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Thlaloca
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Kapitel
VII
PUNTARENAS,
COSTA RICA
(La Cucarachas. . . Schimpanse. . . Ozelot)
Puntarenas
liegt nördlich von Cabo Blanco, im Golf von Nicoya. Die Nacht senkte sich
stockdunkel über uns. Der Wind, auf den wir so sehnsüchtig während der
letzten vierzehn Tage gewartet hatten, fing auf einmal tüchtig an zu blasen und
entwickelte sich bald zu einem fürchterlichen Sturm.
Der Wind blies zur verkehrten Zeit und aus der verkehrten Richtung. Ich
war gerade dabei, mich in der Kabine etwas zu waschen, als Hein schrie,
„Siggi, wir müssen die Segel reffen, schnell!“ Nackt wie ich war,
musste
ich an Deck, in den kalten, mit Salzwasser getränkten Wind, der über das Boot
jagte. Beim Reffen des Grossegels erspähte ich ganz so nebenbei etwas Weisses
im Lee schimmern. Wir schauten dann etwas konzentrierter hin, und bevor wir was
unternehmen konnten, krachte es schon. Wir waren auf einen riesigen Baumstamm
aufgelaufen, der, mit Wasser vollgesogen, mehr als einen Meter unter Wasser
schwamm. Das „Weisse“, was ich
gesehen hatte, waren Äste, an denen die Wellen brachen. Die See war stark
bewegt und der Wind drückte das Boot gegen den Baumstamm. Die Kielflosse stiess
immer wieder hart dagegen, so dass das ganze Boot zitterte. Sofort dachte ich an
Colnet Bay, oh weh, jetzt verlieren wir doch noch unser schönes Schiffchen!
Wenn bloss nicht einer der Äste unseren Rumpf durchbohrt. Wir lösten das Reff
im Segel, und mit unserem Gewicht an der Leeseite, hissten wir das volle
Grosssegel. Mit dem zusätzlichen Druck dieses Segels legte sich Thlaloca stark
über. Es krachte noch ein paar Mal, und dann waren wir frei. Durch den Rest der
Nacht haben wir uns vor Angst, dasselbe noch einmal
erleben zu müssen, kaum weiterbewegt.
Während der Regenzeit wird viel Holz von reissenden Flüssen in das Meer
gespült. Dese Gefahr hat uns immer
wieder bedrückt.
In Puntarenas fanden wir einen akzeptablen Ankerplatz vor dem Royal Costa
Rica Yachtclub. Wie es der Teufel wollte, wählte er unsere Liegezeit für einen
Ausbruch des Vulkans Erasu, der im ganzen Land verheerende Auswirkungen hatte.
Jeden Morgen war unser Deck dick mit Asche bedeckt, die wir abspülten. Fabriken
mussten die Arbeit einstellen, da die Ventilatoren und Schächte verstopft waren.
Der Verkehr wurde total lahm gelegt. Es war eine Naturkatastrophe, die nur alle
hundert Jahre einmal in Erscheinung tritt.
Ich bekam
einen Job, einen Trimaran aufzutakeln, den sich ein amerikanisches Ehepaar baute,
Bob und Margie Law.
Mit
„Help . . . Help!“ durchbrach Siggi‘s Stimme die Stille eines schönen
Morgens. Im Hof, zwischen zwei Palmen, war ein Kabel gespannt, auf dem eine
Rolle lief. Eine lange Kette verband diese Rolle mit einem Schimpansen. In einem
unvorsichtigen Augenblick hatte Siggi die Länge der Kette unterschätzt. Das
Tier sprang auf Siggi zu, umklammerte ihr linkes Bein und biss zu.
Zwar
hatte dieses scheussliche Erlebnis schon ihr Vertrauen in die Tierwelt erschüttert,
aber es war ein anderer Besuch, der sie von dem unberechenbaren Charakter eines
jeden Tieres überzeugte. An Bord der grossen Schweizer Segelyacht Holly
empfingen uns die Eigner, Pierre und Edith Boudreau zum Cocktail. Als Bord- und
Haustier hielten sie einen Ozelot (eine Raubkatze). Uns wurde versichert, sie
sei garantiert zahm. Das Tier lag an Deck und beobachtete uns durch das
Oberlicht. Jedes Mal, wenn es gähnte — und das war oft — sahen wir ihre
nadelscharfen Reisszähne, die uns zunehmend an der Garantie zweifeln liessen.
Plötzlich und blitzschnell machte dieses Raubtier einen Sprung, landete in
Siggi‘s Schoss und biss in ihren Arm. Genauso schnell verschwand es wieder an
Deck. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass dies das Ende der
Cocktailparty war. Mit Wodka desinfizierten wir Siggi‘s blutende Wunde und
umwickelten sie mit Mullbinden. Der Abschied war weniger freundlich als die
Ankunft!
Mit uns
auf Reede lag die 15-Meter grosse amerikanische Yacht Little
Tramp, mit Eigner Truman (den einzigen Namen, den wir jemals erfuhren). Die
Bekanntschaft mit ihm hatte leider verheerende Konsequenzen. In unserem Bericht
über Colnet Bay erwähnten wir die Unzahl von Kakerlaken, die überall
herumliefen. Beim Wiederanbordnehmen all unserer Sachen war es unvermeidlich,
dass einzelne dieser Biester mit zu uns an Bord kamen. Wenn man bedenkt, dass
ein Paar von dieser Pest innerhalb eines Jahres sich auf 300,000 vermehrt, dann
versteht man, dass es nicht lange dauerte, bis unser Boot mit dieser ekeligen
Pest übersät war. Wir wurden vor die Entscheidung gestellt, wer zukünftig als
Besatzung unseres Bootes weitersegeln sollte — die oder wir? Mit der Antwort:
WIR
! musste ein
effektives Mittel gefunden werden, dieser Pest Herr zu werden. Und dafür hatte
Truman ein garantiertes Mittel — Schwefel! Hatten wir garantiert nicht schon vorher gehört?
Er fing
damit an, uns die Vorzüge dieses Mittels historisch zu erklären: Kurz, es
wurde schon in der Antike angewandt. Und was damals gut war, hat bis zum
heutigen Tag Gültigkeit. Das Ganze unterstrich er mit dem Hinweis, dass er
diese Prozedur bereits selbst erfolgreich angewandt hatte. Als Beweis dafür gab
er uns eine Tüte voll mit gelblichem Puder; das von seiner Anwendung übrig
geblieben war.
Wir
verteilten den Inhalt der Tüte auf ein halbes Dutzend leere Konservendosen. Mit
Hilfe von Streichholz und Papier qualmte es auch bald. Diese Dosen verteilten
wir über das ganze Boot. Wir schlossen alle Luken und sonstige Öffnungen, und
vertrauten dem Schwefelqualm — laut Trumans Versprechen die totale Ausmerzung
dieser verhassten Plage.
Inzwischen
verbrachten wir drei tolle, sorglose Tage auf Trumans Riesenschiff. Jedesmal,
wenn wir mit unserem Beiboot an Thlaloca
vorbei paddelten, sahen wir winzige Qualm-Fähnchen, die sich durch kleine
verbliebene Öffnungen quetschten. Beim Gedanken, dass wir endlich ein Mittel
hatten, das uns versprach, wieder Alleinbesitzer unseres Schiffes zu werden, überkam
uns ein seltenes Gefühl der Erleichterung.
Diese
Erleichterung verwandelte sich jedoch in Bestürzung, als wir nach drei Tagen
die Luken öffneten. Das Innere des Bootes war nicht wieder zu erkennen.
Zugegeben, die Plage war vernichtet, gleichzeitig aber war unsere Weiterreise in
Frage gestellt. Die ganze Farbe im Boot war wie abgebeizt. Alle Metallteile
waren oxidiert. Unsere Uhren, alle Instrumente – Radio, Funkpeiler, usw. –
waren Totalverluste. Das Ölzeug war spröde wie Papier. Alle unsere Kleidungsstücke
waren verfärbt, die Reissverschlüsse unbrauchbar. Anker und Ankerkette
besassen keine Galvanisierung mehr. Die Drahtvorlieks aller Vorsegel waren brüchig.
Unser wertvollstes Instrument, der
Sextant, war stark oxidiert und kaum wiederzuerkennen; die Spiegel hatten alle
Reflexion verloren. Die Liste der betroffenen Gegenstände ist zu lang, um alles
zu nennen.
„Ich
hatte nicht angenommen, dass Ihr die ganze Tüte auf einmal gebrauchen würdet.“
So sprach Truman. Zumindest hätte er es annehmen können — sollen!
Wir waren
sehr, sehr traurig, denn was wir verloren hatten, war zur gegebenen Zeit
unersetzlich. Am Anfang unserer Reise hatten wir nur das Minimum an Ausrüstung
an Bord. Von nun ab hatten wir noch viel weniger. Vom einem solchen Unglück im
eigenem Land kann man sich erholen, es ist nur eine Frage der Zeit. Ganz anders
ist es während des Fahrtenlebens, wo es prinzipiell nur ein Weitersegeln gibt.
Denn die Alternative bedeutet meistens (wie wir es in manchen Fällen beobachtet
haben) ein dauerhaftes Ende aller abgesteckten Pläne.
Ein
wunderschöner Morgen erleichterte unseren Abschied von den vielen lieben
Menschen, deren Bekanntschaft wir über sechs Wochen gemacht hatten. Auf See war
es das imposante Panorama der gebirgigen Landschaft, welches uns etwas von der
Bedrückung über den Verlust so vieler unserer wertvollen Gegenstände befreite.
Wir waren glücklich, wieder auf See zu sein.

Thlaloca
Kapitel VIII
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