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Thlaloca

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 Kapitel X

VON FIDSCHI NACH NEUSEELAND

 Das gefährliche Conway Riff lag irgendwo nahe unserer geschätzten Position. Seitdem wir Suva vor drei Tagen verlassen hatten, war der Himmel fast ständig mit einer dicken Wolkenschicht bedeckt, so dass es schwierig war, die Sonne, die sich nur ab und zu für Sekunden zeigte, zu schiessen. An diesem Tag war es notwendig, unsere Position so genau wie nur irgend möglich festzustellen, um die lange aufkommende Nacht hindurch von einer grossen Sorge befreit zu sein.  

Seekarte Fiji Inseln-Neuseeland

     Der Wind blies Stärke 6-7 von Ostsüdost, und wir segelten hart am Wind. Das Boot stampfte hart, und ich hatte alle Mühe mich im Cockpit zu halten. Mit dem Sicherheitsgurt um meinen Leib, band ich mich an vier Fittings rings um das Cockpit fest, damit ich beide Hände für die Arbeit mit dem Sextanten frei hatte. Inzwischen war Siggi in der geschlossenen Kabine dabei, ein paar Eier zu kochen. Unsere Pantry hatte nur sehr geringen Raum; dementsprechend waren wir nur minimal mit Geschirr ausgerüstet. An Kochtöpfen hatten wir einen 5-Liter Dampfdrucktopf und einen kleineren Topf für zwei oder drei Becher Kaffee.

     Während ich im Cockpit versuchte die Sonne zu schiessen, welches bei den wilden Bewegungen des Bootes und der nur für Sekunden sichtbaren Sonne eine Ewigkeit dauerte, hatte Siggi die zusätzliche Aufgabe, den Chronometer im Auge zu behalten. Bei meinem Ausruf time würde sie dann die genaue Uhrzeit ablesen und aufschreiben. Nur wer einmal durch eine solch langwierige Prozedur gegangen ist kann ermessen, wie sagenhaft frustrierend das sein kann.      

     Dann knallte eine besonders grosse brechende Welle gegen den Rumpf und legte Thlaloca über, bis sie flach auf der Steuerbordseite lag. Ein erschütternder Schrei aus der Kabine liess mich sofort ahnen, dass etwas Furchtbares passiert war. In dem Moment als sich das Boot hart überlegte, kroch ich ganz tief in das Cockpit, um den Sextanten vor einem Anprall zu schützen. Gern hätte ich eine paar Minuten so verweilt, aber Siggis Schrei forderte augenblickliches Handeln. Ich steckte den Sextanten in den Heckstauraum, löste den Sicherheitsgurt und öffnete das Schiebedach — und sah ein schreckliches Bild vor mir, das mich noch heute erschüttert.

     Der Raum, wo sich alles abspielte, war zwischen zwei Schotten. Ringsum war eine Erhöhung — zu Steuerbord eine kleine Navigationsecke. In der Mitte, unter der Erhöhung, war Stauraum für die Pantry und an Backbord war der Einflammenkocher schwingend eingebaut. Der Fussraum war ungefähr 40 x 90 cm. In diesen Raum hatte ich einen gemütlichen Sitz (den wir Sturmsitz nannten) eingebaut, den man in eine Halterung auf beiden Seiten einsetzen konnte – je nachdem auf welchem Bug wir segelten. Beim Kochen war das besonders vorteilhaft, denn das Meiste, was benötigt wurde, war in Armeslänge zugänglich. Somit war auch der Kocher mit kochendem Wasser nur eine Armlänge von Siggi entfernt.  

Gegenüber der Kochecke (zu Siggi'S Beinen)der sogenannte Sturmsitz, wo das Unglück geschah

     Man kann sich vorstellen, dass viel Wasser (in diesem Fall Seewasser) nötig war, um die Eier im Dampfdrucktopf zu bedecken. Der Topf mitsamt dem Kocher hatte sich nun durch den Anprall losgerissen und lag in Siggis Schoss. Die Flamme war Gott sei Dank erloschen, aber das Heizelement war noch glühend und der Petroleumtank noch unter Druck, so dass die heissen Gase die Kabine vernebelten. Siggi war besinnungslos, eingepfercht im Sturmsitz. Der beschränkte Raum liess nicht zu, dass ich ihr von innen helfen konnte. Ich spreizte meine Beine in der Luke, um mich auf diese Weise zu halten. Mit Kopf und Oberkörper nach unten hängend, wie eine Fledermaus, gebrauchte ich meine ganze Kraft, meine leblose Siggi aus dieser Enge herauszuheben; soweit, bis ich genügend Fussraum hatte, um ihr vom Innern des Bootes aus weiterzuhelfen. Ich legte sie in die Koje. Während all dies vor sich ging, war die Luke zwangsweise offen geblieben und jede Welle, die über das Boot schoss, hatte freien Zugang in die Kabine. Das Wasser stand mittlerweile bis über meine Füsse und spritzte durch die wilden Bewegungen bis unter das Deck und so auch auf Siggis schreckliche Wunden.  

Ein Blick in die Kabine

     Es tat mir selbst so weh, aber ich musste Siggi entkleiden, solange sie ohne Besinnung war. Mit der Unterwäsche löste sich an manchen Stellen die Haut. Der Rest ihres Körpers, vom Nabel bis zu den Zehen, war ein Meer von Blasen. Beide Waden zeigten wasserunterlaufene grosse Wülste. Am Unterkörper, wo das kochende Wasser und Petroleum für lange Zeit weilten, hatten sich offene Wunden gebildet.

     Ich hatte Angst wie nie zuvor. Denn wie konnte ich einem lieben Menschen in dieser Situation überhaupt helfen? Eintausend Seemeilen noch bis Neuseeland. Dreihundert Seemeilen waren es zurück bis zur Insel Kandavu (einer der Fidschi Inseln), aber Windrichtung, die Strömung, alles sprach gegen. Es verblieb noch Neu Kaledonien, aber diese Inselgruppe ist mit Riffen umringt und ohne Seekarte zu gefährlich anzulaufen.

     Es war äusserst notwendig, meine Furcht unter Kontrolle zu bringen — die Angst, dass Siggi bald etwas Undenkbares passieren könnte. Ich fing an, das viele Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Danach blätterte ich im Doktorbuch und las u.a.: „ . . . bette den Patienten komfortabel, danach sofort einen Arzt aufsuchen . . . „! SCH ...!  (Wie gut sind wir heutzutage dran, Erste-Hilfe Bücher zur Hand zu haben, die von Experten geschrieben sind, die mit der See und all den Beschränkungen vertraut sind.)

     Siggi kam zu sich und ihre ersten Worte waren: „Ich bin all right! Mach dir keine Sorgen!“ Es waren Worte einer sehr, sehr tapferen Frau, die mich zu Tränen rührten. Sie hatte nicht die geringste Ahnung wie schwer verwundet sie war.

     An Medizin hatten wir herzlich wenig an Bord. Monate vorher, in Tahiti, trafen wir auf ein älteres deutsch-amerikanisches Ehepaar, Eric und Lulu Heyer, aus Kalifornien. Als ewige Weltenbummler, führten sie immer reichlich  Medizin mit sich. Sie waren im Begriff, nach Kalifornien zurückzufliegen, und gaben uns Medikamente, welche uns eventuell helfen könnten, u.a. Codine, Sulfadiazine und Vitamin C. Aspirin und Vaseline hatten wir selbst genug. Ich gab Siggi von den ersten zwei Medikamenten. Die Vaseline löffelte ich auf ihren heissen Körper und verbreitete dieses mit einem weichen Tuch.

     Ich stieg wieder ins Cockpit und grübelte über den besten Kurs nach, welcher Siggi am schnellsten zu einem Doktor bringen könnte. Ich entschied mich dann doch für die Kandavu Insel. Sie lag am nahesten und war eben doch die beste Entscheidung, schon deshalb, weil wir auf diesem Kurs vom gefährlichen Conway Riff wegsegelten. (Wie es sich herausstellte, wären wir bei einem etwaigen Auflaufen auf das Riff nicht allein gewesen. Über Fidschi-Radio hörten wir, dass genau zu dieser Zeit ein japanischer Fischkutter aufgelaufen war, und dass Hubschrauber dabei waren, die Besatzung zu retten. Ferner erfuhren wir, dass dieser Fischkutter unser Nachbar in Suva gewesen war!)

     Der neue Kurs war natürlich genau entgegengesetzt zum alten. Um die Abdrift auszugleichen, segelten wir wieder hart am Wind. Zwei Vorteile hatte ich in dieser Richtung: einmal steuerte sich das Boot selbst, und zweitens konnte ich mich so vollkommen Siggis Pflege widmen.  

     Eine halbwegs akzeptable Standortbestimmung am folgenden Tag überzeugte mich jedoch von der Tatsache, dass die Kandavuinsel unerreichbar war; denn für jede drei Seemeilen, die wir voraus gewannen, verloren wir eine durch westliche Abdrift. Ich sprach mit Siggi über dieses Dilemma, erklärte ihr auch die Situation mit Neu Kaledonien. Sie entschied sich für Neuseeland. „Ich bin OK, ich werde es schaffen,“ wisperte sie ganz leise. Was ist sie doch für eine tapfere Frau! (Die Lektion für die Zukunft war, dass man immer eine Seekarte für anlaufbare Ziele im Lee an Bord haben sollte.)

     Was Siggi in den folgenden zwei Wochen durchgestanden hat, kann man nur als heroisch bezeichnen. Eingezwängt in die Koje mit nur geringer Bewegungsfreiheit, die kleine Kabine für die meiste Zeit geschlossen. Der Mastkragen leckte, das Kondenswasser triefte, das Boot stampfte, der Wind heulte. Dazu die übermenschlichen Anstrengungen zur Toilette; dazu der unangenehme Geruch ungewaschener Mullbinden — die ich nur in Seewasser auswaschen und ganz spärlich mit Frischwasser spülen konnte. Es war die Hölle.

     Ganz langsam besserte sich Siggis Zustand, bemerkbar in erster Linie dadurch, dass sich ihr Appetit von Tag zu Tag besserte. (Ich schrieb dieses Phänomen meiner exzellenten Kochkunst zu!) Die Rossbreiten, in denen wir uns später befanden, ist eine Gegend wie am Äquator, wo zwei Windsysteme sich teilen – Gebiete, in denen viel Flaute herrscht. In der Zeit der kommerzialen Segelschifffahrt, als es üblich war, Pferden zwischen Australien und Europa zu transportieren, fanden sich Schiffe oft in andauernden Flauten. Der Wassermangel tötete viele Pferde, welche dann über Bord gehievt wurden. Daher der Ausdruck Rossbreiten!

     Leichte Winde und viel Sonne kamen für uns wie gerufen, denn endlich konnten wir die Kabine und das Bettzeug lüften. Der Nachteil war, dass ich Tag und Nacht soviel wie nur irgend möglich steuern musste, da ich bei dem leichten Wind das Boot nicht zum Selbststeuern bringen konnte.

     Das leichte Wetter wurde von einem Sturm aus Südwest abgelöst. Unmöglich dagegen anzubolzen, drehten wir bei. Wenn auch der Wind in der Takelage mit schrillen Tönen pfiff, so waren wir trotzdem unbesorgt beigedreht zu liegen. Ich war so müde, dass ich sofort in einen tiefen Schlaf fiel.  

Nicht immer schien die Sonne . . .

     Es folgte etwas ganz Mysteriöses, das uns bis zum Ende des Törns quälen sollte. Durch einen dumpfen Schlag am Unterwasserschiff und durch Siggis alarmierenden Schrei erwachte ich aus einem ganz eigenartigen Traum. Bevor ich mich aus dem Sturmsitz (in dem Siggi ihr Unglück hatte) erheben konnte, folgte ein erneuter Schlag, nur viel kräftiger. Der letzte Schlag brach die Dirk (einfach unerklärlich), und der Baum flitzte munter überm Cockpit hin und her. Sofort untersuchte ich das Boot auf Wassereinbruch. Alles war o.k.. Ich laschte den Baum und setzte meinen Schlaf, aus dem ich so plötzlich gerissen wurde, fort.

     Der Morgen erwachte mit viel weniger Wind. Ich erkletterte den Mast bis zur Saling und befestigte dort eine vorläufige Dirk. Die Segel hoch, und weiter ging es, Kurs Neuseeland. Aber ooh-lá-lá, was war das? Ich konnte die Pinne nur wenig von einer Seite zur anderen bewegen. Ich wollte keine Kraft anwenden, bis ich wusste, was da los war, und das hiess, ich musste tauchen. Ich informierte Siggi darüber, aber sie flehte so innig, dass ich ihren Wunsch, es bitte nicht zu tun, folgte. (Später, in Auckland, fanden wir den Stahl-Leitkopf fast vollkommen vom Rumpf getrennt und das 6 mm Ruderblatt auf 15 cm eingerissen. Das Ganze war zu einer Seite gebogen. Wir können von Glück sprechen, dass wir für den Rest der Passage kein schlechtes Wetter mehr hatten.)

     Sechzehn Tage nach Siggis Unglück segelten wir in die Bay of Islands in Neuseeland ein. Vom Cockpit aus beschrieb ich ihr all die wundervollen Dinge, die ich sah: Die einzelnen Inselchen, die niedlichen Häuser mit leuchtenden roten Dächern, die saftigen Weiden, wo eine Anzahl Schafe grasten, die inmitten all des gesunden Grüns wie Wattebäusche aussahen. Siggi musste sich selbst davon überzeugen. So hob sie nach sechzehn schlimmen Tagen ihre wunden Beine zum ersten Mal über das Halbschott, welches die Kojen von der Luke trennte. Sie empfand die neue Haut, die sich schon gebildet hatte, als zu straff und bevorzugte daher ihre Koje.

     In der Ortschaft Russel verzurrte ach Thlaloca an einem der Stege und bat eine Person, den Zoll und Immigration von unserer Ankunft zu unterrichten. In der Zwischenzeit kam der Doktor (der bei jeder Ankunft einer Überseeyacht erscheint) und untersuchte Siggi. Was er sah, bezeichnete er als ein Wunder —schon deshalb, weil keine Komplikationen eingetreten waren. „Ein sehr interessanter Fall für das medizinische Journal,“ meinte er.

       Wir waren glücklich und stolz auf unsere Leistung, nach 13,000 Seemeilen den grossen Pazifik überquert zu haben. Über Rundfunk gaben wir eine Reportage bezüglich unseres Fahrtenlebens. Als Seevolk zeigten die Neuseeländer ein besonderes offenes Herz für uns Vagabunden der Weltmeere. Die Ureinwohner, die Maoris, sind polynesischer Abstammung, die vor Jahrhunderten von Hawaii aus mit primitiven Booten den Pazifik erkundeten und teilweise besiedelten. Sie waren hervorragende Seefahrer und ihre astronomischen Kenntnisse erstaunlich. Sie wussten schon damals, dass die Erde rund ist, und hatten Namen für so komplizierte Begriffe wie Äquator und Wendekreise. Als Seekarten diente Flechtwerk,  Perlmutterschalen stellten Inseln dar und Perlenketten Strömungen. Auch unterschieden sie die Wandersterne von den Fixsternen, und die besten dieser Seefahrer lasen die Sternbilder, die zu unterschiedlichen Zeiten über bestimmten Inseln kulminierten. Offenbar gaben ihnen die Sterne auch Auskunft darüber, wie weit südlich oder nördlich sie sich von einem Punkt befanden. 

     Verglichen damit hatten wir es während unserer Reise damals ja doch schon viel leichter, und dafür danken wir den vielen Pionieren, die uns die erstaunliche Wissenschaft der astronomischen Navigation relativ einfach als Buch zur Verfügung stellen, damit wir selbst Kapitän sein dürfen. Bloss schade, dass die Elektronik dieses wundervolle Kunsthandwerk mehr und mehr in die Ecke stellt und der Fahrtensegler den wirklichen Reiz der Navigation gar nicht mehr erlebt.

Thlaloca  Kapitel XI