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Thlaloca

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Kapitel IX

DIE SÜDSEE

 Am 5. Februar 1964 segelten wir in die Weite des Pazifiks. Ein Ozean, der nach  Slocum’s Worten: „. . . im allgemeinen nicht weniger pazifistisch ist als andere Meere.“ Mit jeder Seemeile, die wir gen Südwesten segelten, kam mir mein abenteuerlicher Traum einer Weltumsegelung immer mehr zum Bewusstsein. Man könnte annehmen, dass ein Unternehmen wie dies, Zweifel und Angst hervorrufen würde; Zweifel an unseren navigatorischen Fähigkeiten, Angst vor unseren immer noch mageren seglerischen Kenntnissen, denn bislang waren unsere Erfahrungen nur entlang der Küste — im Dahintreiben! Aber nichts störte mich in dieser Beziehung. Mein Ziel war die grosse Welt, und was andere können kann ich auch. Dazu hatte ich die volle Unterstützung meiner tapferen Siggi — my lucky star! Ehrlich, anfangs hatte sie grosse Bedenken, denn „Landfinden“ stand hoch auf ihrer Liste des Zweifelhaften, aber nachdem wir die erste kleine Insel gefunden hatten, teilte sie mit mir die gleiche Zuversicht.          

     Was empfindet man, wenn man in das Ungewisse segelt? Wirklich, es ist nicht viel anders als wenn man von Bucht zu Bucht, von Hafen zu Hafen segelt — nur dass die Intervalle grösser sind. Tagelang, ja für Wochen, segelt man inmitten eines riesigen runden Wasser-Plateaus, als Wegweiser nur funkelnde Himmelskörper. Tag für Tag derselbe Rhythmus. Man isst, man liest, man schläft, man navigiert, man beobachtet die Tümmler, die mit unserer Bugwelle spielen. Dann kommt der Tag, wenn zwei Augenpaare konzentriert den fernen Horizont beobachten, siehe da!  Eine kleine winzige Erscheinung wächst zur Tatsache — Land! Der Navigator, dem über die letzten Stunden, vor Angst er könnte Mist gebaut haben, der Schweiss vom Körper lief, erklärt dann ganz selbstbewusst, „da gab es doch gar keinen Zweifel!“ Unangenehm ist es, wenn der Partner fragt: „Warum warst du so ungewöhnlich still? Warum schwitzt du so viel?“ 

 

Diese Seekarte--Gesammtbereick der Pazifik-- lag fuer 2 Jahre auf dem "sogenannten" Kartentisch. Deshalb die Beschmutzung.

     Die 900 Seemeilen bis zu den Galapágos Inseln segelten wir in zehn Tagen. Diese Inselwelt, die mit ihrer eigenartigen Fauna und Flora, die Charles Darwin (1864) den Schlüssel zur evolutionären Entwicklung der Tier und Pflanzenwelt lieferte, wurde für die folgenden 14 Tage unser Tummelplatz — aber nicht deshalb, sondern weil wir uns von der umstrittenen Theorie selbst ein Urteil bilden wollten!  

     Unser nächstes Ziel waren die Marquesas Inseln, 3000 Seemeilen auf südwestlichem Kurs. Diese Entfernung war kein Pappenstiel und ich lasse besser Siggi darüber berichten:  

      Es waren lange Seetörns, vor denen ich anfangs (auch heute noch) eine   Abneigung hatte. Mein Bedenken damals war, wie können es zwei Menschen auf einer Nussschale einen ganzen Monat lang aushalten und dabei nicht verrückt werden; ohne dass man geistig versinkt, in einer Umgebung, wo es nur Wasser und Himmel gib. Weiter fragte ich mich: Können sich zwei Menschen, auf engsten Raum zusammengepresst, nach solch einer langen Zeit überhaupt noch „riechen?“ Besonders, wenn man täglich nur einen halben Liter Frischwasser zugeteilt bekommt?  

Treue Begleiter

Manchesmal auch andere, die nachts auf Thlaloca's Deck landeten

     Nach Verlassen der Galapágos Inseln, kreuzten wir hin und her über den Äquator, bis der langersehnte Passatwind uns endlich in der südlichen Hälfte des Erdballes bleiben liess, (wo wir für die nächsten zwei Jahre verweilen sollten). Von da ab folgte unsere Thlaloca dem Pfad, wo in einer früheren Ära schnittige Klipperschiffe aber auch wulstige Trampschiffe die Fluten teilten, in einem immerwährenden Kampf um das tägliche Brot. Unser Schiffchen stürmte mit geschwollener Bugwelle unaufhaltsam dahin, als ob es sich dieser Tradition bewusst war. Es war segeln, wovon wir vor Jahren geträumt hatten, die aber in den ewigen Flauten entlang der Küste zur Misere ausartete. Es war auf dieser ersten grossen Langfahrt, dass wir den wirklichen Reiz des Segelns erkannten und genossen.

     Inmitten des gigantischen Zirkels von wogendem Wasser und blauem Himmel überkam uns ein Gefühl voller Zufriedenheit. Es war der Anfang eines wundervollen Lebens; weit weg vom Diktat einer vorgeprägten Gesellschaftsordnung; frei wie die Albatrosse oder die fliegenden Fische, wir zwei, Siggi und ich, und unsere Thlaloca, die einzigen Bewohner in diesem andauernden wandernden Zirkel von Wasser. Andächtig sassen wir im Cockpit und beobachteten mit grösstem Interesse unser kleines Schiff, wie es willig dahinstürmte, ohne zu murren, ohne zu klagen — bald zu einem neuen Land, zu einer neuen Kultur. Meine Gedanken schweiften zu einem fernen Land, wo mathematische Gehirne die Linien unseres Schiffes in steriler Form zeichneten. Aber es waren Siggi und ich, die den Entwurf in etwas Lebendes mit einer Seele—Thlaloca—verwandelten; eine Seele, die sich mit unserer integrierte, zu einem Ganzen, und als Erfolg die Krönung einer Weltumsegelung wurde.

     Achtundzwanzig Tage nach Verlassen der Galapágosinseln liefen wir in die Traiters Bay, der Insel Hiva Oa im französischen Polynesien, ein. Unser erster Landgang, war zur Post, um den Lieben in Kanada und Europa von unserer glücklichen Ankunft zu unterrichteten. Auf dem Weg durch die winzige Ortschaft überraschte uns eine ältere Eingeborene mit einem Korb voller Südseefrüchte. Ein bescheidener Anfang zu allem, was wir in den folgenden Jahren an Grosszügigkeit erleben sollten.  

      Rangiroa, eine der 78 Inseln der Tuomotus Gruppe, war unser nächstes Ziel. Dort ankerten wir in der Nähe einiger Eingeborenenhütten. Sofort wurden wir von einem Insulaner in einem typischen Zwei-Baum-Boot abgeholt. An Land wartete schon der Dorfälteste mit einer Schar von Leuten. In fast unverständlichem Englisch, aber die Gesten sprachen dafür, wurden wir herzlich begrüsst. Man überreichte uns eine Schale mit Früchten und einige sehr schöne Muscheln. Gott sei Dank hatte Siggi vor unserem Landgang ein paar Packungen Zigaretten eingesteckt. Diese überreichten wir dem alten Mann. In erstaunlicher Schnelle erschienen mehr, wirklich wertvolle Muscheln — ein kleiner Sack voll! Wir waren sehr müde, und man brachte uns zurück an Bord.

     Der Abend senkte sich lau über die Lagune und die Palmen bewegten sich nur leicht im sanften Passatwind. Wir sassen im Cockpit und atmeten die nostalgische polynesische Abendluft tief in uns ein. Bald erhellten Milliarden Sterne das Weltall, mit Sirius genau über uns und Canopus nicht weit davon entfernt; über einen kleinen Motu identifizierten wir das Südliche Kreuz. Noch nie in unserem Leben wallte in uns solch ein Gefühl totaler Zufriedenheit auf, jetzt, wo wir unser Schiff in den Teil der prachtvollen Welt gebracht hatten, von der wir vor langem träumten — und nachdem dieses Paradies hinter uns liegt, noch für den Rest unseres Lebens weiter träumen werden!   

     Tahiti, die Perle der Südsee, liegt etliche hundert Seemeilen weiter südwestlich. Nach einer stürmischen Fahrt segelten wir erleichtert durch die Einfahrt in die Lagune, wo am östlichen Ende die Ortschaft Papeete liegt. An der Pier wurden wir herzlich von den dort liegenden Seglern begrüsst. Überhaupt war damals eine Ankunft eines Schiffes oder Yacht vergleichbar mit einem nationalen Festtag. Viele Menschen versammelten sich an der Anlegestelle, um der Begrüssung beizuwohnen. Am nächsten Tag schrieben die Zeitungen: Tour Du Monde Sur Un Bateau 20 Pieds. (Weltumsegelung in einem zwanzig Fuss Boot!).  

In Papeete, zwischen zwei Giganten

     Der betäubende Duft von Vanille, Frangipani, Bugeinvilla, Hibiskus, die echte Seglerkameradschaft, das bunte exotische Leben, die prachtvolle Insel überhaupt, betäubte unsere Sinne für sechs Wochen — danach mussten wir uns von dieser prachtvollen Umgebung buchstäblich losreissen!  So erging es aber jedem Segler in den zehn Überseeyachten, die mit uns an der Pier lagen. Genauso schön war es auf den nächsten Inseln: Morea, Huahini, Raiatea, Taha und Bora-Bora. Diese Inseln waren unser Tummelplatz für Wochen, und wir waren beim Abschied echt traurig, als die letzte der reizenden Polynesischen Inseln hinter dem Horizont versank.  

Erst einmal sicher machen, dass wir uns nicht "verfahren"

Tahiti, die Perle im Pazifik--im Hintergrung die Insel Moorea

Photo by Nancy Griffiths

Tahiti (Papeete) an Bord des norwegischen Tankers Fernstar.  Der Kapitaen des Schiffes, der vor Bewunderung unserer Weltreise etwas Gutes tun wollte, lud us ein, Thlaloca an Bord zu nehmen, um das Unterwasserschiff zu streichen.

Photo by Nancy Griffiths

Von der Fernstar zurueck zum Liegeplatz

      Wie traurig man sein kann, das kann sich ein Aussenstehender gar nicht vorstellen. So viele Freundschaften hatten wir geschlossen. Das schöne geborgene Leben inmitten der Inselwelt, dazu das Herumgondeln in unserem Beiboot. All das gefiel mir so sehr. Die Inseln selbst so anziehend, mit ihren romantischen Wanderwegen. Jeder Tag war mit interessanten Aktivitäten ausgefüllt. Auf einmal war es Schluss damit.  

Bora Bora

Bora Bora  Photo by Nancy Griffiths

     Nach dem Ablegen war unser Ziel keine Insel mehr, die man sehen konnte oder kurz hinter dem Horizont lag, sondern Inseln oder Festland, hunderte, ja Tausende Seemeilen entfernt, und die Freunde und Bekannten, von denen wir uns verabschiedet hatten, verblieben nur noch als Adressen in unserem Logbuch. Immer wieder schaute ich zurück, um beim Anblick der verblassenden Insel noch einmal den Glanz Polynesiens zu erleben.

      Unser neues Ziel waren die Cookinseln, doch wollten wir vorher kurz die Insel Mopelia besuchen. Diese Insel ist durch Graf Luckner‘s Seeadler weltbekannt. Dieses Segelschiff wurde im ersten Weltkrieg bewaffnet und auf Kaperfahrt geschickt. Um das Unterwasserschiff zu säubern, wählte Luckner Mopelia. In der Lagune wurde das Schiff von einer Flutwelle gepackt und in seichtes Wasser versetzt, wo es bald zerschellte. Die Besatzung wurde später von einem englischen Kriegsschiff gefunden und in Neuseeland gefangen gehalten.

     Wir wollten am Wrack tauchen. Nach einigen misslungenen Versuchen, gegen die starke auslaufende Strömung in die Lagune einzusegeln, gaben wir auf und segelten weiter.

     Das angenehme Wetter, das uns seit Panama überwiegend begleitete,  schlug plötzlich um. Von dann ab, bis in den Südatlantik, war das Wetter längst nicht mehr so beständig. Wir waren glücklich, als wir nach zwei Wochen Rarotonga erreichten. Statistische Unterlagen bezeugen, dass diese Insel die angenehmsten Temperaturen im tropischen Pazifik geniesst.

     Nach sehr langer Zeit trugen wir wieder einmal einen Pullover. Auch hier waren es die freundlichen Menschen, die uns länger als vorgesehen festhielten. Unter anderem trafen wir einen Neuseeländer, der bei seinem  Sohn in Rarotonga zu Besuch war. Dieser Herr, Oberst C. Forbes, war nach dem ersten Weltkrieg aid de camp bei einem englischen Grafen in der Besatzungsarmee. Wohl das Erstaunlichste an diesem Mann war sein Erinnerungsvermögen; ohne zu stocken zählte er etliche Namen und Adressen seiner damaligen Girlfriends auf. Ausserdem mussten wir ihm versprechen, seinen Bungalow zu benutzen, sobald wir in Neuseeland sind.

     Ich half unseren guten Freunden, Bob und Nancy Griffiths, ein Leck an deren Yacht zu reparieren, bei dieser Arbeit rutschte ich mit der Handsäge aus und schnitt diagonal über meinen Daumen, bis runter zum Knochen. Bob, der als Doktor einen ganzen Koffer voll mit Medikamenten an Bord hatte, setzte seine Brille auf und pinselte die Wunde mit nur ihm bekannten Medikamenten. Sehr gut verbunden, ging es für eine Weile gut. Doch noch am selben Abend fing mein Daumen an zu schmerzen. Aber Wunden in den Tropen heilen langsam – manchmal gar nicht! Und da ich mich am Tag der Abfahrt ganz gut fühlte, hatte ich keine weiteren Bedenken und dachte mir, es wird schon gut werden, kein Problem! Siggi wollte unbedingt, dass wir unsere Abfahrt aufschieben. Ich aber wollte nicht!  

     Nach drei Tagen auf See, mit Kurs Neuseeland, wurde es immer kälter. Wir segelten in den südlichen Winter hinein. Schlimmer aber war mein Daumen, der meinen Arm in Mitleidenschaft gezogen hatte und, angeschwollen, Anzeichen einer Blutvergiftung zeigte. Was nun? So schnell wie möglich einen Doktor finden, war das Gebot. Die Nui Insel, auf nordwestlichem Kurs, war der einzige Ort, der in Frage kam, und wir hofften, diese Insel in einer Woche zu erreichen. Auf  diesem Kurs wurde das Klima wärmer, und mein Arm schien auch besser zu werden. Dank meiner immer fürsorglichen Siggi, die wohl mit Essigumschlägen das richtige Heilmittel gefunden hatte. Gott sei Dank, denn das Wetter verschlechterte sich zunehmend, so dass wir die Nui Insel nur als dunklen Fleck ausmachen konnten. Wir setzten einen neuen Kurs in Richtung der Tonga Inseln ab, und davon die nördliche Inselgruppe — Vava’u.

      Meine Bitte, im Hafen zu verweilen bis die Entzündung verschwindet, fiel auf taube Ohren. Aber nein, „kein Problem, es wird schon besser werden,“ meinte Hein. Wann wird dieser Mann einmal lernen! Das Wetter wurde immer schlechter und der Wind blies wie der Teufel. Wir hielten Kurs auf Gut-Glück, um die nördliche Insel der Inselgruppe zu finden, schon deshalb, da eine dichte Wolkendecke uns die Himmelskörper zur Orientierung verdeckte. Unsere Nerven waren auf Hochspannung bei den Gedanken, wir könnten zu weit südlich sein, dort, wo es in einer 200 Seemeilen lange Kette von Inseln und Riffen keine Durchfahrt gibt. Sollte das der Fall sein, müssten wir die ganze Nacht hindurch gegen einen 20 Knoten Wind ankreuzen. Schon überkam uns die Dunkelheit — mein Gott, wo sind wir — ich betete innig, lieber Gott. . . . Siehe da! Im rotschwarzen Licht der untergehenden Sonne stand für Sekunden die begehrte Insel. Schnell nahm ich eine Peilung und reichte sie Hein in die Kabine; wo er auf der Seekarte suchte, um einen eventuellen Ausweg zu finden.

      Unsere Fahrt durch das Inselgewirr, um den kleinen Ort Neaiafu auf Vava’u zu erreichen, war hoch interessant, denn die meisten der winzigen Inseln standen dadurch, dass die Brandung die Erde oder Gestein am Wasserspiegel ausgewaschen hatte, wie Pilze aus dem Wasser. In Neaiafu verzurrten wir Thlaloca an der Hauptpier, gegenüber dem Koprabüro. Es dauerte nicht lange und ein sehr „gewicht’iger“ Herr erschien – Mister Kaho – der uns zu Tee in sein Haus einlud.. Dort trafen wir auch seine Frau, Katrin. Beide waren die freundlichsten Menschen, die man sich denken kann. In Tonga, wie auch in vielen anderen Gegenden in der Welt, ist schweres Körpergewicht ein Zeichen hoher Autorität. Mr. Kaho brachte über 150 Kilo auf die Waage, folglich war er ein Mann mit absoluter Befehlsgewalt. Wenn das schlimm klingt, dann sei gesagt, er war ein sehr freundlicher Bär, der die Gemütlichkeit bevorzugte. Dazu war er ein Vetter von Prinz Tungi (seit langem schon König des Tongareiches). Die erwachsenen Kinder der Kahos waren alle in Neuseeland, zur Weiterbildung in verschiedenen Berufen. Somit war das grosse Haus fast leer. Wir wurden angeregt, für die Dauer unseres Aufenthaltes in einem der leeren Zimmer zu wohnen. Um das Boot brauchten wir uns auch keine Sorgen machen, er würde einen Wachmann beauftragen, ein stetes Auge darauf zu halten. So verbrachten wir sechzehn wundervolle Tage in dieser idyllischen Inselgruppe.  

Herr und Frau Kaho

     Kurz vor unserer Weiterfahrt lief der kleine Frachter Hifofua, mit Prinz Tungi an Bord, in den kleinen Hafen ein. Der Prinz hatte im Haus seines Vetters ein reserviertes Zimmer. Er war eine ungewöhnlich freundliche Person — hoch beliebt im Volk. Seinen Humor, wovon wir vorher gehört hatten, bewies er während einer Unterhaltung, als er mit einem verschmitzten Lächeln den Wunsch aussprach, an Bord unserer Thlaloca zu schlafen. Ebenso „gewicht-ig“ wie Mr. Kaho, hätten wir das Deck abreissen müssen, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen! Mit einem letzten Malo e lelei, verabschiedeten wir uns von diesem grosszügigen Paar, und waren obendrein um ein unvergessliches Abenteuer reicher.

      Sechshundert Seemeilen weiter westlich liegen die Fidschi Inseln, unser nächstes Ziel. Auf halben Wege zogen sich die Wolken zusammen, und der Wind steigerte sich zu einem fürchterlichen Sturm — unser erster Sturm auf hoher See. Einen ganzen Tag lang, und die Nacht hindurch, sassen wir gespannt wie auf Messers Schneide und verwünschten den heulenden Wind und das Grollen der brechenden Wellen. Dann riss das Achterliek am gerafften Grosssegel. Das nasse Segel musste geborgen werden. Die ganze Nacht hindurch — schlafen konnten wir sowieso nicht — flickten wir abwechselnd das zerrissene Segel.

      Etwa hundert Seemeilen vor der Viti Levu Insel (eine der 422 Inseln der Fidschi Inselgruppe), dort wo die Hauptstadt Suva liegt, überzog sich der Himmel wieder mit Sturmwolken, und es fing heftig an zu blasen. Es war schon dunkel, als wir die Richtfeuer, die in die Lagune führen, erblickten. Aber bei soviel Wind und schlechter Sicht wegen niederprasselnder Regenschauer, waren wir nicht gewillt einzulaufen. Wir drehten daher bei—bis das Grollen der Brecher am Korallenriff das Schreien des Windes übertönte. Wir erkannten, dass wir uns in grosser Gefahr befanden. Wir banden ein tiefes Reff in das Grosssegel und legten Thlaloca hoch an den Wind, in der Hoffnung, sie kann uns so aus dieser Gefahr freisegeln. Zwischen den Regenschauern beobachteten wir intensiv die Richtfeuer durch den Lagunenpass — bloss nicht die Orientierung verlieren! Radio Suva meldete Böen bis 40 Knoten, und die Prognose für die folgenden 24 Stunden, versprach keine Besserung.

     Mit einer Leeküste nur wenige Meter entfernt, entschieden wir uns nach langer Diskussion in die Lagune einzulaufen – voll bewusst, dass es leicht ins Auge gehen könnte, wenn wir bei soviel Wind und Sauwetter den engen Pass verfehlen. Aber die Alternative, nämlich die ganze Nacht hindurch vor dem Riff herumzukreuzen, barg dieselbe Gefahr. Wir legten Thlaloca vor den Wind und steuerten in Richtung der ab und zu sichtbaren Richtfeuer. Man muss sich vorstellen, dass die Sicht fast gleich Null war und nur die Schaumkämme brechender Wellen die Finsternis durchbrachen. Dichter am Riff übertönte das Grollen der Brandung, die haushoch und schäumend an beiden Seiten neben uns brach, den schrillen Wind. Dazwischen lag ein zeitweise sichtbarer, relativ dunkler Streifen, der Pass. Unsere Nerven waren gespannt wie Flitzebögen, und es war, als segelten wir schnurstracks in die Hölle!

„Ist es richtig was wir tun?“

„Ist noch Zeit umzukehren?“ Das waren meine Gedanken.

„Sind wir noch in Linie,“ schrie ich zu Siggi, die die Richtfeuer im Auge halten sollte, wogegen ich kein Auge vom Kompass nahm.

„Ich kann die Lichter nicht mehr sehen,“ schrie Siggi zurück. „Jetzt sehe ich sie wieder! Etwas nach Steuerbord.“

 „Nein, zuviel!“ Backbord, Steuerbord …!

So ging es hin und her, bis wir uns sicher waren, dass die Enge des Passes hinter uns lag. Erst dann wagten wir es, nach Steuerbord das Lichtermeer von Suva anzusteuern. Allerdings fehlte uns eine grossmassstäbige Seekarte zur Orientierung. Daher war es mit den zahlreichen Untiefen innerhalb der Lagune sicherer, dass wir bis zum Morgengrauen ankerten. Wir lagen dann auf drei Faden Wasser, erschöpft und todmüde. Minuten später waren wir schon in einer bedeutend friedlicheren Welt.

     Mit, hello there! Rüttelten uns laute Stimmen aus einem tiefen Schlaf, You are on the reef! (Ihr liegt auf einem Riff!) Tatsächlich standen unter unserem Heck die bunten Korallen zum Greifen nahe. Der Wind blies immer noch frisch, so dass es unmöglich war, vom Ankerplatz wegzusegeln. Wir akzeptierten das Angebot des Lotsenbootes, das uns zu einem Ankerplatz schleppte. Nach dieser unerwünschten Unterbrechung waren wir bald wieder in unseren Kojen!

      Nachdem wir einklariert hatten, verholten wir und ankerten vor dem Royal Fiji Yachtclub, wo wir sofort als Ehrenmitglieder eingeschrieben wurden und somit uneingeschränkt die wundervollen Gesellschaftsräume benutzen durften, angefangen mit einer ausgedehnten Dusche. Geduscht und mit sauberer Kleidung am Leib fühlt man sich immer wie neugeboren; und all die Unannehmlichkeiten der vergangenen Tage und Stunden gehörten der Vergangenheit an

      Allerdings hatte der Club einen grossen Nachteil insofern, als dass der Weg zur Stadt sehr lang war. Es gab Busverkehr, aber so selten, dass Laufen zur Regel wurde. Um die Entfernung abzukürzen, fragten wir bei Mr. Colin White, Manager von Millers Shipyard, um Erlaubnis, an der Pier zu liegen. Sein o.k. verkürzte nicht nur den Weg zur Stadt; auch konnten wir die Werkstatt für kleinere Arbeiten an unserem Boot benutzen.

      Suva ist eine sehr schöne, moderne Stadt, in der wir den südlichen Winter abwarten mussten, um später nach Neuseeland zu segeln. Der Nachteil ist, Suva hat einen jährlichen Niederschlag von 500 Zentimeter. Die ersten zehn Tage genossen wir ideales Wetter, das uns ermutigte, u.a. das Deck zu streichen. Aber dann kam übernacht Nieselregen, der, mit kurzen Unterbrechungen, sechs Wochen lang anhalten sollte. Unser schöner Anstrich entwickelte sich zu einer faltigen Haut, die nie richtig härtete. In Neuseeland musste das Ganze abgekratzt werden.

      Der ewige Regen drückte auf unsere Gemüter. Wir entschieden uns für eine Bustour um die Insel Viti Levu. Eine Bergkette halbiert die Insel, und siehe da, an der Westseite war das Klima so trocken, dass man in den Kirchen für Regen betete. Der Bus war in der Mehrzahl mit Fidschianern besetzt, die, Männchen wie Weiblein, zu Riesen erwachsen. Genau so riesig ist deren ewiges Lächeln and zuvorkommende Freundlichkeit. Wir hätten leicht einem halben Dutzend Einladungen folgen können, aber dafür war unsere Zeit zu beschränkt.

     Ganz das Gegenteil schienen die Inder hier zu sein. Diese wurden von der früheren englischen Kolonialmacht als billige Arbeitersklaven eingeschleust, um das Zuckerrohr zu ernten. Fleissig, genugsam und sparsam wie diese Menschen sind, sind sie heute in der Mehrzahl und führen in Politik und Wirtschaft. Dass solch eine Situation Unzufriedenheit zeugt, liegt klar auf der Hand, und es ist nur eine Frage der Zeit, bevor es zu einer Explosion kommt. Unsere Sympathien liegen einwandfrei bei den freundlichen Fidschianern.          

      Vor uns an der Pier lag eine schmucke Aluminium-Segelyacht, die Fjord III ., deren Skipper, ein Zahnarzt aus Kalifornien, vor kurzem beim scubatauchen ertrunken war. Ein Freund dieses Arztes war Mrs. Sutherland, die mit einem von einen Chauffeur gesteuerten Rolls Royce auf der Pier halt machte. Sie wollte das Schiff ihres Freundes noch einmal sehen, bevor es zurück zu den Staaten verschifft wurde. Bei dieser Gelegenheit erhielten wir eine Dinner-Einladung in ihr Oceanic Hotel.  

Hinter uns die SY Fjord, und dahinter der japanische Trawler, der spaeter auf einem Riff verloren ging

     Halleluja! Obwohl uns Einladungen immer recht sind, sind die damit verbundenen Probleme enorm. Nach jeder Langfahrt war es Schimmel, der unsere Kleidung zu einem Pilz verwandelte, und der davon ausgehende Duft ist nicht gerade angenehm. Siggi hatte viel zu tun, um unsere Kleidung präsentabel herzurichten. Inzwischen hatten wir erfahren, dass dieses Hotel sehr klein ist, aber einer exklusiven Kundschaft dient. Das gab Siggi das Recht, mich kritisch zu mustern—an erster Stelle, ob meine Fingernägel sauber und gefeilt waren.

Insel Vito Levo--Fiji Inseln

     Es war ein langer, schweisstreibender Weg durch die Stadt. Am östlichen Rand der City ging es berauf, bis wir zu dem idyllisch gelegenen Hotel kamen. Von der Veranda aus hatte man einen phantastischen Rundblick auf die City, die Berge, das azurblaue Wasser des Meeres und schimmernde Korallenriffe. Das Dinner sowie das Ambiente waren wohltuend; wir lebten einmal so wie man es oft möchte! Kurz vor unserer Abfahrt  kam Mrs. Sutherland wieder zu uns und überreichte uns ein gebratenes Hühnchen. „Bitte schreibt mir hin und wieder,“ waren ihre Abschiedsworte. Das haben wir auch getan!

Thlaloca   Kapitel X