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Kapitel V
ZENTRALAMERIKA
Ensenada
lag hinter uns. Nachdem Bahia de Todos Santos passiert war, gab uns ein neuer
Kurs raumen Wind. Er glättete die Falten in den Segeln, und Thlaloca spurtete
wie noch nie zuvor. Das Wasser rollte schäumend an beiden Seiten des Bugs
vorbei und wir liess uns die tolle Geschindigkeit spüren. Als es so richtig
anfing zu blasen, lag die San Martin Insel querab. Das gefährliche Sacramento
Riff – wo in früheren Jahren ein Schiff des gleichen Namens, goldbeladen,
seinen Tod fand – sahen wir schon von weitem durch haushoch aufpeitschende
Gischt der Brandung. Der Wind blies genau von achtern und schob eine steile
brechende See vor sich her, die uns das Fürchten lehrte.
„Die Segel müssen runter,“ schrie er gegen den Wind. Es fragte sich
nu — wie. Das Steuern sollte ich übernehmen, damit er
das Grosesssegel reffen konnte. Ich habe gebebt und gebete. Letzten Endes musste
ich es doch tun. In dieser tobenden und schreienden Nacht, wo wir mehr Wasser
als Luft einatmeten, verlor ich innerhalb weniger Minuten die Orientierung, und
das Boot schlug quer. Die Wellen schlugen über uns zusammen und begruben hin
und wieder das ganze Boot. Die Segelstanden im Wind und machten einen
entsetzlichen Radau. Während ich mich mit meiner ganzen Kraft festhielt, um
nicht über Bord gespült zu werden, war Hein dabei, ein tiefes Reff in das
Hauptsegel zu binden. Danach legte er das Boot wieder vor den
Wind und siehe da,
der ganze Schreck dieses Erlebnisses lag bald hinter uns, und für den Rest der
Nacht war das Segeln ganz angenehm. Cabo San
Lucas liegt am südlichen Ende von Baja California. Dort musste eine endgültige
Entscheidung getroffen werden: ob wir uns während der Zyklonen-Saison im Golf
von Cortez verkriechen sollen, oder weitersegeln? Wir wussten genau wie leicht
es sein kann, den
Schwung zu verlieren und dann in die mexikanische Charaktereigenschaft
— mañana — zu verfallen, um am Ende ein Opfer der Selbstgefälligkeit zu
werden. Wir segelten weiter.
Nach
Besuch der Hafenstätte Mazatlán und Manzanillo war unser nächstes Ziel
Mexiko’s Metropole Acapulco, noch weitere dreihundert Seemeilen südöstlich.
Die Gewässer entlang dieser Küste sind seicht, und es war wichtig, einen
grossen Abstand zu halten; auch schon deshalb, weil das Seehandbuch vor einer
auflandigen Strömung warnt. Der gute Wind, der zu Beginn unseres Törns blies,
legte sich schlafen, und die darauf folgende Flaute reduzierte unseren
Benzinvorrat bis auf eine Menge, die wir normalerweise für einen Ernstfall
aufbewahrten. Zwei Tage
später küsste ein leichter Wind unsere Segel, welcher sich dann zu einer
steifen Brise steigerte. Wir konnten kaum glauben, dass es so etwas überhaupt
noch gibt auf dieser Welt. Und da der Wind genau achtern stand, sahen wir eine
gute Möglichkeit, die Passatbesegelung auszuprobieren. Auch wurde es schon
dunkel. Warum nicht gleich das Boot zum Selbststeuern rüsten? Wie schon an
anderer Stelle bemerkt, waren Selbststeueranlagen zu jener Zeit noch nicht
aktuell. Unsere damalige Selbststeuerung wurde am besten bewirkt, indem man zwei
Vorsegel der gleichen Grösse an Spinnakerbäumen ausbaumt und die Vorschoten
mit der Pinne verbindet. Mit viel Geduld wird dann ein akzeptables Verhältnis
zwischen Vorsegeldrucken und dem Ruder bewirkt. Auch andere Segelkombinationen
waren möglich. Aber alle waren mühsame Arbeiten, die viel Geduld benötigten,
bis das Boot einen gewünschten Kurs steuerte. Die Nacht
umhüllte uns, und das Rauschen der Bugwelle, sowie Milliarden funkelnder Sterne
schufen eine Atmosphäre, die zur Musse einluden. Siggi hantierte am
Primuskocher, um die ersehnten Becher Kaffee zu bereiten. Bald schauten wir zu
den Sternen und stellten fest, wie wenig wir bislang dieses strahlende Universum
bewundert hatten. Wir identifizierten Sternbilder und fanden die Gestirne, die
uns in Zukunft helfen sollten, unseren Weg über die Weltmeere zu finden. Diese träumerischen
Empfindungen wurden plötzlich unterbrochen, als das Boot mit einem kurzen Haken
nach Backbord ausscheerte. Die heftig flatternden Segel mussten sofort eingeholt
werden. Was war passiert? Auf eine Antwort brauchten wir nicht lange warten,
denn der Krach am Unterwasserschiff war besorgniserregend. Der Ruderstock war
gebrochen! Ob ich
wollte oder nicht, ich musste tauchen; ein Vorschlag, der sofort Siggis Veto
einbrachte, „. . . Licht
unter Wasser, wir locken jeden Hai in der Umgebung an. . . !“ Egal, ich
musste runter! Mein Gott war das Wasser kalt. Mit Erleichterung stellte ich
fest, dass der Ruderstock einige Zentimeter oberhalb des Rumpfdurchbruchs
gebrochen war, somit hatte das Ruder noch eine obere Lagerung. Ich befestigte
eine Klampe an das achtere Ende des Ruderblatts und knotete daran Nylonleinen
— je eine Leine an Back und Steuerbord — die wir dann mittschiffs durch Blöcke
und zurück in das Cockpit leiteten. Auf diese Weise steuerten wir Thlaloca,
wie man Pferd und Wagen lenkt, durch den Rest dieser ereignisvollen Nacht. Am
folgenden Morgen war steuern überflüssig, denn das Meer lag still. Wäre nicht
die ewige pazifische Dünung gewesen, hätte man glauben können, wir schwebten
schwerelos im Weltall, da zwischen Himmel und Wasser, die Kimm, die Trennlinie
fehlte. Man fragt
sich, wie kann ein 25mm starker Ruderstock unter nur leichter Belastung brechen?
Die Antwort lag in Colnet Bay (jener Bucht in der wir Thlaloca
fast verloren hätten). Der Ruderstock war verbogen. Durch das Geradebiegen war
der Stahl kristallisiert. Seewasser fand den Weg in die Moleküle und
verursachte Rost. Den Rest kann man sich denken. Bei dem
Gedanken, dass wir wieder einen frischen Wind bekommen könnten und unser
Notruder einer grossen Beanspruchung nicht gewachsen ist, dachten wir an ein Stück
Sperrholz und ein paar Holzlatten, um etwas Effektiveres zu bauen. (nach diesem
Unglück hatten wir diese Materialien stets bei uns). Was wir befürchteten war,
dass der gebrochene Stumpf des Ruderstocks, welcher nur zwei Zentimeter in den
Rumpf ragte, eventuell am Holz schamfilt und so ganz und gar die Lagerung
verliert. Nun, was wir einmal an Material an Bord hatten — und das war eine
ganze Menge — wurde bei der Reparatur unserer Thlaloca
in Ensenada, Mexiko verbraucht. Wir hofften auf ein Schiff, das uns vielleicht
helfen würde. Aber auf der ganzen Reise sichteten wir bislang nur ein einziges
Schiff, so dass aus dieser Richtung wenig Aussicht bestand. Hurra,
ein Schiff! Es war das 8000 Tonnen grosse japanische Frachtschiff Kamu Maru.
Noch besser, ihr Kurs musste dicht an uns vorbeiführen. Als es nahe genug war,
zogen wir das Grosssegel hoch und runter, und Siggi in ihrem angeborenen
Enthusiasmus schwenkte munter ihre gelbe Ölzeugjacke. Und siehe da, der
Frachter wechselte seinen Kurs und versuchte im weiten Bogen, sich uns zu nähern.
Ein halbes Dutzend Wurfleinen schossen wie Kanonenkugeln auf uns zu, die aber
alle im Wasser landeten. Ich sprang in das Wasser und tauchte nach einer davon.
An dieser wurden wir längsseits an das Schiffes gezogen und vorn und hinten
vertäut. Gleich danach liess man ein Fallreep zu uns herunter, und durch
Handbewegungen wurde angedeutet, dass wir an Bord kommen sollten. Das aber
wollten wir nicht, denn das Schiff fuhr nur in Ballast, so dass sein Rumpf
haushoch über uns ragte. Es bestand die Gefahr, dass unser Mast gegen die
Bordwand schlägt und Schaden nimmt. Während wir mit dem Bootshaken beschäftigt
waren, Thlaloca frei vom Rumpf des
Schiffes zu halten, brüllte ich den zahllosen Köpfen, die über das
Schanzkleid schauten, unsere Bitte um Holzlatten und Sperrholz zu. Da Englisch
offensichtlich nicht in war, versuchte Siggi es mit Deutsch und Spanisch.
Aber auch das half nichts. Deren Antworten ergaben immer dieselben
Handbewegungen, die andeuteten, wir sollen hoch kommen. So erkletterte ich die
Leiter, doch ein Ausruf machte klar, dass Siggi auch mitkommen sollte. Aber
Siggi wollte nicht, „Denk doch bitte an die Filme, die wir über die brutalen
Japaner gesehen haben.“ meinte sie. „Warte,
bis sie erfahren, dass wir einst Deutsche waren, und sich an Horrorfilme über
uns erinnern, die machen sich die Hosen voll!“, meinte ich. „Ja,
aber . . . „ Wir kletterten die Leiter hoch! Als
wir an Deck sprangen stand vor uns, wie es schien, die ganze Besatzung, die uns
schweigend anschaute, als wären wir die ersten Menschen vom Mars. Viele Kameras
klickten, was sich wie das Knattern einer Maschinenpistole anhörte. Wir hatten
gemischte Gefühle, sollen wir lächeln? Hauptsache, nonchalant sein und
abwarten, was sich da entwickelt. Aus der
Menge löste sich ein Mann in weisser Uniform, offensichtlich ein Steward,
welcher uns in Richtung Brücke führte . . . aha, zum Kapitän, ganz klar! Vor
einer Tür standen sechs Paar schön verzierte Sandalen. Uns wurde angedeutet,
wir sollten die anziehen, die uns passten. Gleichzeitig öffnete sich die Tür
zu einem grossen Baderaum. Ein Steward war dabei, zwei riesige runde Badewannen
zu füllen. Siggi
hatte kein Problem, Sandalen ihrer Grösse zu finden. Ganz anders sah es mit mir
aus. Ich hatte Schwierigkeiten meine „Nr.45er Hacksen“ in eine Grösse zu zwängen,
die mindestens fünf Nummern zu klein war. Der Steward stoppte meinen Gewaltakt
. . . ich sollte warten! Er kam mit verschiedenen Paaren zurück, die aber viel
zu klein waren. Als ob er es geahnte hatte zog er einen Bindfaden aus seiner
Tasche, womit er meinen Fuss mass: Länge, einen Knoten; Breite, noch einmal
einen Knoten. Weg war er — und wir haben ihn auch nicht mehr gesehen! Doch wir
warteten, bis es dem anderen Steward wohl bewusst wurde, dass das Wasser in der
Zwischenzeit kalt werden könnte. Mir wurde erlaubt, den Baderaum auch ohne
Sandalen zu betreten. Nun, da sassen wir, jeder in einer Wanne, versunken bis
zum Hals in molligem Wasser und schmunzelten uns voller Wohltat zu. Trotz
grosser Sorge um unsere Thlaloca gaben
wir uns vollkommen dem wundervollen Genuss des Augenblicks hin. Dachten wir
nicht schon Stunden voraus, wenn wir wieder in der Flaute und Sonne sitzen würden
und der Schweiss am Körper herunter rinnt? Bis Acapulco waren es immerhin noch
sechzig Seemeilen und nach unserer Erfahrung noch zwei bis sechs Tage. Siggi,
die eine Chance sieht und wahrnimmt, vergass nicht, meinem Hemdkragen eine
Schnellwäsche zu geben.
Nach dem
Bad fühlten wir uns wie Könige . . . jetzt aber schnell zum Kapitän, um unser
Anliegen zu erklären, und dann zurück zu unserer Thlaloca,
hoffentlich mit etwas Sperrholz und einigen Holzlatten. Aber es
kam ganz anders als gedacht. Denn anstatt zum Kapitän führte uns der Steward
zu einer Kabine auf dem oberen Brückendeck. Der Tisch war überreichlich
gedeckt, mit Spiegeleiern, Speck, Toastbrot, Kaffee, allen möglichen Früchten,
und sogar Zigaretten. Es wurde uns zunehmend unheimlicher zumute. Was geht hier
vor? Siggi traute der ganzen Sache überhaupt nicht, (was Hollywood
zusammengebraut hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf). Sehr besorgt um ihr Baby (Thlaloca)
reagierte sie auf meinen guten Appetit mit den Worten, „Wenn es ums Essen geht,
siehst du im Teufel deinen Freund!“ Na ja, so extrem war es bestimmt nicht,
und Siggi wusste es, ich wollte das Gebotene nur voll ausnützen. Aber Siggi
hatte recht, es musste Klarheit geschaffen werden. So navigierte ich mich durch
die Gänge nach achtern. Mein erster Blick achteraus erfüllte mich mit
Entsetzen! Ein breiter Streifen brodelndes Kielwasser zog sich bis zum Horizont
hin, ein sicheres Zeichen, dass sich das Schiff in voller Fahrt befand.
Unglaublich! Ich raste zur Backbordseite. Was ich dort sah, war ebenso
unglaublich! Sofort eilte ich zur Kabine zurück, um Siggi zu holen, die bestätigen
musste, dass das was wir sahen, kein irrsinniger Traum war. Unser Baby hing in Höhe
des Schanzkleides, sehr gut gefendert an einem Ladebaum. Überglücklich und
erleichtert setzten wir uns wieder zu Tisch und verputzten alles was wir
begehrten; und da Siggi auf einmal sehr hungrig war, akzeptierten wir eine neue
Ladung. — Vom „Teufel“ war keine Rede mehr und die „brutalen“
Japaner waren plötzlich Engel!
Nun hätten
wir in Ruhe schlafen können, was in der vorhergehenden Nacht nicht möglich
war. Doch die innere Unruhe hielt uns wach. Wir sahen uns schon im Hafen von
Osaka oder sonst irgendwo in Japan, uns war es egal! Jeder unserer Schritte an
Deck wurde mit klickenden Kameras verfolgt. Wir fühlten uns ähnlich wie Hollywood-Stars. Barfuss wie ich war, unrasiert und mit nicht gerade präsentablen
Hemd und Shorts musste ich den Eindruck erwecken, ich sei ein Pirat und meine
dagegen schmucke Siggi eine gekaperte Trophäe. Fünf unvergessliche Stunden später lief die Kamu Maru nicht in Osaka oder sonst irgendwo in Japan, sondern in die traumhaft schöne Bucht von Acapulco ein. Die mexikanischen Behörden machten bei unserer Einklarierung keine Schwierigkeiten. Beim Abschied schüttelten wir viele Hände. Beim Kapitän erkundigten wir uns nach etwaigen Kosten, worauf er antwortete, „no penny!“
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