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Kapitel
XIV RUDERLOS IM INDISCHEN OZEAN
Der Indische Ozean Mit
achterlichen Wind, Windstärke 5-7, wäre das Segeln eigentlich ideal gewesen;
was aber nicht so ideal war, war die aussergewöhnlich hohe und steile See,
welche uns zu überrumpeln drohte. Wir erinnerten uns an Bob Griffith in
Neuseeland — in unseren Augen war er, mit zwei Weltumsegelungen hinter sich,
eine echte „Kanone“. Wenn wir von einer gefährlichen See sprachen, war
seine Bemerkung: „Wait until you experience the Indian Ocean!“ (Wartet bis
Ihr den Indischen Ozean erlebt!) Damals glaubten wir nicht, was er versteckt
andeutete, heute wissen wir, was gemeint war! Jedenfalls waren die anrollenden
Wellenberge in keinem gewohnten Verhältnis zur Windgeschwindigkeit.
Infolgedessen zottelten wir, aus Sicherheitsgründen, mit nur einer ausgebauten
Fock und wenig Fahrt dahin. Die Selbststeuerung war gerade noch in der Lage,
unser Boot zu steuern. Wenn sie auch oftmals zu langsam korrigierte, so war es
doch dem Handsteuern vorzuziehen — denn Handsteuern ist sehr ermüdend, und
wir verabscheuten es. Anderseits
war das langsame Dahinzotteln ein Verstoss gegen die Regel, einen guten Wind
voll auszunützen. Wir setzten eine zweite ausgebaute Fock. Aber siehe da! Die
erhöhte Fahrt zog die brechende See dicht hinter das Heck. In solch einer
Situation raste unsere Thlaloca
in das Wellental und drohte quer zu schlagen. Ob wir wollten oder nicht,
Handsteuern wurde zur Pflicht. Für einige Zeit sahen wir in diesem
achterbahnartigen Rennen einen gewissen Reiz, bis uns die möglichen
Konsequenzen zur Vorsicht mahnten. Demgemäss sauste einer von uns nach vorn,
wenn es gefährlich aussah, und liess eine Fock fallen, um die
Fahrgeschwindigkeit zu verringern. Der Kompass wurde Nebensache. Unsere Blicke
waren mehr achteraus gerichtet, um Thlaloca genau vor der wild brechenden
See zu halten. Schon von
weitab erkannte ich eine besonders hohe Woge, mit einer gefährlich aussehenden
Schaumkrone, die nur Unheil bedeuten konnte. Ich raste nach vorn und liess die
beiden Focks fallen. Zu Siggi, die im Boot etwas Ruhe finden wollte, schrie ich:
„Halte Dich fest!“ Dieser gewaltige Wellenberg brach donnernd kurz hinter
dem Heck zusammen. Tonnenweise, wie eine Lawine, wälzte das Wasser den Berg
herunter, fasste Thlaloca und trug sie
rasend in das Wellental. Dort wurden wir von den Wassermassen begraben. Als wir
wieder auftauchten, schüttelten wir uns — Thlaloca
und ich — wie nasse Hunde. Mein Gott, dachte ich, wie soll das bloss enden?
Siggi wurde aus der Koje gegen den Mast geschleudert und prellte sich ihren
rechten Arm, der ihr noch jahrelang danach zu schaffen machte. Wirklich
interessant war zu beobachten, wie unseres Schiffchen in das Wellental sauste,
mit einer Bugwelle so hoch, dass sie das Deck weit überragte. Als die
Wassermassen uns begruben, war es nur mein Kopf und ein Teil des Mastes, welche
für Sekunden über Wasser ragten. Drei Tage
später war das Meer noch so genau wild und gefährlich. Mit fallendem Barometer
schwand unsere Hoffnung auf Besserung. Es konnte nur schlimmer werden, und die
Furcht davor zehrte an unseren Nerven. Wäre es
nicht der Grauen des eigentlichen Erlebnisses, sollte man philosophisch darüber
nachsinnen und der Vorsehung dankbar sein, die ungezähmte Macht der Natur zu
erleben, die sich während einer fürchterlichen Nacht offenbarte: Als der
Vollmond die Wolkendecke durchbrach und für Augenblicke ein ungewöhnlich schönes
Panorama erleuchtete. Schatten tanzten über der Wasserwüste wie ausgestreckte
Fühler eines gigantischen Tintenfisches und betonten jedes Detail des wogenden
Meeres. Während eines erhellten Augenblicks befanden wir uns am Boden eines
riesigen Tals, umringt von einer Kette flüssiger Berge und die Schaumkämme der
Brecher glitzerten wie ein Feuerwerk. Im nächsten Mondlicht sassen wir auf
einem dieser Wasserberge, als ob uns ein Riesenkran dort hingesetzt hätte, und
wir blickten mit Ehrfurcht in ein unendliches Tal. Auf diese dramatische Weise
wurden wir erinnert, wie klein und unscheinbar wir Menschen gegen diese
Naturgewalten sind: Weiter nichts als mikroskopisches Treibgut, eine mysteriöse
Welt, die uns zwar duldet, in der wir aber leicht vernichtet werden können —
auf dem weitem Meer, wo die Elemente erbarmungslos regieren! Schweigend
drückten wir uns gegenseitig die Hände, denn wir erkannten deutlich, wer uns
durch diese Höhen und Tiefen hilft: Ganz bestimmt nicht wir mit unseren
bescheidenen menschlichen Mitteln, sondern eine überirdische Kraft. Somit ist
es Unsinn zu glauben, wir könnten dieser Macht mit Körperkraft und Intelligenz
trotzen. Ohne Zweifel gibt es
wesentliche Voraussetzungen, die Überlebungschancen zu erhöhen, und eine
dieser ist in erster Linie ein seetüchtiges Schiff und
. . . jawohl . . . eine gewisse Intelligenz und persönliche Fitness —
welchen Wert auch immer der eine oder andere darauf legt. Für uns gab es
prinzipiell zwei Voraussetzungen: Ein gutes Schiff und Glück — Glück, das
man bei jedem Unternehmen haben muss, um erfolgreich zu sein. Mit
ausgebauter Sturmfock segelten wir in den dritten Tag hinein. Plötzlich stand
eine steile See hinter uns und brach zusammen. Total überschwemmt von den überkommenden
Wassermassen, verlor ich den Halt an der Winsch. Bevor ich wusste, was geschehen
war, schwamm ich schon im Wasser. Sekunden der Panik folgten, bis sich die
Sicherheitsleine an den Hüften festzog. An der Leine zog ich mich zurück zum
Boot. Die nächste Welle setzte mich ohne geringste Anstrengung wieder dorthin,
wo ich vor einer Minute geschworen hätte, keine Macht der Erde kann mich
ungewollt vom Boot trennen. Offensichtlich hatte ich die Macht, die im Spiele
war, total unterschätzt! Genau
einen Tag später, es war zwei Stunden vor Mittag, erkannten wir, obwohl noch
weit achteraus, eine steile Welle, die auf uns zukam. Dass sie gefährlich war,
erkannten wir an ihrer Form: die oberen Meter ein helles Grün und im Begriff,
sich zu überstürzen. Dieser gewaltige Wasserberg brach zehn Meter hinter
unserem Heck donnernd zusammen. Für Sekunden hatte ich das Boot unter Kontrolle
als es in das Tal raste. Durch die Pinne spürte ich den enormen Druck am Ruder.
Dann stürzten die Wassermassen über uns. Wir klammerten uns an die Winschen—bloss
nicht über Bord gehen! Als wir wieder auftauchten, schüttelten wir uns das
Wasser vom Körper. Ich fasste wieder die Pinne, aber das Boot reagierte nicht
mehr. Das Ruder sowie auch der Leitkopf waren gebrochen. Dass darüber kein
Zweifel bestand, merkten wir am Klopfen der losen Teile am Rumpf. Viel Zeit zum
Überlegen gab es nicht, wenn wir verhüten wollten, dass womöglich der Rumpf
durchbohrt wird. Mit der
Sicherheitsleine um meine Hüften sprang ich ins Wasser um die einzelnen Teile
mit einer Leine zu sichern, was bei den wilden Tänzen des Bootes nicht einfach
war, während Siggi im hinteren Stauraum Platz schaffte, um die Muttern der drei
12mm Bolzen, die den Leitkopf am Rumpf hielten, zu lösen. Das getan, lösten
sich die Teile durch die Bewegungen des Bootes allein vom Rumpf. Wir hievten sie
dann an Bord. Keiner der Bolzen war gebrochen, sondern der hölzerne Leitkopf
(an dem ja der untere Teil eines Ruders allgemein befestigt ist) war dem Druck
nicht gewachsen und somit seitlich weggedrückt worden. Die Bolzenlöcher im
Rumpf verstopften wir mit Holzdübeln, um weiteren Wassereinbruch zu verhüten. Was nun?
Wir brachten den Treibanker über das Heck aus, damit das Boot den anstürmenden
Wellen, mehr oder weniger das Heck zeigt. Das gab uns eine Pause, um zu überlegen
und zu verkraften, was überhaupt passiert war. Beim Gedanken, dass wir
mindestens 1600 Seemeilen vom nächsten Hafen waren, ohne Leitkopf und Ruder in
einem zweifellos unfreundlichen Ozean, überkam uns ein leichtes Grauen. Siggi
sass mir gegenüber im Cockpit, ihr sonst so geordnetes Haar in Strähnen, vom
Salzwasser an ihrem Gesicht festgebacken, ihre Hände weiss von der
Kraftanstrengung an der Winsch, um nicht über Bord geschleudert zu werden. Ich
habe sie bedauert und bewundert; bedauert, dass ich sie durch meinen Ehrgeiz, in
einem kleinen Boot um die Welt zu segeln, in solch eine prekäre Situation
gebracht habe; bewundert, mit welcher stoischen Ruhe sie ein Desaster
verarbeitet. Wie so oft in der Vergangenheit in brenzlichen Situationen, war es
ihre Ruhe, die mich überzeugte, dass wir zusammen alles meistern können. Auf dem
Vordeck verzurrt lagen zwei starke, drei Meter lange Latten, genau für den Fall
eines Unglücks dieser Art gedacht. Im hinteren Stauraum hatten wir ein 18mm
dickes, 60x60 cm grosses Stück Sperrholz. Nägel, Schrauben, Bolzen hatten wir
zur Genüge. Dieses Sperrholzstück bolzten wir zwischen die beiden Latten und
laschten diese–als Notpinne–zum Steuerbord Püttigeisen. Leider war das eine
Fehlkonstruktion. Erstens war das Achterdeck ewig vom Seewasser überspült und
deshalb zu glatt, um Halt zu finden. Zweitens, war die „Pinne“ zu kurz, wir
mussten das Innenbordende zu hoch halten, um die Ruderfläche genügend
einzutauchen, was zur Folge hatte, dass wir in kurzer Zeit von den Anstrengungen
erschöpft waren.
Bedenkt folgendes: Ohne Ruder und Skeg hat das Boot keine laterale Stabilität mehr, folglich tanzt es wie ein Kreisel
Die
darauffolgende Nacht war schrecklich. Obwohl der Treibanker genau das tat, was
unter normalen Umständen von ihm verlangt wird, konnte er in diesem Fall die
wilden Schwingungen des Bootes nicht stabilisieren. Die Wogen trugen den
Treibanker nach vorn, und die Leine am Heck schlaffte. Ohne Leitkopf und Ruder
hatte das Boot keine laterale Stabilität mehr, sie legte sich dann sofort quer
zur anrollenden See. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie der grollenden See wieder
das Heck zeigte. Jedenfalls wurde uns klar, dass wir so kein Land mehr sehen würden.
Vorerst belegten wir die Treibankerleine an der Steuerbordseite vom Heck und
setzten eine Fock, bis wir etwas Effektiveres zu finden hofften. Am
folgenden Morgen übersetzten wir unsere Gedanken in etwas Konstruktives. Ich
nahm das vorhergenannte Stück Sperrholz in die Kabine. Zu Beginn unserer Reise
hatten wir eine sehr gute Handsäge an Bord. Sie war aber über die Jahre hinweg
so verrostet, dass ich sie nach dem Unglück in Rarotonga versenkt hatte. Als
Ersatz fand ich in der Werkzeugkiste ein Eisensägeblatt. Ein Teil davon
umwickelt mit einem Waschtuch als Handgriff, begab ich mich daran, die 18mm
Sperrholzplatte diagonal zu teilen. Ich war überzeugt, dass alle Götter, wo
auch immer sie waren, sich bemühten mich zu strafen. Denn jedes Mal, wenn ich
die geeignete Position hatte um zu arbeiten, machte das Boot eine der unmöglichsten
Bewegungen, die mich mit der Zeit in jede Ecke des Bootes katapultierten. Dazu
lief mir der Schweiss in Strömen am Körper herunter. Ich fluchte wie ein
Rohrspatz. Siggi hörte diese Ausbrüche, sie riss dann die Luke auf mit der
Warnung: „Wenn Du so weiter fluchst, werden wir nie wieder Land sehen!“
Siggis Mahnungen durch die teilweise geöffnete Luke
brachten manchmal eine Ladung relativ kühles Seewasser mit sich, das über
meinen erhitzten Körper spülte. Welch eine Wohltat! Nachdem
ich diese scheussliche Arbeit, die mehr als einen halben Tag dauerte, hinter
mich gebracht hatte, begab ich mich wieder an Deck. Siggi hielt mich und
gleichzeitig balancierte sie auf meinen Beinen als Gegengewicht, während ich,
über das Heck gebeugt, ein diagonales Sperrholzstück an die Motorhalterung
bolzte, welches als laterale Unterstützung dienen sollte. Ganz klar, jedesmal
wenn das Heck wegtauchte war ich mit Kopf und Oberkörper im Wasser, und um
weiter zu arbeiten, musste ich mich erst wieder erholen. An das andere
Sperrholzstück bolzte ich Holzstücke als Verlängerung, woran wir die Pinne
befestigten. Am Innenbordende des Sperrholzes bohrte ich zwei 24mm Löcher, die
ich mit Kupferfolie auslegte, um das Holz gegen Schamfilen zu schützen. Das
Ganze banden wir, mit Hilfe von leichter Dacronleine durch die beiden 24mm Löcher,
ebenfalls an die Motorhalterung. Das Resultat der vielen Arbeit war etwas
wackelig, anscheinend aber stark. Jedenfalls hatten wir wieder eine Steueranlage,
und das war ja wohl die Hauptsache. Den
Treibanker zogen wir ein. Stattdessen knoteten wir alle unsere Leinen zusammen
und brachten sie im Rundlauf übers Heck aus. An dieser Stelle sollte erwähnt
werden, dass wir in Balboa, Panama, die Bekanntschaft eines englischen Seglers
von der Yacht Gannet machten, mit Namen Ron. Auf der westindischen Insel
Antigua, genauer gesagt im English Dockyard, hatte er sehr viel Tauwerk und
einige alte Segel gratis bekommen. Selbst überladen, gab er uns davon an die fünfzig
Meter geteertes Tauwerk und ein riesiges Baumwollsegel ab, von dem wir uns einen
Sonnenschutz nähen wollten. Jedenfalls kam uns dieses Tauwerk jetzt gelegen.
Alles in allem zogen wir an die 60 Faden hinter uns her. Mit
neunzig Seemeilen am ersten Tag, gefolgt von zweiundneunzig am zweiten Tag,
sahen wir den ersten Schimmer von eines hoffentlich glücklichen Endes. Dann
aber kam der elfte Oktober mit einem furchterregenden Horizont im Osten.
Heulende Winde folgten, und starke Böen jagten die Köpfe der Wellen in dicken
Schichten horizontal über die Seenlandschaft. Was blieb uns noch übrig als
inniges Beten und Hoffen, dass wir es überleben? Achtzehn
Stunden später befanden wir uns zweiundachtzig Seemeilen westlich unseres
Generalkurses (Loxodrome, rhumbline). Ein Teil dieser enormen Abtrift ist sicher
auf die letzten drei Tage verteilt, wo das Wetter und das Meer zu schlecht war,
um mit dem Sextanten eine Position zu bestimmen. Es war schlimm, denn jede
Seemeile, die wir von unserem Kurs zum Westen hin verloren, brachte uns dichter
an den Wind. Und nur unter Vorsegeln zu segeln wurde dementsprechend schwieriger
(Das Grosssegel konnten wir wegen zu wenig Längsstabilität durch das
Ersatzruder nicht tragen). Am besten wäre ein Ziel weiter westlich gewesen,
aber wir wussten, dass die Kabelstation auf Cocos Keeling ihre Kollegen in
Rodriguez über unsere eventuelle Ankunft dort benachrichtigt hatte. Unser
Nichterscheinen hätte allerlei unnötige Komplikationen zur Folge gehabt. Jede
Welle, die achterlicher als mittschiffs gegen den Rumpf knallte, drehte Thlaloca in den Wind, und es dauerte dann lange, bis das kleine
Ruder unser Schiffchen wieder auf Kurs brachte. Das nagte schon an den Nerven,
aber es war dann das schlagende Segel, das uns zur Verzweiflung trieb. Es wurde
wichtig, das zu unterbinden. Zu Hilfe kam Ron’s Segel (von der Gannet),
wovon wir das obere Dreieck einfach abschnitten, ebenso Unterliek und Halshorn.
Wir nähten sie an die Stellen, wo sie hingehörten. Die Schnittstellen wurden
umsäumt und vernäht. Wir hatten damit ein Segel von etwa zwei Quadratmeter;
ein Quadratmeter kleiner als unsere Sturmfock, unser kleinstes Segel! Das
angefertigte Segel baumten wir, flach wie ein Brett, etwa 30 Grad zum Wind. Das
erreichte Resultat war, dass das Boot weniger in den Wind schoss. Zwei Stunden
Wache (steuern), zwei Stunden Schlaf, schon über vierzehn Tage lang, wir waren
erschöpft und todmüde. Dazu kam, dass wir ewig dem überkommenden Seewasser
ausgesetzt waren. Unsere Hinterteile waren voller Pusteln; ständig mit
Seewasser umspült, juckten und bissen sie wie der Teufel. Unser anhaltendes
Kratzen, um das Jucken zu unterbinden, schälte die Haut ab. Am Ende sahen
unsere an und für sich nicht unattraktiven Achterteile nicht besser aus als die
der Affen. Wenn wir nicht mehr sitzen konnten, knieten wir im Cockpit — bis
die Knie ebenfalls wund wurden. Am 15.
Oktober segelten wir durch eine Reihe von Regengüssen. Das Meer war immer noch
stark bewegt, mit hohen Bergen, aber ohne Schaumkämme. Das waren Anzeichen
einer Wetterwende. Hungrig auf Schlaf — und mehr als nur die üblichen zwei
Stunden — entschieden wir uns beizudrehen. Doch erst demontierten wir das
Notruder, um es gegen unnötige Belastung zu schützen. Dieses verlangte eine
halbstündige, anstrengende Arbeit, die wir bislang gescheut hatten. Da eine
unserer beiden Kojen mit dem gebrochenem Leitkopf und dem Ruder belegt war,
krochen wir zusammen in die Steuerbordkoje. Wir verbrachten eine unruhige Nacht,
aber jedenfalls besser als die vorherigen Zweistundentörns. Mit einer dicken
Schicht Vaseline auf unseren Wunden hielten wir das Beissen und Jucken in
Grenzen. Der
folgende Morgen weckte uns mit Sonnenstrahlen, die länger als nur für Minuten
bei uns blieben. Ein handfestes Frühstück supercharged unsere Körper
und Sinne wieder zu seltener Höhe auf. Wir schätzten uns die glücklichsten
Menschen, in dieser Welt geboren zu sein. Der
zwanzigste Oktober war der erste Tag seit Verlassen der Cocos Keeling Inseln, an
dem die Sonne den ganzen Tag über schien. Ein nur zwölf Knoten Wind schwacher
Wind hatte die See beruhigt, so das wir die Genoa 1 setzen konnten. Unsere
Schleppleine, die wir jetzt schon zwei Wochen lang hinter uns nachzogen und die
dick mit Muscheln bewachsen war, war immer noch nötig, um das Steuern zu
unterstützen. Zwei Tage später gab uns ein Stern-Fix eine genaue Position, die
das Ende der Überfahrt innerhalb eines Tages erhoffen liess. Am
folgenden Morgen war der Himmel mit einem halben Dutzend saftiger, dunkler
Wolken behangen, die wie ein Vorhang bis zum Meere reichten. Unter jeder, die in
Kursrichtung lag, vermuteten wir Land — aber unter welcher? Siggis
empfindliche Nase, die mich schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte,
schnupperte, wie eine Radarantenne, die einzelnen dunklen Wolken ab. Als ihre
Nase Land ortete, das ausserhalb jeglicher vernünftiger Überlegung lag, zudem
noch im Lee, erklärte ich ihren Riechsinn als total verkorkst. Eine Stunde später,
mit dem Ausruf, land-ho,
musste ich wieder einmal klein beigeben. Und von da ab gab es in dieser
Beziehung zwischen uns keinen Disput mehr. Der Wind
wurde immer schwächer. Wir zogen daher die Schleppleine an Bord und setzten das
gereffte Grosssegel. Trotzdem war unser Fortschritt langsam und wir mussten noch
eine Nacht, beigedreht, auf See verbringen. Es war eine wundervolle laue Nacht,
mit Millionen funkelnder Sterne am Himmelszelt. Mit hoffnungsvollen Gedanken,
dass die Strapazen der vergangenen Wochen nun vorüber waren, fielen wir in
einen festen Schlaf.
Schon
sehr früh morgens ging es weiter. Mit wenig Wind und Fortschritt dauerte es
lange, bis wir Einzelheiten an Land erkennen konnten. Wir waren überrascht, als
sich vor uns ein scheinbar unendliches Riff ausbreitete. Wir waren darüber
durch die Seekarte informiert. Aber eine Seekarte, die einen ganzen Ozean
umfasst, ist für eine Ansteuerung fremder Häfen nicht zu empfehlen! Somit
unterschätzten wir das Ausmass des Riffes. Hätten wir die wirkliche Ausdehnung
des Riffes geahnt, wäre unser Schlaf sicherlich nicht so tief gewesen! Bald
sahen wir ein Motorboot auf uns zukommen, das uns auf den Haken nahm und uns
durch einen extrem gewundenen Kanal in einen kleinen aber sehr sicheren Hafen
zog. Wie bei fast jeder Ankunft in einem fremden Hafen, hatte sich eine
Menschenmenge versammelt, die, aus Neugier oder Langeweile, alles Ungewöhnliche
als einen Festtag betrachteten.
Ankunft Rodriguez Insel--deutlich sieht man das Notruder Aus der
Menge lösten sich drei Personen: Es waren Monsieur Vallet (Magistrat der Insel)
mit seiner Frau und Mr. Remy, der Polizeikommissar. Durch die allgemeine
Unordnung an Deck und die offensichtliche Notruderanlage erkannten sie sofort,
dass mit Thlaloca nicht alles in
Ordnung war. Nachdem wir das Unglück geschildert hatten, versicherten sie uns
aller notwendigen Hilfe. Am nächsten
Tag wurde Thlaloca von einem Kran an Land gesetzt. In einer Werkstatt
erneuerte man alle beschädigten Teile. Genauer gesagt, wir brauchten ausser zu
beraten überhaupt nichts zu tun. Material, wie Nirostastahl für einen neuen
Ruderstock, das auf einer Insel schwer erhältlich war, wurde uns von einem
Geschäftsmann geschenkt. Die Gesamtrechnung war, wie in Ensenada, gleich NULL!
Uns wurde erlaubt, die Arbeit der Männer und die von Mr. Nicolai, dem Ingineur,
mit einer Kiste Bier und einigen Flaschen Schnaps anzuerkennen. So waren
Mr.Yeend in Mexiko und die hilfsbereiten Leute in Rodriguez diejenigen, die
enorm zum Gelingen unserer Weltreise beigetragen haben. Landschaftlich
ist die Insel wirklich schön, und Mr. Philip Hutchins, derzeitiger Verwalter
der hiesigen Landwirtschaft, nutzte jede Gelegenheit, uns in seinem Landrover
herumzufahren. Auch zu einem Pfarrhaus, wo uns drei katholische Pastoren freudig
begrüssten. Sie waren überglücklich ausländische Gäste zu haben, so dass
sie sofort ein anscheinend geheimes Wandfach aufschoben, worin nicht weniger als
zwei Dutzend Schnapsflaschen wie zur Parade standen. Dass diese geistliche
Hoheiten etwas von alkoholischen Getränken verstanden und nur das Beste
bevorzugten, wurde uns beim Lesen der Etiketten klar. So verbrachten wir etliche
Stunden inmitten einer heiteren Gesellschaft. Einer grossen Milchwirtschaft galt
unser nächster Besuch. Philip, unser Landwirtschaftexperte, gab uns einen
langen Kommentar über das ganze Unternehmung. Wie es schien, war sein Wissen
unerschöpflich. Um nicht wie eine „dumme Kuh“ zum Zuhören verurteilt zu
sein, fand ich den Mut zu fragen. Aber was wusste ich schon über Kuhwirtschaft!
Ich wusste nur, dass Rinder, genau wie Menschen — wenn ich das mal so
vergleichen darf — verschiedene Hautfarben tragen; es gibt weisse, schwarze,
braune, Friesen, Holsteiner, und wie sie all heissen. So fragte ich den Aufseher,
einen Franzosen mit wenig Englischkenntnissen: „What breed is that?“ (Welche
Rasse ist das?) Der gute Mann schaute mich erstaunt an, überzeugt ich müsse
ein Idiot sein, „Tees is cow, Monsieur!“ (Das ist Kuh, Herr!). Um
soviel klüger, waren wir bald wieder
zurück im Hafen. Diese und viele andere Gelegenheiten, die uns geboten wurden, kosteten wir mit Wonne zwei Wochen lang aus. Danach zog uns das Meer wieder in seinen mysteriösen Bann — auf zur nächsten Insel, Mauritius. |