sich immer höher auf, und bald konnte es die Selbststeueranlage nicht
mehr schaffen. Wir segelten nur unter einer ausgebauten Fock, und trotzdem
brauchte es volle Konzentration, das Boot vor der gefährlich brechenden See zu
steuern. Uns graute schon vor der langen dunklen Nacht.
Trotz
vieler Becher schwarzen Kaffees konnte ich um Mitternacht die Augen nicht mehr
offen halten. Siggi, die mich die ganze Zeit über mit Kaffee und Nahrungsmittel
versorgt hatte, war ebenfalls müde, aber sie wollte steuern, bis ich mich
wieder etwas erholt hatte. Zwischen uns beiden war es ein Gesetz, dass wir
gegenseitig unsere Sicherheitsgurte prüften, bevor einer von uns nach unten
verschwindet.
Es ist
unvorstellbar welcher Krach im Boot herrscht, wenn das Boot mit über
Maximalgeschwindigkeit durch das Wasser rauscht. (Maximal ergibt sich aus einer
Formel, die sie aus der Länge der Wasserlinie des Bootes errechnet.) Das
Gurgeln am Rumpf ist so störend, dass man todmüde sein muss, um Schlaf zu
finden. Man fühlt ganz deutlich, wenn das Boot von einer Woge in die Höhe
getragen wird, danach der Schub und das unglaubliche Sausen in das Wellental;
der Flossenkiel zittert, das ganze Schiff vibriert, als würde es in der nächsten
Minute auseinanderfallen. Ich fühlte deutlich wie Siggi den Kurs korrigiert . .
. Backbord . . . Steuerbord, man fühlt sich wie in einem Bobschlitten. Im Tal
angelangt, kommt schon wieder eine neue Woge und das Ganze wiederholt sich —
wie in einem Fahrstuhls, hoch und runter — und man denkt: Verdammt! Alles was
zwischen Leben und einer Fahrt in die Ewigkeit steht, sind 12mm gebrechliches
Zedernholz und ein noch nicht aufgeblasener Traktorenschlauch als Rettungsinsel!
Wieder
ein Schub, wieder ein Rasen. Der Flossenkiel zittert, das ganze Boot bebt —
Backbord . . . Steuerbord, wieder Backb... aber nein! Das Boot legt sich hart über,
das Vorsegel schlägt und schüttelt den Mast. Ich raus, in das Cockpit, aber
von Siggi war nichts zu sehen. Mein Herz schlug wie verrückt; mein Blut raste
durch die Adern — wo ist meine Siggi?
Sie
schwamm fünf Meter hinterm Heck, leblos am Ende der Genuaschoot, welche am
Sicherheitsgurt befestigt war. Ich zog sie an Bord und setzte sie tief in das
Cockpit, wo sie langsam zu sich kam und das Seewasser aus ihren Lungen spuckte.
Dann kroch ich nach vorn und barg die Fock und den Spinnakerbaum.
Zwischenzeitlich
hatte Siggi sich erholt und ahnte was geschehen war. Eine gehörige Beule am
Kopf zeugte davon, dass sie mit dem Baum kollidiert war. Für den Rest dieser
unfreundlichen Nacht, lagen wir beigedreht.
Die
ersten Umrisse eines neuen Kontinents — Afrika — sahen wir in der Form von
Kap Vidal. Nach einer sechzehntägigen Fahrt segelten wir in den Hafen von
Durban ein, wo wir im Point Yachtclub einen angenehmen Liegeplatz zugewiesen
bekamen.
Thlaloca
Kapitel XVI
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