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Thlaloca
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VIII
DER
GOLF
VON PANAMA
(Wo
sind wir . . . ?)
Das
starke Leuchtfeuer von Punta Mala lag Backbord voraus. Der Panama Kanal, unser
erstes grosses Ziel, lag 90 Seemeilen in nördlicher Richtung. Mit etwas Glück
— Glück bedeutet im Seglerjargon vorherrschend Wind — sollten wir spätestens
in zwei Tagen dort sein. (Hätte uns jemand gesagt,
dass es vierzehn Tage dauern würde, hätten wir diese Person an ein
Kreuz genagelt.)
Der Golf
von Panama ist von vielen Strömungen beeinflusst, worüber das Seehandbuch
motorlose Segelschiffe dringend warnt. Um die Schwierigkeiten, mit denen wir
konfrontiert waren, zu erkennen, gebe ich hiermit einen groben Überblick. Die
stärkste Strömung, der Humboldt Strom, ist nach Alexander Humboldt (einem
deutschen Entdecker) benannt. Dieser ist ein Abzweiger der nach Osten
fliessenden Strömung in den Roaring Forties. Er fliesst auf nördlichen Kurs
entlang der Westküste Südamerikas in den Golf von Panama, wo er der Küste
folgt und bei Punta Mala in Südrichtung weiterfliesst. Eine andere Strömung
ist der Kalifornien Strom. Wie der Name sagt, fliesst er entlang der nord und
zentralamerikanischen Küste, also südlich (jene Strömung, die uns bislang
mehr geholfen hat als Wind). Dazu kommt noch eine dritte Strömung, der Gegen-Äquatorial
Strom, der sich von Westen her über den Pazifik mit den vorher genannten Strömungen
vereint. Dieses ist das Grossbild. Welchen Einfluss die einzelnen Strömungen
auf das Ganze haben, hängt von jeweiligen Wettereinflüssen in den genannten
Gebieten ab. Jedenfalls ist es unmöglich, diese Einflüsse in die eigenen
Navigation einzuberechnen. Daher die allgemeine Warnung!
Noch vor
Tagesanbruch versuchten wir Punta Mala zu umrunden (Punta Mala heisst schlechtes Kap auf
Spanisch). Die Wassertiefen um das Kap sind gering, und ohne elektronischen
Tiefenmesser und dazu noch vor Tagesanbruch, war es schon besser, dass man
grossen Abstand hält. Leider einen zu grossen Abstand, wie wir bald erfuhren,
denn wir wurden sofort von der vorher genannten südfliesenden starken Strömung
gepackt. Dazu blies ein frischer nördlicher Wind und verursachte eine irre
kabbelige See, welche Thlaloca auf der
Stelle hopsen liess, so dass wir infolgedessen kaum Fortschritte machten.
Punta
Mala’s Leuchtfeuer sahen wir immer schwächer und das bewies uns, dass wir
nach Süden versetzt wurden. So konnte es nicht weiter gehen, es musste etwas
anderes versucht werden.
Laut
Seekarte beträgt die Distanz zwischen Punta Mala und der Westküste Kolumbiens
108 Seemeilen, in genau östlicher Richtung. Wie das Seehandbuch andeutet, hat
die Strömung entlang dieser Küste eine Breite von etwa dreissig Seemeilen.
Einfaches Rechnen sagte uns, dass wir nur achtzig Seemeilen zu segeln hatten, um
in die nordfliessende Strömung zu gelangen. Mit einem frischen nördlichen Wind
auf Ostkurs sollte das ein Klacks sein. Und sind wir erst einmal in dieser günstigen
Strömung, ist die restliche Entfernung bis zum Panamakanal ein Kinderspiel.
Am
folgenden Tag mittags zeigte unserer Schlepplog 72 versegelte Meilen an. Wenn es
so weiter ginge, erwarteten wir sehr bald, die gebirgige Küste Kolumbiens zu
sehen. Die Nacht fiel über uns herein, aber von Land war keine Spur. Statt
dessen überraschte uns ein ganz furchtbares Gewitter mit stürmischen Winden,
welches Wasserauffangen fast unmöglich machte. Doch immerhin gab uns der Regen
zehn kostbare Liter. Nach dem Gewitter hielt der Wind an und hatte sogar auf
Nordwest gedreht, so dass wir einen gemütlichen nordöstlichen Kurs steuern
konnten. Mit 5 Knoten lief Thlaloca
dann der Küste zu, und die ganze Nacht hindurch hielten wir scharfen Ausguck.
Der Morgen kam, und immer noch war kein Land in Sicht. Mittags lasen wir vom Log
ein Etmal von 96 Seemeilen. Das waren 168 Seemeilen
in zwei Tagen, und immer noch hatten wir kein Land in Sicht. Mein Gott, etwas
stimmt hier nicht — wo sind wir?
Seit wir Puntarenas mit all den unglücklichen Erlebnissen verlassen
hatten, war das Säubern des Sextanten eine unserer Prioritäten. Bis auf die
Wiederherstellung der Spiegelung und das Justieren war alles wieder in Ordnung.
Ohne terrestische Anhaltspunkte, um eine Position festzustellen, kam es jetzt
auf den Sextant an. Wie aber konnten wir die Spiegel reparieren? Plötzlich kam
mir eine Idee! Von einer Zigarettenpackung entfernte ich das Stanniolpapier und
klemmte es hinter die Glassscheibchen des Sextanten, um das schwefelabgebeizte
Quecksilber zu ersetzen. Es war ebensogut wie neu! (Damit sind wir später noch
bis Neuseeland gesegelt.) Das Justieren war eine andere Sache. Normalerweise
wird diese Arbeit von einem Fachmann ausgeübt. Wir, als totale Greenhorns in
dieser Sache, konnten nur annehmen, dass ich es richtig hinbekommen hatte; und
da beim Zusammenbau keine Schraubchen übrig geblieben waren, meinte Siggi, ich
sei ein Genie! Mittags errechneten wir eine Breite (Breitengrad) 57 Seemeilen südlich
von Punta Mala. War das glaubhaft oder nicht? Hatte ich mit der Justierung Mist
gebaut? Sollte die Breite korrekt sein, war das ein Schlag unter die Gürtellinie.
Wir hatten Grund beunruhigt zu sein, vorerst aber noch keine Sorge. Schliesslich
hatten wir noch Wasser und Proviant.
Der
frische nordwestliche Wind blieb uns treu, und so setzten wir zum Grosssegel und
Genoa noch eine ausgebaumte Fock. Wir steuerten etwas mehr östlich, um eine
maximale Geschwindigkeit aus dem Boot herauszuholen. Mit 6 Knoten rauschte Thlaloca
durch eine schäumende See und wir sagten uns, jetzt oder nie!
Der neue
Tag erwachte wie jeder andere der vergangenen drei Tage, aber von Land war keine
Spur. Wir waren 286 Seemeilen in östlicher Richtung gesegelt und hatten einen
Breitengrad verloren (1 Breitengrad = 60 Seemeilen). Befanden wir uns denn nicht
in einer der verkehrsreichsten Gegenden der Welt? Warum sahen wir kein einziges
Schiff? Es war offensichtlich: wir rannten gegen eine Wand an und fanden keine
Erklärung dafür. Nach dem Verlust aller unserer Uhren und des Radios in
Puntarenas war es nicht möglich, eine Länge (Längengrad) zu bestimmen, da es
dazu einer genauen Uhrzeit bedarf.
Es wurde
höchste Zeit, dass wir unsere Vorräte an Wasser und Proviant prüften. Siggi
meinte, wir hätten mit krassen Einsparungen noch Proviant für zehn Tage. An
Trinkwasser, das Wichtigste, hatten wir noch etwa acht Liter. Mit dieser
Ungewissheit sass uns echt die Angst im
Nacken.
Vier Tage
später registrierten wir 422 Seemeilen, die wir nach Loggrechnung gesegelt
waren. Zur gleichen Zeit verloren wir 148 Seemeilen an Breite — das heisst,
wir waren diese Entfernung von Punta Mala aus nach Süden versetzt worden.
Was
sollten wir tun? Es war offensichtlich, dass wir nach Osten keinen Fortschritt
machten. Nach Norden auch nicht, denn von dort kam die starke Strömung. So
verblieb nur noch Süd und West; eigentlich nur noch die Galapágos Inseln, und
die lagen noch 700 Seemeilen entfernt, mit genau so ungewissen Strömungs- und
Windverhältnissen.
Wir
verkrochen in uns selbst und waren mit unseren eigenen Gedanken beschäftigt,
denn jede Diskussion über einen Ausweg hatte das gleiche Resultat —
Hilflosigkeit! Stundenlang grübelten wir über „Bowditch,“ (Ein
Nachschlagbuch über alle Aspekte der Navigation), um eine Möglichkeit zu
finden, ohne Uhrzeit eine Länge zu errechnen. Zigmale habe ich den Sextanten
geprüft, ob mir bei der Reparatur ein Fehler unterlaufen war. Aber immer wieder
zeigte er uns dieselbe Breite an, so dass man annehmen musste, dass das
Instrument in Ordnung war.
Eine
grosse Gefahr drohte uns von Seiten riesiger Treibholzfelder. Während der
Regenzeit werden tausende Tonnen Hölzer von reissenden Flüssen in das Meer
gespült Die Gegend, in der wir segelten, war ein Ebenbild der Sargassosee, wo
alles was schwimmt von Strömungen zusammengetrieben wird. Um so erstaunlicher
war, dass wir nicht ein einziges Mal mit diesem gefährlichen Treibgut
kollidiert waren, besonders nachts, wenn keine Ausweichmöglichkeiten bestanden.
Unsere Kräfte
waren durch erbarmungslose Hitze, Durst und Hunger reduziert, was meine
Phantasie steigerte; besonders abends wenn sich im Osten gewaltige Wolkenmassen
ballten. In jedem dunklen Klecks am Horizont sah ich Land, was Siggi vehement
verneinte. Es war kein Wunder, dass Siggi manchen verstohlenen Blick auf mich
richtete, um zu erfahren, ob ich nicht schon einen „Stich“ weg hatte!
„Hein, du spinnst,“ hatte ich ihm immer wieder gesagt. Aber er wollte
nicht glauben, dass das, was er sah, nur dunkle Wolken waren. Zuletzt war ich
mit mir selbst im Zweifel, wer von uns einen Klaps weg hatte. Frustrierend war
die Tatsache, dass wir ein hochmodernes Segelboot segelten, welches bei
leisestem Wind seinen Kurs steuert und in kürzester Zeit zu einem Ziel gelangt.
Trotz alledem waren wir nicht besser gestellt als Menschen in Seenot auf einem
einfachen Floss, hilflos den Elementen ausgesetzt.
Jeder Tag
reduzierte unseren Vorrat an Lebensmitteln. Siggi kochte Makkaroni in Seewasser.
Es war so salzig, wir ekelten uns davor. Halb See- und halb Frischwasser ging
gerade noch; wir würgten es runter. Schweigend grübelten wir vor uns hin und
waren uns über eines einig: Wenn uns keine überirdische Macht hilft, waren wir
dem gleichen Schicksal verdammt wie „Der Fliegende Holländer“. Warum sahen
wir kein Schiff? Irgendwie befanden wir uns zwischen den Hauptschifffahrtswegen,
die von und zum Panama Kanal führen. Warum
beissen die Fische nicht? Bei der Ansicht farbenprächtiger Bonitos, die um das
Schiff herum spurteten, lief uns das Wasser im Mund zusammen und wir gebrauchten
unschöne Worte, als sie unsere glitzernden Fischhaken ignorierten. Der Grund
hierfür war wohl, dass wir schlechte Fischer waren; aber es war uns unerklärlich,
dass die Fische das wussten!
Endlich
aber zeigte uns der Herrgott, dass er uns doch noch lieb hatte. Laut Windkarte
ist ein südlicher Wind selten, aber genau den bekamen wir. Was aber sollen wir
damit anfangen, war die Frage. Weiter gen Osten zu segeln, war zwecklos. Es
verblieb nur eine vernünftige Richtung und das war Nord. Genau gegen die Strömung,
die uns alle Probleme gab?
Zum
Grosssegel setzten wir den Spinnaker. Mit zwanzig Knoten Wind hinter uns,
spurtete Thlaloca mit 6 Knoten Fahrt
gen Norden. Was wird uns das Mittagsbesteck zeigen — Hoffnung oder Enttäuschung?
Nur 80
Seemeilen Breite hatten wir gewonnen! Wie war so etwas möglich?
Dieses deutet direkt auf die Warnung im Seehandbuch. Das Rätsel liegt in
den Stromeinflüssen in den einzelnen Zonen, die ich anfangs angedeutet hatte. (Über
dieses Phänomen perplex, konnten wir die frustrierenden Situation der Besatzung
der Matuko Moana, nachempfinden, die
wir später in Balboa kennenlernten. Sie hatte 58 lange Tage versucht, die Galapágos
Inseln zu erreichen, waren dann aber total erschöpft nach Balboa zurückgekehrt.)
Der Wind
schlief ein. Runter mit dem Ballon und so gut es ging mit Normalbesegelung
weiter. Was war das am Horizont? Ein Schiff! Das Vorsegel runter. Das Grosssegel
zogen wir hoch und runter, um anzudeuten, dass wir Hilfe brauchten. Siggi
schnappte sich eine der spröden gelben Ölzeugjacken, und vom Bug aus schwang
sie diese mit bemerkenswerter Ausdauer. Als das Schiff auf uns zudrehte, war der
ganze Stress der vergangenen Tage wie weggewischt, und unsere Gesichter zeigten
wieder ein Lächeln.
Der
Bananenfrachter Crystal aus Miami, auf
der Reise nach Ekuador, war ein kleines Schiff, das uns alles gab, was unter den
gegebenen Verhältnissen möglich war; immerhin standen die Wellen einen Meter
hoch, und die Übernahme von Wasser und Proviant gestaltete sich problematisch.
Um die Leine zwischen den beiden Schiffen, an der wir Wasserflaschen und eine
Kiste Proviant überführten, stramm zu halten, dampfte die Crystal
langsam gegen unseren Seeanker, den wir über das Heck ausgebracht hatten.
Die
Position, die wir erhielten, war erschütternd: Siebzig Seemeilen südlich (übereinstimmend
mit unserer Berechnung) und 20 Meilen westlich von Punta Mala. Wie war es möglich,
dass wir 422 Seemeilen gen Osten gesegelt waren und am Ende 20 Seemeilen westlich
von der Position standen, von der wir vor zehn Tagen abgesegelt waren? Wieder
einmal waren wir am verkehrten Ort zur verkehrten Zeit! Jedenfalls waren wir bezüglich
starker Strömungseinflüsse um eine Erfahrung reicher und mussten in Zukunft
diese Gefahr mehr respektieren.
Langsam
dampfte die Crystal davon. Bald
verschwand sie hinter einer blauen Wand, auf einer wohl immer mysteriös
bleibenden See. (Mit Kapitän Foster führten wir jahrelang, bis er starb, eine
rege Korrespondenz. Was er in seinen Briefen zu uns immer bereute war, dass der
Seegang zu jener Zeit so heftig war, denn er hätte uns gerne mehr abgeben. In
Panama erfuhren wir später dass er unsere Situation und Probleme dem dortigen
Marinekommando gemeldet hatte.)
Wir
setzten die Segel und steuerten weiterhin einen nördlichen Kurs. Danach assen
und tranken wir, bis uns das Bewusstsein unserer immer noch brenzlichen Lage zur
Vorsicht mahnte. Am folgenden Tag sichteten wir Land — Morro de Puercos –
ein Kap, das wir elf Tage vorher passiert hatten. Ein nördlicher Wind verdrängte
den aus dem Süden, drehte aber bald zurück auf Südwest, also ideal. Thlaloca segelte geschwind dahin, und von einer vorderlichen Strömung
war keine Spur. Ganz dicht umrundeten wir Punta Mala. Wir sassen wie auf heissen
Kohlen — bloss nicht wieder in dieselbe Situation gelangen wie vor nahezu zwei
Wochen! Oft nahmen wir Peilungen am Leuchtfeuer, um über unseren Fortschrit,
oder unsere Abdrift genau informiert zu sein. Sobald wir das Licht weit südlich
von West gepeilt hatten, übernahm Siggi die Pinne und ich legte mich in die
Koje um zu schlafen. Es ging nicht. Oft fragte ich Siggi, wie sie die Lage
beurteilte. Ihre beruhigenden Worte, alles sei o.k., halfen mir, so dass ich
endlich Schlaf fand. Das letzte, was ich vernahm, war Siggi‘s wundervolle
Stimme, die der Sternennacht Weihnachtslieder anvertraute. Es war Heiliger Abend
1963!
Zwei Tage
später ankerten wir vor dem Balboa Yacht Club. Von einer Yacht nebenan fragte
ein Mann,
„Kennt
Ihr hier jemanden?“
„Nein!“ War unsere Antwort.
„Nun,
aber jetzt kennt Ihr jemanden!“
Es war Oberst P. Campion, der der dortigen Garnison angehörte und uns
zu einem verspäteten Weihnachtsessen einlud.
Von Puntarenas, Costa Rica, bis zum Panamakanal sind es 480 Seemeilen,
die wir in 24 Tagen absegelten — ein Etmal von 20 Seemeilen pro Tag, also
weniger als einen Knoten (Seemeile) per Stunde. In Wirklichkeit waren wir weit
über eintausend Seemeilen gesegelt.
Nachdem
sich der Anker festgebissen hatte, fielen wir uns spontan in die Arme. Wir
dankten unserem Gott, und dachten auch an Kapitän Foster, denn ohne seine Hilfe
hätte dieser Törn leicht ins Auge gehen können. Meine Bewunderung für Siggi
ist grenzenlos — sie ist so treu, so tapfer, so voller Lebensmut —
Attribute, die sie während der letzten zehn Monate, besonders im letzten, immer
wieder bewiesen hat. Als Vergleich habe ich nur mich selbst und glaube, dass ich,
wenn ich ein Ziel erkannt habe, bereit bin es zu verfolgen. Aber hätte ich ohne
Siggi‘s tatkräftige Hilfe, besonders auf seelischem Gebiet, all diese
furchtbaren Unglücke, die enormen Enttäuschungen überstanden und dann noch
den nötigen Mumm gehabt weiterzusegeln? Ja oder Nein? Ich kann es nicht sagen;
vielleicht kenne ich mich selbst zu wenig. Was bedeutet es für eine Frau, auf
einem 6-Meter Boot zu leben, in wochenlang andauernder Flaute, beissender Hitze,
ohne Schatten, wenig Frischwasser, kann nur jemand ermessen, der es durchgemacht
hat. Ich als Mann kann die Probleme einer Frau nur ahnen, aber nicht mitfühlen.
Wie
einsam die bisherige Reise war, zeigt sich daran, dass wir zwischen Ensenada und
dem Panama Kanal – 3,500 Seemeilen – nur zwei Yachten und drei Frachter auf
See gesichtet hatten! Und das in neun Monaten!
Eine Woche später arrangierten wir unsere
Passage durch den Panamakanal. Im Kanalbüro bezahlten wir die Gebühr von
$1.79. Für die 30 Meilen Kanalfahrt bekamen wir Kapitän Haff als Lotsen.
Fast über die ganze Länge des Kanals waren wir in Schlepp des kleinen
panamanischen Küstenfrachters Pedro Gonzales.
Im Cristóbal
Yachtclub fanden wir einen angenehmen Liegeplatz. Es war Januar, meist eine
Jahreszeit mit stark anhaltenden Passatwinden in der Karibik, die vor April kein
Nachlassen erwarten lässt. Trotzdem hofften wir auf eine Unterbrechung der
starken Winde, um zu den Westindischen Inseln zu segeln. Nach einer Woche ohne
Unterbrechung wurde ich unruhig. Siggi wollte nach Hause. Kanada, das wieder ein
regelmässiges und geordnetes Leben versprach. Ich sah keine Möglichkeit, bei
diesen anhaltenden starken Winden dorthin zu kommen. Wenn, dann viel später,
und dagegen sprachen unsere Finanzen. Allein die Liegekosten würden uns Pleite
machen.
Die
Rettung sah ich im Pazifik — irgendwo finde ich sicher einen Job. Wie erwartet,
verlor Siggi keinen Augenblick, meine Entscheidung mit den Besatzungen anderer
Yachten zu diskutieren. Nach einer ihrer Rückkehr überraschte ich sie mit
meiner Frage: Ich wette, dass 50 % der Leute, mit denen du dich unterhältst,
denken wie die Hälfte der Besatzung unserer Thlaloca, dass ich bekloppt
sei muss. Siggis Antwort: „In dieser Beziehung hast du nur teilweise Recht,
denn mit denen ich sprach, sind es nahezu 100 %!“ Wir wendeten 180 Grad.
Wieder zurück durch den Kanal.

Das Ende unserer ersten
Etappe--der Panama Canal

Feuerwehr Konzert--Alt
Panama City
Fast Pleite, unerprobte Astronomische Navigation, und der Mann wollte in
den weiten Pazifik, wo es keine Wegweiser gibt. Wie konnte ich anders denken? In
Kanada sah ich das Ende der Reise in höchstens acht Monaten. Was mein Mann im
Sinn hatte, bedeutete leicht ein paar Jahre mehr, und dann auf einer Nussschale,
wo man sich, ausser in der Koje,
noch nicht einmal voll ausstrecken konnte — das halte ich nicht länger aus.
Das vergangene Jahr war lange genug!
Aber von was sprach dieser Mann? Vom Passatwind, von Südseeinseln, von
Namen wie Tahiti, Morea, den Fidschi Inseln, Neuseeland, Australien und Afrika.
Mein Gott, hatte ich von diesen romantischen Namen nicht schon früher einmal
geträumt? Ist es nicht Quatsch, dass ich jetzt, als die Möglichkeit gegeben
war, auf einmal zu meutern anfange? Ich weiss, Hein handelt oft impulsiv, aber
nicht unverantwortlich. Zuletzt wusste ich ganz genau, dass wir die Sterne
finden werden, die uns den rechten Kurs über die Weltmeere zeigen. Und was „Hundehütte“
und „Hundeleben“ angeht, damit würde
ich mich noch ein paar Jahre länger begnügen müssen! Aber über eines war ich
mir sicher: Vor uns lag die grosse Welt mit ungeahnten Abenteuern. Gewiss auch
ungeahnte Gefahren — einfach Höhen und Tiefen, woran man das Schöne misst.

Vor uns die Welt. Von jetzt ab wird es ernst!
Thlaloca
Kapitel IX
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