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KAPITEL: |
Kapitel XIX Wir dachten,
dass wir bis Baranquilla, oder noch besser bis Santa Martha in Kolumbien zu
segeln, und dann nordwärts durch die Windward Passage zwischen Kuba und Haiti.
Wie weit das möglich war, hing von der Windstärke und der Strömung ab. Wir
ahnten nicht, dass dieser Törn unser schlimmster, eine wirkliche Höllenfahrt
werden sollte. Am fünften
Juni verliessen wir Cristóbal, Panama. Während der ersten beiden Tage war das
Segeln ein Traum. Dann verschlechterte sich das Wetter zunehmend, bis wir keine
Segel mehr tragen konnten. Wir liessen uns treiben – leider ging es in die
verkehrte Richtung. Das Radio war voll mit Spanisch sprechenden Stationen, daher
war es unmöglich, einen Englisch sprechenden Wetterbericht zu bekommen.
Eigentlich aber war es auch gut so: auf diese Weise blieben wir ungewarnt und
wussten nicht, dass sich nördlich von uns – nahe der Serrana Bank – ein
Tief gebildet hatte, welches sich zwei Tage später zum Hurrikan Alma,
entwickelte. Wir konnten
uns nicht erlauben, ziellos in der Gegend herumzutreiben. So zogen wir den
Treibanker ein, und mit kleinsten Segeln legten wir Thlaloca hart am
Wind. In den folgenden sieben Tagen segelten wir 360 Seemeilen. Wir können uns
nicht erinnern, dass wir während dieser schrecklichen Tage ein Auge zubekommen
haben, denn der Krach im Boot und die wilden Bewegungen nervten uns unheimlich.
Besonders dann, wenn das Boot vom Gipfel einer hohen Welle, steil in das
folgende Wellental fiel. Es war genau so, als rammten wir eine Steinmauer. Wer
von uns von diesem Rammstoss überrascht wurde, sauste dann mit voller Wucht
hart gegen das Schott oder die Maststütze. Siggis Arm, der sich von dem Unglück
im Indischen Ozean noch nicht erholt hatte, verschlimmerte sich erneut. Kein
Leuchtfeuer rund um die Welt funkelte daher begehrenswerter, als das auf Moran
Point an der Insel Jamaika. Im Royal Jamaican Yachtclub fanden wir erst einmal
wohlverdiente Ruhe. Und nachdem
wir die Bekanntschaft mit Mike Campbell gemacht hatten, und er uns ausgiebig die
spektakulären Schönheiten Jamaikas gezeigt hatte, waren die Strapazen des
letzten Törns vergessen. Eine ganze Woche lang waren wir Gast im Tide Rip
Hotel, das seinen Eltern gehörte, und wir tummelten uns im lauen Wasser der
Discovery Bay. Es war traumhaft schön. Danach rief wieder das Meer.
Rip-Tide Motel, Jamaica
Nachdem wir
die Windward Passage hinter uns hatten, klarierten wir auf der Insel Great
Inagua in die Bahamas ein. Von nun an blies uns der Wind geschwind bis zur Great
Bahama Bank. Dort aber lagen wir, mit weniger als fünfzehn Zentimeter
glassklarem Wasser unterm Kiel, in einer tiefen Flaute. Abends sank die Sonne
als glühender Ball in ein endloses Meer, der Horizont bot eine herrliche
Farbenpracht. Wie so oft in den vergangenen Jahren haben wir diese spektakulären
Schauspiele bewundert, damals wie auch heute noch unvergessliche Momente unseres
Fahrtenlebens. Dort auf der Great Bahama Bank wurde uns aber auch bewusst, dass
dieses Erlebnis für lange Zeit das letzte Mal sein wird, die intime
Verbundenheit zwischen Himmel, Meer und unserer Thlaloca zu geniessen.
Wir waren traurig, sehr traurig, denn es bedeutete Abschied nehmen von einem
Leben, das uns die „Grosse Freiheit“ geniessen liess. Oft war es ein hartes
Leben, aber weit mehr erinnern wir uns an die schőnen Erlebnisse, an den
Reiz immer neuer Ziele, immer neuer Menschen und Kulturen! In Fort
Lauderdale, Florida, langten wir wieder auf dem Teil des Kontinents an, den USA,
den wir vor 3-1/2 Jahren hoffnungsvoll verlassen hatten. Die Meldung eines
tropischen Tiefs veranlasste uns, Port Canaveral anzulaufen.
Der Inland Wasserweg entlang der Küste Von dort an
segelten wir – mit wenig Wind aber vielen Abwehrmitteln gegen Moskitos – auf
dem Intra Coastal Waterway bis Norfolk in Virginia. Ab hier mussten wir wieder
ein letztes Stück auf den Ozean hinaus. Und so segelten wir bis New York City,
wo uns die Freiheitsstatue begrüsste —wie Millionen andere vor uns. Genau
hinter diesem Denkmal fanden wir einen kleinen, aber verlotterten Yachtclub,
deren Mitglieder uns begeistert willkommen hiessen. Als Anleger diente ein
halbversunkenes Binnenschiff; wo die Ratten in der Annahme, dass sie ihr
Territorium ausdehnen konnten, Freudentänze aufführten. Aus Angst vor einer
Invasion blieben wir nur eine Nacht. Am folgenden Morgen segelten wir entlang
einer verlotterten Hafenfront. An einem Kai lag das 82,000 Tonnen grosse
Passagierschiff Queen Elizabeth, Mit grosser Genugtuung stellten wir
fest, dass Thlaloca, obwohl 81,999 Tonnen kleiner, dieselben Weltmeere überquert
hatte. Weiter segelten wir den Hudson River hinauf und erreichten die Stadt
Troy, wo der Mast gelegt wurde, um unter den niedrigen Brücken des New York
Barge Kanals hindurchschlüpfen zu können.
Frage: Wo finded man einen Yachthafen? Antwort: Hinter der "Alten Frau" (Freiheitstatue)
wo uns die Ratten begrüssten . . .
und es wurde kalt
Siggi mit Reporter
In einem Yachthafen der Stadt Oswego, am Rande des Ontario
Sees, stellten wir den Mast wieder auf. Von dort aus segelten wir die letzten
Meilen bis Toronto in Ontario, Kanada. Im Royal Canadian Yachtclub feierten wir
unsere glückliche Ankunft nach einer 32,000 Seemeilen langen Weltreise. Es war das Ende eines Traumes, der irgendwo, vielleicht schon in einem kleinen Örtchen in meiner alten Heimat in der Oberlausitz, mit in meiner Wiege lag. Mit vollem Recht waren wir stolz auf unsere Leistung, denn wir waren zu der Zeit nur eines von zwei kleinsten Segelyachten, die eine Weltumsegelung vollbracht hatten. Zudem war Thlaloca das erste Segelboot, welches die neue kanadische Nationalflagge — das Ahornblatt — um die Welt getragen hat. Wir haben viel erlebt und viele Wunder der Erde gesehen. Doch das grösste Erlebnis für mich war und ist die Gemeinsamkeit und Kameradschaft mit meiner phantastische und tapferen Siggi — the wind beneath my wings!
Royal Canadian Yacht Club--Toronto, Canada |