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Kapitel IV
SCHIFFBRUCH Nach Verlassen von Ensenada trieben wir
tagelang ohne Wind unter einer heissen Sonne und ständig schlagenden Segeln.
Gemeinsam machten sie unser Leben zur Hölle. Unser Aussenbordmotor war eine
vollkommene Niete, der die meiste Zeit nicht anspringen wollte – und die paar
Liter Benzin, die wir mit uns führten, hätten uns sowieso nicht viel geholfen.
Wir wählten Colnet Bay als Ankerplatz.
Als wir in die Bucht einliefen war es ganz still. Einen elektronischen
Tiefenmesser hatten wir nicht, nur ein Handlot, welches ich bislang nicht
benutzt hatte, da wir noch ziemlich weit vom Strand entfernt waren. Dazu kam,
dass der Massstab unserer Seekarte zu gross war, um die Wassertiefen annähernd
genau interpretieren zu können. Auch war der Grund so aufgewühlt, dass wir die
Wassertiefe nicht abschätzen konnten.
Ich liess den Anker fallen. Da er sehr schnell den Grund berührte, zog
ich die Ankerleine senkrecht und mass 2½ Meter Wasser. Nun, dachte ich, ich
weiss nicht, was der Tidenhub ist. Daher wird es
besser sein, wir motoren zurück und suchen tieferes Wasser. Ich zog den
Anker wieder an Bord und drehte mich um, um den Motor zu starten. Da sah ich
einen Brecher, der Siggis Kopf, die an der Pinne sass, überragte. Was folgte,
war mein gröbster Fehler. Anstatt dass ich den Anker wieder fallen liess, damit
sich das Boot hätte drehen können und der Bug zur Gefahr hin zeigt, versuchte
ich den Motor zu starten, der sich, wie üblich, weigerte anzuspringen! Von den
Brechern gepackt trieb Thlaloca dem
Strand zu. Dann passierte das schreckliche – nämlich Grundberührung! Es
schien, als gingen für uns die Lichter aus!
Mit
Hilfe von drei amerikanischen Scubatauchern, die zufällig an der sonst öden Küste
Mexikos sporttauchten, versuchten wir alle Tricks, unser Schiff wieder in
tieferes Wasser zu bugsieren. Ich sehe Siggi heute noch ganz deutlich, wie sie
immerwährend an der Bugleine zog. Von Brechern gefasst, verlor sie den Halt am
Grund und wurde zum Strand hin getragen. Immer wieder schwamm sie seewärts um
zu ziehen, um nach kurzer Zeit den selben Rhythmus zu erleben. Ihre
Anstrengungen, obwohl überzeugt, sie könnte damit unser Schiff retten, waren
mehr symbolisch als effektiv. Aber es zeigte, wie treu und tapfer sie für unser
Schiff kämpfte, das jeden Augenblick auseinanderzubrechen drohte.
Bald wurde es zu gefährlich, nahe am Boot zu sein, denn man konnte
leicht vom stampfenden Kiel erfasst werden. Letztlich sah ich nur noch einen
Ausweg, unser Schiff zu retten. Ich musste versuchen, irgendwie den schwankenden
Mast zu erklettern, und hoffen, dass mein Gewicht ausreicht, das Schiff auf
einer Seite zu halten. Das würde genügen, das Stampfen zu unterbinden, und uns
Gelegenheit bieten, am Rumpf zu schieben; denn ein auf der Seite liegendes Boot
hat weniger Tiefgang. Alles war Intuition, kein Ergebnis tieferen Nachdenkens,
Handlungen, die schnell auf der Stelle gemacht werden mussten.
Mit Flehen und Tränen hing Siggi an mir und bat mich, es nicht zu tun.
Ich musste es. Denn auf dem Spiel stand alles was wir besassen. Mit grösster
Kraftanstrengung gelangte ich zur Saling. Der Mast schwankte hart zu beiden
Seiten. Unmöglich mich festzuhalten, wollte ich gerade wieder runter rutschen,
als der Mast brach. Ich sprang ab, aber unglücklicherweise landete der Mast auf
mir, und das Ende der Saling bohrte sich durch meine Rippen. Ich erwachte am
Strand, wo mich die Taucher hingetragen hatten. Mit gebrochenen Rippen hatte ich
Schwierigkeiten zu atmen. Ich fühlte mich sterbenselend und setzte mich auf
einen Stein. Von der Familie Melling, die einzigen hiesigen Lebewesen weit und
breit, bekam Siggi weisse Tücher, um das Blut zu stillen und einen Verband
anzulegen. Siggi setzte sich neben mich. Wir zitterten unkontrollierbar vor Kälte
(jawohl, Mexiko kann auch kalt sein), Erschöpfung und Herzeleid. Siggi, sonst
immer ordentlichen frisiert, hatte total zerzauste Haare, die salzgetränkt und
von der Sonne ausgetrocknet, festgebacken an ihrem Gesicht klebten.
Mein Gott, waren meine Gedanken, wie kann ein kleiner Irrtum alles zerstören,
was wir über Jahre aufgebaut hatten. Dort sassen wir nun eng umschlungen,
allein mit unseren zerbrochenen Träumen, jahrelang
erstrebt würden sie sehr bald nur noch als Splitter auf den Wellen tanzen, dort
wo unsere fernen Träume lagen. Doch nein, nicht alles war verloren, denn neben
mir leuchtete ein wundervoller Stern, meine Siggi, die, von den gleichen
Anstrengungen vollkommen erschöpft, mit tränenden Augen immer wieder versuchte,
mich mit ermunterten Worten aus meiner Niedergeschlagenheit abzulenken: „Du
allein bist jetzt das Wichtigste. Am Ende wird alles gut werden.“ Oftmals
erscheint vor mir das Bild zweier schiffbrüchiger, einsamer und verwundeter
Gestalten auf einem Stein, im Vorgrund ein zerbrochener Traum, und hier sagt mir
ein lieber Mensch, ich sei wichtiger als alles andere! Was bleibt da noch zu wünschen
übrig?
Wir schauten uns die Gegend an und sahen weiter nichts als sehr ödes
Land, mit nichts anderem als zwei Lehmhütten auf einer Anhöhe. In der grösseren
Hütte lebte eine mexikanische Familie,
Señora Melling, mit ihrer achtzehn Jahre alten Tochter und einem Sohn, zwei
Jahre jünger. (Melling ist natürlich kein spanischer Name, in dieser Gegend
aber sehr üblich. Uns wurde erklärt, dass der Name von einem norwegischen Seehändler
stammt — einem Handelsmann, der die Kundschaft anscheinend mit mehr als Ware
bediente.)
Ich folgte dem Drängen unserer amerikanischen Helfer und stieg in deren
Kombiwagen, um einen Arzt zu finden, der 35 km entfernt, in einem Dorf seine
Praxis haben sollte.
Der Doktor umwickelte meinen Brustkorb mit einigen Metern Mullbinden, so
dass ich noch weniger atmen konnte als vorher. Zuletzt gab er mir ein Dutzend
Schmerztabletten. Alles war gratis!
Unser nächster Stop war das Büro des Sheriffs, denn meine
amerikanischen Freunde wollten unbedingt, dass ich mich mit der U.S. Coast Guard
(Küstenschutz) wegen etwaiger Hilfeleistung in Verbindung setzten sollte. Das
Problem war, dass keiner von uns ausreichend Spanisch sprach, und der Sheriff
kein Englisch, so dass wir uns hätten verständigen können. Was wir verstanden
war, dass 15 bis 30 Km weiter ein Mann wohnt, der gut Englisch spricht. Über
eine holperige Strasse hinweg, die besser für einen Caterpillar Traktor
geeignet war, suchten und fanden wir den geeigneten Mann. Er übersetzte dem
Sheriff unsere unglückliche Lage und was mein Anliegen war. No problema,
versicherte mir der Mann. Der
gute Sheriff wollte uns helfen. Er nahm den Hörer von der Gabel und sprach mit
der Telefonzentrale in Ensenada. Dass dieser
Mann hoher Autorität hatte, zeigte sich an einem Riesenrevolver, der den
Gürtel seiner Uniform bis fast in die Kniekehlen zog. Das erhitzte Gespräch
mit der Zentrale liess uns ahnen, dass etwas nicht in Ordnung war. Es wurde
verlangt, das wir persönlich in Ensenada erscheinen, um vor Ort die Unkosten zu
begleichen. Oder, dass wir eine Person finden, die die Unkosten garantiert. No
problema!
Welche Person ist besser geeignet als der Sheriff selbst. Mit einem
Dollarschein unter seiner Nase war er auch sofort einverstanden. Wieder folgte
ein Gespräch, das nach allem Anschein Komplikationen hatte, erkenntlich daran,
dass der Sheriff mit seinem freien Arm wild gestikulierte, und am Ende
schweissgebadet den Hörer zurück in die Gabel warf. Anscheinend war sein Vorgänger
wegen Unterschlagung verurteilt worden, folglich war der Sheriff keine
Vertrauensperson. Was nun?
Vorerst hatte ich einen Dollar verloren und die Hoffnung, dass die
Aussenwelt jemals von unserem Unglück erfährt. Was danach geschah ist ein
Beispiel dafür, was Humanität vermag; wenn Menschen aus purem Mitleid gewillt
sind zu helfen. Unser Dolmetscher erinnerte sich an Verwandte, die in Ensenada
wohnen, nur konnte er sich nicht an die Familiennamen erinnern. Ich setzte einen
weiteren Dollar und ein kaltes Cerveza auf sein Erinnerungsvermögen.
Egal wie lange es dauert, dachte ich, aber bringe mir einen Namen! Fünfzehn
Minuten später brachte ich ihm wieder ein Bier, obwohl ich an der Weisheit
meiner Handlung – Geld bevor Ware – langsam zweifelte.
Als der gute Mann endlich seinen schmächtigen Körper von der wackeligen
Bank erhob, war das nicht, weil er sich an die Namen erinnert hatte, nein, er
konnte sich nur noch an den Strassennamen erinnern, wo die guten Leute wohnen
oder einmal gewohnt hatten. Mit Bestimmtheit wusste er, dass sie zu jener Zeit
oder immer noch eine Bäckerei besässen. Diese magere Information wurde der
Zentrale übermittelt, mit der Bitte muy urgente!
Man muss schon ein grosser Optimist sein zu glauben, dass Personal in
einer Zentrale sich die Zeit nimmt Detektiv zu spielen. (In der Welt, die wir
kennen, würde allein der Dienstweg, der befolgt werden müsste, jeden Versuch
verhindern.)
Ich setzte mich inmitten einiger Mexikaner, die ihre Siesta in einem überdachten
pavillonartigem Gestell verbrachten. Allem Anschein nach war das alles, was sie
tagsüber taten. (Meine amerikanischen Helfer wollten zwischenzeitlich die
Gegend erkunden.) Ich konnte dem Gequassel nicht folgen. Jedenfalls schnackten
sie unbesorgt und hatten im Ernstfall nicht viel zu verlieren, wogegen meine
Gedanken bei Siggi waren; bei Thlaloca,
ob sie wohl noch lebt? Die Hitze war furchtbar. Die Brust schmerzte entsetzlich,
so dass ich all meine Willenskraft aufbieten musste, um nicht bewusstlos zu
werden.
Warten, warten! Es blieb mir nichts übrig, ich musste mich dem
charakteristischen mexikanischen Verhalten – mañana (morgen) –
anpassen, um geistig normal zu bleiben.
Endlich gab mir der Sheriff ein Zeichen, in sein Büro zu kommen. Die
U.S. Coast Guard war am Telefon. Welch eine Erlösung! (Die guten Leute wurden
tatsächlich ausfindig gemacht und sie hatten die Telefonkosten garantiert.)
Nach der Schilderung unserer Lage wurde mir versprochen, dass uns ein
Flugzeug am nächsten Tag überfliegen wird, um die Lage genau zu erkunden.
Weiter wurde gesagt, dass ein Coast Guard Kutter (also ein grosses Schiff)
augenblicklich dabei sei, 200 Seemeilen südlich einer Yacht in Seenot zu helfen.
Diese Operation sollte am selben Tag beendet sein. Auf der Rückfahrt nach San
Diego würde der Kutter dann uns helfen. Es wurde mir nahegelegt, das
„Wrack,“ (Thlaloca) nachts mit einem Licht zu kennzeichnen.
Überglücklich über diese Nachricht und im Vertrauen auf die berühmte
Tüchtigkeit der U.S. Coast Guard fuhren wir zurück zur Unglücksstelle. Sollte
Thlaloca noch leben, bestand die Möglichkeit sie zu retten.
Wir fanden Siggi in einer der zwei Lehmhütten. Tüchtig wie sie nun
einmal ist, hatte sie schon eine Schlafstelle eingerichtet. Draussen in der
Brandung kämpfte Thlaloca weiterhin
um ihr Leben. Wir konnten ihr nicht helfen und das zehrte an unsere Nerven. Ich
wollte rausschwimmen, um sie freizumachen, damit sie auf den Strand getrieben
wird. Aber da war Siggi, die mich mit aller Kraft zurückhielt, „Du kannst das
doch nicht mit deinen Wunden!“ Dazu war der Strand mit grossen Steinen besät;
darüber hinwegzukommen hätte dem Boot vielleicht noch mehr Schaden zugefügt.
Die kommende Nacht ist für uns die schlimmste in unseren Erinnerungen,
denn deutlich hörten wir die Brandung und das dumpfe Stampfen des Bootes. Für
mich war es unmöglich, eine Position zu finden, um meine Schmerzen zu lindern.
Die Tabletten hatte ich schon alle geschluckt. Ich musste unserem Schiff helfen,
ich konnte das Stampfen nicht mehr ertragen! Die Brandung stand hoch, und mit
meiner wunden Brust war es unmöglich, das Schlauchboot durch das wilde Wasser
zu schwimmen. Gleichzeitig hielt mich Siggi mit all ihrer Kraft, mit Tränen,
mit Flehen. Ich gab auf. Siggi hielt fast die ganze Nacht über Wache, um die
Petroleumlampe, die wir an einem langen Stock an Land befestigt hatten, zu
beobachten, damit sie bloss nicht erlischt.
Frühmorgens fanden wir Thlaloca
am Strand. Die Ankerleine war durchgescheuert. Wie das Boot ohne Schaden zu
nehmen über die grossen Steine gekommen war, ist uns bis heute ein Rätsel.
Wenn dies nun auch eine Erleichterung war, so war ihr allgemeiner Anblick
erschreckend. Im Boot fanden wir einen Meter Wasser, und alles was schwimmen
konnte schwamm. Wir fischten alles zusammen und warfen es über Bord auf die
Steine, wo die Mexikaner, die in grosser Zahl erschienen, jedes Körnchen Reis,
aufgeweichtes Toilettenpapier, usw. auflasen. Wir dachten daran, das Boot zu
demontieren, denn jede Rettung schien unmöglich. Über Land schon gar nicht, da
es keine annähernd akzeptable Strasse gab. Der Golden Jet 500 (unser
Aussenbordmotor) war das einzige Stück vom Boot, das am wenigsten gelitten
hatte. Unzuverlässig wie der Motor immer war, liessen wir ihn später bei den
Mellings.
Bald erschien auch das versprochene Flugzeug; ein riesiges viermotoriges
Flugboot, das uns aus jeder Richtung fotografierte. Ganz tief flog es über uns,
der Motorenlärm war ohrenbetäubend. Unter den vielen Eseln und Pferden
entstand eine Panik. Damit waren die Mexikaner aus der Umgebung angeritten, um
auszukundschaften, was gegebenenfalls wohl zu haben wäre! Der Riesenvogel
verschwand und die Mexikaner suchten die Gegend ab, um ihre geflüchteten Tiere
zu finden. Bis auf eines war alles wieder vollzählig. Dieses Tier, ein Esel,
war sicher der Klügste: Wir fanden ihn in unserer „Schlafstube,“ wo er das
Stroh aus unserer Matratze pulte und frass.
Dieses Flugzeug war das Letzte, was wir von der Coast Guard hörten und
sahen. Die Enttäuschung darüber erinnerte mich an ein beliebtes Sprichwort
meiner Mutter: „Wenn du Hilfe willst, so hilf dir selbst!“ Die letzte
Hoffnung auf Hilfe setzten wir auf unsere amerikanischen Freunde, die Taucher,
die mittlerweile in die U.S. zurückgekehrt waren.
Der folgende Tag brachte eine Überraschung, die uns zu Tränen rührte.
Dem Telefongespräch mit der Coast Guard folgte eine Pressemeldung über unser
Unglück in der Colnet Bay. Unser Freund Ames Waterbury in Long Beach las es und
packte sofort seine drei Labrador Retriever in seinen Kombiwagen und fand
uns schliesslich nach einer 250 km langen Fahrt in dieser öden Gegend. Als
erstklassiger Bootsbauer bezweifelte er jegliche Aussicht auf eine Reparatur in
dieser einsamen Gegend. Und wenn, dann nur mit enormen Kosten, weil das meiste
Material in Mexiko nicht verfügbar war. Also müssten wir versuchen, Thlaloca
zurück in Wasser zu bekommen und nach Kalifornien zu segeln. Wir packten all
unsere Sachen, die für uns vorläufig unwichtig waren, in seinen Wagen.
Eine stationäre Hochdruckzelle brachte nur leichte Winde. Bei jedem
Tidenwechsel blies der Wind stärker als gewöhnlich, und das verstärkte die
immerwährende pazifische Dünung, so dass unsere Thlaloca
bei Hochwasser von der See überspült wurde. Um sie dagegen stabil zu halten,
hielt sie ein Anker, den wir seewärts ausgesteckt hatten. Um die andauernden
Reibungen zu mildern, richteten wir das Boot teilweise mit Hilfe dieses Ankers
und Leinen auf und packten zwischen Rumpf und den steinigen Grund eine Anzahl
alter Fahrzeugreifen, die zahlreich herumlagen. Es war klar, dass ein starker
Westwind das Ende unseres Bootes bedeuten würde.
Wir konnten uns nicht erlauben die Hoffnung zu verlieren. Am Ende jedes
dunklen Tunnels ist bekanntlich Licht, wenn es auch nicht immer genau das
erhoffte Licht ist. Wir hatten alle Werkzeuge bei uns, um begrenzte Reparaturen
vorzunehmen. Fiberglasfolie und Polyesterharz. Ich schäftete den gebrochenen
Mast und nachdem diese Stelle glattgehobelt war, verband ich alles mit einer
dicken Lage Fiberglas. Alles ging sehr langsam, und ich hatte das Gefühl, als
ob eine meiner gebrochenen Rippen in meine Lunge stach. Siggi säuberte alle
Konservendosen von Seewasser und präparierte sie mit Fett gegen Korrosion. Jede
freie Minute war sie bemüht, die Unmengen von Kakerlaken unter Kontrolle zu
halten. Es war ein widerliches Gefühl, wenn dieses Ungeziefer nachts auf unsere
Gesichter krabbelte.
Jeder Tag war im Grunde genau wie der vorherige oder der nächste. Am
Morgen erblühte die Sonne wie ein rotes Symbol des Lebens über ein lebloses
Land. Über Tag war es manchmal angenehm warm, dann wieder unangenehm heiss. Die
Nächte waren immer sehr kalt, so dass wir manchmal vor Kälte zitterten. Abends
beobachteten wir den westlichen Himmel, wo die Wolkenmassen Skulpturen formten,
bengalisch beleuchtet von den Strahlen der untergehenden Sonne, die uns immer
wieder Hoffnung auf irgendeine Hilfe gab – vielleicht morgen? Am Strand lag
unser kleines Schiff, ächzend unter dem Anprall der Brandung. Dort lag sie,
umringt von Steinen. Alle Schönheit, die sie einmal zierte, war schon Opfer der
anrollenden See geworden. Besonders die Backbordseite, die der Brandung des
Wassers immer ausgesetzt war, hatte keine Farbe mehr. Das Fiberglas hing in
Fetzen am Rumpf. Das Ruder war verbogen und so auch die 9 mm starke
Stahlplatte der Kielflosse. „Werden wir unsere Thlaloca
noch einmal segeln?“ Diese Hoffnung verblasste mit jedem weiteren reizend schönen
Sonnenuntergang. Wenn doch bloss ein Schiff kommen würde!
“Ship ho!” rief Siggi. Tatsächlich, am
Eingang der Bucht lag eine grosse Motoryacht vor Anker. Schnell pumpten wir
etwas Luft in das schon poröse Schlauchboot. Wir kämpften uns durch die
Brandung und waren auch bald an Bord der Black
Douglas. Das Ehepaar Douglas, Doug und Frances, die von San Pedro auf Fahrt
zu den Westindischen Inseln waren, erkannten sofort unsere Notlage und
versprachen Hilfe. Nebst diesem grossen Glück hatten wir fast Vollmond, also
maximales Hochwasser zu erwarten. Die Zeit des Hochwassers war ungefähr sieben
Uhr morgens.
Oft kann man bei einem Vollmond einen Wetterumschlag beobachten. Was wir
bislang befürchteten war ein frischer Wind aus Südwest, also genau in die
Bucht. So kam es auch! Während der vergangenen Tage hatten wir schon die grössten
Steine vor dem Boot weggewälzt, genau für den Fall einer Rettung aus dieser
Richtung.
Mit dem Hochwasser kamen die schrecklichen Brecher, die das Boot
andauernd hochschnellten und wieder auf die Steine zurückfallen liessen. Die
alten Reifen wurden in alle Richtungen weggespült. Wir kämpften bis zum
Umfallen. So nahe waren wir der Rettung unser Schiffchen, und trotzdem weiter
entfernt als je zuvor.
„Siggi!,“ schrie ich über den Lärm von Wind und Brechern, „hole
das Gewehr (.22 Kaliber) und schiesse, um die Black
Douglas zu wecken.“ Aber die Schüsse waren von uns kaum über der
tobenden Brandung vernehmbar; unmöglich, dass die Douglas’ sie hören konnten.
Ich musste durch die Brecher, um sie zu alarmieren. Es halfen keine Tränen,
kein Flehen, kein Festhalten – endlich war ich durch.
Ich klopfte an ihren Rumpf, um sie aus dem Schlaf zu rütteln. Was sie
sahen, veranlasste Doug sofort die Maschinen zu starten. Das Brummen der starken
Dieselmotoren durchbrach die relative Ruhe der Bucht. Das
Ehepaar nahm sich nicht einmal die Zeit sich anzuziehen. Frances reichte
mir das Ende einer starken Nylontrosse. Diese paddelte ich dorthin, wo unser
Anker lag und knotete sie an die starke Aufholleine, die wir am Vortage am Anker
angebracht und mit einer Boje markiert hatten.
Nachdem die Seile verbunden waren, zog die Black Douglas die
Trosse stramm. Sehr gefühlsvoll handhabte Doug die dreihundert PS starken
Maschinen. Jedesmal, wenn ein Brecher das Boot hob, zog er an. Wenn der Brecher
durch war, war Pause bis zum nächsten. Thlaloca
hatte keine Chance, dieser Kraft zu widerstehen. Anfangs klammerten wir uns an
die hohe Seite des Rumpfes. Als sich das Boot im tieferen Wasser mehr und mehr
aufrichtete, sassen wir nach vier unserer längsten Tage wieder im Cockpit.
Unermessliche Erleichterung überkam uns. Siggi weinte vor Freude, und mir ging
es nicht anders. Wir dankten unserem Herrgott. Wir ankerten Thlaloca
weit weg vom Strand, auf zwei Faden Wasser. Die Black Douglas zog ihre
Trosse ein. Uns war nur ein fernes Dankeschön erlaubt, denn einige Minuten später
waren unsere Retter schon hinter einer Felswand verschwunden. (Wer hätte geahnt,
dass wir uns bald wieder treffen würden.) Dougs Handhabung der Black Douglas
war ein Meisterstück, ohne sein Können wäre unsere Thlaloca
nie heil über die im Weg liegenden grossen Steine gekommen.
Das Boot leckte um die Kielbolzen herum wie ein Sieb, so dass einer von
uns ständig damit beschäftigt war, mit der Pütz zu schöpfen. Unsere nächsten
Probleme, die einer Lösung harrten, waren: Wie können wir den Mast ohne Hilfe
eines Kranes setzen. Und wohin sollen wir segeln, um das Boot zu reparieren.
Sehr schlimm für uns war, dass Teile der Takelage, vor allen Dingen die Wanten,
unter den stampfenden Kiel geraten waren und geknickt wurden und somit
unbrauchbar waren. Unter diesen Umständen war es unmöglich, den Mast für
einen langen Törn genügend zu stützen..
Am folgenden Morgen erspähten wir ein vielversprechendes Objekt, einen
kleinen amerikanischen Fischkutter, der in der Bucht Netze legte. Es war die Erika
von San Diego. Unsere Aufmerksamkeit galt einem Ladebaum auf dessen Achterdeck.
Sofort paddelte ich hinüber und sprach mit Skipper Al Watkins, der sofortige
Hilfe anbot.
Mit Unterstützung unsere mexikanischen Freunde luden wir Thlalocas Mast
auf ein kleines Fischerboot und bugsierten beides durch die kräftige Brandung
zur Erika. Sie nahm den Mast auf den Haken und stellte ihn auf Thlaloca. Wir brachten mit weiteren Bootsladungen all unsere Sachen
wieder an Bord, die wir wegen des vielen Leckwassers aber nur in den Kojen
verstauen konnten. Wir liessen gerade noch soviel Platz in einer der Kojen, dass
sich eine Person verkrampft hinlegen konnte. Al Watkins machte uns dann den
Vorschlag, dass er uns gern die achtzig Seemeilen zurück nach Ensenada
schleppen würde, da er sowieso dorthin müsse, um die mexikanische
Fischfanglizenz zu erneuern. Dieses grosszügige Angebot bewies uns, dass unser
guter Stern, ohne den eine Weltumsegelung kaum möglich ist, noch immer bei uns
war.
Mit adios amigos und muchas gracias
verabschiedeten wir uns von der Familie Melling, doch vergassen wir nicht,
ihre selbstlose Hilfe adäquat zu belohnen. Diese Familie blieb die einzige schöne
Erinnerung an die Colnet Bay.
Viel hatten wir von diesem Unglück gelernt, vor allem die aussergewöhnliche
Stärke unserer Thlaloca, die sie in
Colnet Bay im Übermass demonstrierte. Es war dieses Vertrauen in sie, welches
uns relativ unbesorgt über die nächsten 3½ Jahre über alle Weltmeere trug.
Die Fahrt zurück nach Ensenada war scheusslich. Sobald wir die Bucht
verlassen hatten, blies der Wind verstärkt von Norden her,
und der Seegang war entsprechend. Die holperige See verursachte
katastrophale Auswirkungen in meiner Magengegend. Immer wieder musste ich mich
übergeben. Es war kalt, nass und äusserst ungemütlich. Pumpen musste ich, um
des eindringenden Wassers Herr zu werden, hatte aber fast keine Kraft dafür.
Das Wasser im Boot stieg und schwappte in die Kojen. Meine Arbeit an der Pumpe
war mehr die eines Zombies, dabei verkrampfte sich mein Magen, der nichts mehr
hergeben wollte.
Draussen, im Cockpit, schimpfte Hein über die „blöde“ See, die
andauernd über den Bug und in das Cockpit schoss, und über die Kälte – zehn
Dollar würde er mir für einen heissen Becher Kaffee geben (auf diese Dollars
warte ich heute noch!). Ein Vermögen hätte ich gegeben, in einem gemütlichen
Heim vor dem Fernseher zu sitzen, ein heisses Bad zu nehmen, et cetera. Zum
Teufel mit der ganzen Seefahrt! Achtzehn lange Stunden dauerte diese Höllenfahrt
bis Ensenada.
Wir waren bereit, Al Watkins Hilfe fair zu vergüten, wenigsten den
Spritverbrauch. Davon wollte er nichts wissen: „Als Christ,“ so
meinte er, „hat man die Pflicht, sich gegenseitig zu helfen. Denke
daran, dass ich womöglich morgen schon selbst darauf angewiesen bin und dasselbe
erwarte.“ Sehr edle Gedanken, wenn es in the real world bloss auch so wäre!
Wir verabschiedeten uns von Al und Besatzung in der Überzeugung, dass Al jedes
Wort ehrlich meinte. Per
Telefon sprachen wir mit unserem Freund Ames Waterbury in Long Beach, u.a. auch,
dass wir am folgenden Tag in Richtung San Diego auslaufen würden. Nun,
die Wettervorhersage war, soweit wir sie aus dem Spanischen in Englisch übersetzen
konnten, versprechend. Aber sobald wir die Molenköpfe hinter uns hatten, war
die gute Prognose nur noch eine Erinnerung. Aber was soll’s, wir mussten
weiter. Wir segelten hart am Wind, das Boot bolzte, haute und rumste in die
steile ankommende See, und der Wassereinbruch um die Kielbolzen herum vermehrte
sich andauernd. Siggi war schwer seekrank und hatte kaum noch die Kraft zum Schöpfen.
Ein Vorteil war, dass Thlaloca sich hoch am Wind selbst steuerte; so
konnte ich Siggi ablösen. Das Stampfen dehnte die Dacronleinen, die den Mast stützten,
und wir beobachteten mit Entsetzen, wie der Mast immer mehr schwankte. Wir waren
total erschöpft, folglich in einer Verfassung, wo uns alles egal war. Wir
liessen das Boot mit sich selbst kämpfen. Und so verbrachten wir eine
schreckliche Nacht.
Der Morgen sah verheerend aus. Eine halbe Stunde lang kurbelte ich am
Radio, bis ich eine kalifornische Station fand, die schliesslich einen
Wetterbericht sandte: „Orkanartiger Sturm von San Francisco bis Mexiko.“ Wir
drehten sofort um 180 Grad, zurück nach Ensenada. Zwölf Stunden später waren
wir im sicheren Hafen.
Wie erwähnt, hatten wir vor der Abfahrt unseren Freund Ames Waterbury über
unsere Absicht informiert. Die Folge war, dass er sofort nach Bekanntwerden des
Sturmes die US. Coast Guard anrief, die uns in die laufende Suchaktion nach
Dutzenden überfälliger Schiffe einbezog. Wieder zurück in Ensenada, war unser
erster Gedanke, Thlaloca an Land zu bringen bevor sie absoff. So geschah
es, dass Ames erst vier Tage später von uns erfuhr. Inzwischen hatte uns die
Coast Guard als Opfer des Sturms gemeldet.
Die Kleinstadt Ensenada hatte damals etwa 5000 Einwohner und sicher
ebenso viele Hunde, die scharenweise die Stadt und Hafen nach fressbaren Happen
absuchten. In der grossen Rodriguez Schiffswerft erklärten wir den Manager,
Arthur Yeend unsere Lage. Er versprach uns, Thlaloca mit einem Kran an Land zu
setzen. Unsere Frage nach Kosten beantwortete er ausweichend (eine Ungewissheit,
welche uns in den folgenden Wochen schwer belastete).
Ein kleiner Kran wartete schon auf uns, als wir unser Boot an einer sehr
hohen Kaimauer festmachten. Sofort wurden der Mast, Baum und eine Menge anderer
schwerer Gegenstände an Land gehievt. Danach war Thlaloca selbst an der Reihe.
Nachdem die Gurte angelegt waren, war Siggi schon auf Position, um die Operation
mit Ratschlägen und Anweisungen effektiv zu steuern. Man hätte glauben können,
es sei die Titanic, die man heben wollte. Das Drama konnte beginnen!
Während der nächsten Wochen arbeiteten wir, man könnte sagen, Tag und
Nacht, um alle Beschädigungen zu reparieren. Mister Yeend zeigte sich wie ein
wahrer Engel. Was in der Tischlerei gemacht werden konnte, wurde dort
angefertigt. War Not an Mann, wurde uns jemand zur Verfügung gestellt. Mister
Yeend war ein Genie in Schiffstechnik
und Organisation. Auch sprach er ein perfektes Spanisch.
Ganz logisch sahen wir mit Grausen dem Zeitpunkt entgegen, wo es heisst:
Zahlen! Mit Bestimmtheit wussten wir nur, dass es finanziell, das Ende unserer
„Weltreise“ sein würde – die so recht noch gar nicht begonnen hatte!
„Es kostet Euch gar nichts,“ so sagte Mr.Yeend, als der Zeitpunkt gekommen
war. Wir waren perplex und konnten es fast nicht glauben – auch nicht, dass in
Wirklichkeit unsere Langfahrt jetzt erst begonnen hatte. Und alles hatten wir
einem grosszügigen Herrn zu verdanken, der das Meer über alles liebte, und
wollte, dass auch wir es weiter lieben sollen. In den folgenden Jahren haben wir
sehr oft über diesen grosszügigen Mann nachgedacht und im Stillen unseren Dank
beteuert. Nach unserer Weltumsegelung schrieb er uns, dass er in uns die
Verwirklichung seiner frühen Träume sah und wusste, dass wir es schaffen würden.
Als Thlaloca wieder im Wasser war, ankerten wir direkt vor dem Ensenada
Yachtclub. An einem ungewöhnlich kalten Morgen kroch ich aus meinem Schlafsack
und hielt die erste Rundschau. Dabei erspähte ich eine Motoryacht, die mir
irgendwie bekannt vorkam. Auch der Eigner tat genau dasselbe und die uns in
Colnet Bay vom Strand gezogen hatte. Etwa 200 Seemeilen südlicher waren sie auf
eine Untiefe gestrandet. Im Gegensatz zu uns war die US. Coast Guard innerhalb
24 Stunden zur Stelle, und so konnte ihre Yacht schnell gerettet werden. Warum
nicht in unserem Fall?
Unsere eigenen Diskussionen drehten sich meistens um die eine Frage: Wie soll’s weitergehen? Es bestand kein Zweifel, dass unsere Begeisterung für eine grosse Reise enorm gelitten hatte. Und nicht nur die Begeisterung – unser Geldbeutel kratzte schon bedenklich den Boden! Aber zurück? Fragen beantworten, wieso, warum? „Dann bin ich lieber seekrank,“ meinte Siggi. Wir warfen ein Geldstück (soviel hatten wir gerade noch) und das vereinbarte Zeichen entschied für einen südlichen Kurs! |