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Kapitel VI
CORINTO,
NICARAGUA
(Teer und Mister Gorilla) Das
gebirgige Terrain, welches den Golf von Fonseca – zwischen El Salvador,
Honduras und Nicaragua – umrahmt, ist unglaublich schön, sogar dramatisch.
Speziell morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Höhen und Tiefen der Terra
Firma küssten, und das saftige Grün der Vegetation – jetzt mitten in der
Regensaison – wie Schmuck das Panorama umgrenzte.
Allerdings war uns ein voller Genuss nicht gegönnt, dafür war die See zu
kabbelig, dass Thlaloca’s Benehmen mehr einem Bronco-ritt glich. Segeln
dicht am Wind, hielten wir Kurs auf das südliche Ende des Golfes. In der Nähe
von Cabo Desolado überholten uns eine Anzahl Fischerfahrzeuge, die beim Überholen
in die westliche Richtung deuteten, wo sich eine schwarze Wand aufbaute. Wir
konnten nicht glauben, dass solche grossen und stabile Schiffe einem Sturm
ausweichen. Anscheinend wussten sie mehr als wir. Dass sie mehr wussten, sollten
wir bald erfahren, als mit furchtbarer Furie ein Sturm über uns hereinbrach.
Beim Erkennen der Gefahr hatten wir schon alle Segel geborgen. Als uns der Wind
packte und der Regen in Tonnen auf uns niederprasselte, verkrochen wir uns in
die Kabine. Donner und Blitze wechselnden in unaufhörlicher Folge. Die grellen
Fackeln der Blitze ertrugen wir mit geschlossenen Augen. Die See bäumte sich
auf, so dass Thlaloca, nun da sie segellos war, wie ein Fussball hin und
her geschmissen wurde. Es war einer der fürchterlichsten Stürme, die wir
jemals erlebt haben – nicht wegen einer gefährlichen See, nein, es waren die
unaufhörlichen Blitze, die ringsum das Boot einschlugen. Die Regensaison war
voll entwickelt, und mit ihr kamen diese Art Stürme (Chubascos, wie sie in
Zentralamerika genannt werden) regelmäßig jeden Abend. Oft harrten sie bis zu
einer Stunde über uns. Ob wir wollten oder nicht, wir mussten jeden Hafen, der
auf unserem Weg lag, aufsuchen, um Proviant und Wasser anzunehmen. So auch
Corinto, Nicaragua. Das Land wurde seinerzeit von einem ausgesprochenen Diktator—Somoza—regiert.
Schon in Kalifornien wurden wir gewarnt, wir sollten dieses Land unbedingt
meiden. Mit der Entfernung von 200
Seemeilen zum nächsten Hafen, Puntarenas, Costa Rica, hatten wir gar keine
andere Wahl als Corinto anzulaufen. „Mein Gott“, sagte Siggi, „wenn die
uns nur keine Geldstrafe auferlegen, denn wir sind jetzt schon pleite!“ „Denke
darüber nach, Sig. Mit dem nächsten Hafen 200 Seemeilen entfernt, haben wir
gar keine andere Wahl, als es zu versuchen!“ Und da ich gerade guten Mutes
war, setzte ich unsere letzten $11.67 (die Siggi eben erst gezählt hatte) auf
Siggi‘s phantastisches Lächeln, welches bislang jeden Widerstand gebrochen
hatte. Mit meiner Bemerkung, „das Schlimmste was passieren kann, ist das Ende
vor einem Erschiessungskommando,“ setzten wir Kurs auf die Hafeneinfahrt. Der Weg
in den Hafen war eine lange ausgebaggerte Fahrrinne durch Marschland. Die Tide
war gegen uns und unser 2-PS Seagull
(den wir uns nach Colnet Bay angeschafft hatten) war viel zu schwach, die starke
auslaufende Strömung schnell zu meistern. Zu allem Unglück war die schwarze
Wand, die auf uns zukam, ein untrügliches Zeichen eines Chubascos. Schnell
machten wir kehrt, um mehr Sicherheit auf See zu finden. Aber das Gewitter brach
mit heulenden Winden über uns herein, bevor wir die offene See erreichten. Wir
liessen den Anker fallen und hofften, er möge uns vor einem möglichen
Auflaufen bewahren. Der Regen fiel tonnenweise, getrieben von einem starken
Wind, der uns die Sicht nahm. Nach einer furchterregenden halben Stunde
lichteten wir den Anker und setzten unsere Fahrt in den Hafen fort. Wir
hatten keine Seekarte, die uns hätte helfen können. So folgten wir einer
gestikulierenden Menschenmenge, die sich an Land versammelt hatte. „Schau“,
sagte Siggi, „wahrscheinlich wollen sie, dass wir an der Hafenmauer festmachen.“
Warum nicht, wir setzten Kurs dorthin. Nach ein paar Minuten wurde uns klar,
dass unser Fortschritt Null war. Obwohl das Wasser am Rumpf vorbeirauschte, war
es kein Fahrtwasser, sondern Tidenstrom. Ein Irrtum, den wir mit einer Grundberührung
bezahlen mussten. Ich
sprang sofort über Bord und versuchte, das Boot zu schieben. Aber der weiche
Grund machte das unmöglich. Einige Einheimische kamen zur Hilfe, aber Thlaloca wollte sich nicht bewegen. Siggi löste das Fall am
Grosssegel, an dessen Ende sie eine lange Leine knotete, mit der ich dann an
Land schwamm. Ein halbes Dutzend Männer zogen an der Leine, und mit der Länge
des Mastes als Hebelkraft, schwamm das Boot sofort frei, wurde aber vom
Tidenstrom gepackt und in Richtung einer abgebrochenen Betonpier getrieben.
Bevor ich wieder an Bord war, krachten wir schon gegen einen Betonpfeiler, der
wie ein Igel mit verrosteten und verbogenen Eisenstäben bespickt war. Eine
lange Reihe solcher Pfeiler war mit einer Betondecke überbrückt. Unter diese
Brücke saugte uns die starke Strömung, so dass wir alle Mühe hatten, unser
Boot vor den Eisenstäben zu schützen. Wir mussten warten, bis die Tide zum
Stillstand kam, um uns aus dieser heiklen Lage zu befreien. Oder, vielleicht,
dachte ich, können wir es mit unserem Seagull schaffen! Beim Versuch, den Motor
zu starten, sah ich plötzlich schwarz. Eine klebrige Masse von irgendetwas
ergoss sich über mich, über Cockpit und Achterdeck (Gott sei Dank waren alle
Luken geschlossen). Schreiende Menschen liefen panikartig davon. Egal, der Motor
lief. Siggi liess die Bugleine fallen, ich die Heckleine, ein verzweifelter
Schub, wir waren frei. Auf einmal ein . . . b r r r . . .
der Motor war tot! Eine über Bord hängende Heckleine war in die
Schraube geraten! (Später erfuhren wir, dass eine 8-zöllige Rohrleitung, die
von einer Teerfabrik im Inneren des Landes zum Hafen führte, geplatzt war.
Angeblich durch Überdruck, der sich während des Tages durch Sonneneinfluss
gebildet hatte.) Es war unser berühmtes „Glück,“
dass wir uns wieder einmal zur verkehrten Zeit am verkehrten Ort befanden. Von der
Strömung gepackt trieb Thlaloca unter
den Bug eines japanischen Frachters, der an der Pier lag. Es ist üblich, dass
Schiffe seewärts einen Anker ausstecken, um das spätere Ablegen zu erleichtern.
Genau in die Lücke zwischen Klipperbug und Ankerkette setzte uns die Strömung.
Alles ging so schnell, dass wir nur Zeit hatten, die Ankerkette zu umklammern.
Mit letzter Kraftanstrengung gelang es uns, seewärts freizukommen –
andernfalls hätte es den Verlust des Mastes bedeutet. Danach machten wir
unseren Anker klar und liessen ihn fallen. Inzwischen
war es schon dunkel geworden. Im Licht der Hafenbeleuchtung sahen wir ein
totales Chaos, das bei Tageslicht noch viel schlimmer aussehen sollte! Siggi,
die auf dem Vorschiff beschäftigt war, hatte
nur wenig vom Teer abbekommen. Das ganze Achterdeck und das Cockpit war
eine Teermasse. Der Teer triefte vom Grosssegel. Ich selbst war mehr einem
Monster wie Dracula ähnlich. Ich musste eingestehen, dass ich im Leben schon
manche Tiefen erlebt hatte, aber selten so niederschmetternd wie dieses Unglück.
Mit der Colnet Bay immer noch frisch in Erinnerung, fühlte ich mich wie nach
einem Knockout. Wie können wir jemals unser Schiff und mich von dieser
klebrigen Masse befreien, das selbst in
den kleinsten Poren steckte. Wie das Grosssegel reinigen? Wieder
war es Siggi, die die Initiative ergriff. Eine einfache Schere war nutzlos, um
das erstarrte Teer aus dem Haar zu schneiden. Zum Glück war unsere Metallschere
noch scharf genug, meinen Kopf blank zu scheren. Mit einem Farbenschaber schälte
Siggi das Gröbste von meinem Körper. Mit dem vorhandenen Benzin und Petroleum
säuberten wir uns so gut es ging. Es war schon Tagesanbruch als wir total erschöpft
etwas Ruhe fanden — Siggi in der Koje, ich aus offensichtlichen Gründen im
Cockpit. Doch es
schienen nur Minuten vergangen zu sein, da krachte schon ein Lotsenboot längsseits
und zog uns zu einer Festmachertonne. Kurz nach Mittag kam eine Barkasse längsseits,
voll beladen mit weissgekleideten Herren, ein Mann davon in Khaki — der
Kommandant der hiesigen Garnison. Er war gross und stämmig und hatte ein
Gesicht, das mehr einer bestimmten Tierrasse in Afrika glich. Wir gaben ihm den
Namen, Mister Gorilla! Es wurde uns sofort bewusst, dass wir von ihm nichts
Gutes erwarten konnten. Ich wurde
an Bord gebeten. Über einen Dolmetscher beantwortete ich die gestellten Fragen,
u.a., aus welchem Grund wir Corinto angelaufen hatten. Ich erklärte, dass wir
mit unserem beschränkten Raum gezwungen sind, jede gebotene Gelegenheit
zu nutzen, um Wasser und Proviant aufzunehmen. Ein Bedürfnis, das unter dem
legitimen Schutz internationalem Gesetz steht. Weiter berichtete ich über das
Unglück (von dem sie schon wussten). Als letzte Trumpfkarte zog ich meine Mütze
und entblößte mein noch immer teerbesprenkeltes Haupt. Ich öffnete mein Hemd,
wo der Teer noch am Körper sichtbar war. Dieses verursachte das erste Lächeln
im Gesicht von Mister Gorilla. Die
Herren debattierten daraufhin rege unter sich. Das Verdikt lautete: Achtzig
Dollar Hafengebühr und nach Annahme von Wasser und Proviant sofort den Hafen
verlassen. In diesem
Moment hörten wir ein herzzerreissendes Weinen. Siggi hatte alles mitangehört.
Der Geldbetrag (eine Summe, die wir nicht hatten), und dass wir sofort den Hafen
verlassen müssten, dazu unsere elende Lage, dieses alles rührte Siggi zu Tränen.
Der Dolmetscher war offensichtlich gerührt und tröstete Siggi mit den Worten:
„Bitte, Señora, nicht weinen, morgen ist ein anderer Tag!“ Mein letzter
Appell an sein Gewissen half nichts. Mit den Worten: Zahlen, oder Beschlagnahme
des Bootes — beendete der Kommandant das Gespräch. Wie der
Dolmetscher schon sagte, „morgen ist ein anderer Tag.“ Señor Vasalli, Agent
und Makler, u.a. der HAPAG Linie, bat uns nämlich, in seinem Büro zu
erscheinen. Dort trafen wir auch unseren Dolmetscher wieder. Señor Vasalli war
ein einflussreicher Mann, der für uns wie ein Geschenk des Himmels kam. Wie wir
aus seinem Gespräch entnahmen, war die ganze lokale Administration mit einem
Anteil an den geforderten achtzig Dollar beteiligt. Mit dem Doktor hatte Señor
Vasalli schon gesprochen, der auf seinen Anteil verzichtet hatte. Es
verblieben noch: Immigration, Zoll, Bürgermeister, Stadtamt, Agraramt und die
Commandantura (Mister Gorilla). Für den Rest des Tages zottelten wir daher wie
Bussgänger hinter unserem Dolmetscher her. Jedes der Büros waren riesige Räume,
wo massive antike Schreibtische und eine Anzahl von Flaggen nicht fehlten. Unser
guter Begleiter plädierte für uns in jedem Büro mit demselben Appell, dass
wir keine reichen Gringos wären (wie Amerikaner in Lateinamerika allgemein
genannt werden) sondern Kanadier, die für jeden Groschen genau so hart arbeiten
müssen wie jeder Ansässige. Beim Zoll fragte uns der Beamte sehr höflich, ob
zwei Dollar zuviel wären. Bisher
ging alles gut und uns fiel ein Stein vom Herzen. Unser Weg zur Commandantura,
war vergleichbar mit dem „Gang nach Canossa,“ wo wir das Coup de grâce
erwarteten. Der Kommandant empfing uns hinter einem riesigen Schreibtisch
sitzend, umgeben von einem Flaggenmeer. Überraschend für uns waren sein Lächeln
und dass er sich vor Siggi respektvoll verbeugte. Wir hatten gewonnen! Wir schüttelten
uns gegenseitig die Hände und erfreuten uns unserer wiedergewonnenen Freiheit. Wir
dankten Señor Vasalli für die grosszügige Hilfe. Bei dieser Gelegenheit gab
er uns den Tip, bei einem gewissen Herrn Titman wegen einem Job vorzusprechen.
Herr Titman, ein Amerikaner, war der Manager einer amerikanischen
Krabbenfangflotte, eigentlich aus Brownsville, Texas, aber in Corinto
stationiert. Ausser einem Job, eine zehn Meter lange Barkasse zu renovieren,
versprach er uns einen Liegeplatz für Thlaloca
und ein halbes Fass (100 Liter) Varsol, ein Reinigungsmittel, um damit unser
Boot und Segel zu säubern. Unser
dreimonatiger Aufenthalt in Corinto, Nicaragua, war eine Zeit, an die wir ungern
zurückdenken. Natürlich machten wir Bekanntschaften, die wir hoch schätzen
und manche lieben wir immer noch. Doch das Land war allgemein zu arm, zu
primitiv, als dass es als begehrenswert in unseren Erinnerungen weilt.
Champerico, Guatemala
Früher Deutscher Klub in Acajutla, Honduras
Müllabfuhr in Leon, Nicaragua
Immer frei und ungezwungen . . .
Typischer Markt in Zentralamerika
Von hier aus wollten wir eigentlich gleich Nonstop den Panamakanal
anlaufen. Dementsprechend proviantierten wir das Boot. Wie immer war unsere
Achillesferse das „Wasser“, das die Länge einer Fahrt bestimmte. So kam es,
wie schon während unserer ganzen Reise, dass lang anhaltende Flauten unseren
Wasservorrat verbraucht hatten, bevor wir noch nicht einmal den halben Weg
hinter uns hatten! Aber Puntarenas, Costa Rica, war ja in der Nähe, also kein
Problem. |