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KAPITEL:

Thlaloca

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Kapitel V

ZENTRALAMERIKA

            Ensenada lag hinter uns. Nachdem Bahia de Todos Santos passiert war, gab uns ein neuer Kurs raumen Wind. Er glättete die Falten in den Segeln, und Thlaloca spurtete wie noch nie zuvor. Das Wasser rollte schäumend an beiden Seiten des Bugs vorbei und wir liess uns die tolle Geschindigkeit spüren. Als es so richtig anfing zu blasen, lag die San Martin Insel querab. Das gefährliche Sacramento Riff – wo in früheren Jahren ein Schiff des gleichen Namens, goldbeladen, seinen Tod fand – sahen wir schon von weitem durch haushoch aufpeitschende Gischt der Brandung. Der Wind blies genau von achtern und schob eine steile brechende See vor sich her, die uns das Fürchten lehrte.

      Unsere Hoffnung, dass sich der Wind mit der Dunkelheit etwas legen würde, erfüllte sich nicht. Ganz im Gegenteil! Wie eine Furie überstürzten sich die Seen links, rechts und hinter uns. Um so tiefer verkroch ich mich im Cockpit, zu Heins Fűssen, der mit der Pinne hin und her kurvte, um unsere Thlaloca vor der fürchterlichen See zu halten. Ich fühlte in Hein‘s Benehmen, dass jeden Augenblick ein Unglück passieren musste.

     „Die Segel müssen runter,“ schrie er gegen den Wind. Es fragte sich nu wie. Das Steuern sollte ich übernehmen, damit er das Grosesssegel reffen konnte. Ich habe gebebt und gebete. Letzten Endes musste ich es doch tun. In dieser tobenden und schreienden Nacht, wo wir mehr Wasser als Luft einatmeten, verlor ich innerhalb weniger Minuten die Orientierung, und das Boot schlug quer. Die Wellen schlugen über uns zusammen und begruben hin und wieder das ganze Boot. Die Segelstanden im Wind und machten einen entsetzlichen Radau. Während ich mich mit meiner ganzen Kraft festhielt, um nicht über Bord gespült zu werden, war Hein dabei, ein tiefes Reff in das Hauptsegel zu binden. Danach legte er das Boot wieder vor den Wind und siehe da, der ganze Schreck dieses Erlebnisses lag bald hinter uns, und für den Rest der Nacht war das Segeln ganz angenehm.

      Niemand soll glauben, dass man fürchterliche Seen nur mitten auf den Weltmeeren erleben kann. Die eben geschilderte Situation war eine der gefährlichsten, die wir während Langfahrten über die folgenden fünfzehn Jahre erlebt haben; schon deshalb, weil wir damals vom Segeln wenig Ahnung hatten.

     Cabo San Lucas liegt am südlichen Ende von Baja California. Dort musste eine endgültige Entscheidung getroffen werden: ob wir uns während der Zyklonen-Saison im Golf von Cortez verkriechen sollen, oder weitersegeln? Wir wussten genau wie leicht es sein  kann, den  Schwung zu verlieren und dann in die mexikanische Charaktereigenschaft — mañana — zu verfallen, um am Ende ein Opfer der Selbstgefälligkeit zu werden. Wir segelten  weiter.   

     Nach Besuch der Hafenstätte Mazatlán und Manzanillo war unser nächstes Ziel Mexiko’s Metropole Acapulco, noch weitere dreihundert Seemeilen südöstlich. Die Gewässer entlang dieser Küste sind seicht, und es war wichtig, einen grossen Abstand zu halten; auch schon deshalb, weil das Seehandbuch vor einer auflandigen Strömung warnt. Der gute Wind, der zu Beginn unseres Törns blies, legte sich schlafen, und die darauf folgende Flaute reduzierte unseren Benzinvorrat bis auf eine Menge, die wir normalerweise für einen Ernstfall aufbewahrten.

     Zwei Tage später küsste ein leichter Wind unsere Segel, welcher sich dann zu einer steifen Brise steigerte. Wir konnten kaum glauben, dass es so etwas überhaupt noch gibt auf dieser Welt. Und da der Wind genau achtern stand, sahen wir eine gute Möglichkeit, die Passatbesegelung auszuprobieren. Auch wurde es schon dunkel. Warum nicht gleich das Boot zum Selbststeuern rüsten? Wie schon an anderer Stelle bemerkt, waren Selbststeueranlagen zu jener Zeit noch nicht aktuell. Unsere damalige Selbststeuerung wurde am besten bewirkt, indem man zwei Vorsegel der gleichen Grösse an Spinnakerbäumen ausbaumt und die Vorschoten mit der Pinne verbindet. Mit viel Geduld wird dann ein akzeptables Verhältnis zwischen Vorsegeldrucken und dem Ruder bewirkt. Auch andere Segelkombinationen waren möglich. Aber alle waren mühsame Arbeiten, die viel Geduld benötigten, bis das Boot einen gewünschten Kurs steuerte.

     Die Nacht umhüllte uns, und das Rauschen der Bugwelle, sowie Milliarden funkelnder Sterne schufen eine Atmosphäre, die zur Musse einluden. Siggi hantierte am Primuskocher, um die ersehnten Becher Kaffee zu bereiten. Bald schauten wir zu den Sternen und stellten fest, wie wenig wir bislang dieses strahlende Universum bewundert hatten. Wir identifizierten Sternbilder und fanden die Gestirne, die uns in Zukunft helfen sollten, unseren Weg über die Weltmeere zu finden.

     Diese träumerischen Empfindungen wurden plötzlich unterbrochen, als das Boot mit einem kurzen Haken nach Backbord ausscheerte. Die heftig flatternden Segel mussten sofort eingeholt werden. Was war passiert? Auf eine Antwort brauchten wir nicht lange warten, denn der Krach am Unterwasserschiff war besorgniserregend. Der Ruderstock war gebrochen!

     Ob ich wollte oder nicht, ich musste tauchen; ein Vorschlag, der sofort Siggis Veto einbrachte, „. . .  Licht unter Wasser, wir locken jeden Hai in der Umgebung an. . . !“ Egal, ich musste runter! Mein Gott war das Wasser kalt. Mit Erleichterung stellte ich fest, dass der Ruderstock einige Zentimeter oberhalb des Rumpfdurchbruchs gebrochen war, somit hatte das Ruder noch eine obere Lagerung. Ich befestigte eine Klampe an das achtere Ende des Ruderblatts und knotete daran Nylonleinen — je eine Leine an Back und Steuerbord — die wir dann mittschiffs durch Blöcke und zurück in das Cockpit leiteten. Auf diese Weise steuerten wir Thlaloca, wie man Pferd und Wagen lenkt, durch den Rest dieser ereignisvollen Nacht.

     Am folgenden Morgen war steuern überflüssig, denn das Meer lag still. Wäre nicht die ewige pazifische Dünung gewesen, hätte man glauben können, wir schwebten schwerelos im Weltall, da zwischen Himmel und Wasser, die Kimm, die Trennlinie fehlte.

     Man fragt sich, wie kann ein 25mm starker Ruderstock unter nur leichter Belastung brechen? Die Antwort lag in Colnet Bay (jener Bucht in der wir Thlaloca fast verloren hätten). Der Ruderstock war verbogen. Durch das Geradebiegen war der Stahl kristallisiert. Seewasser fand den Weg in die Moleküle und verursachte Rost. Den Rest kann man sich denken.

     Bei dem Gedanken, dass wir wieder einen frischen Wind bekommen könnten und unser Notruder einer grossen Beanspruchung nicht gewachsen ist, dachten wir an ein Stück Sperrholz und ein paar Holzlatten, um etwas Effektiveres zu bauen. (nach diesem Unglück hatten wir diese Materialien stets bei uns). Was wir befürchteten war, dass der gebrochene Stumpf des Ruderstocks, welcher nur zwei Zentimeter in den Rumpf ragte, eventuell am Holz schamfilt und so ganz und gar die Lagerung verliert. Nun, was wir einmal an Material an Bord hatten — und das war eine ganze Menge — wurde bei der Reparatur unserer Thlaloca in Ensenada, Mexiko verbraucht. Wir hofften auf ein Schiff, das uns vielleicht helfen würde. Aber auf der ganzen Reise sichteten wir bislang nur ein einziges Schiff, so dass aus dieser Richtung wenig Aussicht bestand.

     Hurra, ein Schiff! Es war das 8000 Tonnen grosse japanische Frachtschiff Kamu Maru. Noch besser, ihr Kurs musste dicht an uns vorbeiführen. Als es nahe genug war, zogen wir das Grosssegel hoch und runter, und Siggi in ihrem angeborenen Enthusiasmus schwenkte munter ihre gelbe Ölzeugjacke. Und siehe da, der Frachter wechselte seinen Kurs und versuchte im weiten Bogen, sich uns zu nähern. Ein halbes Dutzend Wurfleinen schossen wie Kanonenkugeln auf uns zu, die aber alle im Wasser landeten. Ich sprang in das Wasser und tauchte nach einer davon. An dieser wurden wir längsseits an das Schiffes gezogen und vorn und hinten vertäut. Gleich danach liess man ein Fallreep zu uns herunter, und durch Handbewegungen wurde angedeutet, dass wir an Bord kommen sollten. Das aber wollten wir nicht, denn das Schiff fuhr nur in Ballast, so dass sein Rumpf haushoch über uns ragte. Es bestand die Gefahr, dass unser Mast gegen die Bordwand schlägt und Schaden nimmt. Während wir mit dem Bootshaken beschäftigt waren, Thlaloca frei vom Rumpf des Schiffes zu halten, brüllte ich den zahllosen Köpfen, die über das Schanzkleid schauten, unsere Bitte um Holzlatten und Sperrholz zu. Da Englisch offensichtlich nicht in war, versuchte Siggi es mit Deutsch und Spanisch. Aber auch das half nichts. Deren Antworten ergaben immer dieselben Handbewegungen, die andeuteten, wir sollen hoch kommen. So erkletterte ich die Leiter, doch ein Ausruf machte klar, dass Siggi auch mitkommen sollte. Aber Siggi wollte nicht, „Denk doch bitte an die Filme, die wir über die brutalen Japaner gesehen haben.“ meinte sie.

     „Warte, bis sie erfahren, dass wir einst Deutsche waren, und sich an Horrorfilme über uns erinnern, die machen sich die Hosen voll!“, meinte ich.

      „Ja, aber . . . „ Wir kletterten die Leiter hoch!

      Als wir an Deck sprangen stand vor uns, wie es schien, die ganze Besatzung, die uns schweigend anschaute, als wären wir die ersten Menschen vom Mars. Viele Kameras klickten, was sich wie das Knattern einer Maschinenpistole anhörte. Wir hatten gemischte Gefühle, sollen wir lächeln? Hauptsache, nonchalant sein und abwarten, was sich da entwickelt.

     Aus der Menge löste sich ein Mann in weisser Uniform, offensichtlich ein Steward, welcher uns in Richtung Brücke führte . . . aha, zum Kapitän, ganz klar! Vor einer Tür standen sechs Paar schön verzierte Sandalen. Uns wurde angedeutet, wir sollten die anziehen, die uns passten. Gleichzeitig öffnete sich die Tür zu einem grossen Baderaum. Ein Steward war dabei, zwei riesige runde Badewannen zu füllen.

     Siggi hatte kein Problem, Sandalen ihrer Grösse zu finden. Ganz anders sah es mit mir aus. Ich hatte Schwierigkeiten meine „Nr.45er Hacksen“ in eine Grösse zu zwängen, die mindestens fünf Nummern zu klein war. Der Steward stoppte meinen Gewaltakt . . . ich sollte warten! Er kam mit verschiedenen Paaren zurück, die aber viel zu klein waren. Als ob er es geahnte hatte zog er einen Bindfaden aus seiner Tasche, womit er meinen Fuss mass: Länge, einen Knoten; Breite, noch einmal einen Knoten. Weg war er — und wir haben ihn auch nicht mehr gesehen! Doch wir warteten, bis es dem anderen Steward wohl bewusst wurde, dass das Wasser in der Zwischenzeit kalt werden könnte. Mir wurde erlaubt, den Baderaum auch ohne Sandalen zu betreten. Nun, da sassen wir, jeder in einer Wanne, versunken bis zum Hals in molligem Wasser und schmunzelten uns voller Wohltat zu. Trotz grosser Sorge um unsere Thlaloca gaben wir uns vollkommen dem wundervollen Genuss des Augenblicks hin. Dachten wir nicht schon Stunden voraus, wenn wir wieder in der Flaute und Sonne sitzen würden und der Schweiss am Körper herunter rinnt? Bis Acapulco waren es immerhin noch sechzig Seemeilen und nach unserer Erfahrung noch zwei bis sechs Tage. Siggi, die eine Chance sieht und wahrnimmt, vergass nicht, meinem Hemdkragen eine Schnellwäsche zu geben.  

     Nach dem Bad fühlten wir uns wie Könige . . . jetzt aber schnell zum Kapitän, um unser Anliegen zu erklären, und dann zurück zu unserer Thlaloca, hoffentlich mit etwas Sperrholz und einigen Holzlatten.

     Aber es kam ganz anders als gedacht. Denn anstatt zum Kapitän führte uns der Steward zu einer Kabine auf dem oberen Brückendeck. Der Tisch war überreichlich gedeckt, mit Spiegeleiern, Speck, Toastbrot, Kaffee, allen möglichen Früchten, und sogar Zigaretten. Es wurde uns zunehmend unheimlicher zumute. Was geht hier vor? Siggi traute der ganzen Sache überhaupt nicht, (was Hollywood zusammengebraut hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf). Sehr besorgt um ihr Baby (Thlaloca) reagierte sie auf meinen guten Appetit mit den Worten, „Wenn es ums Essen geht, siehst du im Teufel deinen Freund!“ Na ja, so extrem war es bestimmt nicht, und Siggi wusste es, ich wollte das Gebotene nur voll ausnützen. Aber Siggi hatte recht, es musste Klarheit geschaffen werden. So navigierte ich mich durch die Gänge nach achtern. Mein erster Blick achteraus erfüllte mich mit Entsetzen! Ein breiter Streifen brodelndes Kielwasser zog sich bis zum Horizont hin, ein sicheres Zeichen, dass sich das Schiff in voller Fahrt befand. Unglaublich! Ich raste zur Backbordseite. Was ich dort sah, war ebenso unglaublich! Sofort eilte ich zur Kabine zurück, um Siggi zu holen, die bestätigen musste, dass das was wir sahen, kein irrsinniger Traum war. Unser Baby hing in Höhe des Schanzkleides, sehr gut gefendert an einem Ladebaum. Überglücklich und erleichtert setzten wir uns wieder zu Tisch und verputzten alles was wir begehrten; und da Siggi auf einmal sehr hungrig war, akzeptierten wir eine neue Ladung. Vom „Teufel“ war keine Rede mehr und die „brutalen“ Japaner waren plötzlich Engel!  

      Später besuchte uns Kapitän Tanaka, und in gebrochenem Englisch erkundigte er sich nach unserem Wohlbefinden. Auch benötigte er unsere Pässe für die Logeintragung. Wir dankten ihm für die grosszügige Hilfe. Unser Versuch, den Sachverhalt zu erklären, warum wir sein Schiff um Hilfe gebeten hatten, quittierte er mit einem Lächeln, welches man als »verstanden oder nicht verstanden« interpretieren konnte. Er beruhigte uns über unsere Besorgnis, dass die Hilfsaktion ihm wertvolle Zeit gekostet hätte.

     Nun hätten wir in Ruhe schlafen können, was in der vorhergehenden Nacht nicht möglich war. Doch die innere Unruhe hielt uns wach. Wir sahen uns schon im Hafen von Osaka oder sonst irgendwo in Japan, uns war es egal! Jeder unserer Schritte an Deck wurde mit klickenden Kameras verfolgt. Wir fühlten uns ähnlich wie Hollywood-Stars. Barfuss wie ich war, unrasiert und mit nicht gerade präsentablen Hemd und Shorts musste ich den Eindruck erwecken, ich sei ein Pirat und meine dagegen schmucke Siggi eine gekaperte Trophäe.

     Fünf unvergessliche Stunden später lief die Kamu Maru nicht in Osaka oder sonst irgendwo in Japan, sondern in die traumhaft schöne Bucht von Acapulco ein. Die mexikanischen Behörden machten bei unserer Einklarierung keine Schwierigkeiten. Beim Abschied schüttelten wir viele Hände. Beim Kapitän erkundigten wir uns nach etwaigen Kosten, worauf er antwortete, „no penny!“ 

 

Thlaloca   Kapitel VI