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KAPITEL: |
VON FIDSCHI NACH NEUSEELAND
Seekarte Fiji Inseln-Neuseeland Der Wind
blies Stärke 6-7 von Ostsüdost, und wir segelten hart am Wind. Das Boot
stampfte hart, und ich hatte alle Mühe mich im Cockpit zu halten. Mit dem
Sicherheitsgurt um meinen Leib, band ich mich an vier Fittings rings um das
Cockpit fest, damit ich beide Hände für die Arbeit mit dem Sextanten frei
hatte. Inzwischen war Siggi in der geschlossenen Kabine dabei, ein paar Eier zu
kochen. Unsere Pantry hatte nur sehr geringen Raum; dementsprechend waren wir
nur minimal mit Geschirr ausgerüstet. An Kochtöpfen hatten wir einen 5-Liter
Dampfdrucktopf und einen kleineren Topf für zwei oder drei Becher Kaffee. Während
ich im Cockpit versuchte die Sonne zu schiessen, welches bei den wilden
Bewegungen des Bootes und der nur für Sekunden sichtbaren Sonne eine Ewigkeit
dauerte, hatte Siggi die zusätzliche Aufgabe, den Chronometer im Auge zu
behalten. Bei meinem Ausruf time würde sie dann die genaue
Uhrzeit ablesen und aufschreiben. Nur wer einmal durch eine solch langwierige
Prozedur gegangen ist kann ermessen, wie sagenhaft frustrierend das sein kann.
Dann
knallte eine besonders grosse brechende Welle gegen den Rumpf und legte Thlaloca über, bis sie flach auf der Steuerbordseite lag. Ein erschütternder
Schrei aus der Kabine liess mich sofort ahnen, dass etwas Furchtbares passiert
war. In dem Moment als sich das Boot hart überlegte, kroch ich ganz tief in das
Cockpit, um den Sextanten vor einem Anprall zu schützen. Gern hätte ich eine
paar Minuten so verweilt, aber Siggis Schrei forderte augenblickliches Handeln.
Ich steckte den Sextanten in den Heckstauraum, löste den Sicherheitsgurt und öffnete
das Schiebedach — und sah ein schreckliches Bild vor mir, das mich noch heute
erschüttert. Der Raum,
wo sich alles abspielte, war zwischen zwei Schotten. Ringsum war eine Erhöhung
— zu Steuerbord eine kleine Navigationsecke. In der Mitte, unter der Erhöhung,
war Stauraum für die Pantry und an Backbord war der Einflammenkocher schwingend
eingebaut. Der Fussraum war ungefähr 40 x 90 cm. In diesen Raum hatte ich
einen gemütlichen Sitz (den wir Sturmsitz nannten) eingebaut, den man in eine
Halterung auf beiden Seiten einsetzen konnte – je nachdem auf welchem Bug wir
segelten. Beim Kochen war das besonders vorteilhaft, denn das Meiste, was benötigt
wurde, war in Armeslänge zugänglich. Somit war auch der Kocher mit kochendem
Wasser nur eine Armlänge von Siggi entfernt.
Gegenüber der Kochecke (zu Siggi'S Beinen)der sogenannte Sturmsitz, wo das Unglück geschah Man kann
sich vorstellen, dass viel Wasser (in diesem Fall Seewasser) nötig war, um die
Eier im Dampfdrucktopf zu bedecken. Der Topf mitsamt dem Kocher hatte sich nun
durch den Anprall losgerissen und lag in Siggis Schoss. Die Flamme war Gott sei
Dank erloschen, aber das Heizelement war noch glühend und der Petroleumtank
noch unter Druck, so dass die heissen Gase die Kabine vernebelten. Siggi war
besinnungslos, eingepfercht im Sturmsitz. Der beschränkte Raum liess nicht zu,
dass ich ihr von innen helfen konnte. Ich spreizte meine Beine in der Luke, um
mich auf diese Weise zu halten. Mit Kopf und Oberkörper nach unten hängend,
wie eine Fledermaus, gebrauchte ich meine ganze Kraft, meine leblose Siggi aus
dieser Enge herauszuheben; soweit, bis ich genügend Fussraum hatte, um ihr vom
Innern des Bootes aus weiterzuhelfen. Ich legte sie in die Koje. Während all
dies vor sich ging, war die Luke zwangsweise offen geblieben und jede Welle, die
über das Boot schoss, hatte freien Zugang in die Kabine. Das Wasser stand
mittlerweile bis über meine Füsse und spritzte durch die wilden Bewegungen bis
unter das Deck und so auch auf Siggis schreckliche Wunden.
Ein Blick in die Kabine Es tat
mir selbst so weh, aber ich musste Siggi entkleiden, solange sie ohne Besinnung
war. Mit der Unterwäsche löste sich an manchen Stellen die Haut. Der Rest
ihres Körpers, vom Nabel bis zu den Zehen, war ein Meer von Blasen. Beide Waden
zeigten wasserunterlaufene grosse Wülste. Am Unterkörper, wo das kochende
Wasser und Petroleum für lange Zeit weilten, hatten sich offene Wunden gebildet. Ich hatte
Angst wie nie zuvor. Denn wie konnte ich einem lieben Menschen in dieser
Situation überhaupt helfen? Eintausend Seemeilen noch bis Neuseeland.
Dreihundert Seemeilen waren es zurück bis zur Insel Kandavu (einer der Fidschi
Inseln), aber Windrichtung, die Strömung, alles sprach gegen. Es verblieb noch
Neu Kaledonien, aber diese Inselgruppe ist mit Riffen umringt und ohne Seekarte
zu gefährlich anzulaufen. Es war äusserst
notwendig, meine Furcht unter Kontrolle zu bringen — die Angst, dass Siggi
bald etwas Undenkbares passieren könnte. Ich fing an, das viele Wasser aus dem
Boot zu schöpfen. Danach blätterte ich im Doktorbuch und las u.a.: „ . . .
bette den Patienten komfortabel, danach sofort einen Arzt aufsuchen . . . „! Siggi kam
zu sich und ihre ersten Worte waren: „Ich bin all right! Mach dir keine Sorgen!“
Es waren Worte einer sehr, sehr tapferen Frau, die mich zu Tränen rührten. Sie
hatte nicht die geringste Ahnung wie schwer verwundet sie war. An
Medizin hatten wir herzlich wenig an Bord. Monate vorher, in Tahiti, trafen wir
auf ein älteres deutsch-amerikanisches Ehepaar, Eric und Lulu Heyer, aus
Kalifornien. Als ewige Weltenbummler, führten sie immer reichlich
Medizin mit sich. Sie waren im Begriff, nach Kalifornien zurückzufliegen,
und gaben uns Medikamente, welche uns eventuell helfen könnten, u.a. Codine,
Sulfadiazine und Vitamin C. Aspirin und Vaseline hatten wir selbst genug. Ich
gab Siggi von den ersten zwei Medikamenten. Die Vaseline löffelte ich auf ihren
heissen Körper und verbreitete dieses mit einem weichen Tuch. Ich stieg
wieder ins Cockpit und grübelte über den besten Kurs nach, welcher Siggi am
schnellsten zu einem Doktor bringen könnte. Ich entschied mich dann doch für
die Kandavu Insel. Sie lag am nahesten und war eben doch die beste Entscheidung,
schon deshalb, weil wir auf diesem Kurs vom gefährlichen Conway Riff
wegsegelten. (Wie es sich herausstellte, wären wir bei einem etwaigen Auflaufen
auf das Riff nicht allein gewesen. Über Fidschi-Radio hörten wir, dass genau
zu dieser Zeit ein japanischer Fischkutter aufgelaufen war, und dass
Hubschrauber dabei waren, die Besatzung zu retten. Ferner erfuhren wir, dass
dieser Fischkutter unser Nachbar in Suva gewesen war!) Der neue
Kurs war natürlich genau entgegengesetzt zum alten. Um die Abdrift
auszugleichen, segelten wir wieder hart am Wind. Zwei Vorteile hatte ich in
dieser Richtung: einmal steuerte sich das Boot selbst, und zweitens konnte ich
mich so vollkommen Siggis Pflege widmen.
Eine
halbwegs akzeptable Standortbestimmung am folgenden Tag überzeugte mich jedoch
von der Tatsache, dass die Kandavuinsel unerreichbar war; denn für jede drei
Seemeilen, die wir voraus gewannen, verloren wir eine durch westliche Abdrift.
Ich sprach mit Siggi über dieses Dilemma, erklärte ihr auch die Situation mit
Neu Kaledonien. Sie entschied sich für Neuseeland. „Ich bin OK, ich werde es
schaffen,“ wisperte sie ganz leise. Was ist sie doch für eine tapfere Frau!
(Die Lektion für die Zukunft war, dass man immer eine Seekarte für anlaufbare
Ziele im Lee an Bord haben sollte.) Was Siggi
in den folgenden zwei Wochen durchgestanden hat, kann man nur als heroisch
bezeichnen. Eingezwängt in die Koje mit nur geringer Bewegungsfreiheit, die
kleine Kabine für die meiste Zeit geschlossen. Der Mastkragen leckte, das
Kondenswasser triefte, das Boot stampfte, der Wind heulte. Dazu die übermenschlichen
Anstrengungen zur Toilette; dazu der unangenehme Geruch ungewaschener Mullbinden
— die ich nur in Seewasser auswaschen und ganz spärlich mit Frischwasser spülen
konnte. Es war die Hölle. Ganz
langsam besserte sich Siggis Zustand, bemerkbar in erster Linie dadurch, dass
sich ihr Appetit von Tag zu Tag besserte. (Ich schrieb dieses Phänomen meiner
exzellenten Kochkunst zu!) Die Rossbreiten, in denen wir uns später befanden,
ist eine Gegend wie am Äquator, wo zwei Windsysteme sich teilen – Gebiete, in
denen viel Flaute herrscht. In der Zeit der kommerzialen Segelschifffahrt, als
es üblich war, Pferden zwischen Australien und Europa zu transportieren, fanden
sich Schiffe oft in andauernden Flauten. Der Wassermangel tötete viele Pferde,
welche dann über Bord gehievt wurden. Daher der Ausdruck Rossbreiten! Leichte
Winde und viel Sonne kamen für uns wie gerufen, denn endlich konnten wir die
Kabine und das Bettzeug lüften. Der Nachteil war, dass ich Tag und Nacht soviel
wie nur irgend möglich steuern musste, da ich bei dem leichten Wind das Boot
nicht zum Selbststeuern bringen konnte. Das
leichte Wetter wurde von einem Sturm aus Südwest abgelöst. Unmöglich dagegen
anzubolzen, drehten wir bei. Wenn auch der Wind in der Takelage mit schrillen Tönen
pfiff, so waren wir trotzdem unbesorgt beigedreht zu liegen. Ich war so müde,
dass ich sofort in einen tiefen Schlaf fiel.
Nicht immer schien die Sonne . . . Es folgte
etwas ganz Mysteriöses, das uns bis zum Ende des Törns quälen sollte. Durch
einen dumpfen Schlag am Unterwasserschiff und durch Siggis alarmierenden Schrei
erwachte ich aus einem ganz eigenartigen Traum. Bevor ich mich aus dem Sturmsitz
(in dem Siggi ihr Unglück hatte) erheben konnte, folgte ein erneuter Schlag,
nur viel kräftiger. Der letzte Schlag brach die Dirk (einfach unerklärlich),
und der Baum flitzte munter überm Cockpit hin und her. Sofort untersuchte ich
das Boot auf Wassereinbruch. Alles war o.k.. Ich laschte den Baum und setzte
meinen Schlaf, aus dem ich so plötzlich gerissen wurde, fort. Der
Morgen erwachte mit viel weniger Wind. Ich erkletterte den Mast bis zur Saling
und befestigte dort eine vorläufige Dirk. Die Segel hoch, und weiter ging es,
Kurs Neuseeland. Aber ooh-lá-lá, was war das? Ich konnte die Pinne nur wenig
von einer Seite zur anderen bewegen. Ich wollte keine Kraft anwenden, bis ich
wusste, was da los war, und das hiess, ich musste tauchen. Ich informierte Siggi
darüber, aber sie flehte so innig, dass ich ihren Wunsch, es bitte nicht zu tun,
folgte. (Später, in Auckland, fanden wir den Stahl-Leitkopf fast vollkommen vom
Rumpf getrennt und das 6 mm Ruderblatt auf 15 cm eingerissen. Das
Ganze war zu einer Seite gebogen. Wir können von Glück sprechen, dass wir für
den Rest der Passage kein schlechtes Wetter mehr hatten.) Sechzehn
Tage nach Siggis Unglück segelten wir in die Bay of Islands in Neuseeland ein.
Vom Cockpit aus beschrieb ich ihr all die wundervollen Dinge, die ich sah: Die
einzelnen Inselchen, die niedlichen Häuser mit leuchtenden roten Dächern, die
saftigen Weiden, wo eine Anzahl Schafe grasten, die inmitten all des gesunden Grüns
wie Wattebäusche aussahen. Siggi musste sich selbst davon überzeugen. So hob
sie nach sechzehn schlimmen Tagen ihre wunden Beine zum ersten Mal über das
Halbschott, welches die Kojen von der Luke trennte. Sie empfand die neue Haut,
die sich schon gebildet hatte, als zu straff und bevorzugte daher ihre Koje. In der
Ortschaft Russel verzurrte ach Thlaloca
an einem der Stege und bat eine Person, den Zoll und Immigration von unserer
Ankunft zu unterrichten. In der Zwischenzeit kam der Doktor (der bei jeder
Ankunft einer Überseeyacht erscheint) und untersuchte Siggi. Was er sah,
bezeichnete er als ein Wunder —schon deshalb, weil keine Komplikationen
eingetreten waren. „Ein sehr interessanter Fall für das medizinische
Journal,“ meinte er. Wir
waren glücklich und stolz auf unsere Leistung, nach 13,000 Seemeilen den
grossen Pazifik überquert zu haben. Über Rundfunk gaben wir eine Reportage bezüglich
unseres Fahrtenlebens. Als Seevolk zeigten die Neuseeländer ein besonderes
offenes Herz für uns Vagabunden der Weltmeere. Die Ureinwohner, die Maoris,
sind polynesischer Abstammung, die vor Jahrhunderten von Hawaii aus mit
primitiven Booten den Pazifik erkundeten und teilweise besiedelten. Sie waren
hervorragende Seefahrer und ihre astronomischen Kenntnisse erstaunlich. Sie
wussten schon damals, dass die Erde rund ist, und hatten Namen für so
komplizierte Begriffe wie Äquator und Wendekreise. Als Seekarten diente
Flechtwerk, Perlmutterschalen
stellten Inseln dar und Perlenketten Strömungen. Auch unterschieden sie die
Wandersterne von den Fixsternen, und die besten dieser Seefahrer lasen die
Sternbilder, die zu unterschiedlichen Zeiten über bestimmten Inseln
kulminierten. Offenbar gaben ihnen die Sterne auch Auskunft darüber, wie weit südlich
oder nördlich sie sich von einem Punkt befanden.
Verglichen damit hatten wir es während unserer Reise damals ja doch schon viel leichter, und dafür danken wir den vielen Pionieren, die uns die erstaunliche Wissenschaft der astronomischen Navigation relativ einfach als Buch zur Verfügung stellen, damit wir selbst Kapitän sein dürfen. Bloss schade, dass die Elektronik dieses wundervolle Kunsthandwerk mehr und mehr in die Ecke stellt und der Fahrtensegler den wirklichen Reiz der Navigation gar nicht mehr erlebt. |