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KAPITEL:

Thlaloca

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Kapitel XIX

 Rolling Home . . . !

      Wir hatten zwar die Welt umsegelt aber unsere Heimat, Kanada, lag immer noch 2,500 Seemeilen in der Ferne. Nun waren wir mit der Situation konfrontiert, die uns vor über zwei Jahren zu unserem Entschluss verhalf, westlich um die Welt zu segeln; damals erschien uns dies als das kleinere Übel. Entscheidend damals war ein starker, anhaltender Nordostpassat, wie er während der Wintermonate vorherrscht. Jetzt, im Juni, war die allgemeine Windrichtung noch dieselbe, aber nicht mehr so stark – so hofften wir! Allerdings mussten wir in dieser Jahreszeit eine mögliche neue Gefahr Ernst nehmen: einen frühen Hurrikan.

     Wir dachten, dass wir bis Baranquilla, oder noch besser bis Santa Martha in Kolumbien zu segeln, und dann nordwärts durch die Windward Passage zwischen Kuba und Haiti. Wie weit das möglich war, hing von der Windstärke und der Strömung ab. Wir ahnten nicht, dass dieser Törn unser schlimmster, eine wirkliche Höllenfahrt werden sollte.

     Am fünften Juni verliessen wir Cristóbal, Panama. Während der ersten beiden Tage war das Segeln ein Traum. Dann verschlechterte sich das Wetter zunehmend, bis wir keine Segel mehr tragen konnten. Wir liessen uns treiben – leider ging es in die verkehrte Richtung. Das Radio war voll mit Spanisch sprechenden Stationen, daher war es unmöglich, einen Englisch sprechenden Wetterbericht zu bekommen. Eigentlich aber war es auch gut so: auf diese Weise blieben wir ungewarnt und wussten nicht, dass sich nördlich von uns – nahe der Serrana Bank – ein Tief gebildet hatte, welches sich zwei Tage später zum Hurrikan Alma, entwickelte.

     Wir konnten uns nicht erlauben, ziellos in der Gegend herumzutreiben. So zogen wir den Treibanker ein, und mit kleinsten Segeln legten wir Thlaloca hart am Wind. In den folgenden sieben Tagen segelten wir 360 Seemeilen. Wir können uns nicht erinnern, dass wir während dieser schrecklichen Tage ein Auge zubekommen haben, denn der Krach im Boot und die wilden Bewegungen nervten uns unheimlich. Besonders dann, wenn das Boot vom Gipfel einer hohen Welle, steil in das folgende Wellental fiel. Es war genau so, als rammten wir eine Steinmauer. Wer von uns von diesem Rammstoss überrascht wurde, sauste dann mit voller Wucht hart gegen das Schott oder die Maststütze. Siggis Arm, der sich von dem Unglück im Indischen Ozean noch nicht erholt hatte, verschlimmerte sich erneut.

     Kein Leuchtfeuer rund um die Welt funkelte daher begehrenswerter, als das auf Moran Point an der Insel Jamaika. Im Royal Jamaican Yachtclub fanden wir erst einmal wohlverdiente Ruhe.

     Und nachdem wir die Bekanntschaft mit Mike Campbell gemacht hatten, und er uns ausgiebig die spektakulären Schönheiten Jamaikas gezeigt hatte, waren die Strapazen des letzten Törns vergessen. Eine ganze Woche lang waren wir Gast im Tide Rip Hotel, das seinen Eltern gehörte, und wir tummelten uns im lauen Wasser der Discovery Bay. Es war traumhaft schön. Danach rief wieder das Meer.  

Rip-Tide Motel, Jamaica

     Nachdem wir die Windward Passage hinter uns hatten, klarierten wir auf der Insel Great Inagua in die Bahamas ein. Von nun an blies uns der Wind geschwind bis zur Great Bahama Bank. Dort aber lagen wir, mit weniger als fünfzehn Zentimeter glassklarem Wasser unterm Kiel, in einer tiefen Flaute. Abends sank die Sonne als glühender Ball in ein endloses Meer, der Horizont bot eine herrliche Farbenpracht. Wie so oft in den vergangenen Jahren haben wir diese spektakulären Schauspiele bewundert, damals wie auch heute noch unvergessliche Momente unseres Fahrtenlebens. Dort auf der Great Bahama Bank wurde uns aber auch bewusst, dass dieses Erlebnis für lange Zeit das letzte Mal sein wird, die intime Verbundenheit zwischen Himmel, Meer und unserer Thlaloca zu geniessen. Wir waren traurig, sehr traurig, denn es bedeutete Abschied nehmen von einem Leben, das uns die „Grosse Freiheit“ geniessen liess. Oft war es ein hartes Leben, aber weit mehr erinnern wir uns an die schőnen Erlebnisse, an den Reiz immer neuer Ziele, immer neuer Menschen und Kulturen!

     In Fort Lauderdale, Florida, langten wir wieder auf dem Teil des Kontinents an, den USA, den wir vor 3-1/2 Jahren hoffnungsvoll verlassen hatten. Die Meldung eines tropischen Tiefs veranlasste uns, Port Canaveral anzulaufen.  

Der Inland Wasserweg entlang der Küste

     Von dort an segelten wir – mit wenig Wind aber vielen Abwehrmitteln gegen Moskitos – auf dem Intra Coastal Waterway bis Norfolk in Virginia. Ab hier mussten wir wieder ein letztes Stück auf den Ozean hinaus. Und so segelten wir bis New York City, wo uns die Freiheitsstatue begrüsste —wie Millionen andere vor uns. Genau hinter diesem Denkmal fanden wir einen kleinen, aber verlotterten Yachtclub, deren Mitglieder uns begeistert willkommen hiessen. Als Anleger diente ein halbversunkenes Binnenschiff; wo die Ratten in der Annahme, dass sie ihr Territorium ausdehnen konnten, Freudentänze aufführten. Aus Angst vor einer Invasion blieben wir nur eine Nacht. Am folgenden Morgen segelten wir entlang einer verlotterten Hafenfront. An einem Kai lag das 82,000 Tonnen grosse Passagierschiff Queen Elizabeth, Mit grosser Genugtuung stellten wir fest, dass Thlaloca, obwohl 81,999 Tonnen kleiner, dieselben Weltmeere überquert hatte. Weiter segelten wir den Hudson River hinauf und erreichten die Stadt Troy, wo der Mast gelegt wurde, um unter den niedrigen Brücken des New York Barge Kanals hindurchschlüpfen zu können.

 

Frage: Wo finded man einen Yachthafen? Antwort: Hinter der "Alten Frau" (Freiheitstatue)

wo uns die Ratten begrüssten . . .

und es wurde kalt

Siggi mit Reporter

     In einem Yachthafen der Stadt Oswego, am Rande des Ontario Sees, stellten wir den Mast wieder auf. Von dort aus segelten wir die letzten Meilen bis Toronto in Ontario, Kanada. Im Royal Canadian Yachtclub feierten wir unsere glückliche Ankunft nach einer 32,000 Seemeilen langen Weltreise.

     Es war das Ende eines Traumes, der irgendwo, vielleicht schon in einem kleinen Örtchen in meiner alten Heimat in der Oberlausitz, mit in meiner Wiege lag. Mit vollem Recht waren wir stolz auf unsere Leistung, denn wir waren zu der Zeit nur eines von zwei kleinsten Segelyachten, die eine Weltumsegelung vollbracht hatten. Zudem war Thlaloca das erste Segelboot, welches die neue kanadische Nationalflagge — das Ahornblatt — um die Welt getragen hat. Wir haben viel erlebt und viele Wunder der Erde gesehen. Doch das grösste Erlebnis für mich war und ist die Gemeinsamkeit und Kameradschaft mit meiner phantastische und tapferen Siggi — the wind beneath my wings!

Royal Canadian Yacht Club--Toronto, Canada

Thlaloca    Kapitel XX